Wirtschaftsausblick | Bosnien und Herzegowina

Bosnien und Herzegowinas Wirtschaftswachstum verliert an Tempo

Der Hohe Repräsentant der UN räumt seinen Posten. Das Westbalkanland steht vor richtungsweisenden Wahlen. Der Nahostkrieg dämpft das Wachstum. Der Handel mit Deutschland nimmt zu.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Belgrad

Top-Thema: Abgang des Hohen Repräsentanten und Wahlen prägen politische Zukunft

Am 11. Mai 2026 erklärte Christian Schmidt seinen Rücktritt als Hoher Repräsentant der Vereinten Nationen (UN). Dessen Aufgabe ist die Sicherstellung der Einhaltung des Friedensvertrages von Dayton, der bis heute die Grundlage des politischen Systems bildet. Schmidt warnt eindringlich vor Sezessionsbestrebungen der Republika Srpska (RS), die die territoriale Integrität des Landes infrage stellen. Zugleich kritisiert Schmidt die bosnischen Kroaten für ihren Versuch, einen dritten separaten Landesteil zu gründen und damit das Land entlang ethnischer Linien aufzuspalten.

Vor diesem Hintergrund finden am 4. Oktober 2026 landesweite Präsidentschafts‑, Parlaments- und Kommunalwahlen statt. Die Wahlberechtigten entscheiden über die Machtbalance zwischen den ethnischen Gruppen und Entitäten. Angesichts anhaltender politischer Blockaden, separatistischer Tendenzen und stockender EU‑Reformen dient die Wahl zugleich als Volksabstimmung über die weitere politische Ausrichtung des Landes.

EU-Annäherung tritt auf der Stelle

Die EU ist Bosnien und Herzegowinas größter Geldgeber und nimmt Beitrittsverhandlungen auf. Auf dem EU-Westbalkan Summit Anfang Juni 2026 bestätigte der Staatenverbund die Mitgliedschaftsperspektive des Landes und stellte – bei konkreten Reformfortschritten – eine schrittweise Integration als Vorstufe zur Vollmitgliedschaft in Aussicht. Bei der Auszahlung neuer Tranchen aus dem Wachstumsplan der EU geht das Land hingegen leer aus, da notwendige Reformvorhaben nicht vollständig umgesetzt wurden.

Nahostkrieg dämpft Konjunktur indirekt

Der Irankrieg erhöht auch in Bosnien und Herzegowina die Unsicherheit. Zwar ist das Land nicht direkt abhängig vom Import fossiler Energieträger durch die Straße von Hormus. Doch führt die weltweite Verknappung von Öl und Gas indirekt zu steigenden Energiepreisen. Dazu verstärkt sich die schwächelnde Nachfrage nach Zulieferteilen aus Metall oder Kunststoff aus wichtigen Abnehmerbranchen in der EU, wie der Kfz- und Elektroindustrie sowie dem Maschinenbau.

Wirtschaftsentwicklung: Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst weniger stark

Bosnien und Herzegowina kann 2026 sein Potenzial nicht voll ausschöpfen: Nur noch 2,3 Prozent BIP-Zuwachs erwartet etwa das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleich (wiiw) und senkt damit seine Prognose für 2026 im Vergleich zum Herbst um 0,5 Prozentpunkte. Neben den Folgen des Irankrieges dämpft der Stillstand des Stahlwerks Nova Željezara in Zenica die Konjunktur. Ende April 2026 stellte das ehemalige ArcelorMittal-Werk die Stahlproduktion aufgrund finanzieller Schieflage ein. Aktuell läuft eine Restrukturierung des Betriebes. Sollte das Industrie-Schwergewicht Konkurs gehen, wird der Ausstoß der verarbeitenden Industrie wahrscheinlich massiv zurückgehen.

Investitionen: Milliarden für Energieinfrastruktur

Wichtigster Wachstumstreiber sind 2026 die Anlageinvestitionen mit einem Plus von 4,5 Prozent. Im Fokus stehen der Bau von Solar- und Windparks sowie von zwei Gaspipelines. Der US-Konzern AAFS Infrastructure and Energy investiert 270 Millionen Euro in den Bau des Südlichen Interkonnektors. Ab 2028 soll US-Flüssiggas vom kroatischen LNG‑Terminal Omišalj ins Land strömen. AAFS erhielt den Auftrag ohne Ausschreibungsverfahren. Für die Vergabe des Projekts wurde extra ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Die Regierung der RS beschloss hingegen den Bau des Östlichen Interkonnektors. Diese 660 Millionen Euro teure Pipeline soll die RS weiter mit russischem Erdgas versorgen.

Konsum: Steigende Inflation bremst Mindestlohnerhöhung aus

Der private Konsum leidet unter den steigenden Energiepreisen, die besonders auf Lebensmittel und auf den alltäglichen Warenkorb durchschlagen. Die Verbraucherpreise nehmen 2026 um 3,4 Prozent zu, erwartet das wiiw. Und damit um 1 Prozentpunkt mehr als noch im Herbst prognostiziert. Die Lohnsteigerungen sowie Anhebung des Mindestlohns, zuletzt im Januar, in der Föderation Bosnien und Herzegowina auf rund 525 Euro können den Kaufkraftverlust nicht gänzlich auffangen. Daher ist nur ein moderates Plus der Haushaltsausgaben von 2 Prozent zu erwarten.

Außenhandel: Verschärftes Einreiseregime stresst Warenhandel

Firmen aus Bosnien und Herzegowina sind eng in europäische Lieferketten integriert, vor allem in der Kfz-, Elektro- und Metallindustrie. Rund zwei Drittel seines Warenaustauschs wickelt das Land mit der EU ab. Deutschland war 2025 nach Kroatien und Serbien drittwichtigster Handelspartner. Der Handel mit Drittstaaten ist durch ein Exportplus in die Türkei und dank stark steigender Einfuhren von E-Mobilen ein wachsendes Handelsdefizit mit China geprägt.

Die Verschärfung des Einreiseregimes (EES) in die EU führt zu erheblichen Störungen in den Lieferketten zwischen Bosnien und Herzegowina und den Abnehmern in der EU. Mit der strikten Anwendung des EES wird jede Überschreitung des visafreien Aufenthalts von Berufskraftfahrern aus Drittstaaten von 90 Tagen innerhalb von 180 Tagen automatisiert überwacht und entsprechend geahndet. Vor allem in der Kfz-Industrie drohen bei Lieferverzögerungen teils erhebliche Vertragsstrafen.

Deutsche Perspektive: Interesse deutscher Firmen bleibt hoch

Bosnien und Herzegowina gewinnt als Nearshoring-Standort und Beschaffungsmarkt in geographischer Nähe zu Mitteleuropa an Bedeutung. Das Interesse deutscher Firmen am Wirtschaftsstandort Bosnien und Herzegowina bleibt hoch. Rund 550 Unternehmen mit deutschem Kapital sind im Land tätig und produzieren für den lokalen Markt und den Export, darunter Mann+Hummel, Mubea Carbo Tech oder Pass. Sie betrachten das Land als bewährten Kfz-Zulieferstandort. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) setzt ein neues Projekt zur Kreislaufwirtschaft um.

Weitere Informationen (zum Beispiel Zoll- und Rechtsinformationen sowie Branchenberichte) finden Sie auf der Länderseite Bosnien und Herzegowina.