Interview | Griechenland | Stromnetze
"Der Stromnetzausbau eröffnet deutschen Firmen Geschäftschancen"
Griechenland baut sein Stromnetz aus. Deutschland ist nicht nur mit Beratungsleistungen dabei. Auch deutsche Zulieferer können von den geplanten Projekten profitieren.
18.02.2026
Von Michaela Balis | Athen
Ulrich Laumanns ist seit September 2013 als Projektmanager der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Griechenland tätig. Aktuell beraten sein Team und er lokale Akteure im Energiesektor. Im Interview mit Germany Trade & Invest weist Herr Laumanns auf Chancen für deutsche Mittelständler hin, um mit den griechischen Netzbetreibern ins Geschäft zu kommen.
Herr Laumanns, die GIZ berät in Griechenland beim Ausbau des Stromnetzes. Zu den Adressaten auf griechischer Seite zählen das Umwelt- und Energieministerium, die Betreiber des Übertragungs- und Verteilnetzes ADMIE und DEDDIE sowie die Regulierungsbehörde RAAEY. Worum geht es dabei?
Im Rahmen des von der EU finanzierten Grids4Greece-Projektes beraten wir zu Themen, die derzeit in Europa alle Betreiber von Stromnetzen beschäftigen. Die elektrische Infrastruktur muss stark ausgebaut werden. Grund dafür ist der steigende Anteil erneuerbarer Energien am Strommix. Um die dafür erforderlichen milliardenschweren Investitionen planmäßig zu tätigen, müssen die Netzbetreiber ausreichend Finanzmittel rechtzeitig mobilisieren.
Auch dürfen diese Vorhaben nicht aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren verzögert werden. Vielmehr gilt es, die Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen. Ebenso ist die Digitalisierung der Stromnetze ein wichtiges Projekt für alle Netzbetreiber.
Nicht zuletzt leiden alle EU-Länder unter Fachkräftemangel und Lieferkettenproblemen, was auch die Modernisierung der Stromnetze tangiert. Wir unterstützen unsere griechischen Partner bei der Entwicklung neuer Strategien und Ansätze für diese Herausforderungen.
Das Projekt hört sich vielversprechend an. Ergeben sich da auch Chancen für deutsche Unternehmen?
Die erheblichen geplanten Investitionen in den Netzausbau in Griechenland bieten interessante Chancen für deutsche Lieferanten von Netzkomponenten und -technologien, wie etwa von Schaltanlagen und Transformatoren. Zum Beispiel hat Siemens Energy für die Stromverbindung zwischen Attika und Kreta die Umspannstationen geliefert. Außerdem gibt es in Deutschland mittelständische Hersteller von Netzkomponenten, sogenannte Hidden Champions, die mit den griechischen Netzbetreibern ins Geschäft kommen könnten. Alle Ausschreibungen werden nach europäischem Recht über die Webseiten der Netzbetreiber beziehungsweise das EU-Portal Tenders Electronic Daily (TED) veröffentlicht.
Warum ist der Ausbau des griechischen Stromnetzes notwendig?
Sein Ausbau konnte in den letzten Jahren mit der stärkeren Inanspruchnahme erneuerbarer Energiequellen nicht Schritt halten. Da das Stromnetz in vielen Regionen Griechenlands keine freien Kapazitäten mehr aufweist, können die Netzbetreiber dort derzeit keine neuen Solar- oder Windparks anschließen. Zudem kommt es immer häufiger zur Abregelung bestehender Anlagen, wodurch deren Besitzer erhebliche Einnahmeverluste erleiden.
Aus erneuerbaren Energien stammt aktuell mehr als die Hälfte des in Griechenland benötigten Stroms und dieser Anteil soll bis 2040 auf 100 Prozent steigen. Daneben soll parallel auch der Stromverbrauch stark zunehmen, beispielsweise für Elektromobilität, Wärmepumpen, Elektrolyseure und Rechenzentren. Darüber hinaus werden auch die meisten griechischen Inseln schrittweise an das kontinentale Stromnetz angeschlossen. Bislang kamen dort mit Erdöl betriebene Kraftwerke für die Stromerzeugung zum Einsatz. Insgesamt muss Griechenlands Stromsektor erheblich flexibler werden, beispielweise auch mit der Nutzung von Energiespeichern, damit es auf die Schwankungen bei der Stromproduktion besser reagieren kann.
Könnte Griechenland dann auch grünen Strom in andere Länder exportieren?
Griechenlands Potenzial für die Nutzung erneuerbarer Energien ist um ein Vielfaches höher als der eigene Bedarf. Das Land verfügt mit allen seinen Nachbarstaaten bereits über Stromanbindungen, die aktuell weiter verstärkt werden. In den letzten beiden Jahren hat sich Griechenland im Handel mit Strom bereits vom ausschließlichen Importeur zum Nettoexporteur entwickelt. Geplant sind aktuell neue Interkonnektoren nach Zypern, Ägypten und – im Rahmen des "Green Aegean Interconnector" – auch nach Deutschland.
Wenn Deutschland zusätzlichen grünen Strom benötigen sollte, wäre dieser Interkonnektor eine passende Lösung. Mit Unterwasser-Teilabschnitten könnte die Stromtrasse über die Adria, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Süddeutschland führen. Aktuell prüfen die beteiligten Übertragungsnetzbetreiber in einer Machbarkeitsstudie, ob und wie dieses Großprojekt umzusetzen wäre. Vorgesehen ist zunächst eine Übertragungskapazität von 3 Gigawatt, perspektivisch sogar von bis zu 9 Gigawatt.
Darüber hinaus hat Griechenland ebenfalls die Möglichkeit, seinen grünen Strom zur Produktion von Wasserstoff zu nutzen, der dann über Pipelines exportiert werden könnte.
Größere Investitionspläne der Netzbetreiber bis 2030
Das Unternehmen ADMIE/IPTO ist für das Hochspannungsnetz und den Netzzugang großer Stromverbraucher und -erzeuger in Griechenland zuständig. Bis 2033 plant der Netzbetreiber Investitionen in Höhe von 5,7 Milliarden Euro.
Mit 4,9 Milliarden Euro fallen die Investitionspläne des Unternehmens DEDDIE/HEDNO, von dem das Mittel- und Niederspannungsnetz des Landes verantwortet wird, kaum geringer aus. Zu den Aufgaben des Unternehmens gehört auch, den Bereich der erneuerbaren Energien zu fördern.
Grünen Strom erzeugen in Griechenland aktuell (Stand: Anfang 2026) Photovoltaik- und Windkraftanlagen mit einer Leistung von rund 18 Gigawatt. Für einen Ausbau um weitere 15 Gigawatt liegen die Zusagen für den Netzanschluss vor. Außerdem liegen aktuell Anträge für Solar- und Windparks mit insgesamt 50 Gigawatt Leistung vor. Einem forcierten Ausbau steht jedoch die begrenzte Aufnahmefähigkeit des griechischen Stromnetzes für zusätzliche Kapazität entgegen. Diese beträgt aktuell 19 Gigawatt, soll aber bis 2030 auf 32 Gigawatt steigen.