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Interview | Indien | Künstliche Intelligenz

"Der zentrale Unterschied liegt in Mentalität und Entwicklungsgeschwindigkeit"

Der Elektroingenieur und KI-Experte Julius Haas erklärt, was Indien im Bereich der künstlichen Intelligenz besonders macht und wo die Technologie zukünftig zum Einsatz kommt. 

Von Florian Wenke

Julius Haas, KI-Experte, Peer Robotics, KI in Indien in der Anwendung jenseits von LLMs Julius Haas, KI-Experte, Peer Robotics, KI in Indien in der Anwendung jenseits von LLMs | © Julius Haas

Julius Haas ist Elektroingenieur und Experte für künstliche Intelligenz mit fast einem Jahrzehnt Erfahrung in der Entwicklung und dem Betrieb produktionsreifer KI-Systeme. Seine fachlichen Schwerpunkte reichen von der Automobilindustrie, Robotik, Energie und Bankwesen bis hin zu Medienanwendungen. Derzeit lebt er in Bengaluru, Indien, wo er unter anderem mit Start-ups zusammenarbeitet.

Herr Haas, in vielen Unternehmen wird über KI diskutiert. Wo steht Indien bei der Entwicklung und Nutzung?

Man muss zwischen KI-Forschung und -Anwendung unterscheiden. In der Entwicklung neuer KI-Modelle liegt Indien noch hinter den USA und China. Indiens besondere Stärke liegt in der schnellen Umsetzung und Skalierung von KI. In Tech-Hubs wie Bengaluru, Gurugram oder Hyderabad herrscht große Dynamik, zahlreiche Start-ups bringen KI bereits erfolgreich und profitabel auf den Markt. Während in Europa stark über Regulierung diskutiert wird, baut Indien aktiv KI-Produkte und -Märkte auf.

Sie sprechen von Dynamik. Wo steht Indien in fünf Jahren?

Ich befasse mich seit etwa zehn Jahren mit Indien und habe insbesondere im Hightech- und KI-Bereich eine beeindruckende Entwicklung beobachtet. Mit rund 1,5 Milliarden Menschen, von dem mehr als die Hälfte unter 29 Jahre alt sind, verfügt das Land über ein enormes Talent- und Marktpotenzial. Spitzenuniversitäten bilden Ingenieurinnen und Ingenieure auf sehr hohem Niveau aus. Parallel entstehen durch massive Investitionen in KI-Rechenzentren die nötigen infrastrukturellen Grundlagen, etwa durch das angekündigte Google-Projekt in Vizag. Hinzu kommt ein zunehmender "Reverse Brain Drain": Viele Talente kehren aufgrund politischer Unsicherheiten in den USA wieder nach Indien zurück oder bleiben gleich dort und gründen neue Unternehmen. In den kommenden fünf Jahren wird sich Indien klar als globaler Player in KI, Robotik und Automatisierung etablieren.

"In den kommenden fünf Jahren wird sich Indien klar als globaler Player in KI, Robotik und Automatisierung etablieren."

Robotik und Automatisierung sind wichtige Schlagworte: KI kann nicht als losgelöstes Thema betrachtet werden. Wo sehen Sie verbundene Entwicklungen, die durch KI in Indien einen Schub erfahren werden?

Seit der Veröffentlichung von ChatGPT im Jahr 2022 hat sich der KI-Hype stark beschleunigt, inzwischen tritt die Technologie jedoch in eine reifere Phase ein. Der nächste Entwicklungsschritt ist die Interaktion mit der physischen Welt. Wir verlassen die Ära der rein digitalen "Low-Bandwidth"-KI und bewegen uns hin zur "Embodied"-KI, also der Verschmelzung von KI und physischer Realität. Kurzfristig liegt der größte Hebel nicht bei humanoiden Robotern im Haushalt, sondern in der Industrieautomation und bei autonomen mobilen Robotern. Deswegen arbeite ich auch mit Start-ups wie zum Beispiel Peer Robotics zusammen. Außerdem wird Indien besonders in Logistik, Luft- und Raumfahrt sowie moderner Verteidigungstechnologie Innovationen vorantreiben, die weit über klassische Softwarelösungen hinausgehen.

Welche Technologien und Anwendungsfälle werden in Indien in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen und was wird das zur Folge haben?

Mit steigenden Löhnen wird Robotik und Automatisierung auch in Indien an Bedeutung gewinnen. Auch im Bereich der Luft- und Raumfahrt gibt es großes Potenzial für KI-Lösungen, zivil sowie militärisch. Im FinTech-Sektor ermöglicht die Verbindung der Unified Payments Interface, einer digitalen Infrastruktur für Finanzdienstleistungen, und KI erstmals breiten Bevölkerungsschichten Zugang zu Finanzdienstleistungen. In der Landwirtschaft kommt KI zunehmend bei Ertragsprognosen und Schädlingsbekämpfung für Millionen von Kleinbauern zum Einsatz. Zudem werden KI-Modelle für zahlreiche Regionalsprachen entwickelt, um digitalen Zugang für alle zu schaffen. Die zunehmende Entwicklung und Nutzungen dieser KI-Anwendungen führt dazu, dass Indien wegweisend in der Entwicklung von Lösungen mit hohem Skalierungsgrad wird.

Was zeichnet das indische Ökosystem für KI aus und worin unterscheidet es sich vom deutschen Umfeld?

Der zentrale Unterschied liegt in Mentalität und Entwicklungsgeschwindigkeit. In Indiens Tech-Hubs herrscht eine ausgeprägte "Let’s do it"-Mentalität mit hoher Risikobereitschaft, Motivation und extrem kurzen Entwicklungszyklen. Der große indische Absatzmarkt ermöglicht eine schnelle Validierung von Prototypen. Deutschland hingegen punktet mit gründlicher Ingenieurskunst. Diese wird jedoch häufig durch Bürokratie und langsame Entscheidungsprozesse ausgebremst. Während in Deutschland noch optimiert wird, ist Indien oft bereits mit der nächsten Produktiteration am Markt.

"Der große indische Absatzmarkt ermöglicht eine schnelle Validierung von Prototypen."

Welche Rolle spielt die Regulierung von KI für das Ökosystem?

Ich bin kein Jurist und kann daher nur meine Meinung teilen und keine rechtsverbindlichen Aussagen treffen. Ich finde, Indien verfolgt bei der KI-Regulierung einen pragmatischen Mittelweg, der Innovation schützt und trotzdem in kritischen Fragen für Sicherheit sorgt. Ein gutes Beispiel ist der relativ schlank gehaltene Digital Personal Data Protection Act. Obwohl dieser bereits 2023 vom Parlament in New Delhi verabschiedet wurde, trat er erst im November 2025 schrittweise in Kraft. Ich bin überzeugt, dass diese lange Übergangsphase ein strategischer Puffer war, um die Wirtschaft nicht durch bürokratische Hürden zu lähmen, sondern die Regeln praxisnah mit der Industrie zu entwickeln. 

Zusätzlich fungieren die India AI Governance Guidelines vom November 2025 als Richtlinien. Bei Themen mit hohem Risiko, wie Deepfakes, greifen dennoch verbindliche Regulierungen. Zum Vergleich: In der EU haben wir neben dem EU AI Act noch elf weitere relevante Regulierungen.

Close up of artificial intellig Artificial intelligence brain | © Yuichiro Chino - gettyimages.de

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Wo sehen Sie Kooperationspotenziale zwischen Indien und Deutschland im Bereich KI?

Das größte Potenzial liegt in der Verknüpfung der Stärken beider Länder. Deutschland verfügt über exzellente Forschungsinstitute wie Fraunhofer und Max-Planck sowie sehr gute Universitäten wie die Technische Universität München oder das Karlsruher Institut für Technologie. In Kombination mit Indiens Umsetzungsgeschwindigkeit, dem Zugang zu Talenten und der Marktgröße ergeben sich attraktive Kooperationsmöglichkeiten, besonders in den Bereichen Robotik, industrielle Automatisierung, Luft- und Raumfahrt und Automobil.

Gemeinsam mit dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, das sich gerade in der finalen Phase der Verhandlungen befindet, ist die innovationsfreundliche Regulierung in Indien ein massiver Standortvorteil für eine Zusammenarbeit zwischen deutschen und indischen Firmen. 

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