Belgiens Chemieindustrie steht unter Druck. Hohe Kosten und starker internationaler Wettbewerb belasten die Branche. Dennoch bleibt das Land für den Sektor ein wichtiger Standort.
Für Belgiens Chemiebranche wird der wachsende Kostendruck zunehmend zur Herausforderung. Ein Beispiel für den Druck auf die Wettbewerbsfähigkeit ist das geplante 1,5-Milliarden-Euro-Projekt (Polyolefin-Anlage) des Unternehmens Vioneo. Im Januar 2026 wurde der geplante Standort von Antwerpen nach China verlegt.
Energiepreise dämpfen die Wettbewerbsfähigkeit
Dabei ist die Chemieindustrie in Belgien einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige. Auch im europäischen Vergleich nimmt der Sektor eine herausragende Stellung ein. Maßgeblich dafür ist der Chemiecluster im Antwerpener Hafengebiet.
Allerdings kann das Jahr 2025 getrost als "Annus horribilis" für die Chemiebranche bezeichnet werden. Die Exporte der lokalen belgischen Chemieindustrie waren bereits im dritten Jahr in Folge rückläufig. Zugleich hielten sich allgemein Investoren bei neuen Produktionskapazitäten zurück.
42
Mrd. Euro
erreichten die Umsätze der Chemieindustrie 2025. Damit nimmt der Export-Hub Belgien auch in der Kategorie weiter eine europäische Spitzenposition ein.
Bereits 2023 galt infolge der Energiekrise als konjunkturell bedingtes Krisenjahr. Das Jahr 2025 könnte den Übergang zu einer strukturellen Wettbewerbs- und Investitionskrise der belgischen – analog zur europäischen - Chemieindustrie einläuten. Vor allem der Kernbereich der chemischen Industrie, die Basischemie und die Petrochemie rund um den Hafen von Antwerpen, kämpft mit hohen Energiepreisen sowie starker Konkurrenz aus den USA und China.
Branche fährt seit dem Ukrainekrieg herunter
Die Verlangsamung sei inzwischen seit mehr als vier Jahren spürbar, beklagt Essenscia, Belgiens Fachverband für Chemie und Life-Science. Im Jahr 2025 verloren die von Essenscia vertretenen Unternehmen insgesamt knapp 1.600 Arbeitsplätze. Dieser Rückgang fiel besonders stark in Flandern aus und betraf zu 90 Prozent Basischemikalien und Kunststoffe. Bereits 2024 wurden landesweit 1.145 Stellen gestrichen.
Seit dem Krieg in der Ukraine, durch die Zollpolitik der Trump-Regierung und nicht zuletzt auf Grund der Folgen des Irankrieges hat sich die Lage zugespitzt. Im Chemiesektor sei die Auslastung der Produktionskapazitäten von durchschnittlich mehr als 80 Prozent zwischen 2015 und 2022 auf zuletzt rund 70 Prozent gesunken, betonte der Fachverband. Vor allem im Bereich der Basischemie wurde die Fertigung heruntergefahren.
Belgischer Chemiesektor hält sich im EU-Vergleich noch stabil
Dabei bleibt Belgien allerdings noch einer der stabilsten Chemiestandorte Europas. Der Chemiesektor kommt besser mit der Situation zurecht als in den meisten europäischen Nachbarländern. Das liegt laut Essenscia an den gut aufgestellten und integrierten industriellen Clustern, einer hohen Innovationskraft sowie einer aktiven Rolle in der grünen Transformation.
Auch die Zahlen des Verbands der europäischen Chemieindustrie Cefic bestätigen die vergleichsweise noch entspannte Situation für Belgien. Rund 45 Prozent der Produktionskapazitäten der europäischen Chemie wurden laut Cefic in den Jahren 2021 bis 2025 geschlossen. Am stärksten von der Krise sei Deutschland betroffen. Hier gingen 25 Prozent der Produktionskapazitäten verloren. In den Niederlanden sind es 20 Prozent, in Belgien dagegen nur 6 Prozent.
Der Umsatz der belgischen Chemie-, Kunststoff- und Life-Sciences-Industrie erreichte 2025 laut Essenscia knapp 75 Milliarden Euro. Somit ergab sich im Vergleich zu den beiden Vorjahren keine Änderung. Für die reine Chemieindustrie (NACE C20) ermittelte das statistische Amt Statbel für 2025 einen Wert von rund 42 Milliarden Euro. Das entsprach einer Steigerung von circa 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Ausfuhren der lokalen Industrie setzten laut Essenscia 2025 ihren Abwärtstrend fort. Der Fachverband kalkuliert gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang um 4,6 Prozent. Die Exporte in Länder außerhalb der EU fielen stark (-9,6 Prozent), während das Minus innerhalb der EU moderat blieb (-1,2 Prozent).
Investitionen trotz schlechtem Klima
Auf den ersten Blick wirkt das Bild bei den Investitionen nicht ganz so düster. Die geplanten Investitionen für 2025 erreichen mit rund 4 Milliarden Euro einen Spitzenwert. Dennoch spricht Essenscia von einer Verschlechterung des Investitionsklimas.
Diese Projekte gingen auf frühere Entscheidungen zurück, die unter besseren Bedingungen getroffen wurden, relativiert Essenscia. Seit 2023 sei keine größere Investitionsentscheidung mehr zur Erweiterung von Produktionskapazitäten oder zum Bau neuer Fabriken getroffen worden.
Branchenvertreter warnen davor, dass auch zukünftig Investitionen in andere Weltregionen abwandern könnten, wenn sich die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Europa und Belgien nicht verbessern. Dennoch bleibt die belgische Chemieindustrie ein strategischer Kernsektor mit großem Transformationspotenzial.
Viele Unternehmen investieren in nachhaltigere Produktionsverfahren, Kreislaufwirtschaft, Recycling, Wasserstoff, Elektrifizierung und innovative CO2-arme Prozesse. Damit dürfte die Zukunft der Branche nicht ausschließlich von der aktuellen Kostenkrise abhängen, sondern auch davon, wie erfolgreich sie den Übergang zu einer klimafreundlicheren und technologisch moderneren Industrie gestalten kann.
Industrie fordert Unterstützung
Um aus der Krise herauszukommen, fordert die Industrie Lösungen von der Regierung. Jan Remeysen, Präsident von Essenscia und Leiter des BASF-Werks in Antwerpen, sieht die Prioritäten in der Senkung der Energie- und CO₂-Kosten, die Einführung handelspolitischer Schutzmaßnahmen und ein investitionsfreundlicheres Klima. Bernard Delvaux, CEO des belgischen Baustoffriesen Etex, beschreibt die aktuelle Krise als strukturell und nicht vorübergehend. Eine Lösung könne sein, dass die Energiekosten für europäische Industrieunternehmen auf einem künstlich niedrigeren Niveau gehalten werden.
Die aktuellen Projekte im belgischen Chemiesektor konzentrieren sich auf die Transformation bestehender petrochemischer Strukturen (Dekarbonisierung, Wasserstoff, CCS). Außerdem sollen die Kapazitäten der Basischemie vor Ort erhalten bleiben.
Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in Belgien| Akteur/Projekt | Investitionssumme | Projektstand | Anmerkungen |
|---|
| INEOS Project ONE, Ethancracker | mehr als 4 Mrd. Euro | Fertigstellung 2027 geplant | Standort am Hafen von Antwerpen |
| BASF und Air Liquide, Kairos@C (CCS-Projekt) | mehr als 1 Mrd. Euro | Fertigstellung 2027 geplant | Standort am Hafen von Antwerpen |
| DL Chemicals, DLC3 Expansion und Modernisierung | über 30 Mio. Euro | Expansion im Gang | Vollautomatisierte Produktionsstätte für Silikondichtstoffe in Wielsbeke sowie die Kernsanierung des Hauptsitzes in Waregem |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest, 2026
Von
Michael Sauermost
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Bonn