Die Anbieter von Chemikalien profitieren von umfangreichen Investitionen in die Halbleiterproduktion. In anderen Segmenten sind die Signale eher gemischt.
Taiwans wirtschaftliche Rahmenbedingungen bleiben für die Chemieindustrie günstig. Nach Einschätzung mehrerer Prognoseinstitute dürfte die Wirtschaft 2026 mit satten 10 Prozent sehr dynamisch wachsen. Auch in den Folgejahren bleiben die Aussichten positiv. Hauptgrund ist die starke internationale Nachfrage nach Technologien rund um künstliche Intelligenz. Sie sorgt für hohe Investitionen und steigende Exporte.
Von diesem Boom profitieren chemische Zulieferindustrien, insbesondere bei Spezialchemikalien, Elektronikchemikalien sowie Materialien für die Halbleiter- und Elektronikfertigung. Zudem deuten Investitionen in die Batterie- und Energiespeicherproduktion auf einen steigenden Bedarf an den dafür erforderlichen Materialien hin.
Demgegenüber stehen traditionelle Industriezweige unter wachsendem Anpassungsdruck. Dazu zählen auch große Teile der Chemieindustrie. So leidet Taiwans Petrochemie unter Überkapazitäten bei Basischemikalien in China. Daraus folgen sinkende Preise und zunehmender Margendruck in Taiwan und auf dem Weltmarkt.
Stark schwankende Rohstoffpreise bereiten Kopfzerbrechen
Gleichzeitig ist Taiwans energieintensive Chemieindustrie stark von importierten Energieträgern abhängig. Deren Preise steigen vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen. Dies erhöht die Kosten für die Herstellung petrochemischer und chemischer Vorprodukte sowie von Spezialchemikalien. Dies wiederum bremst die Nachfrage.
In Taiwan stagnieren Produktion und Absatz von Bauchemikalien, Farben und Lacken, Haushaltschemikalien, Düngemitteln und Pestiziden. Zu den Gründen gehören ein weitgehend gesättigter Markt mit intensivem Wettbewerb, geringere Anreize für den Wohnungsbau sowie die demografische Entwicklung. Die Bevölkerung Taiwans schrumpft und altert zugleich rasch. Dies drückt den Verbrauch.
Perspektive für deutsche Anbieter grundsätzlich gut
Für deutsche Unternehmen ergeben sich geteilte Marktaussichten. Während Spezialchemikalien sehr gefragt sind, stehen Petrochemie und Basischemikalien unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Dies erhöht wiederum die Nachfrage nach effizienter Anlagen- und Verfahrenstechnik sowie nach Technologien zur Senkung des Energieverbrauchs und der Emissionen. Auch die Umstellung auf eine kohlenstoffarme Fertigung spielt eine Rolle. Deutschen Unternehmen kommt dabei zugute, dass sie Erfahrungsvorteile in der "grünen Chemie" haben.
Deutsche Chemie- und Technologieunternehmen haben ihre physische Präsenz in Taiwan ausgebaut. Im Zuge des Halbleiterbooms investieren sie mehr. Ziel sind die Absicherung von Lieferketten sowie die Produktion kritischer Elektronikchemikalien direkt vor Ort in den taiwanischen Wissenschaftsparks. Besonders hervorzuheben ist Merck. Auch BASF hat die Bedeutung Taiwans erkannt und das weltweite Geschäft mit elektronischen Materialien strategisch nach Taipei verlagert, um näher an den Kunden der Halbleiterindustrie zu sein.
Deutschland verzeichnet bei Chemikalien einen Handelsüberschuss gegenüber Taiwan. Dieser dürfte jedoch zurückgehen, da Merck die Produktion von Spezialchemikalien für die Elektronikindustrie in Taiwan ausbaut. Darüber hinaus liefert Deutschland Feinchemikalien, Düngemittel und technische Kunststoffe für die Automobil- und Elektronikindustrie. Einen wichtigen Lieferblock bilden zudem pharmazeutische Erzeugnisse. Deutschland ist in diesem Bereich Taiwans größter Lieferant.
Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in Taiwan 2026| Akteur/Projekt | Investitionssumme (in Mio. US$) | Projekt-Laufzeit | Anmerkungen |
|---|
CPC | 3.407 | 2024 bis 2030 | Modernisierung petrochemischer Anlagen |
| CPC | 3.098 | 2016 bis 2029 | Bau eines 3. LNG-Terminals mit Kapazitäten von 3 Millionen Tonnen in Taoyuan zur Versorgung Nordtaiwans |
CPC | 3.046 | 2023 bis 2031 | Südtaiwan: Bau von 720-Millionen-Liter-LNG-Lagertanks in Kaohsiung |
CPC | 1.650 | 2021 bis 2028 | Nord- und Zentraltaiwan: Phase-IV-Erweiterung für 720-Millionen-Liter-LNG-Lagertanks in Taichung |
| PentaPro Materials | 95 | Fertigstellung 2028 | Bau einer Produktionsanlage für metallorganische Verbindungen zur Halbleitererzeugung, Standort Southern Taiwan Science Park |
Advanced Echem Materials | 85 | 2025 bis 2028 | Ausbau der Forschungs- und Entwicklungskapazitäten sowie der Produktionskapazitäten für zukünftige Halbleitermaterialien |
Shiny Chemical Industrial | 74 | 2024 bis 2026 | Erweiterung der Produktionskapazität für Isopropylalkohol (IPA) in Elektronikqualität |
Quelle: Presse- und Unternehmensmeldungen; Recherchen von Germany Trade & Invest
Importe von Chemieerzeugnissen auf stabilem Niveau
Taiwan weist bei Basischemikalien ein konstantes Handelsdefizit auf. Der Grund liegt darin, dass der Inselstaat nahezu alle fossilen Rohstoffe und chemischen Basiskomponenten importieren muss. Ein wachsender Anteil der Importe entfällt auf hochreine Vorprodukte. Diese werden im Land zu hochwertigen Elektronikchemikalien weiterverarbeitet und fließen direkt in die heimische Halbleiterproduktion ein.
Werden Kunststoffe, Kautschuk und daraus hergestellte Waren der Zoll-Warenkapitel (HS) 39 bis 40 einbezogen, fällt Taiwans Chemie-Handelsbilanz deutlich ausgeglichener aus; sie kann sogar positiv sein. Der Grund sind umfangreiche Exporte verarbeiteter Chemieerzeugnisse. Das traditionelle Upstream- und Midstream-Geschäft mit Monomeren und Basiskunststoffen wie Polyvinylchlorid (PVC), Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) steht dagegen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck.
China bleibt Taiwans größter ChemielieferantChemikalien-Importe nach Lieferland/-region (in Milliarden US-Dollar) *) | 2024 | 2025 | Lieferfokus |
|---|
1. China (inkl. Hongkong) | 8,2 | 8,6 | Basiskunststoffe, organische Grundchemikalien, petrochemische Zwischenprodukte |
2. Japan | 6,5 | 7,0 | Ultrareine Elektronikchemikalien (Halbleiter), Photolacke, High-End-Polymere |
3. USA | 4,9 | 5,2 | Schiefergas-Derivate, Katalysatoren, Additive, Spezialvorprodukte |
4. EU | 4,3 | 4,5 | Feinchemikalien, Pharma-Wirkstoffe, hochentwickelte technische Kunststoffe |
5. Südkorea | 3,9 | 4,1 | Petrochemische Vorstufenmaterialien, (PX/PTA), Massenkunststoffe (PE, PP) |
Sonstige Länder | 12,2 | 12,8 | Rohölderivate, Naturkautschuk, diverse Spezialimporte |
Gesamt | 40,0 | 42,2 | Summe aus Chemikalien, Kunststoffen und Kautschuk |
* Warengruppen (HS) 28–40.Quelle: Customs Statistics, Ministry of Finance 2026
Chemieindustrie investiert in Wandel
Taiwans Chemiebranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Insbesondere die Herausforderung durch die chinesische Konkurrenz zwingt zu einem Umlenken. Branchenanalysen gehen davon aus, dass die Produktionsschwemme aus China anhält, wodurch das rein volumengetriebene Basischemikaliengeschäft in Taiwan nicht mehr profitabel ist.
Kapazitätsbereinigungen und eine verstärkte Hinwendung zu margenstärkeren Spezialerzeugnissen sollen die geschäftliche Grundlage stärken. Für die Transformation spielen zum Teil auch internationale Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG) sowie CO2-Zölle wie der EU-CBAM eine Rolle. So hat die Taiwan Chemical Industry Association (TCIA) die Leitlinie ausgegeben, den Sektor hin zu umweltfreundlichen Materialien und dekarbonisierten Prozessen umzubauen.
Von
Jürgen Maurer
|
Taipei