Rumänien steigt zum Lieferanten von Erdgas auf. Auch der Anteil der erneuerbaren Energie wächst. Aber das Stromnetz ist sehr alt. Das ist ein Risiko für empfindliche Maschinen.
Rumänien ist in der EU heute schon der größte Produzent von Erdgas. Das Land wird künftig vollständig unabhängig von Erdgasimporten werden: Im Schwarzen Meer lagern Vorkommen über 100 Milliarden Kubikmeter förderfähiges Erdgas, die OMV Petrom ab 2027 ausbeuten wird. Damit hat der Schwarzmeer-Anrainer einen klaren Standortvorteil:
Produzent und Exporteur: Rumänien wird EU mit Erdgas beliefern
30,4
%
machte Rumäniens Energieimportabhängigkeitsquote laut Eurostat im Jahr 2024 aus.
Das Land wird sich perspektivisch netto vom Erdgasimporteur zum -exporteur entwickeln. Rumänien punktet mit der EU-weit niedrigsten Energieimportabhängigkeitsquote und sticht mit der höchsten Inlandsproduktion hervor. Laut Eurostat erzeugte Rumänien 2024 etwa 360.000 Terajoule und lag damit vor den Niederlanden mit 323.000 Terajoule. Noch kommen Importe aus Kasachstan, Aserbaidschan und Libyen.
Rumänien produzierte 2025 rund 10 Milliarden Kubikmeter Erdgas und deckte damit 75 Prozent des eigenen Verbrauchs. Die Impore lagen bei rund 3 Milliarden Kubikmetern, berichtet Romgaz auf Nachfrage von Germany Trade & Invest. Die Gasspeicher, die Romgaz verwaltet, waren im Januar 2026 zu annähernd 70 Prozent gefüllt.
Energieimportabhängigkeitsquote
Der Indikator zeigt den Anteil des Gesamtenergieverbrauchs eines Landes an, der durch Importe aus anderen Ländern gedeckt wird. Er wird als Nettoimporte berechnet, geteilt durch die grobe verfügbare Energie. Energieabhängigkeit = (Importe – Exporte) / verfügbare Bruttoenergie. Der EU-Durchschnitt lag 2024 bei 57,2 Prozent. Zum Vergleich: Für Bulgarien belief sich die Quote auf 41,9 Prozent, für Deutschland auf 66,8 Prozent.
Diese komfortable Versorgungslage ist ein Joker bei der Energiewende: Rumänien plant, bis 2032 den Kohleausstieg und wird Kraftwerkskapazitäten umrüsten. Erdgas wird dabei, voraussichtlich bis 2037, die Steinkohle ersetzen und eine Rolle als Übergangslösung spielen.
Langfristig aber setzt Rumänien auf Kernkraft, um die Grundlast an Strom im Netz bereitzuhalten. Ab 2040 soll der Anteil des Atomstroms von aktuell 16 auf 30 Prozent steigen, teilt das Energieministerium mit. Zudem wird der Ausbau erneuerbarer Quellen weiter voranschreiten.
Um die Steinkohlekraftwerke mit einer Kapazität von aktuell 4 Gigawatt fast vollständig zu ersetzen, plant Rumänien bis 2030, mindestens 3,5 Gigawatt Kapazität durch neue Gaskraftwerke: Mintia (1.770 Megawatt), Ișalnița (850 Megawatt), Turceni (475 Megawatt), Iernut (430 Megawatt). Rumänien setzt mittelfristig auf die neuen Gaskraftwerke, um die Fluktuationen bei der Stromversorgung auszugleichen, die durch erneuerbare Energien entstehen. Um diese Vorhaben alle umzusetzen, benötigt Rumänien Investitionen in Höhe von mindestens 16 Milliarden Euro bis 2030.
Erster Kunde ist Deutschland
Rumänien hat das Potenzial, ab 2027 zwischen 3 Milliarden und 5 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr zu exportieren. Das wird davon abhängen, wie viel Gas die eigenen Kraftwerke verbrauchen werden. Die maximale Produktionskapazität des Gasfeldes Neptun Deep liegt bei rund 8 Milliarden Kubikmetern pro Jahr, informiert Romgaz. Es erhöht Rumäniens Produktion auf 18 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr.
Deutschland ist der erste Kunde: Im Januar 2025 schloss Uniper einen Abnahmevertrag über 15 Terawattstunden Erdgas pro Jahr aus Neptun Deep für den Zeitraum 2027 bis 2032 ab. Je nach Brennwert des Gases handelt es sich dabei um 1,3 Milliarden bis 1,6 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Der Lieferumfang entspricht etwa 1,5 Prozent des Jahresverbrauchs Deutschlands des Jahres 2024, wie Uniper mitteilt.
Pipelinenetz wird ausgebaut
Mittelfristig kann Rumänien das gewonnene Erdgas in weitere Länder exportieren, etwa nach Moldau, Bulgarien, Serbien, Ungarn oder Österreich. Dafür wird die Infrastruktur derzeit ausgebaut. Die geplante Pipeline Bulgaria, Romania, Hungary, Austria (BRUA) wird voraussichtlich 2028 fertig werden. Transgaz hat 2025 mit dem Bau des östlichen Abschnitts Tuzla-Podisor begonnen.
Rumänen stärkt so seine energiepolitische Rolle in Europa. Bereits heute tritt das Land als Versorger der Republik Moldau auf. Es speichert Erdgas für das Nachbarland und liefert Strom. Über die Pipeline Ungheni-Chisinau kann Rumänien die Nachbarrepublik mit Gas versorgen, ohne Leitungen zu nutzen, die in der russischen Einflusszone liegen (Transnistrien).
Neue Gaspipelines sind Basis für Wasserstoffwirtschaft in der RegionAusgewählte Projekte beim Ausbau der Gasinfrastruktur; Investitionen in Millionen Euro| Bezeichnung | Länder | Investitionssumme | Status | Projektträger |
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| Projekt Neptun Deep: Erdgasproduktion | Rumänien | 4.000 | Beginn voraussichtlich ab 2027 | OMV Petrom, Romgaz |
| Eastring-Pipeline | Rumänien, Bulgarien, Ungarn | 2.060 | Keine Angabe | Bulgartransgaz (Bulgarien), Transgaz (Rumänien), FGSZ (Ungarn) |
| Wasserstoff-Interkonnektor | Bulgarien, Griechenland | 1.000 | Erwartete Auftragsvergabe: Dezember 2029 | DESFA (Griechenland), Bulgartransgaz |
| Ausbau des Gasspeichers in Chiren | Bulgarien | 285 | Erwartete Auftragsvergabe: März 2025 | Bulgartransgaz |
| Vertikaler Gaskorridor: Reverse-Flow auf der Trans-Balkan-Pipeline | Rumänien, Bulgarien, Republik Moldau, Griechenland, Ukraine | 70 | Erwartete Fertigstellung: Ende 2024 | DESFA, Transgaz, Vestmoldtransgaz (Republik Moldau), Bulgartransgaz, FGSZ, GTSOU (Ukraine) |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2024; Pressemeldungen 2024; CESEC Action Plan on Gases 2024
Stromnetz ist ein Versorgungsrisiko
Die Infrastruktur des Stromnetzes stellt ein Risiko dar, da sie von der rumänischen Politik bei der Energiewende vernachlässigt wurde. Die im Netz vorhandene Stromkapazität wächst schneller, als es das Stromnetz technisch verkraftet. So trifft etwa die volatile Einspeisung aus erneuerbaren Quellen auf ein überlastetes, teils veraltetes Übertragungs- und Verteilnetz. Dies gefährdet die Netzstabilität und erhöht so das Risiko von Stromausfällen.
In Rumänien kommen Spannungsschwankungen häufiger vor als vergleichsweise in anderen Ländern. Wenn das Gleichgewicht zwischen Einspeisung und Last nicht stabil gehalten wird, drohen automatische Schutzabschaltungen. Mit diesem Risiko sind Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe konfrontiert, die Anlagen- und Maschinen betreiben. CNC-Maschinen oder IT-Systeme reagieren empfindlich auf Spannungsschwankungen, die Fehlfunktionen verursachen.
Das Versorgungsrisiko werde sich voraussichtlich vergrößern, wenn Block 1 des Cernovoda Atomkraftwerks zwischen 2027 und 2030 wegen einer geplanten Modernisierung vom Netz gehe, heißt es in einer Erklärung des Energieministeriums. Dann werde es schwieriger Spitzenlasten der erneuerbaren Energien auszugleichen, weil eine stetige Energiequelle mit einer installierten Leistung von 700 Megawatt wegfallen wird, so das Ministerium.
Altes Stromnetz schwächt den Investitionsstandort
Der Ausbau des Stromnetzes sei dringend notwendig für die Attraktivität des Standortes Rumänien, sagt Volker Raffel, General Manager von E.ON Energie România: "Der regulatorische Rahmen verlangsamt Investitionen in Netze und auch den Zugang von Investoren zu Rumänien, weil Energie nicht dort fließt, wo sie benötigt wird."
Rumäniens Versorger rechnen bis 2030 mit Investitionen von jährlich mindestens 1,5 Milliarden Euro in neue Transformatoren, Umspannwerke sowie in Strominfrastruktur: Es müssen die Höchstspannungsleitungen zwischen Rumänien, Moldau, Bulgarien und Serbien ausgebaut werden. Der Investorenrat Rumäniens, eine Interessenvertretung ausländischer Investoren, fordert jedoch, mindestens 6,8 Milliarden Euro in das Stromnetz zu investieren.
Rumänien integriert sich tiefer ins Stromnetz der RegionÜbersicht über ausgewählte Infrastrukturprojekte; Investitionen in Millionen Euro| Bezeichnung | Länderverbindung | Investitionssumme | Status | Projektträger |
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| Unterseekabel im Schwarzen Meer | Rumänien, Georgien | 2.119 | Erwartete Ausschreibung: Dezember 2029 | Georgian State Electrosystem (Georgien) |
| Interkonnektor Isccea-Vulcanesti-Chisinau | Rumänien, Moldau | 203 | Ausschreibung: 2025 | Transelectrica, Moldelectrica (Republik Moldau) |
| Central Balkan Corridor | Bulgarien, Serbien | 160 | Erwartete Ausschreibung September 2034 | Electricity System Operator ESO (Bulgarien) |
| North CSE Corridor | Rumänien, Serbien | 86 | In Planung | Transelectrica, Elektromreza Srbije (Serbien) |
| Interkonnektor Suceava-Balti | Rumänien, Moldau | 77 | Erwartete Ausschreibung: Dezember 2027 | Transelectrica, Moldelectrica |
| Ausbau des Black Sea Corridor: Cernavoda-Stalpu und Gutinas-Smardan | Rumänien, Bulgarien | 75 | Ausschreibung: Dezember 2025 | Transelectrica |
| Ausweitung der Netzkapazität: Maritsa East-Vize Havza | Bulgarien, Türkei | 60 | Erwartete Ausschreibung: Juli 2036 | Electricity System Operator ESO |
| Ausbau des Mid Continental East Corridor | Rumänien, Serbien | 50 | Ausschreibung: Dezember 2025 | Transelectrica, Elektromreza Srbije |
Quelle: CESE Electricity and Renewable Energy Action Plan 2024; ENTSO-E Implementation Guidelines 2024
Von Dominik Vorhölter
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Bukarest