Branchen | Kanada | Hafeninfrastruktur
Kanadas Hafenumbau eröffnet neue Märkte für deutsche Anbieter
Landstrom, Elektrifizierung und neue Energieinfrastruktur entstehen an allen Küsten. Deutschen Technikanbietern und Planungsbüros eröffnen sich attraktive Marktchancen.
06.02.2026
Von Heiko Steinacher | Toronto
Halifax wird zum Vorzeigeprojekt für Kanadas Hafenmodernisierung: Mit bis zu 18,5 Millionen US-Dollar (US$) treiben Bundesregierung und Hafenbehörde eine Reihe von Dekarbonisierungsmaßnahmen voran. Der größte Teil der Mittel stammt aus dem Green Shipping Corridor Program (GSCP), ergänzt durch Zuschüsse aus dem National Trade Corridors Fund (NTCF) – zwei Programme, die an mehreren Häfen zum Einsatz kommen und Kanadas ökologische Hafenstrategie flankieren.
Halifax setzt erste Akzente beim Hafenumbau
Damit finanziert Kanada erstmals im großen Stil Maßnahmen, die direkt auf den klimafreundlichen Hafenbetrieb zielen:
- Landstromanlagen (Onshore Power Supply/OPS), über die Schiffe ihre Motoren während der Liegezeit abschalten können
- die Elektrifizierung zentraler Hafen- und Umschlaggeräte
- den Aufbau einer Wasserstoffperipherie für zukünftige Anwendungen
- eine elektrobetriebene Rangierlok für den Güterumschlag
Parallel laufen Debatten über Flächenumwidmungen, etwa am Getreidepier, die zusätzliche Infrastrukturprojekte nach sich ziehen könnten.
Halifax orientiert sich an früheren Initiativen wie der grünen Schifffahrtsroute Seattle–Vancouver–Alaska, einem der ersten konkreten Green‑Corridor‑Projekte in Nordamerika, und setzt die 2022 vereinbarte Kooperation mit dem Hafen Hamburg erstmals konkret um. Damit beginnt für den Atlantikhafen eine Phase moderner klimafreundlicher Hafeninfrastruktur. Für deutsche Unternehmen entsteht dadurch ein unkomplizierter Zugang zu einem Markt, der erstmals über förderfinanzierte Pilotanwendungen verfügt und damit stabile Rahmenbedingungen für Technologieeinsatz, Service und Skalierung bietet.
Westküste: British Columbia skaliert Landstrom – drei Projekte, ein Ziel
So viel spart ein einziges Containerschiff, wenn es in Vancouver an den Strom geht, statt den Hilfsdiesel laufen zu lassen – das entspricht ungefähr dem CO₂‑Ausstoß von 20 Autos in einem ganzen Jahr.
Auch in anderen kanadischen Hafenregionen setzt die Bundesregierung inzwischen auf vergleichbare Modernisierungsschritte. An der Pazifikküste in British Columbia werden drei Projekte mit insgesamt bis zu 26 Millionen US$ adressiert: Seaspan Ferries stattet vier Terminals (Delta, Nanaimo, North Saanich, Surrey) mit Landstrom aus, die Vancouver Fraser Port Authority modernisiert die Anlage am Canada Place. Die Greater Victoria Harbour Authority (GVHA) erhielt Förderzusagen für ein Landstromprojekt am Kreuzfahrtterminal Ogden Point, dessen Umsetzung jedoch noch geprüft wird.
Einen Praxisbeleg dafür, wie Landstrom im Linienbetrieb wirkt, liefert Prince Rupert im Norden der Provinz British Columbia: Dort können Containerschiffe an beiden Liegeplätzen elektrisch versorgt werden. Die Hafenbehörde beziffert die jährliche CO₂‑Minderung auf nahezu 30.000 Tonnen. Zugleich spricht sie von einer spürbaren Verringerung weiterer Luftschadstoffe im Hafenumfeld. Für Anbieter zeigt Prince Rupert, dass Landstromsysteme im nordamerikanischen Linienbetrieb zuverlässig funktionieren – ein Erfahrungswert, der die Umsetzung an anderen Standorten deutlich erleichtert.
An der Südspitze von Vancouver Island zeigt Victoria die Grenzen großer Elektrifizierungsvorhaben auf: Die GVHA hat ihr Landstromprojekt am Ogden Point nach erneuter Kosten‑ und Machbarkeitsprüfung vorerst zurückgestellt. Die technischen Anforderungen – darunter ein eigenes Umspannwerk und eine rund 7,5 Kilometer lange Netzanschlussstrecke – hätten Kosten von über 66 Millionen US$ verursacht. Die Hafenbehörde setzt daher auf eine stufenweise Elektrifizierung. Kurzfristig ergeben sich daraus Chancen in Netzplanung und technischen Vorstudien. Mittelfristig können Teilelektrifizierungen oder modulare Lösungen wieder Beschaffungsbedarf auslösen.
Auch entlang der St.-Lorenz‑/Große‑Seen‑Region schreitet die Modernisierung voran: In Québec City werden Liegeplätze für Kreuzfahrt‑ und Frachtschiffe elektrifiziert, teilweise in Zusammenarbeit mit dem Reedereikonzern Fednav. In Montréal erhalten sowohl das Viterra-Terminal als auch das Bickerdike-Terminal entsprechende Anlagen zur Versorgung der Schiffe vom Land aus. Damit entsteht entlang des St.-Lorenz ein zusammenhängender grüner Schifffahrtskorridor mit verlässlichen Anlaufpunkten für elektrifizierte Abläufe im Hafenbetrieb.
Wo deutsche Technik gefragt ist:
• Landstromtechnik und Energieinfrastruktur:
Umrichter, Mittel‑/Niederspannungstechnik, Trafostationen, Schalt‑ und Schutzgeräte, Kabelmanagement und Energieoptimierung – zumeist nach IEC‑Standards und mit geforderter Netzverträglichkeit.
• Elektrifizierung von Hafen- und Umschlaggeräten:
Elektrifizierte Containerportalkräne (E‑RTGs), elektrisch betriebene Yard‑Traktoren, Ladesysteme sowie Batteriepuffer für schwankende Netzeinspeisung.
• Wasserstoffperipherie:
Elektrolyse‑Vorstufen, Speicher‑ und Kompressionslösungen, Mess‑ und Sicherheitstechnik; in Halifax ausdrücklich Teil des Förderspektrums.
• Digitale Mess‑, Reporting‑ und Verifikationssysteme:
Energie‑ und Emissionsmonitoring, Schnittstellen zu Green Marine und relevanten IMO‑Standards sowie Datenplattformen zur Analyse von Liegezeiten und Energiebedarf.
• Netzplanung und technische Vorstudien:
Gerade Fälle wie Victoria verdeutlichen den Bedarf an Grid‑Studies, Lastprofilanalysen und modularen Ausbaupfaden – Felder, in denen deutsche Ingenieur‑ und Beratungsbüros traditionell stark sind.
Bundesweiter Rahmen stärkt lokale Projekte
Hinter den regionalen Entwicklungen steht eine erkennbare bundespolitische Strategie. Über Programme wie das GSCP und den NTCF finanziert finanziert Ottawa landesweit Projekte zur Elektrifizierung von Liegeplätzen und Hafenprozessen. Der Oceans Protection Plan (OPP) – inzwischen mit 2,6 Milliarden US$ ausgestattet – sorgt zusätzlich für langfristige Planungssicherheit bei Umweltstandards und moderner maritimer Infrastruktur.
Kanada hat darüber hinaus mit der Clydebank Declaration zugesagt, grüne Schifffahrtskorridore voranzutreiben – ein Signal, das Investitionen in emissionsarme Hafenlösungen stärkt.
Marktsignale: Umweltstandards werden wirtschaftlich relevant
Dass dieser Kurs wirkt, zeigen die freiwilligen Umweltbewertungen der Häfen. Halifax und Montréal erzielen bei Green Marine – dem führenden nordamerikanischen Nachhaltigkeitsstandard für die maritime Industrie – seit Jahren Spitzenwerte; 2024 lag Halifax mit 4,1 Punkten im oberen Fünftel aller teilnehmenden Häfen. Solche Kennzahlen beeinflussen zunehmend Ausschreibungen sowie Betreiberentscheidungen und erhöhen die Nachfrage nach Lösungen, die Emissionen und Energieverbräuche reduzieren.
Gleichzeitig verstärkt internationale Regulierung den Druck: Ab 2030 müssen bestimmte Schiffstypen in der EU Landstrom nutzen. Für Häfen entlang transatlantischer Routen wird eine entsprechende Infrastruktur damit zum Wettbewerbsfaktor.
Kanadas Hafendekarbonisierung entwickelt sich zu einem skalierbaren Zukunftsmarkt. Der Korridor Halifax–Hamburg markiert den Einstieg, British Columbia und Québec zeigen die Breite der Umsetzung – von Landstrom und elektrifizierten Hafenprozessen über neue Energietechnik bis zu digitalen Monitoringsystemen. Bundesprogramme und internationale Verpflichtungen verstärken den Trend. Wer früh normkonforme und netzfähige Lösungen anbietet, findet in Kanadas zu modernisierenden Häfen attraktive Einstiegschancen.