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Wirtschaftsumfeld | Tunesien | Fachkräfteanwerbung

Tunesische Fachkräfte für Deutschland: Wer unterstützt vor Ort?

Für tunesische Fachkräfte ist Deutschland ein attraktives Land für die berufliche Zukunft geworden. Deutsche Institutionen unterstützen bei Vermittlung und Vorbereitung vor Ort. 

Von Verena Matschoß | Tunis

Wer sich in einem deutschen Krankenhaus behandeln lässt, trifft mitunter auf Pflegekräfte oder Ärztinnen und Ärzte aus Tunesien. Deutschland ist mittlerweile zu einem bevorzugten Zielland für medizinisches Fachpersonal aus dem nordafrikanischen Land geworden.

Triple Win: Pflegekräfte gezielt rekrutieren 

Ein zentrales Instrument zur Anwerbung von Pflegepersonal ist das Programm Triple Win, das von der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) umgesetzt wird. Es richtet sich gezielt an Pflegekräfte aus Serbien, Bosnien-Herzegowina, den Philippinen und Tunesien. 

Das Projekt berücksichtigt bei der Anwerbung die Situation in den Herkunftsländern und hält den Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation ein: Es wird kein Pflegepersonal aus Ländern rekrutiert, in denen ein Mangel an Pflegekräften herrscht. Deutsche Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen können über Triple Win gut vorbereitete Pflegekräfte einstellen und damit den Fachkräftemangel verringern. Die Herkunftsländer profitieren langfristig auch vom Transfer von Fachwissen.

Pflegesektor an erster Stelle 

Zahlen der deutschen Botschaft Tunis zufolge erhielten im Jahr 2024 über 3.500 tunesische Pflegekräfte ein Visum zur Arbeitsaufnahme oder Ausbildung in Deutschland. Damit machten Pflegeberufe einen überwiegenden Teil der vergebenen Arbeitsvisa aus.

Neben Pflegekräften kommen auch Ärztinnen und Ärzte aus Tunesien nach Deutschland, allerdings nicht über staatliche Programme. Laut Bundesärztekammer waren Ende 2024 über 1.000 tunesische Mediziner in Deutschland tätig, überwiegend in Kliniken. In Tunesien wird die Abwanderung - insbesondere von Ärzten und Ingenieuren - durchaus kritisch diskutiert. Ein Gesetzesvorschlag zur teilweisen Rückzahlung von Ausbildungskosten bei Auswanderung wurde Ende 2024 jedoch vom Parlament abgelehnt.

Umfassende Statistiken zur Arbeitsmigration sind rar. Ein Indikator: Die Agence tunisienne de coopération technique (ATCT) vermittelte im 1. Quartal 2025 insgesamt 653 Personen ins Ausland - davon gingen 207 nach Deutschland, das damit das wichtigste Zielland war. Weitere Zielländer waren Kanada, Saudi-Arabien, Frankreich, Italien und Katar. 

THAMM Plus: Auszubildende und Fachkräfte aus verschiedenen Branchen

Neben Triple Win existiert das Programm THAMM Plus, ein Nachfolgeprojekt von THAMM, das die Bundesagentur für Arbeit in Zusammenarbeit mit der GIZ und tunesischen Behörden durchführt. Es vermittelt Auszubildende und Fachkräften aus Branchen mit einem Fachkräfteüberschuss in Tunesien. Die Bedarfe werden zwischen der tunesischen Arbeitsagentur ANETI und der Bundesagentur für Arbeit definiert. Neben Tunesien nehmen auch Marokko und Ägypten an dem Programm teil. 

Die GIZ bereitet die ausgewählten Kandidatinnen und Kandidaten mit Sprachkursen und technischer Weiterbildung auf den deutschen Arbeitsmarkt vor. Innerhalb von drei Jahren wurden über 500 Personen vermittelt, darunter allein 300 aus Tunesien. Das ursprüngliche Ziel von 250 Personen wurde damit übertroffen. Projektmitarbeiterin Wassila Ben Aissa betont jedoch auch Herausforderungen: "Die sprachliche Hürde ist groß – das erforderliche B1-Niveau stellt viele Bewerber vor Schwierigkeiten. Zudem ist die Nachfrage deutscher Unternehmen geringer als erhofft." THAMM Plus läuft seit 2024 und ist ebenfalls auf drei Jahre angelegt.

Pilotprojekt African Skills 4 Germany

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) fördert seit dem Sommer 2024 das Pilotprojekt African Skills 4 Germany, das Fachkräfte aus elf afrikanischen Ländern - darunter Tunesien - für den deutschen Arbeitsmarkt gewinnen soll. Das AHK-Afrikabüro der DIHK in Berlin koordiniert die Umsetzung gemeinsam mit den beteiligten Auslandshandelskammern. Der Projektzeitraum endet im Dezember 2026. 

Die Deutsch-Tunesische Auslandshandelskammer (AHK Tunesien) übernimmt in Tunesien die Auswahl, Vorbereitung und Vernetzung der tunesischen Kandidatinnen und Kandidaten mit deutschen Unternehmen. Im Fokus stehen vier Sektoren: IT, Transport und Logistik, Maschinenbau und Automatisierung. Die Resonanz war enorm: "Auf unsere Ausschreibung im Februar 2025 erhielten wir über 4.800 Bewerbungen", berichtet Projektleiter Firas Gam. 122 Kandidaten wurden ausgewählt, knapp die Hälfte davon aus dem IT-Bereich. Ein erstes Matching mit rund zehn deutschen Unternehmen fand Ende Juli 2025 statt. Dabei wurden Gespräche mit 90 tunesischen Kandidaten geführt und bereits elf Arbeitsverträge unterzeichnet. Das nächste Matching ist für November 2025 geplant. Die Kandidatenprofile sind auf der Website der AHK Tunesien einsehbar. 

Goethe-Institut spielt wichtige Rolle

Das Goethe-Institut spielt eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung tunesischer Fachkräfte. Im Rahmen von verschiedenen Kooperationsprojekten übernimmt das Institut in Tunis die Verantwortung für die sprachliche Ausbildung sowie die Prüfungsabnahme und damit einhergehende Zertifizierung nach internationalen Standards. Zu den wichtigsten Auftraggebern zählen neben der GIZ auch private deutsche Vermittlungsagenturen wie TalentOrange und die Kader Foundation. 

Darüber hinaus informiert das Goethe-Institut im Projekt "Leben und Arbeiten in Deutschland" über Arbeits- und Lebensbedingungen. Im Jahr 2024 wurden etwa 1.000 Personen beraten und unterstützt. Finanziert wird das Projekt vom Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der EU.

Die Vorintegration in Tunesien ist eine wichtige Voraussetzung für einen gelungenen Start in Deutschland. Darüber hinaus bieten wir aber auch ein Übergangsmanagement an. Das bedeutet, dass in den Goethe-Instituten in Deutschland Willkommenscoaches die neu ausgereisten Tunesierinnen und Tunesier bei ihrer Ankunft unterstützen.

Amel Said Leiterin der Sprachabteilung und Stellvertretende Institutsleitung, Goethe Institut Tunis

Zahlreiche private Arbeitsvermittler aktiv

In Tunesien sind auch zahlreiche private Arbeitsvermittler aktiv. Unternehmen und Bewerber sollten hier jedoch sorgfältig prüfen. Das tunesische Ministerium für Beschäftigung und Berufsbildung vergibt Lizenzen an Vermittler. Dennoch sind viele unlizenzierte und teilweise unseriöse Agenturen auf dem Markt. Worauf deutsche Unternehmen bei der Rekrutierung achten sollten, erklärt Bastian Mahmoodi von VISABEE im Interview

Kontaktadressen
BezeichnungAnmerkung
AHK TunesienUmsetzung des Programms African Skills 4 Germany, Laufzeit bis Dezember 2026
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) TunesienUmsetzung der Programme Triple Win (Anwerbung von Pflegekräften) und THAMM Plus (Migration aus Nordafrika)
Goethe-Institut TunisSprachkurse und -prüfungen, Veranstaltungen zum Leben und Arbeiten in Deutschland
Deutsche Botschaft TunisAuskünfte zu Visavergabe und Einreisebestimmungen
Programm ProRecognition Unterstützung bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen, durchgeführt von der AHK Algerien
Bundesagentur für ArbeitUnterstützung bei der Suche nach Arbeits- und Fachkräften aus dem Ausland
Agence Nationale pour l'Emploi et Travail Indépendant ANETITunesische Arbeitsagentur
Agence Tunisienne de Coopération Technique (ATCT)Vermittlung von Fachkräften ins Ausland im Rahmen der technischen Zusammenarbeit
Make it in GermanyPortal der Bundesregierung für Fachkräfte aus dem Ausland
AnerkennungsportalInformationsportal der Bundesregierung zur Anerkennung von Berufsabschlüssen

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