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Marokko priorisiert Energieeffizienz im Bauwesen
Marokko setzt neben der Fußball-WM 2030 weitere Katalysatoren zur Modernisierung der Bauindustrie und des Gebäudebestands ein. Energieeffizienz gehört eindeutig dazu.
15.07.2026
Die marokkanische Regierung will den Endenergieverbrauch im Gebäudebestand senken. Letzteres möchte sie vor allem mit Hilfe verschärfter Baunormen erreichen, die in der "Stratégie Nationale de l'Efficacité Énergétique – Horizon 2030" festgeschrieben wurden.
Demnach soll der Energieverbrauch in neu zu bauenden Immobilien im Vergleich zum Bestand um 20 Prozent bis 2030 sinken. Nach Angaben der staatlichen Energieeffizienzbehörde (Agence Marocaine pour l'Efficacité Énergétique / AMEE) würden dadurch die jährlich anfallenden Gesamtkosten zum Kühlen/Lüften/Beheizen von Immobilien von 10 Milliarden Euro bis 2030 auf 8 Milliarden Euro schrumpfen.
Vorgesehen ist, den Energieverbrauch in Bestandswohnungen über Nachrüstungen um 17 Prozent zu reduzieren und in Gewerbeimmobilien um 10 Prozent. WM-Stadien und begleitende Infrastruktur wie Hotels und Verkehrsknotenpunkte werden über diese Basisanforderungen hinaus energietechnisch nachgerüstet, um den strengen FIFA-Anforderungen zu entsprechen.
Die Einhaltung der Effizienznormen muss nachgewiesen werden
Das Gesetz Nr. 47-09 aus dem Jahr 2009 reguliert allgemein das Thema Energieeffizienz (loi relative à l'efficacité énergétique). Speziell für die Bauwirtschaft wurde 2014 das Dekret Nr. 2-13-874 erlassen. Vorgeschrieben sind darin Mindestwerte für die Wärmedämmung von Wänden, Dächern und Fenstern sowie Effizienzanforderungen an Heiz-, Kühl-, Belichtungs- und Lüftungssysteme. Eine letzte Reform der Durchführungsbestimmung hat der Gesetzgeber per Dekret Nr. 2-17-746 im Jahr 2022 vorgenommen.
Das Regelwerk schreibt vor, dass zur Beantragung einer Baugenehmigung ein energietechnischer Konformitätsnachweis vorliegen muss. Dazu gehört das Eco-Binayate-Zertifikat, das die oben erwähnte Behörde AMEE ausstellt. Die Beamten prüfen, ob in den Planungsunterlagen alle Normen zur Energietechnik und Raumthermik berücksichtigt und eingehalten wurden.
Während der sich anschließenden Bauphase untersuchen private Prüfvereine in regelmäßigen Abständen sowohl die Produktqualität der Dämmung, Fensterabdichtung sowie HLK-Technik als auch die Qualität der Bau- und Installationsausführung.
Zum Bauende hin werden abschließende Messungen der Luftabdichtung und Wärmeleitfähigkeit vorgenommen, was mit darüber entscheidet, ob das Gebäude energietechnisch abgenommen wird. Stimmen alle Messergebnisse mit dem vorgegebenen Normenkatalog überein, wird eine Attestation de conformité énergétique ausgestellt.
Deutsche Anbieter stechen mit Qualität hervor
Deutschen Herstellern und Ausrüstern von Energieeffizienztechnik ist anzuraten, bei der Auftragsakquise ihre Erfahrungen und Referenzen in den Vordergrund zu stellen. Daraus sollte hervorgehen, dass sowohl alle Installationsausrüstungen als auch die Bauausführung allen Präzisionskriterien entsprechen, wodurch ein langer Lebenszyklus der Ausrüstungen sowie geringe Betriebskosten garantiert sind.
Neben den deutschen Heizungs-, Lüftungs- und Klima-Anlagen (HLK) gehören zu den energieeffizienten Ausrüstungen hochwertige Dämmstoffe, Fensterkonstruktionen mit Wärmegut-Zertifizierung sowie intelligente Fassadensysteme. In der Regel entsprechen die aus Deutschland importierten Waren und Materialien allen Anforderungen des marokkanischen Regelwerkes.
Zu den bekannten deutschen Anbietern bei Gebäudeautomation und Energiemonitoring gehören Siemens, Beckhoff und WAGO. Bei HLK-Technik können Firmen wie Bosch Thermotechnik, Viessmann und TROX besonders punkten. Hochwertige Fenster, Fassaden und Dämmungen stammen von Schüco sowie REHAU und im Wasser- und Wärmemanagement besetzen die Pumpenhersteller Wilo und KSB starke Positionen.
Dem deutschen Mittelstand fehlen Turn-Key-Lösungen
Als Nachteil deutscher Firmen stellt sich in der Praxis heraus, dass sie in der Regel keine schlüsselfertige Gesamtlösung anbieten. Stattdessen bieten sie technologische Teilaspekte des Gesamtprojekts an. An Großausschreibungen können jedoch nur Konsortien teilnehmen, die das gesamte Projekt abdecken. Aus diesem Grund werden deutsche Ausrüster meist nur als Unterauftragnehmer aktiv, wenn überhaupt. Ein geeignetes Instrument der deutschen Außenwirtschaftsförderung, das den Mittelstand zur Konsortialbildung in Drittländern befähigen würde, existiert nicht.
Projekttyp / Sektor | Typische Bauträger / Akteure (Beispiele) | Investitionsgröße (Schätzung) | Gefragte Technologie & Anwendungszweck |
|---|---|---|---|
Große Verwaltungsgebäude & Behörden | Agence Nationale de la Conservation Foncière, Ministerien, regionale Verwaltungszentren (z.B. Rabat/Casablanca) | hohe Investitionen (mehrere Mio. Euro pro Gebäudekomplex) | GTB-Systeme (Building Management Systems): Zentrale Überwachung von Heizungs-, Lüftungs- und Klima-Anlagen, Optimierung des Energieverbrauchs durch vernetzte Raumregelungen, Integration von Solaranlagen (Net-Metering). |
Luxus-Hotels & Resort-Komplexe | Groupe Attijariwafa Bank (Investments), Marriott, Accor, lokale Developer (z.B. ADP MCG) | sehr hoch (5 Mio. – 50 Mio. Euro pro Projekt) | KNX-Standardisierung: Automatische Jalousiesteuerung zur Kühlung (Passivhaus-Prinzip), Lichtszenarien zur Senkung des Verbrauchs, Raumklima-Regelung in Einzelzimmern (Energiemonitoring pro Zimmer). |
Industrieparks & Logistikzentren | AMDIE (Investment Agency), Free Zones Tanger/Kenitra, Logistiker (DHL, Maersk) | hoch (Logistikparks > 10 Mio. Euro) | Energiemanagement & Sensoren: Beleuchtungssteuerung (Bewegungsmelder + Tageslichtabhängigkeit), Steuerung von Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge, Überwachung industrieller Kühlhäuser. |
Neue Wohnviertel (Grand Casablanca/Rabat) | CDG (Caisse de Dépôt et de Gestion), Socotec, private Entwickler (Al Omrane) | mittel bis hoch (komplexe Projekte) | Smart Home Vorstufe (KNX): Vorbereitung für spätere Erweiterung, Grundausstattung für intelligente Stromzähler (Smart Metering), Vernetzung von Wärmepumpen und Photovoltaik-Dachanlagen. |
Hochschulen & Forschungseinrichtungen | Université Mohammed VI Polytechnique (UM6P), Cadi Ayyad Universität | mittlere bis hohe öffentliche/private Förderung | Integrierte GTB-Lösungen: Monitoring der Laborenergiekosten, Automatisierung von Sicherheits- und Belüftungssystemen in sensiblen Bereichen. |
Firmen aus anderen Ländern, zum Beispiel aus China oder der Türkei, erzielen Erfolge mit preisgünstigen Angeboten. Auch fällt türkischen und chinesischen Firmen die Konsortialbildung leichter, da es in Marokko leistungsfähige Baufirmen aus ihren Herkunftsländern gibt, die als Konsortialführer agieren.
Insbesondere die chinesische Konkurrenz hat ihre Stellung in den letzten Jahren stark ausbauen können. In diesem Zusammenhang profitieren chinesische Firmen von der Seidenstraßeninitiative ihrer Regierung: Anschubfinanzierungen und günstige Transportwege aus China helfen ihnen, Aufträge günstig ausführen zu können.
Die in Marokko ebenfalls sehr gut positionierten spanischen und französischen Wettbewerber profitieren zum einen von ihrer geografischen Nähe und zum anderen von den engen und historisch gewachsenen bilateralen Wirtschaftsbeziehungen.
Zu den aktiven Anbietern außerhalb der deutschen Wirtschaft gehören in Marokko Schneider Electric mit EcoStruxure-Lösungen für das Energiemanagement und zur Gebäudeautomation, aber auch Systemintegratoren wie Elesystem oder Global-T Maroc, die KNX- und GTB-Systeme (Gebäudetechnik-Management) anbieten. Mit Hilfe dieser Systeme kommunizieren Sensoren, Aktoren, Taster und weitere Geräte über eine gemeinsame Busleitung, um auf diese Weise unter anderem intelligente Systeme zur Beleuchtung, für Jalousien/Sonnenschutz, Heizung/Klima, Sicherheitssysteme und das Energie-Management zu steuern.