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Singapur will zusätzlichen Strombedarf aus Erneuerbaren decken
Singapurs Stromnachfrage steigt. Es bemüht sich um zusätzliche und alternative Bezugsquellen. Das birgt auch Beteiligungsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen.
07.05.2026
Von Alexander Hirschle | Singapur
Der Energiebedarf Singapurs wird bis 2035 um bis zu 5 Prozent pro Jahr wachsen. Das liegt insbesondere am steigenden Strombedarf in dem kleinen, südostasiatischen Land. Laut der Energiemarktbehörde EMA ist dafür vor allem die dynamische Entwicklung in energieintensiven Bereichen wie dem Transportsektor, vor allem durch elektrische Fahrzeuge, oder Advanced Manufacturing verantwortlich. Aber auch der Boom von Datenzentren und künstlicher Intelligenz sorgt für eine zunehmende Stromnachfrage.
Regierung setzt bei Stromversorgung auf vier Säulen
Um seine Stromversorgung zu sichern und nachhaltiger zu gestalten, hat sich der Stadtstaat eine stärkere Diversifizierung der Stromerzeugung zum Ziel gesetzt, die im Wesentlichen auf vier Säulen beruht:
Die erste Säule bilden Erdgas beziehungsweise LNG. Deren Nutzung soll zwar reduziert werden, aber nach Informationen der Wirtschaftsförderorganisation EDB (Economic Development Board) auch in Zukunft ein Grundpfeiler der Stromversorgung Singapurs sein und ab 2035 etwa 50 Prozent des Bedarfs decken.
Derzeit erzeugt der Stadtstaat noch 94 Prozent seines Strombedarfs aus importiertem Erdgas. Etwa die Hälfte davon bezieht er über regionale Pipelines unter anderem aus Malaysia und Indonesien. Die andere Hälfte ist LNG. Am Jurong Port ist ein zweites LNG-Terminal im Bau, das bis 2030 einsatzbereit sein soll. Die LNG-Einfuhren haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen.
Strom aus lokalen Energiequellen soll als zweite Säule an Bedeutung gewinnen. Dabei steht vor allem Solarenergie im Zentrum der Bemühungen. Ihr Anteil an der Stromversorgung soll bis 2035 rund 8 Prozent erreichen. Dafür setzt Singapur zunehmend auf schwimmende Photovoltaikanlagen.
Mehr regionale Zusammenarbeit
Die dritte Säule ist der Import von Strom aus der Region, der aus erneuerbaren Energien erzeugt wird. Dieser soll bis 2035 rund ein Drittel des Strombedarfs decken. Die Behörde EMA verweist in diesem Zusammenhang auf gute Fortschritte bei der Zusammenarbeit mit Indonesien und Malaysia.
Eine stärkere Anbindung an die Stromressourcen anderer Mitgliedstaaten der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) ist für Singapur essenziell. Ein erster Schritt war 2022 das Laos-Thailand-Malaysia-Singapore Power Integration Project. Zudem nimmt nach jahrzehntelangen Diskussionen die Umsetzung des sogenannten ASEAN Power Grid (APG) Fahrt auf. Die dafür notwendigen Investitionen beim Aufbau und der Integration von Stromkapazitäten und der zugehörigen Netzinfrastruktur in Südostasien könnten Schätzungen zufolge einen Wert von bis zu 300 Milliarden US-Dollar erreichen. Die Anforderungen an das Stromnetzmanagement werden durch die verschiedenen Quellen komplexer. Deutsche Firmen können mit ihren Technologien und ihrer Erfahrung in diesem Bereich punkten und sich zum Beispiel beim Aufbau von Smart Grids oder der Verlegung von Unterseekabeln beteiligen.
Emissionsarme Alternativen
Als vierte Säule für die Stromproduktion setzt Singapur auf emissionsarme Alternativen. Die Nanyang Technological University arbeitet zusammen mit TUMCREATE (einer Forschungsplattform der Technischen Universität München) beispielsweise an einer Studie über das Potenzial der Nutzung von Geothermie in Singapur. Sie werden durch weitere Institutionen und die EMA unterstützt. Mit Blick auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist Singapur nach Einschätzung von Fachleuten allerdings kein einfaches Terrain.
Singapur prüft auch die Nutzung von Atomenergie mit Hilfe kleiner modularer Reaktoren (Small Modular Reactors), befindet sich diesbezüglich aber noch im Anfangsstadium. Presseinformationen zufolge will die Behörde EMA Kooperationsvereinbarungen mit koreanischen und US-Institutionen eingehen, um die neuesten Technologien in diesem Bereich zu studieren.
Weg zur Klimaneutralität bietet Geschäftschancen
Die Regierung hat ehrgeizige Klimaziele gesetzt und will, dass Singapur bis 2050 vollständig klimaneutral ist. Den Rahmen für die dafür notwendigen Maßnahmen gibt der Nachhaltigkeitsplan "Singapore Green Plan 2030" vor, der auch die Energiepolitik einschließt. Dazu gehören der Ausbau erneuerbarer Energien, die Entwicklung intelligenter Stromnetze und Speicherlösungen.
Praxistipp
Die Energiemarktbehörde EMA veröffentlicht Ausschreibungen und Förderaufrufe für Energieprojekte, Pilotprogramme und Innovationsinitiativen unter www.ema.gov.sg.
GeBIZ ist das offizielle Online-Beschaffungsportal für Singapur. Unternehmen finden unter www.gebiz.gov.sg alle öffentlichen Ausschreibungen und können am offiziellen Bieterverfahren teilnehmen.
Die Singapore International Energy Week bietet Entscheidungsträgern deutscher Branchenfirmen jedes Jahr die Möglichkeit, sich über lokale und globale Energiethemen, nachhaltige Lösungen und Kooperationen auszutauschen. Die Messe findet 2026 vom 26. bis 30. Oktober im Marina Bay Sands Expo & Convention Centre statt.
Die Regierung hat außerdem angekündigt, in den kommenden fünf Jahren rund 630 Millionen US$ für Forschungsaktivitäten in den Bereichen CO2-arme Energieerzeugung und Dekarbonisierung in der Industrie auszugeben. Langfristig will sich der Stadtstaat als Vorreiter für Low‑Carbon‑Technologien in Südostasien positionieren. Wasserstofffähige Gasturbinen von Siemens Energy unterstützen bereits die Bemühungen, die CO2‑Emissionen im Stadtstaat zu senken und gleichzeitig die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Nach Aussage deutscher Unternehmensvertreter ist die internationale Konkurrenz in der Region stark – doch das Gütesiegel "made in Germany" überzeugt bei Energiekomponenten nach wie vor. Deutsche Branchenfirmen wie Siemens Energy nutzen den Hub Singapur häufig, um von dort ihr gesamtes Asien- oder Südostasiengeschäft zu steuern.
Standort für Mineralölhandel und -verarbeitung
Singapurs internationale Geschäftsaktivitäten im Energiesektor beschränken sich nicht allein auf den Import von Strom. Durch seine Spezialisierung auf Logistikdienstleistungen sowie seine Funktion als regionaler Handelsumschlagplatz konnte sich der Stadtstaat auch als einer der weltweit wichtigsten Standorte für Erdölraffination und Bunkerung positionieren.