Mehr Eigenproduktion, steigende Exportfähigkeit und neue Konsumtrends verändern Wettbewerb, Wertschöpfung und Marktzugang grundlegend.
China wandelt sich zunehmend vom Nettoimporteur zum leistungsfähigen Exporteur von Nahrungsmitteln. Das erhöht den Wettbewerbsdruck für westliche Anbieter, eröffnet zugleich aber neue Partnerschaften entlang der Wertschöpfungskette. Der chinesische Nahrungsmittelmarkt gliederte sich 2024 bei einem Umsatz von 1,8 Billionen US‑Dollar in vier Hauptsegmente. Den stärksten Zuwachs verzeichneten Gesundheits- und Bio‑Lebensmittel mit einem Plus von 15,6 Prozent.
Parallel zu veränderten Konsumentenanforderungen befindet sich die Branche in einem intensiven Umstrukturierungsprozess. Verstärkte Selbstversorgung, technologische Modernisierung, verbesserte Logistik und staatliche Investitionen treiben den Wandel voran. Die Nachfrage nach modernen, effizienten Maschinen steigt entsprechend stark, was sich in zweistelligen Wachstumsraten bei den Anlageninvestitionen widerspiegelt.
Agrarische Teilmärkte: Mehr Selbstversorgung, selektive Importe
In der Agrarwirtschaft zeigt sich die stärkere Binnenorientierung besonders deutlich. Die Lebensmittelproduktion konsolidiert sich und Großbetriebe bauen ihre Marktanteile aus. Alleine der Marktführer Cofco hält einen Anteil von etwa 6 Prozent am Lebensmittelmarkt.
Der Fleischmarkt war 2025 durch eine Sättigung bei Schweinefleisch geprägt, was Preisdruck erzeugte und die Importe sinken ließ. Bei Geflügelfleisch kann China sich ebenfalls weitgehend selbst versorgen, während bei rotem Fleisch wie Rind und Lamm die Nachfrage leicht zunimmt und weiterhin teilweise durch Importe gedeckt wird. Insgesamt profitieren Verbraucher von einem hohen Angebot und teils sinkenden Preisen, während sich parallel Nischen wie Ersatzprodukte und importierte Spezialitäten langsam etablieren.
Auch der Getreidemarkt ist von hoher Eigenproduktion geprägt. Weizen und Reis sind im Überfluss vorhanden. Mais für Futtermittel wird verstärkt im Inland angebaut. Die Abhängigkeit von internationalen Märkten für Hauptgetreide ist deutlich gesunken, was angesichts globaler Unsicherheiten politisch als Erfolg gewertet wird. Der zentrale agrarpolitische "No. 1 Policy"-Plan unterstrich auch 2023 und 2024 erneut die Priorität von Agrarproduktion und Selbstversorgung.
Der Milchmarkt hat sich nach Überkapazitäten 2023 neu eingependelt. 2025 stabilisierte sich die Lage mit moderatem Nachfragewachstum. Importprodukte wie Käse und Spezialitäten gewinnen wieder an Bedeutung, während China bei Flüssigmilch weitgehend selbstversorgt ist und bei Milchpulver zunehmend Exportfähigkeit erreicht. In sensiblen Segmenten wie Babymilch bleibt die staatliche Zielsetzung klar auf Eigenproduktion ausgerichtet, während Premiumprodukte weiterhin importiert werden.
Verarbeitung und Produktion: Lokale Wertschöpfung dominiert
Um die veränderte Nachfrage zu bedienen, investieren lokale und internationale Lebensmittelverarbeiter in China in neue Produktlinien, gesündere Rezepturen, flexible Verpackungsgrößen und leistungsfähige Logistik. Die Innovationsdynamik ist hoch: Premiuminstantgerichte in Restaurantqualität, gesunde Snacks ohne Zusatzstoffe oder Single‑Serve‑Formate für kleinere Haushalte gewinnen an Bedeutung. Bereits 2023 zeigte eine Umfrage, dass fast die Hälfte der Verbraucher bei Fertiggerichten besonderen Wert auf Geschmack, Gesundheit und Qualität legt – ein klares Signal an die Produzenten. Nicolas Stoeckert, Geschäftsführer bei ESB-Foods, fasst zusammen:
"China wandelt sich im Lebensmittelbereich vom Absatzmarkt zu einem zunehmend autarken und international expandierenden Akteur. China hat seine Lieferketten weitgehend ent-westernisiert und baut konsequent Eigenversorgung auf. Die Zukunft liegt daher aus unserer Sicht weniger im klassischen Exportmodell als in bilateralen Partnerschaften, die westliche Qualitäts- und Markenstandards mit chinesischer Marktnähe, Vertriebskompetenz und lokaler Umsetzungskraft verbinden."
Importierte verarbeitete Lebensmittel spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Lokale Geschmackspräferenzen, Preissensibilität und kurze Lieferketten begünstigen die heimische Produktion. Internationale Marken sind zwar präsent, kommen jedoch häufig über lokale Lizenz- oder Joint‑Venture‑Produktionen auf den Markt. Entsprechend bleiben die Importstatistiken für verarbeitete Lebensmittel niedrig und unterstreichen die starke lokale Wertschöpfung im chinesischen Lebensmittelmarkt.
Digitale Vertriebskanäle sind in Städten omnipräsent
Der chinesische Lebensmittelvertrieb ist zweigeteilt: Im ländlichen Raum dominieren weiterhin traditionelle Kanäle, wobei Großhandelsmärkte wie Beijing Xinfadi rund 45 Prozent des Absatzes abwickeln, ergänzt durch stationäre Supermarktketten wie RT‑Mart und Yonghui. In urbanen Zentren hingegen stauen sich hellblau (Hema) und gelb (Meituan) gekleidete Lieferdienstfahrer an den Straßenkreuzungen – die digitalen Modelle haben sich durchgesetzt: Pinduoduo erreicht 38 Prozent Marktanteil bei Frischwaren, JD Fresh positioniert sich im Premiumsegment, während Social Commerce stark wächst – Douyin erzielt rund 70 Millionen US‑Dollar Tagesumsatz mit Agrarprodukten. O2O‑Modelle (Online-to-Offline) gewinnen zusätzlich an Bedeutung, etwa mit 30‑Minuten‑Lieferungen bei Hema Fresh. Hybride Konzepte wie Aldi kombinieren Filialen und Onlinelogistik, wobei Onlinebestellungen rund ein Drittel des Umsatzes ausmachen.
"In China erwarten Konsumenten von Lebensmittelverpackungen nicht nur Schutz, sondern Transparenz, Frischenachweis und digitale Interaktion – QR‑Codes und smarte Verpackungen sind dafür zentrale Vertrauensanker", erklärt eine in Shanghai ansässige europäische Expertin. Europäische Lebensmittelproduzenten passen ihr Geschäftsmodell an, indem sie als Marke mit chinesischen Herstellern zusammenarbeiten und lokal produzieren beziehungsweise produzieren lassen. Damit geht das "In China für China"-Konzept einher, welches nicht nur lokale Produktion, sondern auch lokale Forschung erfordert – eine Ausrichtung, die viele multinationale Konzerne seit Jahrzehnten verfolgen.
Von Robert Herzner
|
Hongkong