Special | Indien | Wasser - Die knappe Ressource

Indien: Wasserknappheit bedroht das wirtschaftliche Wachstum

Der Investitionsbedarf im indischen Wassersektor ist enorm, doch den Kommunen fehlen oft die Mittel. Die Industrie ist an Recyclingtechnologien interessiert.

Von Werner Kemper | New Delhi

Mit über 1,4 Milliarden Einwohnern beherbergt Indien fast ein Fünftel der Weltbevölkerung, verfügt aber nur über 4 Prozent der weltweiten Trinkwasserressourcen. Der Klimawandel wird die Situation verschärfen: Laut der Water Resources Group wird die Wassernachfrage das Angebot bis 2030 voraussichtlich um fast 50 Prozent übersteigen.

Auch bei der Abwasserbehandlung, insbesondere in Metropolen, bestehen erhebliche Defizite. Der Investitionsbedarf im indischen Wassersektor wird in den kommenden Jahren hoch bleiben, was Geschäftsmöglichkeiten entlang der Wertschöpfungskette eröffnet.

Milliarden für landesweite Wasserversorgung 

Die indische Regierung ist trotz verstärkter Bemühungen noch weit von ihrem langfristigen Ziel entfernt, alle Haushalte mit Trinkwasser zu versorgen. Das Investitionsprogramm "Jal Jeeva Mission" mit einem Volumen von rund 50 Milliarden US-Dollar (US$) hat zum Ziel, 200 Millionen ländliche Haushalte in New-Delhi mit einem eigenen Wasseranschluss zu versorgen. Bisher wurden etwa 80 Prozent der Haushalte angeschlossen. Bis 2028 sollen alle ländlichen Haushalte angeschlossen sein, die Frist wird aber immer wieder verlängert. Der Ausbau der Infrastruktur schafft Nachfrage nach Ausrüstung wie Pumpen, Ventilen, Filtersystemen und Rohrleitungen.

Der Pumpenabsatz wächst jährlich und wird voraussichtlich bis 2033 ein Volumen von rund 7,7 Milliarden US$ erreichen. Der Markt ist stark fragmentiert. Im preissensiblen Massenmarkt sind indische Hersteller aufgrund ihrer günstigeren Kostenstruktur und ihrer dichten Vertriebs- und Servicenetze oft im Vorteil. Dass auch für deutsche Anbieter Geschäftspotenzial besteht, zeigen unter anderem KSB und Wilo, die seit vielen Jahren mit Produkten und Lösungen für das Wassermanagement auf dem indischen Markt vertreten sind, von denen einige lokal gefertigt werden.

Ihre Exportchancen in mehr als 20 Ländern

Wir haben besonders aussichtsreiche Wassermärkte in Lateinamerika, Asien, Afrika und Europa unter die Lupe genommen. Alle Länderanalysen finden Sie auf unserer Seite zum Wassersektor.

Im öffentlichen Sektor dreht sich alles um den Preis

Die Trinkwasserversorgungsprojekte werden von den kommunalen Versorgern ausgeschrieben. Aufgrund der niedrigen Wassergebühren decken diese ihre Kosten nicht. Der finanzielle Spielraum für Neu- und Ersatzinvestitionen ist so gering, dass bei Ausschreibungen der günstigste Anbieter den Zuschlag erhält. Deutsche Ausrüster können ihren technologischen Vorsprung daher selten als Verkaufsargument nutzen. Hinzu kommt, dass die Aufträge oft sehr kleinteilig sind und gute Kenntnisse der lokalen Vergabeverfahren erfordern.

Markteinsteiger sollten ein Netzwerk lokaler Unternehmen der Wasserwirtschaft aufbauen. Neben Bauunternehmen wie Larsen & Toubro oder Dilip Build Con gehören dazu spezialisierte Anbieter wie VA Tech, WABAG, Thermax und Ion Exchange. Die indische Ausgabe der Internationalen Fachmesse für Abwassertechnik (IFAT), die jeden Herbst in Mumbai stattfindet, bietet hierfür eine gute Plattform.

Hightech gegen hohe Verluste

Die Trinkwasserverluste liegen im Landesdurchschnitt bei 38 Prozent. Ziel der Kommunen ist es, den Anteil auf unter 20 Prozent zu senken. Versorger investieren in technische Lösungen wie intelligente Wasserzähler und digitale Überwachungssysteme, um Lecks im Leitungsnetz zu erkennen.

Immer mehr Wasserunternehmen rüsten ihre Netze mit Sensoren und Steuerungssystemen zur Drucküberwachung und -regulierung nach, da Schwankungen zu Rohrbrüchen führen können. Auch IoT- und KI-Anwendungen kommen vermehrt zum Einsatz. Insgesamt nimmt die Nutzung sensorbasierter und digitaler Wassermanagementtechnologien zu, die Implementierung ist jedoch bei den verschiedenen Versorgungsunternehmen uneinheitlich und erfolgt oft nur im Pilot- oder Stufenmaßstab statt flächendeckend.

Mit Krohne ist auch ein deutscher Anbieter von Ausrüstung zur Messung und Überwachung des Wasserdurchflusses in Indien vertreten – und das Unternehmen aus Duisburg expandiert. Krohne legte Anfang 2024 den Grundstein für ein zweites Werk in Pune und hat bereits 200.000 Durchflussmess- und Regelgeräte sowie Füllstandsmesser installiert. 

Mehr Wasser dank Meerwasser

In den küstennahen Regionen ist die Meerwasserentsalzung zur Trinkwassergewinnung weit verbreitet. Bis Ende 2026 sollen weitere rund 30 Anlagen mit einem Volumen von 1,8 Milliarden Litern pro Tag den Betrieb aufnehmen. 

In den meisten Anlagen erfolgt die Entsalzung mittels Umkehrosmose, aber auch thermische Verfahren wie die mehrstufige Entspannungsverdampfung und die Mehrfacheffektverdampfung kommen zum Einsatz.

Das Interesse an der Erzeugung von Prozessenergie mithilfe von Solarenergie wächst in Indien. Bislang haben sich die Projekte jedoch noch nicht rentiert. Die Entsalzungsanlage in Manori sollte ursprünglich mit Solarenergie betrieben werden. Aus Kostengründen wurde dieser Plan jedoch verworfen.

Nicht einmal die Hälfte des Abwassers wird aufbereitet

Von den täglich anfallenden rund 72 Milliarden Litern Abwasser werden laut Zentraler Kontrollbehörde für Umweltverschmutzung nur knapp 40 Prozent aufbereitet. Im Rahmen des Förderprogramms "Atal Mission für Stadterneuerung und Transformation" für städtisches Wassermanagement sollen bis Ende 2026 weitere 3 Millionen Haushalte an die Abwassernetze angeschlossen und Kläranlagen mit einer Kapazität von 3 Milliarden Litern pro Tag in Betrieb genommen werden. Das Programm verfügt über ein Fördervolumen von 36 Milliarden US$.

Den kommunalen Abwasserunternehmen fehlen die finanziellen Mittel, um die notwendigen Investitionen in neue Kläranlagen und Rohrleitungsnetze zu tätigen. Daher besteht großes Interesse an öffentlich-privaten Partnerschaften oder Geberfinanzierungen durch internationale Finanzinstitutionen wie die KfW oder die Asiatische Entwicklungsbank. Projekte im Wassersektor werden je nach Art und Umfang des Auftrags regional, national oder international ausgeschrieben und über ein eProcurement-System der Regierung veröffentlicht.

Viele Anlagen werden später als geplant fertiggestellt und überschreiten das Budget. Die Gründe hierfür sind in der Regel Probleme beim Grundstückserwerb und Verzögerungen im Genehmigungsverfahren.

Gefragte Lösungen für die Wasseraufbereitung im Industriesektor

Langfristig will der Subkontinent 20 Prozent seines Wasserbedarfs durch die Aufbereitung von Abwasser decken. Die Nachfrage nach abwasserfreien Produktionstechnologien (Zero Liquid Discharge; ZLD) wächst.

Für deutsche Anbieter von Wassertechnologien bietet insbesondere der Industriesektor gute Chancen. Hier sind spezielle Lösungen gefragt und der Preis ist nicht unbedingt das Hauptkriterium. In Indien zählen die Chemie-, Petrochemie- und Pharmaindustrie, die Textilbranche, die Metallverarbeitung, die Lebensmittelindustrie und der Bergbau zu den wichtigsten Kunden.

Ein Beispiel für deutsch-deutsche Zusammenarbeit in diesem Bereich liegt in Dombivli, einem Vorort von Mumbai. Remondis Aqua errichtete dort 2022 eine ZLD-Anlage für Evonik. Das Essener Spezialchemieunternehmen produziert dort Katalysatoren. Täglich fallen 600 Kubikmeter Abwasser an, die vollständig aufbereitet und als Prozess- oder Kühlwasser wiederverwendet werden. Neben der Finanzierung und dem Bau der Anlage ist Remondis Aqua auch für deren Betrieb, Wartung und Instandhaltung verantwortlich.

Bewässerung in der Landwirtschaft bleibt in lokaler Hand

Der Agrarsektor verbraucht den Hauptteil des Wassers. Hierbei wird vor allem Oberflächenbewässerung mit einem Wirkungsgrad zwischen 40 und 60 Prozent eingesetzt. Indien startete 2015 ein Förderprogramm für Mikro-Bewässerung. Deutsche Unternehmen haben jedoch gegen die kostengünstigere lokale Konkurrenz kaum eine Chance.

Zuständige Behörden und Verbände:

Rechtsrahmen:

  • Water Act (1974) Zentrales Umweltgesetz zur Regelung des Wassersektors; ein Zusatz, der unter anderem höhere Strafen für Verstöße vorsieht, befindet sich zurzeit im parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren.

  • National Water Policy (2012) Formuliert politische Ziele im Wassersektor sowie Richtlinien zur Festlegung von Wasser- und Abwasserpreisen.