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Ungarn öffnet den Markt für Windkraft

Die neue ungarische Regierung setzt künftig auf Windenergie. Eine erste Ausschreibung für Netzkapazitäten läuft. Investoren kritisieren aber Vorgaben zur lokalen Beteiligung.

Kirsten Grieß

Von Kirsten Grieß | Budapest

Ungarns neue Regierung hat in ihren ersten 100 Tagen sichtbare Erfolge erzielt. Ein wichtiger Schritt war die Freigabe von 16,4 Milliarden Euro bislang blockierter EU-Mittel. Daneben konzentrierte sich das Kabinett zunächst auf den Umbau staatlicher Institutionen und Zuständigkeiten. Viele wirtschaftspolitische Entscheidungen stehen hingegen noch aus.

Einen Teil der EU-Gelder will die Regierung in den Energiesektor investieren. Nach Jahren der Stagnation soll der Ausbau der Windenergie wieder Fahrt aufnehmen. Mehr Windenergie soll die bislang stark auf Photovoltaik ausgerichtete Energiewende ergänzen und Erzeugungslücken außerhalb der Sonnenstunden verringern. Gleichzeitig sollen die Stromnetze leistungsfähiger werden.

Ungarn schreibt neue Netzkapazitäten für Windkraft aus

Ende August 2026 veröffentlichte die ungarische Energie- und Versorgungsbehörde MEKH eine Ausschreibung für neue Einspeisekapazitäten. An neun Netzknoten in vier Komitaten sollen insgesamt 702 Megavoltampere (MVA) für Windkraftprojekte vergeben werden. Das entspricht in etwa der Größenordnung der später installierten Windkraftleistung in Megawatt (MW).

Bewerbungen können vom 4. September bis 30. Oktober 2026 eingereicht werden. Die Ergebnisse des Vergabeverfahrens sollen spätestens am 13. Dezember 2026 vorliegen. 

Die Ausschreibung bildet den ersten Markttest für die Pläne der Regierung. Bis 2030 soll die installierte Windkraftleistung auf bis zu 4.000 Megawatt steigen. Das Ziel liegt deutlich über der Marke von 1 Gigawatt im Nationalen Energie- und Klimaplan.

Windkraft hinkt deutlich hinterher

Während Ungarn die Solarenergie in den vergangenen Jahren stark ausbaute, stagnierte der Ausbau der Windkraft. Inzwischen sind rund 8.500 Megawatt Photovoltaikleistung installiert, während Windenergie auf rund 330 Megawatt kommt. 

Seit etwa 15 Jahren gingen keine größeren Windparks mehr ans Netz. Restriktive Vorgaben verhinderten den Ausbau. Dazu gehörte insbesondere ein Mindestabstand von 12 Kilometern zu bewohnten Gebieten.

Erste Lockerungen leitete schon die Vorgängerregierung unter Viktor Orbán ein. Anfang 2024 verringerte sie den vorgeschriebenen Abstand zu bewohnten Gebieten auf 700 Meter. Die Ausbaupläne konzentrierten sich auf Westungarn. Dort wurden bereits einzelne Bezirke als Gebiete mit erleichterten Genehmigungsverfahren ausgewiesen.

EU-Technik verbessert die Chancen bei Windkraftprojekten

Die Windparks sollen vollständig mit privatem Kapital finanziert werden. Der Staat vergibt lediglich die verfügbaren Netzanschlussrechte. 

Zu den Bewertungskriterien zählen einmalige und laufende Zahlungen an die Standortkommunen, die Einbindung von Batteriespeichern und die Nutzung von Brachflächen. Die Herkunft der eingesetzten Technik fließt mit 15 Prozent in die Gesamtbewertung ein. Voraussetzung hierfür ist, dass mindestens 80 Prozent der Windkraftanlagen und Transformatoren in der EU hergestellt wurden.

Bei Projektentwicklern stößt vor allem das vorgeschriebene Erwerbsrecht für lokale Akteure auf Vorbehalte. Erfolgreiche Bewerber müssen einer von der Regierung bestimmten Erneuerbare-Energien-Gemeinschaft das Recht einräumen, innerhalb von zwei Jahren 25 Prozent der Projektgesellschaft zu erwerben.

Zudem berücksichtigt die Angebotsbewertung nicht den Entwicklungsstand eines Vorhabens. Bereits vorhandene Machbarkeitsstudien, Grundstücksrechte, Genehmigungen oder Windmessungen verschaffen keinen Vorteil. Das könnte die Position bereits entwickelter Projekte schwächen.

Ob die Ausschreibung genügend Investoren mobilisiert und wie viele Vorhaben anschließend umgesetzt werden, bleibt offen. Als mögliche Bewerber gelten sowohl etablierte ungarische Marktakteure wie ALTEO, MET und der staatliche Versorger MVM als auch internationale Projektentwickler wie Eurowind Energy, Enery, wpd und Greenvolt. Konkrete Teilnahmeabsichten sind bislang nicht bekannt.

EU-Mittel unterstützen den Ausbau des ungarischen Stromnetzes

Das Stromnetz bleibt ein Engpass für weitere Investitionen in erneuerbare Energien. Von den 10 Milliarden Euro aus dem freigegebenen EU-Wiederaufbauplan stehen rund 1,5 Milliarden Euro für den Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze bereit. Nach Regierungsangaben sind auch Investitionen in intelligente Stromzähler und Geothermie geplant.

Die EU-Mittel fließen damit nicht direkt in neue Windparks, sondern vor allem in die Energieinfrastruktur. Sie sollen die Voraussetzungen für deren Netzanschluss schaffen. Auch zusätzliche wetterabhängige Stromerzeugung lässt sich so besser in das Netz speisen.

Welche Chancen bietet Ungarns Windkraftausbau für deutsche Unternehmen?

Der Kurswechsel eröffnet Anbietern von Windenergieanlagen und Komponenten neue Absatzmöglichkeiten. Auch bei Netztechnik, Batteriespeichern, Steuerungssystemen sowie Planungs- und Ingenieurleistungen dürfte der Bedarf steigen. Die Vorgabe, Ausrüstung aus der EU zu berücksichtigen, könnte zudem europäischen und damit auch deutschen Herstellern zugutekommen.

Wie schnell daraus ein breiter Markt entsteht, ist noch nicht absehbar. Für die weitere Marktentwicklung sind vor allem drei Faktoren entscheidend: die Ergebnisse der aktuellen Ausschreibung, die Dauer der Genehmigungsverfahren und das Tempo des Netzausbaus.