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Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen in ASEAN wächst

Von Schönheit über Halbleiter bis hin zu Verpackungen – die Einsatzmöglichkeiten für deutsche Chemie sind in Südostasien vielfältig. Was haben die Märkte im Vergleich zu bieten?

Von Oliver Döhne | Jakarta

In der ASEAN-Region (Association of Southeast Asian Nations) steigt die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen beständig. Denn der Pro-Kopf-Verbrauch ist noch niedrig. Gleichzeit ist das Wirtschaftswachstum der meisten Ökonomien in ASEAN stabil und die Regierungen versuchen die Industrie und Infrastruktur in ihren Ländern zu stärken. Branchenkenner erwarten laut einer Studie von S&P für Südostasien zum Beispiel eine steigende Nachfrage nach Aromaten und Lösungsmitteln aus der Bauwirtschaft, der Kfz-Branche, der Landwirtschaft und der Verpackungsindustrie.

Chemie-Importe in ASEAN steigen

Viele der benötigten chemischen Produkte, insbesondere höherwertige, werden aus dem Ausland bezogen. Im Jahr 2024 importierten die ASEAN-Staaten chemische Erzeugnisse im Wert von insgesamt rund 217 Milliarden US-Dollar (US$). Das waren 6,8 Prozent mehr als im Vorjahr. 

China ist in diesem Segment der wichtigste Lieferant für die Region. Etwa 29 Prozent der Einfuhren haben dort ihren Ursprung. Dahinter folgen die USA, Japan und Korea mit Anteilen von jeweils rund 7 Prozent und Deutschland mit circa 3 Prozent. 

Für chemische Erzeugnisse aus Deutschland sind Singapur, Thailand und Vietnam die größten Absatzmärkte in ASEAN. Die erfolgreichsten Produkte deutscher Hersteller sind Pharmazeutika, besonders in Singapur und Vietnam – sowohl mit Blick auf den absoluten Wert als auch auf den Lieferanteil. Gemessen am Wert der Lieferungen schließen sich dahinter die Warengruppen Chemikalien und Kunststoffe an. Den zweithöchsten Anteil an den ausländischen Lieferungen hat Deutschland mit 5,7 Prozent allerdings bei Insektiziden.

Deutschland ist in Südostasien mit Pharmazeutika am erfolgreichstenEinfuhren ausgewählter chemischer Warengruppen nach ASEAN 2024
Warengruppe (HS)

Gesameinfuhr in Mrd. US$

Anteil aus Deutschland in %

Kunststoffe (3901-21)

50,1

1,6
Chemikalien (28, 29)

46,5

2,6
Pharmazeutika (30)

20,6

10,7
Kosmetika (3301-3307)

13,1

1,5
Düngemittel (31)

9,6

1,0
Farben und Lacke (32)

8,1

3,7
Chemische Elemente zur Verwendung in der Elektronik (3818)

4,4

2,3
Klebstoffe, Enzyme, Stärke (35)

3,8

2,6
Zubereitete Bindemittel (3824)

3,7

2,7
Insektizide (3808)

3,5

5,7
Quelle: ASEANstats 2025

Starke Nachfrage nach Konsumgütern

Die Unternehmen aus dem Pharmasektor produzieren in ASEAN vorrangig Generika. Besonders Malaysia und Thailand wollen aber in Zukunft auch bei Wirkstoffen und patentierten Medikamenten unabhängiger von Importen sein und mehr in eigene Forschung und Entwicklung investieren. Indonesien hingegen hat im ausgehandelten Freihandelsabkommen mit der EU die Auflagen für die öffentliche Beschaffung von Medikamenten gelockert und den erforderlichen lokal produzierten Anteil gesenkt.

Die ASEAN-Region ist außerdem einer der dynamischsten Märkte für Körperpflegeprodukte und Kosmetik. Die Einfuhren dieser Produkte erzielen regelmäßig einen der höchsten Zuwächse unter den Chemieimporten. Der Grund für diese Entwicklung sind junge, experimentierfreudige Konsumentengruppen und der schnell wachsende Onlinehandel.

Expandierende Industrie und ausgabefreudige Haushalte als Treiber

In den bevölkerungsreichen Ländern Indonesien und Philippinen überwiegt die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen durch die Endverbraucher. Währenddessen entsteht der Bedarf in Vietnam und Thailand vorwiegend in der exportorientierten Industrie. Auch in Indonesien holt der industrielle Bedarf auf. Singapur hat sich hingegen erfolgreich als regionaler Distributor und Standort für die Produktion von Hightech-Spezialchemikalien positioniert.

Vom Lieferanten zum Absatzmarkt Chinas

Die Top-Einfuhrwarengruppe der ASEAN-Staaten sind Kunststoffvor- und -zwischenprodukte. Die aufstrebenden verarbeitenden Industrien benötigen sie für Verpackungen. Der bisher geringe Pro-Kopf-Verbrauch bedeutet gleichzeitig großes Wachstumspotenzial.

Die ASEAN-Region war bis vor kurzem selbst ein wichtiger Lieferant von Polymeren und anderen Kunststoffbestandteilen, insbesondere nach China. Der rasante Ausbau der petrochemischen Kapazitäten in China hat die Warenströme im Kunststoffhandel jedoch umgekehrt. Für die südostasiatischen Produzenten fällt damit ein Absatzmarkt weg. Stattdessen werden die eigenen Märkte von Importen aus China überschwemmt.

Petrochemie im Umbruch

Für die lokale Industrie ist es schwer, gegen diese Flut standzuhalten. Zahlreiche neue Anlagen in der Region sind unrentabel geworden und wurden vorübergehend gestoppt. Der Preisverfall durch die Überkapazität, Spannungen im globalen Handel und hohe Kosten unter anderem für Logistik bremsen neue Investitionsprojekte in der Petrochemie.

Die meisten Steamcracker in der Region sind auf den Rohstoff Naphta (Rohbenzin) ausgelegt, was zu einer starken Preisabhängigkeit von größtenteils importiertem Erdöl führt. Vietnam will künftig stärker auf Ethangas setzen und seine Steamcracker entsprechend umrüsten. Nachdem die US-Regierung 2025 exorbitante Zusatzzölle auf Importe aus Vietnam angedroht hatte, kam das Land den USA unter anderem mit dem Versprechen entgegen, mehr Gas aus den USA abzunehmen. 

Es gibt in der gesamten Region sehr viele Projektankündigungen aus der Privatwirtschaft zu Petrochemieparks. Was sich davon tatsächlich materialisieren wird ist fraglich. Aussichtsreicher sind Projekte, die Regierungen aus strategischen Gründen unterstützen, zum Beispiel um kritische Abhängigkeiten zu verringern. In Indonesien etwa beteiligt sich der Staatsfonds Danantara am Bau der Chlor-Alkali-Produktion in Cilegon durch die Chandra Asri Unternehmensgruppe. Es ist ebenfalls nicht unwahrscheinlich, dass Investitionen in neue Marktsegmente und Nischen fließen, wo die chinesische Konkurrenz geringer ist.

Bei neuen Investitionsentscheidungen internationaler Konzerne wie BASF spielt Kundennähe verstärkt eine Rolle. Mit dem sogenannten local-for-local-Ansatz investieren sie in einem Markt mit ausreichender Abnahmegröße, um ihn mit den lokal produzierten Produkten zu beliefern.

Dauerhafte Chancen für Bau-, Elektro- und Agrarchemie

Die zunehmende Urbanisierung und der Nachholbedarf beim Ausbau von Transport-, Energie- und Datennetzen in der ASEAN-Region bieten längerfristig gute Absatzmöglichkeiten für chemische Erzeugnisse. Benötigt werden zum Beispiel Farben, Kunststoffe, Beschichtungen, Klebstoffe und Beimischungen. Angesichts des tropischen Klimas sind auch Imprägnier- und Dichtstoffe sowie Reparaturchemikalien gefragt. Malaysia will sich zu einem Standort für Spezialchemie, Bauchemie und Hochleistungsverbundstoffen entwickeln und in diesen Bereichen auch internationale Investitionen anziehen.

In der Elektroindustrie und in den Halbleiterproduktionen der Region werden hochreine Lösungsmittel, Spezialgase und Ätzmittel benötigt. In Singapur, Malaysia, Thailand und Vietnam bestehen dafür gute Absatzchancen. In Indonesien wird das im Land abgebaute Nickel zu Batterien verarbeiten. Dafür brauchen die Unternehmen vor Ort vor allem Kathoden-/Anodenmaterial, Elektrolyseure, Wärmemanagementfluide, technische Kunststoffe und Beschichtungen.

Für Länder wie Indonesien und Thailand ist es wichtig, ihre landwirtschaftliche Produktion zu erhöhen, um die Ernährung ihrer Bevölkerung zu sichern. Dafür benötigen sie Agrarchemikalien. Die beiden größten Palmölherstellern Malaysia und Indonesien visieren eine noch umfassendere Verarbeitung von Palmöl zu Oleochemikalien und Kraftstoff an. 

Biologisch abbaubare Produkte für europäische Märkte

Im Hinblick auf die hohen Umweltstandards in westlichen Absatzmärkten sehen Experten besonders in Vietnam großes Potenzial für die Produktion nachhaltiger, biobasierter Kunststoffe. Beispiele sind biologisch abbaubare Plastiktüten oder biobasierte Textilfasern. Syre, ein Tochterunternehmen von H&M will in Vietnam für 1 Milliarde US$ eine Großanlage für das chemische Recycling von Polyesterfasern aufbauen. Auch Singapur und Malaysia wollen sich stärker der Produktion von höherwertigeren nachhaltigen Spezialchemikalien und Bioplastik zuwenden.

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