Interview | Irak | Wasser und Solar
Berliner WasserKiosk-Unternehmer: "Irak ist bereit für Projekte"
Weniger Korruption, mehr Kaufkraft und ein Push zu Solarstrom: Ein irakischstämmiger Unternehmer nennt im Interview Gründe für die Expansion in seinem Heimatland.
13.03.2026
Von Ulrich Binkert | Bonn
Ali Al-Hakim flüchtete 1995 mit seinen Eltern als Zehnjähriger nach Deutschland. Mit seiner von ihm mitgegründeten Firma Boreal Light war der Iraker bisher hauptsächlich in Afrika unterwegs. Deren "WasserKioske" stehen dort oft in entlegenen Gegenden. Für Dörfer sowie Krankenhäuser und andere Einrichtungen reinigen sie Wasser – per Filter-Umkehrosmose und mit Strom, der aus eigenen Solarpaneelen stammt. In Irak gibt es die Anlagen der Berliner Firma erst seit 2023, nun ist eine große Expansion geplant. Denn Al-Hakims Heimatland ist sicherer und wohlhabender geworden, und auch bei Politik und Korruption gibt es Fortschritte.
Herr al-Hakim, Sie wollen in Irak groß ins Geschäft einsteigen?
Irak ist sehr trocken und braucht viel aufbereitetes Trinkwasser. Mit der Stadt Basra sind wir jetzt in Gesprächen zu einer Entsalzungsanlage. Sie soll, und das ist das Neue an so einer Anlage, tagsüber mit Solarstrom laufen. Strom aus dem Netz wird nur nachts und bei Bedarf zugeschaltet. Dieses automatische Umschalten von Solar- auf Netzstrom haben wir bei mir zu Hause in Berlin mithilfe eines großen Konzerns ausgetüftelt, damit wir auch in europäischen Ländern mit weniger Sonneneinstrahlung Erfolg haben.
Hat Irak denn Probleme mit der Stromversorgung?
Ja, besonders im Sommer. Über ein Viertel des Bedarfs von rund 40 Gigawatt muss das Land dann importieren, hauptsächlich aus Iran. Wegen fehlender Leitungen kommt der Strom zudem häufig nicht in der Fläche an. Für eine dezentrale Wasseraufbereitung müssen dann Dieselgeneratoren einspringen.
Irak schwimmt doch im Öl – warum soll Strom da aus der Photovoltaik kommen?
Es stimmt, bisher steuert Photovoltaik vielleicht 1 Prozent der Kapazität im Netz bei, und 1 Liter Diesel für Generatoren kostet vielleicht 30 Dollar-Cent. Nun hilft uns aber der Preisverfall bei den Solarmodulen. Zudem forciert die Regierung und namentlich das Umweltministerium den Einsatz erneuerbarer Energien, um Klimazielen zu genügen. Dass Iraks Zentralbank manche Projekte teils nur noch bei Nutzung von Erneuerbaren genehmigt, ist zum Beispiel ein Grund für den massiven Photovoltaik-Zubau durch private Ölfirmen.
Ist die oft beklagte Korruption in Irak ein Thema für Sie, etwa beim Projekt mit der Stadt Basra?
Nach meinem Eindruck hat sich da viel verbessert. Meine Mutter musste neulich in Irak ihren Pass verlängern lassen. Noch vor fünf Jahren wäre das ohne persönliche Beziehungen zu Leuten auf den Ämtern dort kaum möglich gewesen. Bei ihr ging es nun auch ohne, und zwar schnell und problemlos.
Anschläge und Terror in Irak schrecken Sie auch nicht ab?
Die spuken vor allem noch in den Köpfen der Leute im Ausland rum. Sie sehen zum Beispiel nicht die Millionen Pilger in Kerbela und die friedlich-harmonische Stimmung dort. Es stimmt, bei meinen jährlichen Irak-Besuchen seit 2015 musste ich anfangs jeden Tag meine Mutter in Deutschland anrufen, wenn die Tagesschau wieder mal von einem Bombenanschlag berichtet hatte. Seither hat sich die Sicherheitslage aber stark verbessert, und ich hatte noch nie ein Problem damit.
Boreal Light mit großen Plänen in Irak
In Irak hat Boreal Light bisher zwei solarbetriebene Entsalzungsanlagen installiert von der Art, wie sie bereits in vielen Ländern Afrikas stehen. Die beiden Anlagen in einem Schrein der heiligen Stadt Najaf versorgen jährlich Millionen schiitische Pilger mit Trinkwasser. Zusammen reinigen sie dafür mit dem Strom eigener Photovoltaik-Paneele täglich maximal 1.300 Kubikmeter des lokal vorhandenen Brackwassers.
Mit dem jetzt geplanten Entsalzungsprojekt in Basra stößt Boreal Light in ganz andere geschäftliche Dimensionen vor. Die Anlage hat eine Tageskapazität von 100.000 Kubikmetern und würde um die 100 Millionen US$ kosten. Boreal Light plant die Anlage selber zu betreiben (BOO-Modell: Build-Own-Operate) und hat nach eigenen Angaben mit der Weltbank bereits einen Finanzierungspartner gefunden.
Zudem habe man sich auf die Ausschreibung einer privaten Ölfirma beworben, die eine ähnliche Entsalzungsanlage mit einer Tageskapazität von 24.000 Kubikmetern bauen will. Aber auch bei kleinformatiger Technik will Ali Al-Hakim in Irak einen großen, bisher unerschlossenen Markt angehen: Wasserkühler und Eismaschinen, die mit Solarstrom laufen.
Bisher haben Sie Ihre WasserKioske vor allem in Afrika installiert. Was läuft in Irak anders?
Es ist vieles einfacher. In Kenia muss man Schweißer, Elektriker oder Installateure oft erst langwierig und teuer ausbilden, in Irak finden Sie gute Leute an jeder Ecke. Und dies recht preiswert. Iraker kosten etwas mehr, manchmal ist es dann ein Iraner. So wie der Techniker, der unsere WasserKioske in Najaf betreut.
Und Rohre, Tanks und anderes Material?
Auch das ist in Irak schnell und billig verfügbar. Es gibt ein breites Angebot mit viel Konkurrenz und auch einer einheimischen Produktion, auch von Pumpen und anderen Materialien. Das senkt die Kosten im Vergleich zu Ostafrika. Dort sind Dinge schwerer zu bekommen und es gibt hohe Importzölle, die die Kosten weiter in die Höhe treiben. Natürlich drückt das alles auch unsere Preise gegenüber den Kunden. Wir haben bei unseren Anlagen aber keine direkte Konkurrenz im Land. Niemand sonst bietet eine effiziente Wasserreinigung mit Photovoltaik-Strom ohne aufwendige Batteriespeicher oder Umrichter.
Merken Sie auch, dass in Irak mehr Geld ist als vielerorts in Afrika?
Absolut. Gehälter und Kaufkraft haben sich in den letzten zehn Jahren recht gut entwickelt. Ein Techniker in Irak verdient umgerechnet um die 600 US-Dollar (US$) im Monat, was inzwischen deutlich mehr ist als in Iran oder auch der Türkei.
Wer hat konkret Ihre beiden Anlagen in Najaf finanziert?
Es gab tatsächlich keine Behörde oder Betreiber eines Schreins, der dafür investiert hat. Vielmehr sammelten wir das Geld bei wohlhabenden Spendern ein. Schiiten sind angehalten, je nach Möglichkeit ein Fünftel ihres Einkommens Bedürftigen zukommen zu lassen. Oder auch einem guten Zweck wie sauberem Wasser.
Wie überzeugen Sie potenzielle Kunden von Ihren Wasserkiosken?
Da braucht es, neben den üblichen Dokumentationen oder Erklärvideos, tatsächlich Referenzen im Land. Unsere beiden Anlagen in Najaf taugen dafür leider nicht. Deren Wasser trinken zwar Millionen durstige Pilger, die Technik dahinter bekommt aber kaum jemand zu Gesicht. Selbst ich als Lieferant und irakischer Schiit muss sehr lange warten auf den Zutritt in das Innere des Maschinenraums im heiligen Schrein.
Deshalb schickten Sie extra eine Referenzanlage nach Irak?
Ja, im letzten Dezember. Es ist ein kleiner WasserKiosk mit einer Leistung von 2 Kubikmetern Wasser pro Stunde. Den kann unser Partner nun auf seinem Grundstück nahe Bagdad Betreibern von Krankenhäusern, Schulen oder anderen möglichen Kunden vorführen. Die Kosten von insgesamt 80.000 US$ trugen wir selbst. Das ist vermutlich immer noch billiger als all die potenziellen Kunden nach Deutschland einzuladen. Die sind dann einen Tag bei uns in der Firma und ansonsten auf Städtetrip. Und glauben Sie nicht, dass die Economy fliegen.