Bisher erzeugen in der Nordsee Windkraftanlagen mit einer installierten Leistung von rund 22 Gigawatt Strom. Bis 2050 soll die Erzeugungskapazität für Offshore-Windstrom auf mindestens 300 Gigawatt zulegen und die Nordsee so zum größten grünen Kraftwerk Europas werden.
Großbritannien zweitgrößter Offshore-Windpark-Betreiber nach China
Das Vereinigte Königreich ist sowohl im Nordseeraum als auch global Vorreiter beim Ausbau der Offshore-Windenergie. Mit einer installierten Leistung von rund 16 Gigawatt ist es nach China zweitgrößter Offshore-Wind-Standort der Welt, sowohl bei der Gesamtkapazität als auch beim jährlichen Zubau.
Im Jahr 2024 erzeugten britische Windparks auf See mit 48,5 Terrawattstunden Strom ein Rekordvolumen, das 17 Prozent am gesamten Strommix ausmachte. Auch wenn zunehmend Projekte in der Irischen See angestoßen werden, liegt der Entwicklungsschwerpunkt weiterhin in der Nordsee.
Die größten Offshore-Wind-Felder entlang der britischen Nordseeküste, die zu den größten Projekten der Welt gehören, sind Dogger Bank (in den Teilabschnitten A bis C mit insgesamt 3,6 Gigawatt) sowie Hornsea (in den Teilabschnitten 1 bis 3 mit insgesamt 5,4 Gigawatt). Dogger Bank wird derzeit gebaut und soll ab 2026 vollständig in Betrieb gehen. Hornsea 1 und 2 sind mit 2,4 Gigawatt bereits am Netz, die Erweiterung auf Hornsea 3 mit 2,9 Gigawatt befindet sich in Bau. Weitere Großprojekte wie Sofia von RWE mit 1,4 Gigawatt oder Seagreen 1 mit 1,1 Gigawatt von SSE und TotalEnergies ergänzen das Portfolio.
Offshore-Windkraft ist wichtiger Pfeiler des britischen Clean Power Plan 2030
Die britische Regierung verfolgt dabei ambitionierte Ziele: Bis 2030 sollen 50 Gigawatt Offshore-Windleistung installiert sein, davon 5 Gigawatt aus schwimmenden (floating) Anlagen. Die unabhängige Netzagentur NESO hält laut aktuellen Modellierungen einen Ausbau auf 43 bis 51 Gigawatt für realistisch. Damit würde sich die Kapazität gegenüber 2020 mehr als verfünffachen. Die Offshore-Windkraft ist zentraler Bestandteil des Clean Power 2030 Action Plan der Regierung des Vereinigten Königreichs, mit dem die Stromerzeugung vollständig dekarbonisiert werden soll. Gaskraftwerke sollen künftig nur noch als Reserve dienen, überwiegend mithilfe CO2-Abscheidung oder auf Wasserstoffbasis.
Ausschreibungen für niederländische Offshore-Wind-Vorhaben verschoben
Die Niederlande, nach dem Vereinigten Königreich und Deutschland drittgrößter Produzent von Offshore-Windenergie, plant in den kommenden Jahren drei große Vorhaben. Nederwiek I-A liegt rund 100 Kilometer nördlich von Texel und soll eine Kapazität von 1 Gigawatt haben. Die erste Ausschreibung 2025 blieb ohne Gebote, weshalb die Regierung die Tenderbedingungen für 2026 überarbeitet hat; vergeben ist das Projekt noch nicht.
Die parallel geplanten Ausschreibungen für die auch je 1 Gigawatt großen Zonen IJmuiden Ver Gamma A und B wurden aufgrund ungünstiger Marktbedingungen verschoben und sind nun ebenfalls für 2026 vorgesehen. Noch in der Prüfphase befindet sich Ten Noorden van de Waddeneilanden, das möglicherweise mit dem Doordewind‑Gebiet kombiniert werden soll und derzeit reinen Planungscharakter ohne fixe Termine für Ausschreibung oder Baubeginn hat.
Dänemark Vorreiter bei Energieinseln
Auch die dänische Regierung hat Ambitionen für den Energiesektor: Bis 2030 sollen rund 14 Gigawatt Offshore‑Kapazität am Netz sein, perspektivisch über 50 Gigawatt in hoheitlichen Gewässern von Nord- und Ostsee. Über drei Jahrzehnte hat das Land bereits ein ausgereiftes Offshore‑Ökosystem entwickelt.
Zentrales Vorhaben sind Energieinseln: Sie bündeln Strom aus mehreren Windparks, transformieren ihn netzkompatibel und verteilen ihn in verschiedene Länder. In der Nordsee entwickelt Dänemark Energieinsel Nordsee (Nordsøens Energiø), rund 80 Kilometer westlich von Jütland. Ein Pendant gibt es mit der Energieinsel Bornholm auch in der Ostsee. Energieinseln
Die industrielle Basis ist solide. Turbinenhersteller, Fundamentbauer, Kabelproduzenten, Offshore‑Dienstleister und der Hafen Esbjerg als logistisches Rückgrat bilden eine eng verzahnte Wertschöpfungskette.
Norwegen entwickelt Floating-Wind-Technologien
Norwegen hat bisher nur wenige Offshore‑Windanlagen in Betrieb, allen voran Hywind Tampen als Floating‑Vorzeigeprojekt. Da die Nordseeküste meist steil abfällt, sind klassische Fundamente nur selten sinnvoll. Floating‑Wind ist daher die Technologie zum Erschließen des Offshore‑Potenzials.
Mit der 2025 veröffentlichten neuen Industriestrategie hat die Regierung erstmals einen industriepolitischen Rahmen geschaffen, der den Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Zulieferkette für Offshore‑Wind – insbesondere Floating‑Wind – in den Mittelpunkt stellt und das Land zum internationalen Technologie-Exporteur machen soll. Die Strategie stärkt norwegische Werften, Stahlbauer, Offshore‑Dienstleister und Technologieunternehmen, so dass sie Floating‑Fundamente, Mooring‑Systeme, Unterwassertechnik und Offshore‑Plattformen in Serie produzieren können.
Utsira Nord ist norwegisches Vorzeigeprojekt
Zwei Konsortien – Equinor/Vårgrønn und Deep Wind Offshore/EDF Renewables – erhielten Ende 2025 jeweils ein Gebiet mit bis zu 500 Megawatt Floating‑Wind‑Kapazität. Damit tritt Norwegen in die industrielle Phase der Entwicklung von Floating‑Wind-Technologien und globaler Offshore‑Zulieferketten.
Belgien plant Energieinsel im Prinzessin-Elisabeth-Gebiet
Belgien setzt mit seiner Prinzessin-Elisabeth-Insel ebenfalls auf das Konzept von Dänemark, mit einer künstlich aufgeschütteten Energieinsel als zentralem Netz‑ und Verknüpfungspunkt für mehrere Offshore‑Windparks im Prinzessin‑Elisabeth‑Gebiet. Für das gesamte Gebiet sind drei nacheinander zu bauende Windparks mit insgesamt rund 3,5 Gigawatt installierter Leistung geplant.
Die Ausschreibung für die erste Windpark-Parzelle Prinzessin-Elisabeth Zone 1 (PEZ1) mit rund 700 Megawatt installierter Leistung wurde 2025 gestoppt und soll 2026 neu starten. Die Prinzessin-Elisabeth-Insel soll nicht nur mit dem belgischen Festland verbunden werden, sondern über den hybriden Interkonnektor TritonLink auch mit der dänischen Energieinsel Nordsee.
Herausforderungen für die Branche
Trotz bisheriger Erfolge und Ambitionen steht die Offshore-Windbranche vor erheblichen Herausforderungen. Skepsis gegenüber der weltweiten Klimapolitik halten Unternehmen zunehmend von Investitionen in den Sektor ab. Shell kündigte 2024 an, sich aus der Entwicklung neuer Offshore-Windparks zurückzuziehen. Auch BP fährt seine Investitionen in erneuerbare Energien zurück und fokussiert sich wieder stärker auf Öl und Gas. Der deutsche Energieversorger Energie Baden-Württemberg (EnBW) hat sich 2025 komplett aus zwei Offshore-Projekten mit BP vor der britischen Küste zurückgezogen. Die Planungen der Energieinsel-Projekte von Dänemark und Belgien in der Nordsee wurden aufgrund steigender Kosten und unsicherer Finanzierung teils um Jahre zurückgestellt.
Engpässe bestehen zudem in Häfen, bei Spezialschiffen und Fachkräften. Der Bau moderner Windparks mit 15-Megawatt-Turbinen erfordert eine verbesserte Infrastruktur, doch Hafenmodernisierungen sind Zeitfresser. Der Port of Tyne an der nordenglischen Nordseeküste investiert derzeit über 170 Millionen Euro in einen Tiefseekai zur Förderung von Offshore-Entwicklungen.
Die britische Regierung reagiert mit milliardenschweren Investitionsprogrammen: Die öffentlich-rechtliche Körperschaft Crown Estate stellt rund 460 Millionen Euro für Hafen- und Lieferkettenprojekte bereit, während die neue staatliche Energiegesellschaft Great British Energy mit etwa 345 Millionen Euro gezielt lokale Lieferketten aufbauen wird und als Co-Investor Projekte auch mit entwickeln kann.
Geplante Investitionsvorhaben für Offshore-Windanlagen in der Nordsee| Bezeichnung | Länder | Kapazität, Projektphase, Zeitplan | Projektträger / Investor | Projektvolumen in Mrd. Euro |
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Dogger Bank D, Offshore-Windpark | Vereinigtes Königreich | 1,5 Gigawatt, in Planung, Genehmigung zum Bau soll Mitte 2027 eingereicht werden; geplante Inbetriebnahme 2030er Jahre | SSE Renewables, Equinor, Vårgrønn | k.A. |
Berwick Bank, Offshore-Windpark | Vereinigtes Königreich | bis zu 4,1 Gigawatt; in Planung, Zustimmung zum Bau durch die schottische Regierung im Juli 2025 erhalten; geplante Fertigstellung 2030 | SSE Renewables Berwick Bank | 4,3 |
| Sofia Offshore Windpark | Vereinigtes Königreich | ca. 1,4 Gigawatt; im Bau | RWE | 7,8 |
Energieinsel Nordsee: Offshore‑Windpark, Hybridnetz, Wasserstoff-Elektrolyse | Dänemark | in Planung; Ausschreibungen waren geplant für 2025–2026, wurden aber durch die dänischen Behörden um weitere drei Jahre verschoben; Fertigstellung voraussichtlich nicht vor 2036 | Energinet, dänischer Staat, Konsortien (tbd) | 28 bis 35 |
Utsira Nord, Floating Windpark | Norwegen | Vergabe vorgesehen im 1. Halbjahr 2026; Bau ab 2029 | Equinor/Vårgrønn & Deep Wind Offshore/EDF | 4 bis 6 |
Sørlige Nordsjø II, Offshore‑Windpark | Norwegen | Phase 1 vergeben; Bau ab 2028 | Ventyr AS | 6 bis 8 |
| Prinzessin-Elisabeth-Insel: Offshore-Windpark, Hybridnetz | Belgien | in Planung: Ausschreibung der ersten von drei Parzellen, PEZ1, wurde im Juli 2025 annulliert und wird derzeit überarbeitet; eine neue Ausschreibung wird im 1. Quartal 2026 erwartet | Elia | 3,5 |
| Nederwiek I-A, Offshore-Windpark | Niederlande | 1 Gigawatt, erste Ausschreibung 2025 blieb ohne Gebote, neue Ausschreibung geplant für Ende Januar 2026 | RVO | k.A. |
| IJmuiden Ver Gamma A und B, Offshore-Windparks | Niederlande | jeweils 1 Gigawatt, Ausschreibungen aufgrund ungünstiger Marktbedingungen verschoben, geplant für 2026 | RVO | k.A. |
Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Von Judith Illerhaus,
Marc Lehnfeld,
Edda Schlager
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Stockholm, London, Berlin