Das verarbeitende Gewerbe ist eng mit der EU-Wirtschaft vernetzt. Erneuerbare Energien, Infrastruktur, Tourismus und IKT bieten wachsendes Potenzial.
Nordmazedoniens Wirtschaftspolitik ist – unabhängig von der jeweiligen Regierung – geprägt von Freihandel, wirtschaftlichen Reformen und regionaler Integration. Der mit Abstand wichtigste Handelspartner ist Deutschland. Das Westbalkanland ist Mitglied im Central European Free Trade Agreement (CEFTA) und schloss Freihandelsabkommen unter anderem mit der Türkei und der Ukraine.
Die günstige geografische Lage ist ein großer Standortvorteil. Das Land liegt im Zentrum wichtiger Transportkorridore in Nord-Süd sowie Ost-West-Richtung. Eine Anbindung nach Deutschland ist über die Autobahn A1 in Richtung Serbien gegeben.
Das Westbalkanland überzeugt seit der Coronapandemie als Produktionszentrum vor der Haustür der EU. Zudem entwickelt sich Nordmazedonien zu einem beliebten Beschaffungsmarkt für verarbeitende Betriebe aus Deutschland. Die Zulieferlandschaft ist vor allem durch kleine und mittelständische Betriebe geprägt.
1,8
Mio.
Menschen lebten 2024 in Nordmazedonien.
Quelle: Vereinte Nationen 2025
15,3
Mrd.
Euro betrug das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2024.
Quelle: IWF 2025
7.897
Euro betrug das nominale BIP pro Kopf 2024.
Quelle: IWF 2025
Rang 57
belegte Nordmazedonien 2024 unter den deutschen Außenhandelspartnern.
Quelle: Destatis 2025
Rang 88
nimmt Nordmazedonien im Corruption Perceptions Index 2024 ein (unter 180 Ländern).
Quelle: Transparency International 2025
1,6
%
betrug die Analphabetenquote im Jahr 2020.
Quelle: CIA 2024
Solide Industriebasis als Treiber für Investitionen und Entwicklung
Nordmazedoniens Firmen sind tief in die Lieferketten europäischer Unternehmen integriert. Lokale Hersteller produzieren vor allem Kfz-Teile wie Kabelbäume, Steckverbindungen, Batterien, technische Textilien, Filtersysteme sowie Sitze oder Spiegel. Diese Produkte werden auch bei der E-Mobilität benötigt und sichern so die Zukunft des Standorts. Die Zulieferteile aus Nordmazedonien werden vor allem in Pkw verbaut. Zur Verringerung der Abhängigkeit vom Pkw-Markt trägt die niederländische VDL Group bei. Nach der Übernahme der Bussparte von Van Hool will VDL dessen Produktion von Omnibussen in Skopje ausbauen.
Die lokale Kfz-Zulieferindustrie muss sich für den Strukturwandel hin zur E-Mobilität wappnen. Mit Johnson Matthey ist aktuell einer der größten europäischen Hersteller von Katalysatoren mit einem jährlichen Exportvolumen von rund 1,8 Milliarden Euro angesiedelt. Da E-Mobile keine Katalysatoren benötigen, stößt das Geschäftsmodell des britischen Konzerns bald an seine Grenzen. Daneben müssen lokale Lieferanten verstärkt in grüne Technologien investieren, um nach dem Inkrafttreten des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) in den Lieferketten deutscher Firmen bleiben zu können.
Bauwirtschaft, grüne Energie und IKT bieten Potenzial
Die Regierung investiert Milliarden in den Ausbau der Infrastruktur, vor allem in neue Autobahnen und Bundesstraßen, wie zwischen Skopje und Ohrid. Zudem soll die Schienenstrecke zwischen Tabanovce und Gevgelija als Teil des paneuropäischen Korridors X ausgebaut werden. Weitere Mittel fließen in den Bau und die Modernisierung medizinischer Einrichtungen.
Darüber hinaus erwartet die Regierung bis 2030 private Investitionen von rund 3 Milliarden Euro in den Ausbau erneuerbarer Energien, vor allem in Solarkraftwerke und Windparks. Nordmazedonien bleibt abhängig vom Import von Öl und Gas. Zur Erhöhung der Versorgungssicherheit wird eine neue Gaspipeline aus Griechenland verlegt. Diese Röhre ist auch für den Transport von grünem Wasserstoff ausgelegt.
Eine traditionsreiche Branche ist die Fertigung von Bekleidung, Textilien sowie Berufs- und Spezialkleidung. Lokale Firmen produzieren überwiegend für europäische Modemarken. Das deutsche Unternehmen Iprotex fertigt technische Textilien und Wärmedämmstoffe für die Kfz-Industrie.
Zudem wird das Land als Zielland für Touristen immer beliebter. Als Besuchermagnet fungiert neben der Hauptstadt Skopje das Weltkulturerbe Ohridsee. Im Jahr 2025 erwartet die Regierung erstmals mehr als 1,5 Millionen Gäste. Deutsche Touristen liegen hinter Besuchern aus der Türkei auf Platz 2.
Nordmazedonien ist reich an nicht metallischen Rohstoffen, die zu Baustoffen verarbeitetet werden können, darunter Gips oder Naturstein zur Fassadenverkleidung. Mit Knauf nutzt auch der erste deutsche Investor im Land die lokalen Vorkommen zur Produktion von Gipskartonplatten. Im Dienstleistungssektor bietet das Balkanland gute Chancen für Informations- und Kommunikationstechniken, insbesondere für IKT-Outsourcing und den Export digitaler Lösungen.
Die Landwirtschaft spielt eine untergeordnete Rolle. Angebaut werden vor allem Getreide und Wein, zudem wird Viehzucht betrieben. Der Ökolandbau bietet jedoch Potenzial.
Bedeutung der Wirtschaftszweige in NordmazedonienAnteile in Prozent| Sektor | Anteil an nominaler Bruttowertschöpfung 2023 |
|---|
| Bergbau und Industrie | 18,3 |
| Transport, Logistik und Kommunikation | 8,9 |
| Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft | 8,1 |
| Baugewerbe | 6,4 |
Quelle: Vereinte Nationen 2025
Deutsche Firmen erweitern Präsenz in Nordmazedonien
Die deutsche Wirtschaft investiert seit Jahren in eigene Werke im Land. Rund 200 Unternehmen mit deutschem Kapital geben rund 26.000 Menschen Arbeit und produzieren in erster Linie für den Export. Im World Business Outlook der Auslandshandelskammern (AHK) vom Frühjahr 2025 bewerteten die teilnehmenden Firmen ihre Konjunkturerwartungen positiver als in der EU und bekräftigten ihre Investitionsabsichten in Nordmazedonien. Bei den Risiken nennen die Teilnehmer die steigenden Arbeits- und Energiekosten sowie den Fachkräftemangel. Die größte Herausforderung sehen die Firmenvertreter in der digitalen Transformation. Direkte negative Auswirkungen der neuen US-Handelspolitik auf ihre Geschäfte im Land erwartet die Mehrheit der Unternehmen hingegen nicht.
Antje Wandelt, Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Nordmazedonien, fasst die Vorteile des Standortes zusammen:
"Deutsche Firmen sind integraler Bestandteil einer dynamischen Wirtschaftsszene und geschätzte Arbeitgeber. Gleichzeitig finden sie hier, weniger als 24 Autostunden von Deutschland entfernt, kompetente, erfahrene und äußerst flexible Partner für Zulieferprodukte. Zudem erweist sich die stabile Sicherheitslage als klarer Standortvorteil."
SWOT-Analyse Nordmazedonien
S
Stärken
Strengths
- Strategische Lage an überregionalen Transportkorridoren
- Stark entwickelte und diversifizierte industrielle Basis
- Nahezu zollfreier regionaler Handel mit CEFTA
- Wettbewerbsfähige Kostenstruktur und attraktive Steuersätze
- An Euro gekoppelte Landeswährung
W
Schwächen
Weaknesses
- Hoher Modernisierungsbedarf bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung
- Hohe Importabhängigkeit der Industrie bei Vorprodukten
- Überschaubare Größe des Binnenmarktes
- Defizite bei Rechtsstaatlichkeit und Transparenz
- Ineffiziente Verwaltung
O
Chancen
Opportunities
- Wachsendes Potenzial als Nearshoring- und Sourcing-Standort
- Mitgliedschaft in EFTA/CEFTA sowie Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der EU
- EU-Vorbeitrittshilfen und Finanzhilfen bilateraler und internationaler Geber
- Erweiterung und Modernisierung von Verkehrskorridoren
- Ausbau erneuerbarer Energien und nachhaltiger Produktion
T
Risiken
Threats
- Ungelöster Disput über EU-Beitritt mit Bulgarien
- Starke Abhängigkeit von Entwicklungen auf EU-Markt, v.a. in der Kfz-Industrie
- Steigender Arbeitskräftemangel und Emigration
- Sinkende Einwohnerzahl, schrumpfender Markt
- Hohe Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger
Regionen: Skopje ist bedeutendstes Wirtschaftszentrum
Dreh- und Angelpunkt des wirtschaftlichen Lebens ist Skopje. Die Hauptstadt und die nahe gelegenen Industriezonen sind Zentrum der Geschäftsaktivitäten und ausländischer Investitionen. Bitola beheimatet das landesweit größte Kohlekraftwerk. Kumanovo ist ein Zentrum der Metall- und Textilindustrie. Ohrid bildet ein regionales wirtschaftliches und touristisches Zentrum am gleichnamigen See.
Eckdaten der wichtigsten Regionen in NordmazedonienBIP pro Kopf in Euro, Jahr 2022| Region | BIP pro Kopf 1) | Bevölkerung 2) |
|---|
| Skopje | 9.607 | 607.163 |
| Südwest | 6.481 | 176.357 |
| Vardar | 6.840 | 137.226 |
| Ost | 6.914 | 148.036 |
| Südost | 7.644 | 146.909 |
1 Umrechnung anhand des durchschnittlichen Wechselkurses für 2022: 1 Euro = 61,93 Denar; 2 Stand: 30. Juni 2023Quelle: Statistikamt der Republik Nordmazedonien 2025
Von
Hans-Jürgen Wittmann
|
Belgrad