Belgiens Maschinen- und Anlagenbauer stehen unter konjunkturellem Druck. Umso wichtiger werden Lösungen für Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Dafür gibt es Ansätze.
Das belgische verarbeitende Gewerbe hält sich gegenwärtig mit Neuinvestitionen für Kapazitätserweiterungen zurück. Obwohl sich die Inflation gegenüber den Krisenjahren stabilisiert hat, belasten gestiegene Energiepreise und die automatische Lohnindexierung in Belgien weiter die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.
Kleine, aber konstante Steigerung erwartet
Laut EU-Kommission flossen die Kapitalanlagen in Belgien 2025 vor allem in Ersatzbeschaffungen mit rund 37 Prozent und in die Rationalisierung von Produktionsprozessen mit rund 23 Prozent. In neue Großanlagen investieren Unternehmen dagegen seltener. Das belastet die Maschinenbauer, deren Auftragseingänge vor allem unter dem hohen Kostenniveau leiden.
14
Mrd. Euro
betrug der Produktionswert im belgischen Maschinenbau 2025.
Schätzungen von Statista zufolge dürfte die Wertschöpfung auf dem belgischen Markt für die Herstellung von Industriemaschinen im Jahr 2026 knapp 5,2 Milliarden Euro erreichen. Bis 2030 wird ein durchschnittliches jährliches Wachstum von rund 1,25 Prozent erwartet. Die Produktion von Industriemaschinen wird für 2026 auf 13,9 Milliarden Euro geschätzt, wobei eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 1,33 Prozent erwartet wird.
Wachstumsbereiche in einem schwierigen Umfeld
Die allgemeine Konjunkturlage im belgischen Maschinen- und Anlagenbau spiegelt die derzeit schwierige und stagnierende Gesamtsituation der meisten europäischen Industrien wider. Allerdings gibt es einzelne Nischen, die für Wachstumsimpulse sorgen.
Während klassische Sektoren wie der Automobilbau strukturell schrumpfen, profitiert der Maschinenbau von Großinvestitionen in die Dekarbonisierung der chemischen Industrie. Das gilt vor allem für den Chemiecluster rund um den Hafen von Antwerpen. Hinzu kommt die starke Nachfrage im Verteidigungs- und Aerospace-Sektor.
Außerdem konzentriert sich der belgische Fertigungssektor zunehmend auf nachhaltige Industrieprodukte und -dienstleistungen. Damit reagiert er auf verschärfte Umweltauflagen sowie die Nachfrage der Verbraucher nach umweltfreundlichen Lösungen. Daher müssen Maschinenbauer zunehmend entsprechende Lösungen anbieten.
Stärken bei KI und Industrie-4.0-Anwendungen
Belgien ist ein relativ kleiner Inlandsmarkt mit sehr hohen Lohnkosten. Daher investieren Betriebe massiv in Automatisierung und die Vernetzung der Produktion, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Belgische Maschinenbauer sind stark in Mechatronik und Elektronik. Weitere Stärken liegen in der digitalen Verknüpfung von Produktionsprozessen und in der Anwendung künstlicher Intelligenz (KI).
Im Maschinenbau kommt KI vor allem bei der vorausschauenden Wartung (Predictive Maintenance), der automatisierten Qualitätskontrolle und der Echtzeitanalyse riesiger Datenmengen zum Einsatz. Dadurch entwickeln sich klassische Maschinenkomponenten zu voll vernetzten Systemen der Industrie 4.0.
Belgiens Produzenten sind für die Entwicklung und den Einsatz von Industrie-4.0-Lösungen gut aufgestellt. Antwerpen mit seinem Hafen und Chemiecluster ist hierfür seit mehreren Jahren eines der größten europäischen Testareale.
Roboter drängen in die Fabriken
Der Mangel an technischem Fachpersonal wird auch für Belgiens Fertigungsbetriebe zur Herausforderung. Dies führt zu einer umfassenden Automatisierungswelle. Immer häufiger kommen sogenannte Cobots (kollaborative Roboter) zum Einsatz. Diese arbeiten Hand in Hand mit menschlichen Beschäftigten und übernehmen repetitive oder gefährliche Aufgaben. Dadurch steigt die Effizienz, während sich die Tätigkeiten der Beschäftigten hin zu Programmierung und Systemintegration verschieben.
Der belgische Robotikmarkt wächst mit einem geschätzten durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 7 bis 9 Prozent. Die industrielle Robotik hat den größten Marktanteil. Laut dem Bericht Assembly Line Robots Market Belgium 2023–2028 des "Robot Magazine" dürfte dieses Segment bis 2028 die Schwelle von 250 Millionen US-Dollar überschreiten.
Die Roboterdichte Belgiens (Roboter pro 10.000 Fertigungsmitarbeiter) ist etwa im Vergleich zu Deutschland noch niedrig. Seit 2019 nimmt sie jedoch kontinuierlich zu, insbesondere in den Bereichen Automobil, Logistik und Pharma. Universitäten (KU Leuven, ULiège, ULB) und Forschungszentren sind auf Mechatronik und künstliche Intelligenz spezialisiert. Ihre Präsenz stärkt die Wettbewerbsfähigkeit des lokalen Ökosystems.
Unter dem Druck strengerer Nachhaltigkeitskriterien und neuer EU-Gesetzgebung setzen belgische Maschinenbauer verstärkt auf nachhaltige Lösungen. Dazu zählen Werkstoffe, Leichtbaukomponenten zur Reduzierung des Energieverbrauchs sowie das Recycling von Altmaschinen.
Eine Schlüsselrolle nimmt auch in Belgien die Einführung des verpflichtenden digitalen Produktpasses ein. Dieser fordert lückenlose Transparenz über Herkunft, CO₂-Fußabdruck und Wiederverwendbarkeit der eingesetzten Materialien.
Agoria schiebt die Transformation an
Der belgische Maschinen- und Anlagenbausektor befindet sich inmitten einer tiefgreifenden Transformation. Initiativen des Technologieverbands Agoria treiben diese Entwicklung voran. Zusammen mit Sirris, dem Forschungs- und Innovationszentrum der belgischen Technologieindustrie, sollen Lücken zwischen wissenschaftlicher Forschung und industrieller Anwendung geschlossen werden.
Dabei spielt das Programm "Make the Future" eine Schlüsselrolle. Es hilft vor allem kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), aber auch Großbetrieben dabei, neue Technologien in die Praxis umzusetzen. Etwa zwei Drittel der teilnehmenden Firmen sind KMU. Jährlich werden rund 1.300 Innovationsprojekte durch das Programm begleitet.
Ausgewählte Investitionsprojekte der Maschinenbauindustrie in BelgienInvestitionssumme in Millionen Euro| Akteur/Projekt | Investitionssumme | Projektstand | Anmerkungen |
|---|
| Ineos Project ONE | 4.000 bis 4.500 | In der Hauptbauphase (Inbetriebnahme ab Ende 2026) | Errichtung eines der modernsten Ethan-Crackers Europas |
| Google KI- & Cloud-Infrastruktur | 5.000 | Kapazitätserweiterungen bis 2027 | Erweiterung in St. Ghislain und Neubau in Farciennes; Fokus auf innovative Kühlsysteme und Batterie-Backup-Systeme |
| MYRRHA Forschungsreaktor (SCK CEN) | 1.600 | Linearbeschleuniger im Bau; voller Betrieb bis 2036 geplant | Nuklearer Hightech-Anlagenbau (beschleunigergetriebener Reaktor) |
| EnviTec & Byont (Neo Montec) | Projektbasiertes Auftragsvolumen | Laufende Umsetzung | Lasergestützte Ausrichtung kryogener Fördertechnik |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest
Die Importe von Maschinen der SITC-Positionen 71 bis 74 lagen in den letzten Jahren jeweils bei rund 22 Milliarden Euro. Etwa ein Fünftel davon kam aus Deutschland. Allerdings entfällt ein nicht unerheblicher Teil des Warenhandels auf Transitlieferungen.
Von Michael Sauermost
|
Bonn