Heimische Produzenten dominieren viele Segmente der polnischen Lebensmittelindustrie. Ein Experte erklärt, wie der Markteinstieg für internationale Anbieter dennoch gelingen kann.
Deutsche Hersteller von Lebensmitteln suchen verstärkt in Polen nach Absatzmöglichkeiten. Allein im Jahr 2025 konnte Deutschlands Agrar- und Ernährungswirtschaft ihre Exporte ins östliche Nachbarland um 16,2 Prozent steigern, auf rund 8,3 Milliarden Euro. Doch die Konkurrenz bleibt hart. Polens Lebensmittelindustrie zählt zu den größten Wirtschaftszweigen des Landes, was den Markteintritt für neue Marktteilnehmer erschwert. Worauf deutsche Unternehmen achten müssen, um in Polen erfolgreich Fuß zu fassen, weiß Ireneusz Ozga. Der Gründer der Vici Group platziert internationale Produkte des täglichen Bedarfs auf dem polnischen Markt. Im Interview mit Germany Trade & Invest gibt er Praxistipps.
Herr Ozga, wie würden Sie den polnischen Lebensmittelmarkt beschreiben, insbesondere mit Blick auf die Absatzkanäle im Handel?
Der Markt ist sehr wettbewerbsintensiv. Besonders prägend ist der weiterhin wachsende Anteil der Discounter wie Biedronka, Lidl, Dino oder perspektivisch auch Aldi. Dort steht klar das Prinzip ‚Value for Money‘ im Vordergrund, also möglichst hohe Qualität bei möglichst niedrigem Preis.
Gleichzeitig wachsen jedoch auch ein Premium- und Spezialsegment, etwa für funktionale Produkte. Dazu zählen inzwischen sehr populäre Protein Drinks und proteinreiche Milchprodukte.
Hinzu kommen Convenience Formate wie die Einzelhandelskette Żabka. Der Onlinehandel spielt bislang nur eine untergeordnete Rolle, könnte aber mittelfristig an Bedeutung gewinnen.
Welche Rolle spielt neben dem Einzelhandel der HoReCa Bereich, also Hotels, Restaurants und Catering?
Eine deutlich größere als noch vor einigen Jahren. Reallohnzuwächse haben die Kaufkraft in Polen erhöht. Auswärts essen gehen ist vom besonderen Anlass zur Alltäglichkeit geworden. Zusätzlich profitiert der HoReCa Bereich vom wachsenden Tourismus und von zahlreichen Hotelinvestitionen. Neue Gebäude entstehen sowohl an der Küste als auch in den Bergen.
Für ausländische Anbieter ist dieser Bereich ein relevanter Absatzkanal mit mehreren großen Distributoren, die jeweils Milliardenumsätze erzielen.
Worauf achten polnischen Kunden beim Lebensmitteleinkauf besonders?
Das hängt stark von der jeweiligen Einkaufssituation ab. Für den täglichen Bedarf zählt vor allem der Preis-Leistungs-Aspekt. Deshalb sind Discounter in Polen so erfolgreich. Der hohe Stellenwert des Preises ist vermutlich auch ein Grund dafür, warum Bio-Produkte bisher nur eine geringe Rolle spielen.
Bei Convenience-Käufen, etwa in wohnortnahen Nachbarschaftsläden wie Żabka, zählen vor allem die Nähe zum Kunden, kleine Packungsgrößen und Markenbekanntheit. In der Gastronomie wiederum ist der Preis in touristischen Lagen weniger entscheidend, im Massenmarkt und insbesondere im Fast-Food-Bereich jedoch sehr wohl.
Wie sollten deutsche Hersteller beim Markteintritt vorgehen?
Zunächst muss klar sein, welchen Absatzkanal man bedienen will. Geht es um Handelsmarken für Discounter, um Markenprodukte für Convenience-Formate oder um Großpackungen für den HoReCa-Bereich? Jeder Kanal folgt eigenen Preislogiken, Margenstrukturen und logistischen Anforderungen. Außerdem gibt es unterschiedliche Ansprechpartner.
Ebenso wichtig ist es, den Markt vor Ort zu verstehen. Dazu gehört, selbst durch die Läden zu gehen, Preis und Qualität von Wettbewerbern zu analysieren sowie realistisch die Margen zu kalkulieren. Nur so lässt sich beurteilen, ob ein Markteintritt wirtschaftlich sinnvoll ist.
Welche Importprodukte haben in Polen besonders gute Chancen?
Im B2B-Bereich, also bei der Lieferung von Rohstoffen für die Weiterverarbeitung, ist der Markt sehr offen. Polens Lebensmittelindustrie importiert zahlreiche Vorprodukte, etwa Proteinrohstoffe, Getreide für pflanzliche Drinks, Tomatenkonzentrat oder Schweinefleisch. Gute Marktkenntnis sowie der direkte Zugang zu Produktions- und Einkaufsleitern sind hier entscheidend.
Deutlich schwieriger ist der Markteintritt mit verarbeiteten Produkten für Endverbraucher. Dieses Segment ist stark besetzt und entsprechend wettbewerbsintensiv.
Wie gelingt der Zugang zu den Entscheidern im Handel?
Am effektivsten ist es, wenn man mit einem lokalen Mitarbeiter oder Partner zusammenarbeitet, der über ein belastbares Netzwerk verfügt. Entscheidend ist der persönliche Zugang zu Einkäufern oder Category Managern im Handel. Anfragen über allgemeine Kontaktformulare sind meist wenig erfolgreich. Das gilt nicht nur in Polen, sondern auch in vielen anderen Ländern.
Am Ende entscheiden selbstverständlich auch Qualität, Preis und überzeugende Musterlieferungen darüber, ob ein Produkt ins Regal kommt. Ohne den richtigen Erstkontakt bleibt der Marktzugang jedoch schwierig.
Welche Fehler machen ausländische Anbieter am häufigsten?
Viele überschätzen die Stärke ihrer eigenen Marke und übertragen Erfahrungen aus dem Heimatmarkt eins zu eins auf Polen. Eine bekannte Marke in Deutschland ist hier oft unbekannt.
Erfolgreich ist, wer global denkt und lokal handelt. Das bedeutet, Angebot, Preisgestaltung und Kommunikation konsequent auf den polnischen Markt zuzuschneiden.
Von Christopher Fuß
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Warschau