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Branche kompakt | Frankreich | Chemische Industrie

Die französische Chemieindustrie unter Wettbewerbsdruck

Die chemische Industrie fürchtet angesichts hoher Energiepreise und komplexer Regulierungen um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit. Der Staat fördert die Dekarbonisierung.

Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris

Ausblick der chemischen Industrie in Frankreich

Bewertung: 

  • Der starke Kosmetiksektor stützt die Branche.
  • Unternehmen kämpfen mit Wettbewerbsdruck und sinkender Nachfrage.
  • Der Staat unterstützt Investitionen in Innovation und Dekarbonisierung.

Anmerkung: Einschätzung der Autorin für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: März 2024

  • Markttrends

    Der Chemiesektor hofft im Jahr 2024 auf leichte Erholung. Das Wettbewerbsumfeld bleibt schwierig. Die Branche fordert von der EU und der Regierung stärkere Unterstützung ein. 

    Nach 2022 schließt der Chemiesektor auch im Jahr 2023 schwach ab. Die Produktion ging laut Eurostat 2023 in Frankreich um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Die französische Chemieindustrie leidet unter einer international schwachen Nachfrage und hohen Produktionskosten. Insbesondere die im weltweiten Vergleich nach wie vor hohen Energiepreise schränken die Wettbewerbsfähigkeit der Branche ein. Internationale Überkapazitäten entleeren sich auf dem europäischen Markt und verschärfen die Wettbewerbslage. 

    Der Aufschwung lässt zu Beginn des Jahres 2024 auf sich warten. Der Branchenverband France Chimie erwartet ab frühestens dem 2. Quartal 2024 leichte konjunkturelle Verbesserungen, rechnet aber eher damit, dass die Lage noch länger kritisch bleiben wird. Branchenvertreter sehen erstes Licht am Ende des Tunnels. So gehen Unternehmen davon aus, dass ab Mitte 2024 Kunden ihre durch Lieferkettenprobleme aufgebauten Lagerbestände abgebaut haben und wieder verstärkt zukaufen müssen. Der Rückgang der Inflation und steigende Gehälter dürften die Nachfrage auf Verbraucherseite wieder anschieben und Wachstums- und Produktionsimpulse geben. 

    Dennoch bleibt die Stimmung in der Branche angespannt. Französische Unternehmen fordern weitergehende Unterstützung durch Regierung und EU. So haben sich unter anderem Sanofi, Air Liquide, Sequens und Total Energie der "Antwerpener Erklärung" europäischer Industrieunternehmen vom Februar 2024 angeschlossen und rufen nach einem "European Industrial Deal".  Deregulierung, eine verlässliche und wettbewerbsfähige Energieversorgung und eine konsequentere und umfangreichere staatliche Förderung sauberer Technologien sind nur ein Teil der Forderungen, die auch französische Chemieunternehmen an die EU richten. 

    - 5,7 %

    Rückgang der Exporte des französischen Chemiesektors im Jahr 2023. 

     

    Chemiebranche muss sich umorientieren

    Der Marktanalyst Xerfi sieht die Chemiebranche vor einer tiefgreifenden Transformation. Nicht nur wird sich der Chemiesektor auf massive Nachfrageveränderungen einstellen müssen, die die Energiewende und die Elektrifizierung der Wirtschaft mit sich bringen. Xerfi erwartet, dass sich die Branche auf Geschäftsfelder wie die Produktion von dekarbonisiertem Wasserstoff, biobasierter Kunststoffe oder das chemische Recycling von Wertstoffen, Metallen und seltenen Erden umorientieren wird. Zudem sind Chemieunternehmen branchenübergreifend gezwungen, verstärkt in Energieeffizienz und Dekarbonisierung zu investieren. Eine bessere Kohlenstoffbilanz dürfte in Zukunft angesichts des neuen EU- CO2-Grenzausgleichssystems und steigender Emissionspreise ein Element sein, die Wettbewerbsposition zu verbessern

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    Gerade die energieintensive Basischemie sowie die mineralische und organische Chemie kämpfen mit einer schwierigen Wettbewerbslage. Auch die Pflanzenschutz- und Düngemittelindustrie durchlaufen eine Umbruchphase. Die auf europäischer Ebene vorangetriebene Tendenz hin zu einer Landwirtschaft mit weniger Düngemitteln und Pestiziden wird das Marktumfeld für Produzenten herkömmlicher Produkte verschlechtern. 

    Exporte gehen zurück

    Die Exporte von chemischen Produkten sind 2023 gegenüber 2022 um 5,7 Prozent zurückgegangen und erreichten nur noch 53,3 Milliarden Euro. Deutlich besser entwickelte sich die in Frankreich starke Sparte der Parfum-, Seifen-, Wasch- und Körperpflegemittelchemie, die 2023 trotz aller Widerstände Ausfuhrsteigerungen in Höhe von 8,5 Prozent erwirtschaften konnte. Mit Ausfuhren in Höhe von knapp 24 Milliarden Euro entfielen knapp 31 Prozent der chemischen Gesamtausfuhren auf den expandierenden Seifensektor.

    Branche beklagt unfaire außereuropäische Konkurrenz

    Die Stimmung unter den Branchenunternehmen bleibt zu Beginn des Jahres 2024 schlecht, verbessert sich aber langsam. Das Geschäftsklima in der Chemieindustrie verharrt laut Statistikamt INSEE seit Juli 2022 im negativen Bereich. Die schwache nationale und internationale Nachfrage bereitet den Unternehmen Sorge. Laut Banque de France liegt die Kapazitätsauslastung im Januar 2024 bei knapp 68 Prozent und damit noch unter Coronaniveau. Auch die Auftragseingänge bleiben seit Januar 2023 gleichbleibend schwach und liegen im Januar 2024 bei 22 Punkten unter dem Mittelwert. 

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    Zwar sinken die Produktionskosten wieder und liegen im Dezember 2023 laut dem Produktionskostenindex des Statistikamts Insee bei 126 Punkten. Allerdings ist das Kostenniveau immer noch wesentlich höher als vor der Pandemie. 

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    Die Branche fürchtet, an Konkurrenzfähigkeit gegenüber asiatischen und nordamerikanischen Wettbewerbern zu verlieren. Die Regierung unterstützt energieintensive Großkonsumenten und führt die Teilfinanzierung von Energiekosten auch im Jahr 2024 fort. Die Branche fordert zunehmend vehement weitergehende nationale und europäische Hilfestellung und verweist auf staatliche Hilfen in den USA und der Volksrepublik China. Angesichts der starken ausländischen Konkurrenz und Kostennachteilen beginnen Unternehmen ihr Vertrauen in den französischen Markt zu verlieren und denken über Abwanderung an günstigere Produktionsstandorte nach.

    Staat fördert Innovation und Dekarbonisisierung

    Um die vielschichtigen aktuellen Probleme angehen zu können, setzt ein Teil der Chemieunternehmen auf Investitionen in neue Geschäftsfelder, Energieeffizienz und Dekarbonisierung, vielfach gefördert durch staatliche Unterstützung. Außerhalb staatlicher Investitionen aber zögern Branchenunternehmen angesichts der schwierigen Gesamtlage und hohen Finanzierungskosten Investitionen voranzutreiben.  

    Die Regierung hilft Branchenunternehmen bei der Dekarbonisierung und stärkt Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Wichtigstes Förderinstrument ist das Programm France 2030 mit einem Gesamtumfang von 54 Milliarden Euro. Auch die Start-up-Förderung sowie die Unterstützung innovativer kleiner und mittlerer Unternehmen steht auf der Prioritätenliste der Regierung weit oben. 

     

    Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in Frankreich Investitionssumme in Millionen Euro
    Akteur/Projekt

    Investitionssumme 

    ProjektstandAnmerkungen
    Eastman /Anlage für Kunststoffrecycling in Saint-Jean-de-Folleville (Normandie)

    850

    Abstimmungsverfahren läuftInbetriebnahme Ende 2025 geplant
    Elyse Energy / Anlage zur Produktion von E-Methanol in  Roches-Roussillion (Isère)

    700

     Baubeginn geplant 2025, Inbetriebnahme 2028 
    TotalEnergies / Umrüstung Raffinerie in Grandpuits für Produktion von Biotreibstoffen

    500

    Projekt im September 2020 vorgestelltInbetriebnahme 2024 geplant
    Loop Industries (Kanada), SK Geo Centric (Korea), Suez (Frankreich) / Chemische Recyclinganlage für PET in Carling-Saint-Avold (Moselle): Kapazität 70.000 Tonnen pro Jahr

    450

    Projektankündigung Januar 2023Baubeginn 2025, Inbetriebnahme 2027 geplant
    Arkema, Umstellung auf klimafreundliche Produktion, Absenkung Klimagasausstoß um 46 Prozent gegenüber 2019

    400

    Projekt im Juli 2022 vorgestelltFortlaufend bis 2030

    Chemours / Produktion von Ionomeren und Membranen für die Wasserstoffproduktion in Viller-Saint-Paul (Oise) 

    186

    Projektankündigung Januar 2023Inbetriebnahme  2025 geplant

    Kem One / Umrüstung Elektrolyse in Fos-sur-Mer von Diaphragma- zu Membranverfahren

    100

    Baubeginn Anfang 2023Inbetriebnahmen 2024; Durchführung durch CAC (Chemnitz)

    Domo Chemicals / Installation einer grünen Wasserstoffproduktion in Saint-Fons (Rhône)

    100

    Fertigstellung 2027Durchführung durch Hynamics (Tochter EDF)
    Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2024

    Stand: März 2024

    Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris

  • Nachhaltigkeit in der Chemieindustrie

    Branchenunternehmen intensivieren ihre Investitionen in Dekarbonisierung und Energieeffizienz. Die Regierung schiebt die Transformation der größten Treibhausgasemittenten an.

    Die Chemieindustrie erzeugt gut ein Viertel der Klimagase der gesamten französischen Industrie. Damit steht die Branche im Fokus von Dekarbonisierungsoffensiven. Die Stratégie Nationale Bas-Carbone aus dem Jahr 2021 sowie die Branchenroadmap Dekarbonisierung sieht bis 2030 eine Rückführung der Treibhausgasemissionen um mindestens 26 Prozent gegenüber 2015 vor. Die garantierten Einsparungen sollen damit 5,7 Megatonnen CO₂-Äquivalent erreichen. Im Rahmen der freiwilligen Selbstverpflichtung stellt die Branche eine zusätzliche Reduktion des Treibhausgastausstoßes um 4 bis 10 Prozent, und damit eine Gesamtreduktion um 37 Prozent bis 2030 in Aussicht. 

    Regierung verschärft Dekarbonisierungsvorgaben

    Im November 2023 hat die Regierung das Tempo noch einmal angezogen und der gesamten herstellenden Industrie mit auf den Weg gegeben, Reduktionsziele zu erhöhen und bis 2030 den Ausstoß von Klimagasen um 40, am besten 50 Prozent gegenüber 2015 abzusenken. Dafür stellt die Regierung zusätzliche Mittel bereit. So will sie die Dekarbonisierung der 50 größten industriellen Treibhausgasemittenten mit insgesamt 5 Milliarden Euro unterstützen. Die staatliche Gesamtfinanzierung der Dekarbonisierung der herstellenden Industrie erreicht damit nach Regierungankündigungen 10,6 Milliarden Euro. Die notwendigen Gesamtinvestitionen für die Dekarbonisierung belaufen sich laut Schätzung der Regierung auf zwischen 50 und 70 Milliarden Euro.

    Kleine und mittlere Unternehmen erhalten Hilfen über Förderprogramme der Umweltagentur Ademe. Für Investitionen in Dekarbonisierung, Energieeffizienz und Wasserstoff stellt Ademe im Rahmen der Programme Decarb IND und DECARB IND+ Hilfen von bis zu 200 Millionen Euro zur Verfügung. Der Fonds Chaleur unterstützt Effizienzsteigerungen bei Wärme-/Kälteerzeugung und Energierückgewinnung.

    Transitionsverträge nehmen Regierung und Unternehmen in die Pflicht

    Im Zentrum der Bemühungen zur Dekarbonisierung der Chemieindustrie steht die Transformation der 16 größten Treibhausgasemittenten der Branche. Ende November 2023 hat die Regierung mit Unternehmen wie TotalEnergies und Borealis eine jeweils individuelle Dekarbonisierungsstrategie abgeschlossen. Ziel ist, den Treibhausgasausstoß der Chemiebranche zwischen 41 und 49 Prozent zu reduzieren. Hierbei setzen die "Contrats de Transition Écologique de l'Industrie" (Vertrag über die ökologische Transformation der Industrie)" auf eine Steigerung der Energieeffizienz, die Elektrifizierung der Produktion unter verstärktem Einsatz dekarbonisierten Wasserstoffs sowie die CO2-Abscheidung und Speicherung. 

    Chemieunternehmen mit TransitionsvertragCO2-Ausstoß in tCO2e; Reduzierungsziel in Prozent
    GruppeStandortProduktion

    CO2-Ausstoß 2015

    Reduzierungsziel

    NaphtachimieLavéraOlefine

    1.468.000

    15 - 24

    BorealisGrandpuitsAmmoniak und Düngemittel

    726.197

    42 - 56

    BorealisGrand-QuevillyAmmoniak und Düngemittel

    579.758

    65 - 82

    VersalisMardyckOlefine

    643.720

    19 - 36

    HumensLaneuville-devant-NancyKarbonate

    609.217

    60

    AlsachimieChalampéOrganische Chemie

    548.930

    37

    LyondellBasellBerreBasischemie

    1.217.000

    35

    TotalEnergiesGonfreville, Fezin, DongesOlefine

    6.000.000

    50

    YaraLe HavreAmmoniak und Düngemittel

    750.000

    39 - 73

    PetroineosLavéraOlefine

    1.561267

    24 - 31

    Quelle: Französische Regierung 2023

    Neben einer finanziellen Förderung verlangt die Chemieindustrie weitergehende Garantien, insbesondere die Versorgung mit hinreichendem und preislich wettbewerbsfähigem Strom. Zudem fordert die Branche den Abbau eines als überbordend komplex empfundenen Systems an Reglementierungen. Auch technologische Hindernisse müssen aus dem Weg geräumt werden. Bislang fehlt es noch an einer umfassenden Wasserstoffinfrastruktur. Eine Vielzahl der angedachten Reduzierungstechnologien sind in der Erprobungsphase und müssen erst in die industrielle Anwendung gehen. Zudem halten sich die Banken nach Unternehmensaussagen noch zu sehr zurück, Dekarbonisierungprojekte zu finanzieren. 

    France 2030 schiebt technologische Entwicklungen an

    Die Transformation der Chemieindustrie wird unter anderem durch die Innovationspläne France Relance und France 2030 mitgetragen. Nach Auskunft von France Chimie haben die Förderprogramme mehr als 250 Projekte mit einem Gesamtfördervolumen von 5 Milliarden Euro in der Chemiebranche angestoßen oder beschleunigt. Die Dekarbonisierung des Sektors steht bei Förderprojekten im Vordergrund. Im Rahmen von France 2030 hat die Regierung im April 2023 eine erneute Förderausschreibung für Dekarbonisierungsprojekte mit einem Förderumfang von zwischen 3 und 30 Millionen Euro pro Projekt aufgelegt. Die Auswahl der Kandidaten läuft.

    Großkonzerne investieren in die grüne Transformation

    Große Chemieunternehmen entwickeln Speziallösungen, um die Transformation in Richtung klimafreundliche Produktion voranzutreiben. So hat sich der französische Gaskonzern Air Liquide im Juli 2023 mit dem texanischen Unternehmen KBR zusammengeschlossen, um eine Technologie zur Produktion CO₂-armen Ammoniaks zu entwickeln. Mittelfristig ist diese Kooperation auf die Produktion grünen Wasserstoffs auf Ammoniakbasis ausgerichtet. Bereits im März 2023 hatte Air Liquide angekündigt, zu diesen Zwecken im Hafen von Antwerpen eine Pilotanlage zum Cracken von Ammoniak im industriellen Maßstab aufbauen zu wollen. 

    Arkema, einer der Chemieriesen des Landes, hat im Juli 2022 angekündigt, bis 2030 bis zu 400 Millionen Euro in Klimatechnologie zu investieren. Der belgische Chemiekonzern Solvay plant, seine Natriumkarbonatproduktion in Dombasle in Kooperation mit Veolia auf Ersatzbrennstoffe umzustellen.

    TotalEnergies startet Großausschreibung für Wasserstoff

    Der Energiekonzern TotalEnergies hat im September 2023 einen Auftrag über den Ankauf von 500.000 Tonnen grünen Wasserstoffs pro Jahr ausgeschrieben. Zeitgleich haben TotalEnergies und Air Liquide eine Vereinbarung unterzeichnet, die die langfristige Versorgung von TotalEnergies Raffinerie- und Petrochemieplattform in der Normandie mit grünem und kohlenstoffarmem Wasserstoff absichert. Der Energieriese will hierdurch die Raffinerieprozesse in seinen sechs europäischen Raffinerien dekarbonisieren, um ab 2030 pro Jahr 5 Millionen Tonnen CO₂ einzusparen. 

    Dekarbonisierung als Wettbewerbsvorteil

    Außerhalb bereits angeschobener Projekte halten sich Unternehmen angesichts hoher Finanzierungskosten und der schwachen Branchenkonjunktur mit Neuinvestitionen zurück. Das Marktforschungsinstitut Xerfi aber geht davon aus, dass Branchenunternehmen keine andere Wahl haben, als ihre Transformation in Richtung Dekarbonisierung voranzutreiben. Nur so könnten auch energieintensive Sektoren international wettbewerbsfähig bleiben.

    Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris

  • Branchenstruktur

    Frankreichs Chemiesektor ist vielfältig. Auch kleine Unternehmen belegen wichtige Positionen in den Lieferketten. Branchengrößen verstärken Kooperationen und Start-up-Förderung. 

    Die chemische Industrie hat in Frankreich eine lange Tradition und ist in allen Segmenten der Produktion gut vertreten. Das Land weist nach Deutschland die zweitgrößte Chemieindustrie in Europa und die siebtgrößte weltweit auf. Die knapp 4.000 Branchenunternehmen erwirtschafteten 2022 mit ihren rund 228.000 Mitarbeitern laut France Chimie einen Gesamtumsatz von 129 Milliarden Euro. Die Chemiebranche ist Frankreichs bedeutendste Exportindustrie.

    Start-ups und Kooperationen treiben Innovationen

    Kleine und mittlere Unternehmen prägen die Chemielandschaft. Rund 94 Prozent der Unternehmen beschäftigen weniger als 250 Mitarbeitende. Das Land verfügt jedoch auch über große international aufgestellte Konzerne wie Total, Arkema, Air Liquide und Kem One. Darüber hinaus ist Frankreich besonders für US-amerikanische Unternehmen (ExxonMobil Chemical, LyondellBasell) ein wichtiger Produktionsstandort in Europa. Auch die großen deutschen Chemiekonzerne sind in Frankreich aktiv. BASF ist mit 14 Produktionsstandorten in Frankreich vertreten und beschäftigt mehr als 3.000 Mitarbeitende. Bayer betreibt mit ebenfalls gut 3.000 Mitarbeitenden sechs Fabriken sowie Forschungs- und Entwicklungszentren in Frankreich. Auch wenn die deutschen Chemiekonzerne Restrukturierungsmaßnahmen ergreifen, bleiben die französischen BASF- und Bayer-Standorte bislang von Schließungen oder Personalfreisetzungen verschont. 

    Branchengrößen investieren in die eigene Forschung und Entwicklung, setzen zunehmend aber auch auf unternehmensübergreifende Kooperationen mit kleinen und mittleren Unternehmen oder Forschungsinstitutionen. Die Ausgaben für Entwicklung und Forschung lagen 2022 bei 2 Milliarden Euro. Zudem macht sich die Chemiebranche auf die Suche nach Start-ups, die mit unkonventionellen Technologien und Konzepten den Umbau von Produkten und Produktion vorantreiben sollen. Konzerne wie Air Liquide oder Solvay fördern die Entwicklung innovativer Anwendungen und Technologien durch eigene Investitionsfonds. France Chimie betreibt in Kooperation mit der BPI France den Startup-Hub ChemTech.

    Regionale Cluster bündeln die Branche

    Die Chemieproduktion konzentriert sich in Clustern in verschiedenen Regionen Frankreichs. Ein Großteil der Chemieunternehmen des Landes hat sich in einer der 18 regionalen Chemieplattformen des Landes angesiedelt. Einer der bedeutendsten Chemiestandorte ist die Region Auvergne-Rhône-Alpes mit starken Clustern der Industrie und der Forschung in Lyon (Vallée de la Chimie), Les-Roches-Roussillon und Grenoble (Grenoble Chemical Park). Hier haben Konzerne wie Arkema, BASF, Bayer und Solvay Produktions- und Forschungsstandorte errichtet.

    Der Großraum Le Havre ist das größte Zentrum der Düngemittelproduktion in Europa und der Petrochemie in Frankreich. Der Hafen ist wichtiger Hub für den Chemieimport und -export mit Produktionsniederlassungen von Total, ExxonMobil, Arkema und BASF. Zudem errichtet Total Energies in LeHavre ein Flüssiggasterminal, das seit Oktober Ende 2023 in Betrieb ist.

    Einen weiteren wichtigen Petrochemiestandort bildet die Region Provence-Alpes-Cote-d’Azur (PACA) mit dem Großraum Marseille. Firmen wie Ineos, LyondellBasell, Kem One, Total Petrochemicals oder Arkema betreiben hier große Produktionsstätten. Weitere wichtige regionale Cluster befinden sich im Norden des Landes im Großraum Lille und in der Hauptstadtregion (mit Schwerpunkten in der Forschung und Spezialchemie). 

    Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Cluster für Spezialchemie für die Kosmetik- und Parfumherstellung. Das wichtigste Cluster dieser gerade in Frankreich bedeutenden Chemiesparte befindet sich im südfranzösischen Grasse.

    Wichtige Branchenunternehmen in Frankreich In Milliarden Euro

    Unternehmen

    Sparte

    Umsatz 2022

    Total Marketing France

    Petrochemie

    32,0

    Total Petrochemicals France

    Petrochemie

    4,4

    Arkema

    Spezialchemie

    2,9 

    ExxonMobil Chemical FrancePetrochemie, organische Chemie

    2,4

    BASF FranceBasischemie, Spezialchemie

    2,3

    Parfums Christian DiorKosmetik

    2,2 

    Kem OneOrganische Chemie

    1,7

    AdisseoErgänzungsstoffe für Tierfutter

    1,6

    Bayer SASAgrarchemie, Pharma, Spezialchemie

    1,4

    Rhodia Operations (Solvay)Basischemie, organische Chemie

    1,3

    Quelle: Verif 2023

    Unternehmen verstärken Investitionen in grüne Chemie

    Zahlreiche Innovationscluster engagieren sich vor allem in der Entwicklung nachhaltiger Lösungen (grüne Chemie) und neuer Materialien (unter anderem für die in Frankreich starke Luft- und Raumfahrt- und Automobil-, aber auch die Modeindustrie).

    Großunternehmen wie Total oder Arkema investieren in die Ökologisierung ihrer Produktpalette. Aber auch kleinere Unternehmen und Start-ups entwickeln häufig außerhalb der führenden Chemiezentren des Landes Anwendungen der biobasierten Industrie. In der südwestlichen Region Nouvelle-Aquitaine hat sich seit 2010 im Rahmen des Clusters Aquitaine Chimie Durable ein aufstrebendes Zentrum grüner Chemie entwickelt. Im ehemaligen Raffineriezentrum Carling in der Region Moselle siedeln sich, auch mit Unterstützung von Total Energie, Chemieunternehmen an, die sich auf die Entwicklung einer grünen Chemie fokussieren. 

    Kosmetikbranche stützt den Sektor

    Ein Drittel der französischen Gesamtchemieproduktion entfällt auf chemische Grundstoffe. Damit spielen Basischemikalien eine geringere Rolle als in Deutschland. Mehr Gewicht als in Deutschland kommt in Frankreich der Sparte Pflanzenschutz zu. Diese allerdings gerät aufgrund sich ändernder politischer und gesellschaftlicher Vorgaben unter Druck. Auch ausländische Firmen wie Bayer produzieren in diesem Bereich im Land.

    Frankreich ist zudem mit weltweit führenden Herstellern wie L'Oréal, Chanel, Dior Parfums und Guerlain ein wichtiger Standort für die Produktion und den Export von Kosmetik, Körperpflegemitteln und Duftstoffen. Daher fällt diese Sparte in der Chemieindustrie deutlich stärker ins Gewicht als in Deutschland.

    Zu den Produktionsmengen der Industrie werden seit 2017 nur sehr lückenhafte Daten veröffentlicht. Viele Zahlen werden aufgrund der geringen Anzahl an Unternehmen als "vertraulich" eingestuft und nicht ausgewiesen. Damit erlauben die verfügbaren Daten nur einen eingeschränkten Blick auf die Branchenentwicklung.

    Produktion ausgewählter chemischer Erzeugnisse in Frankreich In Millionen Euro; Veränderung und Marktanteil in Prozent

    Sparte (NACE-Code)

    2021

    Veränderung 2021/2020

    Marktanteil

    Mineralölerzeugnisse (19.2)

    27.640

    41,6

    48,9

    Chemische Grundstoffe (20.1)

    10.341

    -15,4

    18,3

    Schädlingsbekämpfung und Pflanzenschutz (20.2)

    1.526

    -26,5

    2,7

    Farben und Lacke (20.3)

    1.002

    -60,0

    1,7

    Seifen und Parfums (20.4)

    12.795

    5,2

    22,6

    Andere chemische Produkte (20.5)

    3.226

    -56,2

    5,7

    Chemiefasern (20.6)

    27

    10,0

    0,1

    Quelle: Statistikamt Insee 2023

    Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris

  • Rahmenbedingungen

    In Frankreich gelten die Regeln der Europäischen Union für die Zulassung von Chemikalien. Darüber hinaus kann es zusätzliche Einschränkungen für den Einsatz von Chemie geben.

    Die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe in der EU unterliegt den Bestimmungen der EU-Chemikalienverordnung REACH. Der deutsche REACH-CLP-Biozid-Helpdesk der Bundesbehörden gibt darüber detaillierte Auskunft.

    Frankreich erlässt zum Teil unilateral Einschränkungen für den Einsatz von Chemikalien. Bei der Gesetzgebung sind je nach Anwendungsbereich verschiedene Ministerien federführend (einzeln oder vielfach gemeinsam). Für das Verbot von Pestiziden, die Neonicotinoide enthalten, sind die Ministerien für Gesundheit (Ministère des Solidarités et de la Santé), Landwirtschaft (Ministère de l’Agriculture et de l‘Alimentation) und Umwelt (Ministère de la Transition écologique et solidaire) verantwortlich. Zwar hatten die betroffenen Ministerien für den Zuckerrübenanbau Ausnahmen vom Verbot des Einsatzes von Neonicotinoiden eingeräumt. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Januar 2023 sind diese Pestizide nunmehr aber auch in Frankreich vollumfänglich und damit auch für den Einsatz bei Zuckerrüben verboten. 

    Im innergemeinschaftlichen Warenverkehr der EU sind die Regelungen des EU-Umsatzsteuerkontrollverfahrens zu beachten. Informationen hierzu finden sich auf der Internetseite des Bundeszentralamtes für Steuern. Hinsichtlich der Normierung gelten die einschlägigen EU-Richtlinien (siehe etwa die Website des Deutschen Instituts für Normung e.V.).

    Germany Trade & Invest stellt ausführliche Informationen zum Wirtschafts- und Steuerrecht sowie zu Einfuhrregelungen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen zur Verfügung.

    Von Frauke Schmitz-Bauerdick | Paris

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft

    AHK Frankreich

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Ministère de la Transition écologique

    Umweltministerium

    France Chimie

    Chemieverband

    Union des industries de la fertilisation (Unifa)

    Düngemittelverband

    Ufip Énergies et Mobilités

    Verband der Ölindustrie

    Fédération des industries des peintures, encres, couleurs, colles et adhésifs, préservation du bois (Fipec)

    Verband für Farben, Lacke, Klebstoffe und Holzschutzmittel

    Union des transformateurs de polymères (Polyvia)

    Verband für Kunststoffe und Verbundwerkstoffe

    L’Usine Nouvelle

    Führende Industriefachzeitschrift

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