Wirtschaftsumfeld | Bosnien und Herzegowina | Arbeitskräfte

Abwanderung und regionale Disparitäten erhöhen Fachkräftemangel

Der Arbeitsmarkt Bosnien und Herzegowinas weist ein hohes ungenutztes Arbeitskräftepotenzial auf. Gleichzeitig steigt der Wettbewerb um Fachkräfte, vor allem in Industriezentren.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad

Bei einer Gesamtbevölkerung von rund 3,3 Millionen Menschen belief sich die Zahl der Berufstätigen in Bosnien und Herzegowina im Jahr 2025 nur auf rund 1,2 Millionen Arbeitnehmer, meldet die Statistikagentur des Landes. Rund 1,4 Millionen Personen im erwerbsfähigen Alter aufgrund traditioneller Rollenbilder meist Frauen waren formell wirtschaftlich inaktiv. Dies ist ein im regionalen Vergleich sehr hoher Wert. Mit 173.000 Personen waren im gleichen Zeitraum etwa jeder achte Erwerbsfähige arbeitslos gemeldet.

Die wachsende Wirtschaft benötigt mehr Arbeitskräfte. Die Beschäftigtenquote stieg 2025 gegenüber 2024 um 1,2 Prozent. Gleichzeitig ging die Zahl der Arbeitslosen um 2,8 Prozent zurück. Dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen.

Die rund 550 in Bosnien und Herzegowina angesiedelten Firmen mit deutschem Kapital beschäftigten 2025 rund 25.000 Mitarbeitende. Schwerpunkte bilden die Kfz-Zulieferindustrie, die Metallverarbeitung, die Energiewirtschaft sowie Groß- und Einzelhandel. Bisher dominierten meist einfache, aber arbeitsintensive Tätigkeiten in den Stellenprofilen.  Jetzt verschieben zunehmend Automatisierung sowie die digitale Transformation den Bedarf hin zu qualifizierterem Personal.

In der Konjunkturumfrage der Delegation der Deutschen Wirtschaft (AHK Bosnien und Herzegowina) von 2025 zeigten sich die teilnehmenden Unternehmen mit Produktivität, Motivation und Qualifikation ihrer Mitarbeitenden mehrheitlich zufrieden. Etwa jede dritte Firma gab an, mehr Mitarbeiter einstellen zu wollen.

Strukturelle Diskrepanz zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt

Arbeitskräfte in Bosnien und Herzegowina verfügen in der Regel über eine fundierte theoretische Ausbildung. Zwei Drittel der Erwerbstätigen haben einen Sekundarschulabschluss, etwa ein Viertel verfügt über einen Hochschulabschluss. Die Kenntnisse in MINT-Fächern sind gut. Die solide industrielle Basis des Landes ermöglicht eine gute technische Grundausbildung. In urbanen Zentren wie Sarajevo, Banja Luka oder Mostar sind versierte IT-Spezialisten zu finden. In mittleren und höheren Positionen sind Englischkenntnisse Standard. Dank der Diaspora ist auch deutsch weit verbreitet. Generell zeichnen sich Arbeitnehmer im Land durch eine hohe Lernbereitschaft und Flexibilität aus.

Doch das Qualifikationsniveau des Personals entspricht nicht immer den Anforderungen der Firmen. Arbeitgeber berichten, dass Absolventen häufig praktische, berufsrelevante Fähigkeiten fehlen. Die Schul- und Berufsausbildung ist sehr theorielastig. Abhilfe schaffen soll die duale Berufsausbildung, die nicht flächendeckend im Einsatz ist. Bei On-the-job-trainings sollen Auszubildende ihre theoretischen Kenntnisse in der Praxis anwenden. Auch deutsche Firmen bilden vor Ort dual aus. Die Bildungsangebote der Auslandshandelskammern wie der AHK Bosnien und Herzegowina zielen auf die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitenden in den Bereichen grüne Energie und nachhaltige Lieferketten.

Abwanderung qualifizierten Personals verschärft Fachkräftemangel

Der Arbeitsmarkt in Bosnien und Herzegowina ist von anhaltender Abwanderung von hoch qualifizierten sowie handwerklich ausgebildeten Fachkräften geprägt. Schätzungen zufolge verlassen jährlich mehrere 10.000 Arbeitsmigranten pro Jahr das Land. Ziel sind vor allem EU-Länder wie Deutschland oder Österreich. Dieser Braindrain verringert das Angebot an gut ausgebildetem Personal. Im Brennpunkt stehen Schlüsselbranchen wie das Bauwesen, die verarbeitende Industrie, Logistik, das Gastgewerbe und der IKT-Sektor.

Der demographische Wandel verstärkt den Wandel. Zusätzlich verringert das Ausscheiden geburtenstarker Jahrgänge aus dem Erwerbsleben den Pool an verfügbaren Arbeitskräften weiter. Zudem ist die Flexibilität des Arbeitsmarktes im Vergleich zu Deutschland eingeschränkt. Die Bereitschaft zum Umzug für einen Job von einer Entität (Föderation Bosnien und Herzegowina und Republika Srpska) in die andere sowie von strukturschwachen in boomende Regionen ist nur gering.

Bosnien und Herzegowina im weltweiten Vergleich

Folgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können.

 

Arbeitsmarkt weist starke regionale Ungleichgewichte auf

Die Wirtschaftsstruktur der beiden Entitäten Föderation Bosnien und Herzegowina und Republika Srpska ist regional unterschiedlich ausgeprägt. Wirtschaftsstarke Zentren wie Sarajevo, Banja Luka, Tuzla oder Zenica stehen ländlich oder touristisch geprägten Gebieten sowie Bergbauregionen gegenüber. Entsprechend kommt es zu regionalen Unterschieden bei der Verfügbarkeit von Arbeitskräften und dem Lohnniveau. Zusätzlich erschwert die institutionelle arbeitsrechtliche Fragmentierung zwischen den Entitäten die Rahmenbedingungen. Unterschiedliche Arbeitsgesetze, Steuern und Beitragssysteme erhöhen den administrativen Aufwand.

Auch die Altersstruktur unterscheidet sich regional deutlich. Der Großteil der Erwerbsbevölkerung konzentriert sich auf die Altersgruppe der 25- bis 49-Jährigen, die etwa zwei Drittel aller Erwerbstätigen ausmacht. Ältere Arbeitnehmer (50 bis 64 Jahre) stellen einen wachsenden Anteil dar, während jüngere Kohorten (15 bis 24 Jahre) relativ niedrige Erwerbsquoten aufweisen. Infolge längerer Ausbildungszeiten oder Verzögerungen beim Übergang von der Schule ins Berufsleben steigt das Eintrittsalter und erhöht so statistisch die Jugendarbeitslosigkeit.

Flexiblere Arbeitsmodelle sind im Kommen

In Bosnien und Herzegowina nimmt die Nutzung flexibler Arbeitsmodelle zu. Arbeiten von zu Hause oder zeitlich befristet aus dem Ausland wird immer beliebter. Insbesondere die IT-Branche sowie Marketing- oder Rechtsberatung gewähren ihren qualifizierten Fachkräften in Absprache mit ihren Vorgesetzten tageweise das Arbeiten vom Homeoffice aus. Die Anzahl der Tage wird dabei betrieblich vereinbart. Ein Trend hin zu mehr Teilzeit oder Work-Life-Balance ist hingegen nicht zu beobachten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit lag 2025 bei 40,9 Stunden, meldet Eurostat. Damit arbeiten Menschen in Bosnien und Herzegowina im Schnitt rund vier Stunden pro Woche mehr als im EU-Durchschnitt.

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