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Grönland: Fischerei dominiert, Rohstoffe noch Zukunftsmusik
Grönland rückt erneut ins Rampenlicht: strategische Rohstoffe, neue Investitionsregeln und Infrastrukturprojekte. Doch die Wirtschaft bleibt abhängig von Fischerei und Dänemark.
07.01.2026
Von Judith Illerhaus, Leonie Schneiderhöhn | Stockholm, Bonn
Kaum ein Land hat in den letzten Jahren so viel unerwartetes mediales Interesse erhalten wie Grönland. Die Insel wurde aufgrund ihrer hohen Rohstoffvorkommen und ihrer strategisch-geopolitischen Lage mehrfach von US-Präsident Trump zum Kauf beansprucht – allerdings mit mehrheitlicher Ablehnung durch die Grönländer selbst. Nach dem Militäreinsatz der USA in Venezuela im Januar 2026 gerät die Insel erneut in den Fokus der US-Administration und und damit auch der Weltöffentlichkeit.
Noch ist das Land in großen Teilen abhängig vom Königreich Dänemark, durch das es im 18. Jahrhundert kolonialisiert wurde. Im Jahr 1979 erhielt Grönland den Status der Autonomie und befindet sich seit 2009 in Selbstverwaltung.
Das Thema Unabhängigkeit prägte auch die lokalen Parlamentswahlen im März 2025. Gewonnen hat die Mitte-rechts-Partei Demokraatit, die sich für eine behutsame Abnabelung von Dänemark ausspricht. Andreas Wenzel, Geschäftsführer der Auslandshandelskammer (AHK) Dänemark, verweist in einem Gespräch mit Germany Trade & Invest (GTAI) auf einen noch langen Weg bis zur Unabhängigkeit: "Gemeint ist damit konkret die Übernahme von insgesamt 32 hoheitlichen Aufgaben durch das autonome Gebiet, die derzeit zum großen Teil noch von Dänemark ausgeführt werden. Über den Bereich der Rohstoffe entscheiden die Grönländer beispielsweise schon heute selbst sowie über ihre Zeitzone." Weitere Einschätzungen und Hintergründe liefert das Interview mit Herrn Wenzel am Ende des Berichts.
Europa und Grönland sind durch zahlreiche Statuten miteinander verbunden
Im Gegensatz zu Dänemark ist Grönland kein Mitglied der EU, profitiert jedoch über das OCT-Statut (Vertrag zur Assoziation überseeischer Länder und Hoheitsgebiete) von Handelsvorteilen. Von 2021 bis 2027 erhält Grönland 225 Millionen Euro von der EU zur Unterstützung der Bereiche nachhaltige Entwicklung, Bildung und grünes Wachstum. Auch Dänemark selbst gewährt dem Land einen allgemeinen jährlichen finanziellen Zuschuss zur Deckung seiner Kosten. Die grönländische Ministerin für auswärtige Angelegenheiten und Forschung, Vivian Motzfeldt, betonte während ihres ersten Auslandsbesuchs in Brüssel im Mai 2025 die Wichtigkeit der EU für die grüne Insel:
"Die EU war schon immer ein wichtiger Partner für Grönland. In diesen schwierigen Zeiten, in denen Grönland steckt, ist es wichtig, dass wir mit unseren zuverlässigen Partnern, die die gleichen Werte wie wir teilen, enger zusammenrücken."
Grönland profitiert darüber hinaus von Subventionen im Rahmen der Global-Gateway-Initiative und der Arktis-Strategie der EU. Der Fortschritt der Arktis-Strategie wurde im März 2024 symbolisch mit der Eröffnung eines Büros der EU-Kommission in Nuuk zelebriert. Im November 2023 unterzeichneten die EU und Grönland zudem eine Absichtserklärung über kritische Rohstoffe. Sie spiegelt das gemeinsame Engagement für eine nachhaltige Ressourcenentwicklung wider und positioniert Grönland als zukünftigen strategischen Rohstofflieferanten für den grünen Wandel Europas.
Erhöhte Investitionen in die Infrastruktur geplant
Mehr als 81 Prozent der Insel sind von Eis bedeckt. Dies erschwert den Bau von Transportwegen zwischen den Städten und erlaubt Personen- und Frachttransport nur via Schiff oder Flugzeug.
Mit der Fertigstellung der Erweiterung des Flughafens Nuuk im November 2024 wurde ein Meilenstein für die internationale Verkehrsanbindung gesetzt. Darüber hinaus hat die dänische Regierung im September 2025 ein zusätzliches Investitionspaket angekündigt. Umgerechnet knapp 220 Millionen Euro sollen unter anderem in Grönlands Infrastruktur fließen. Bis 2029 sind zum Beispiel ein Tiefwasserhafen in Qaqortoq und ein Flughafen in Ittoqqortoormiit geplant.
Seit dem 1. Januar 2026 gilt in Grönland ein neues Investitionskontrollsystem, das die Spielregeln für ausländische Direktinvestitionen neu definiert. Für Unternehmensbeteiligungen ab 25 Prozent in sensiblen Bereichen ist nun eine Genehmigung der Regierung Pflicht. Für andere Sektoren besteht eine freiwillige Meldeoption.
"Mit dem neuen FDI-Gesetz und weiteren dänischen Investitionen in Infrastruktur sendet Grönland ein starkes Signal: klare Regeln, gezielte Impulse - ein entscheidender Schritt hin zu einer modernen, international vernetzten Wirtschaft",
sagt Judith Illerhaus, Director für Skandinavien von GTAI.
Fisch ist Grönlands wichtigstes Handelsgut
Mehr als 90 Prozent der grönländischen Exporte machen traditionell Fischereiprodukte aus. Im Jahr 2024 belief sich deren Wert auf umgerechnet 679,7 Millionen Euro, gefolgt mit weitem Abstand von Maschinen und Transportequipment im Wert von 10,2 Millionen Euro. Damit ist Grönland stark abhängig von internationalen Käuferpreisen. Größter Exportpartner ist Dänemark. Im Jahr 2024 entfielen zudem rund 22,5 Millionen Euro des grönländischen Exportvolumens auf den Verkauf von Zubereitungen von Fleisch und Fisch nach Deutschland.
Da Grönland neben der Fischerei kaum andere Wertschöpfung kreiert, muss der Rest importiert werden. Dazu zählten im Jahr 2024 hauptsächlich Maschinen und Transportequipment sowie Mineralöle und Schmierstoffe. Es wird hauptsächlich aus Dänemark und Schweden importiert. Aus Deutschland bezieht Grönland vor allem Kraftfahrzeuge, Maschinen sowie elektrotechnische Erzeugnisse. Deutschland befindet sich zwar unter den sechs wichtigsten Handelspartnern, allerdings sind die Handelsströme minimal.
Trotz erheblicher Vorkommen an seltenen Erden und kritischen Rohstoffen bleibt deren wirtschaftlicher Beitrag marginal. Hohe Förderkosten, schwierige Logistik und fehlende Infrastruktur verhindern bislang eine rentable Ausbeutung. Das Rohstoffthema ist zwar strategisch relevant, aber ökonomisch noch Zukunftsmusik.
Öffentlicher Dienst dominiert den Arbeitsmarkt
Ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung war im Jahr 2023 in öffentlichen Stellen in Kommunen oder bei der grönländischen Regierung beschäftigt. Weitere Beschäftigungsbereiche sind Jagdwirtschaft, Fischerei oder Landwirtschaft und Großhandel sowie Bauwirtschaft. Grönlands internationale Ausrichtung nimmt zu: Migranten stellen mittlerweile 4,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wichtigste Herkunftsländer von Einwanderern sind neben Dänemark die Philippinen, Thailand und Sri Lanka.
Der grönländische Arbeitsmarkt folgt im Allgemeinen dem skandinavischen Modell mit Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen, Tarifverträgen und einer umfassenden Gesetzgebung zu Arbeitnehmerschutz, Schlichtungsverfahren, Urlaub und Arbeitnehmerentschädigung.
Die Wirtschaft Grönlands wird von wenigen Sektoren geprägt. Rund ein Drittel der gesamten Wertschöpfung entfällt auf die Fischerei, die im Jahr 2022 einen Umsatz von umgerechnet etwa 1,04 Milliarden Euro erzielte. Danach folgen der Groß- und Einzelhandel, Transport sowie die Bauwirtschaft.
Die größten Unternehmen des Landes sind gleichzeitig auch vollständig in staatlicher Hand. Es handelt sich dabei um Royal Greenland (Fischerei), KNI (Großhandel und Öl), Royal Arctic Line (Schifffahrt), Air Greenland (Luftverkehr) und Tusass (Telekommunikation).
"Bis zu einer wirtschaftlich profitablen Förderung werden noch Jahre vergehen"
Andreas Wenzel, Geschäftsführer der AHK Dänemark, verantwortet neben Deutschlands nördlichem Nachbarn auch die Zuständigkeit für Grönland. Im Interview ordnet er das globale Interesse an der Insel und mögliche Zukunftschancen für deutsche Unternehmen ein.
Herr Wenzel, wie haben Sie die letzten Monate in Bezug auf Ihre Geschäftstätigkeit in Grönland erlebt?
Die diversen Anfragen rund um Grönland haben sich im letzten Jahr merklich gehäuft. Es gibt viel Interesse an dem Land und seinen Potenzialen, unternehmensseitig, aber auch vonseiten politischer Entscheidungsträger. Für bestimmte Branchen wie den Bergbau war Grönland aber auch zuvor schon interessant und wurde in den entsprechenden Kreisen thematisiert.
Bergbau ist ein gutes Stichwort. Wie schätzen Sie hier die Chancen einer wirtschaftlichen Aktivität ein? Und wie sieht es mit weiteren Branchen aus?
Vielleicht kennen Sie die Studie der Deutschen Rohstoffagentur DERA, die meines Wissens derzeit noch die detaillierteste Potenzialstudie liefert – und die stammt aus dem Jahr 2010. Zum Alter der Studie kommt noch hinzu, dass die fehlende Infrastruktur vor Ort und ökologische Anforderungen an die besonderen Gegebenheiten die Erschließung der Insel deutlich erschweren. Beispielsweise hat Grönland vor einigen Jahren den Uran-Abbau verboten. Fakt ist, dass bis zu einer wirtschaftlich profitablen Förderung noch Jahre vergehen werden. Darüber hinaus ist die wirtschaftliche Tätigkeit Stand heute eher dünn und beschränkt sich auf die Fischerei und einen kleinen Teil Tourismus. Auch hier wird zum Beispiel das Thema Kreuzfahrttourismus aus ökologischen Aspekten als ein schwieriges eingeschätzt. Aber mit dem Bau des Flughafens Nuuk hat sich zumindest die Erreichbarkeit verbessert.
Wie würden Sie die zukünftige Situation Grönlands skizzieren?
Zunächst einmal muss sich Grönland wirtschaftspolitisch konsolidieren. Und ohne die Zukunft vorhersagen zu können, sind wir der Meinung, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Grönland und Europa die zielführendste wäre. Wenn man bedenkt, auf welchem Stand das Land aktuell noch ist, könnten sich Chancen in den Bereichen Ingenieurdienstleistungen und Consulting, aber auch bei der umweltfreundlichen Förderung von Rohstoffen ergeben. Auch Sektoren wie die Luftüberwachung, Kartierung und Fernerkundung werden eine Rolle spielen.