Tiefere Verarbeitung und margenstärkere Produkte im Fokus. Unternehmen sehen im Export großes Potenzial. Investitionen werden benötigt.
Die ukrainische Nahrungsmittelindustrie wird von zwei Sparten dominiert: Ölsaatenverarbeitung und Fleisch- beziehungsweise Geflügelverarbeitung. Beide sind exportgetrieben, stark vertikal integriert und in der Hand weniger Großunternehmen. Daneben bestehen bedeutende Kapazitäten in der Molkerei, Obst- und Gemüseverarbeitung sowie in der Süßwaren- und Getreideproduktion – Bereiche, die stärker den Inlandsmarkt bedienen, aber zunehmend auf den EU-Export ausgerichtet werden.
Exportorientierte Schlüsselbereiche prägen die Nahrungsmittelindustrie
Die Ölsaatenverarbeitung ist der umsatz- und exportstärkste Zweig der ukrainischen Nahrungsmittelindustrie. Angetrieben wird das Wachstum durch Rekordmengen bei der Ölsaatenverarbeitung – in der Saison 2023/24 waren es rund 17,4 Millionen Tonnen – sowie durch die Wiederöffnung der Schwarzmeerhäfen, was die Exportlogistik verbessert hat. Die Ukraine ist Weltmarktführer im Sonnenblumenölexport mit einem globalen Marktanteil von knapp 37 Prozent; im Land werden 95 Prozent der heimischen Ernte weiterverarbeitet. Öl- und Fettprodukte generieren inzwischen fast ein Fünftel der ukrainischen Agrarexporterlöse. Der Bereich entwickelt sich von der reinen Rohölextraktion hin zu höherwertigen, stärker verarbeiteten Produkten, darunter raffinierte Öle, abgefüllte Endprodukte sowie Proteinkonzentrate und kalibrierte Kerne für den EU-Markt.
Die Fleisch- und Geflügelverarbeitung wird von MHP dominiert, einem vollständig vertikal integrierten Agrarkonzern, der Futter, Zucht und Schlachtung in sich vereint und als größtes Geflügelunternehmen Europas gilt. Die Ukraine zählt zu den weltweit stärksten Exporteuren von Geflügelfleisch.
Die Molkerei- und Milchverarbeitungsindustrie befindet sich im strukturellen Wandel: Sinkende Rohmilchmengen, schrumpfender Binnenmarkt und die Pflicht zur EU-Standardangleichung bis 2028 zwingen die Branche zu Konsolidierung und Investitionen in höherwertige Verarbeitung. Die Branche sieht gute Chancen für den Export – seit 2024 sind verarbeitete Milchprodukte für den EU-Markt vollständig zollfrei, 60 ukrainische Molkereien sind bereits EU-akkreditiert. Ukrainische Exportprodukte erzielen derzeit jedoch nur ein Drittel der Preise europäischer Wettbewerber, was auf erheblichen Nachholbedarf bei Verarbeitungstiefe und Produktqualität hinweist. Die Branche investiert daher gezielt in Käse, Babykost, Trockenmilch und Premiumjoghurt. Ausländisches Engagement bleibt begrenzt – Lactalis ist der bedeutendste internationale Akteur im Sektor.
Starkes Wachstum der Obst- und Gemüseverarbeitung durch Tiefkühlkapazitäten
Die Obst- und Gemüseverarbeitung verzeichnete 2024 mit über 30 Prozent das stärkste Umsatzwachstum aller Teilsparten der Nahrungsmittelindustrie. Wesentlich dazu beigetragen hat der Aufbau von IQF-Kapazitäten (Individual Quick Freezing): Die Ukraine hat sich zum weltweit führenden Exporteur von gefrorenen Himbeeren entwickelt – 95 Prozent der Himbeerproduktion werden tiefgekühlt exportiert. Polen, Deutschland, Tschechien und Österreich sind die wichtigsten Zielmärkte. Der nächste strategische Schritt zu Pürees, Säften und IQF-Fertigprodukten ist das erklärte Branchenziel und treibt Neuinvestitionen an. Die Unternehmen Yarofruit (Lwiw), Tevitta/LNZ-Gruppe (Tscherkassy) und LeoBerry (Westukraine) betreiben bereits industrielle IQF-Werke. Chumak, das sein Hauptwerk in Kakhovka durch Kriegshandlungen verloren hat, plant den Aufbau eines neuen Werks im Odessa-Gebiet.
Die Getreide-, Teigwaren- und Backwarenverarbeitung ist mengenmäßig bedeutend. Standardprodukte wie Brot, Mehl und einfache Teigwaren sind margenarm und verlieren auf dem Binnenmarkt an Volumen; exportorientierte Markensegmente wie Kekse, Waffeln, Vermicelli und Süßwaren wachsen dagegen stark. Das deutlichste Entwicklungssignal setzt Nestlé mit seinem neuen Vermicelli-Werk in der Region Wolyn (Investition: 50 Millionen US-Dollar), das 75 Prozent seiner Produktion in die EU exportiert.
Großunternehmen dominieren, Konzentration nimmt weiter zu
Die Branche weist eine ausgeprägte Zweiteilung auf: Wenige vertikal vollintegrierte Großkonzerne wie Kernel, MHP, Astarta oder Roshen dominieren die Verarbeitung und den Export, während eine große Zahl von Klein- und Mittelbetrieben hauptsächlich den Inlandsmarkt bedient. Feststellbar ist ein Trend zur Konzentration – Agroholdings nutzen die Kriegsbedingungen zur Expansion und für Übernahmen kleinerer Betriebe. Große Unternehmen verfügen über eine bessere Logistikinfrastruktur und Zugang zu internationalen Kreditlinien, zum Beispiel bei der Europäischen Investitionsbank. Klein- und Mittelbetriebe geraten unter Druck: Energiekosten, Arbeitskräftemangel und fehlender Kapitalzugang schwächen ihre Position. Der Erwerb zusätzlicher Ackerflächen tritt als Investitionspriorität in den Hintergrund; Priorität haben jetzt Verarbeitungstiefe, Energieautonomie und vertikale Integration – wie die Astarta-Werke für Sojaproteinkonzentrat und Rapsverarbeitung zeigen.
Auswahl bedeutender Nahrungsmittelunternehmen in der Ukraine in Millionen Euro| Unternehmen | Sparte | Umsatz 2024 |
|---|
| Roshen | Süßwaren/Konfekt | 860 |
| Nestlé Ukraine | Instant-Produkte, Saucen, Konfekt | 343 |
| Schtschedro | Pflanzenöl | 276 |
| Radechiwskij Zucker | Zucker | 271 |
| Terra Food | Molkerei/Butter/Käse | 244 |
| Mondelez Ukraine | Süßwaren/Konfekt | 218 |
| Olijar | Pflanzenöl | 214 |
| Dairy Alliance | Milch und Milcherzeugnisse | 214 |
| Globino | Fleisch/Geflügel | 207 |
| Golden Dragon (Kuhovar) | Instant-Produkte/Convenience Food | 159 |
Quelle: Fachportal AgroReview
Ausländische Investitionen trotz anhaltender Risiken
Ausländisches Kapital war vor dem Krieg stark in der Ukraine verankert: Die ABCD-Gruppe (ADM, Bunge, Cargill, Louis Dreyfus) baute Handels- und Verarbeitungsstrukturen auf; PepsiCo, Nestlé und AB InBev engagierten sich im Konsumgüterbereich. Seit 2022 steht dieses Engagement unter Druck. Dennoch sind Zeichen neuen Interesses erkennbar: Bunge erwarb im Juli 2025 die Ölmühle ViOil (Winnyzja) für rund 162 Millionen US-Dollar – die größte Einzeltransaktion im Sektor seit Kriegsbeginn. Nestlés Fabrikneubau in Wolyn unterstreicht, dass EU-Exportzugang ein ausreichend starkes Investitionsmotiv sein kann, um trotz Kriegsrisiken zu investieren.
Produktion ausgewählter Nahrungsmittel und Getränke in der Ukrainein Milliarden US-Dollar| Sparte | 2020 | 2023 | 2024 |
|---|
| Nahrungsmittel, Getränke, Tabak (gesamt) | 21,2 | 20,0 | 21,3 |
| Nahrungsmittel, darunter | 17,8 | 17,3 | 18,5 |
| Fleisch und Fleischwaren | 3,0 | 4,1 | 4,0 |
| Speiseöl | 5,9 | 5,0 | 5,8 |
| Milch und Milcherzeugnisse | 2,3 | 2,0 | 2,2 |
| Brot und Brotwaren | 1,4 | 1,1 | 1,1 |
| Zucker | 0,5 | 0,8 | 0,9 |
| Süßwaren (Kakao, Schokolade, Zuckerwaren) | 0,8 | 0,5 | 0,6 |
| Getränke aller Art | 2,3 | 2,3 | 2,4 |
Realisierte Industrieproduktion (Absatzwert, ohne MwSt. und Verbrauchsteuer, umgerechnet zum jeweiligen Jahreswechselkurs).Quelle: Ukrainischer Statistikdienst (Derzhstat)
Von Waldemar Lichter
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Warschau