Interview | Ungarn | Arbeitsmarkt
"Wir wünschen uns verlässliche Regeln für Gastarbeiter"
Die Industrie sucht Personal, doch Ungarns Arbeitsmarkt bleibt angespannt. WHC-Chef Viktor Göltl über Demografie, EU-Mittel und Gastarbeiterregeln.
13.08.2026
Der führende HR-Dienstleister WHC ist seit mehr als 35 Jahren in Ungarn aktiv und bietet in 14 regionalen Büros Personalvermittlung und Arbeitnehmerüberlassung an. Im Interview mit GTAI spricht Geschäftsführer Viktor Göltl über den ungarischen Arbeitsmarkt nach dem jüngsten Regierungswechsel.
Herr Göltl, wie ist die aktuelle Lage am ungarischen Arbeitsmarkt?
Der Markt hat sich aus unserer Sicht deutlich belebt. Für WHC lief das erste Halbjahr gut. Seit Jahresbeginn konnten wir unseren Stamm an Leiharbeitskräften um rund 600 Personen ausbauen. Gleichzeitig haben wir noch circa 800 offene Stellen zu besetzen. Die Nachfrage kommt vor allem aus der Industrie, aus dem Automobilsektor und von Zulieferern. Mercedes-Benz hat in Kecskemét neue Kapazitäten hochgefahren, BMW geht in Debrecen in die dritte Schicht. Fest steht: Die Industrie braucht Arbeitskräfte. Für dieses Jahr bin ich daher positiv gestimmt. Ob sich diese Dynamik fortsetzt, lässt sich aber noch nicht sicher sagen.
Die Arbeitslosenquote ist zuletzt gesunken. Erwarten Sie, dass sie weiter zurückgeht?
Eine Arbeitslosenquote unter 4 Prozent erwarte ich nicht. Aber die Entwicklung zeigt, dass die Wirtschaft wieder für mehr Beschäftigung sorgt. Für Arbeitnehmer ist das grundsätzlich positiv, für Arbeitgeber wird die Rekrutierung aber anspruchsvoller. Schon jetzt sehen wir in vielen Bereichen, dass geeignete Arbeitskräfte knapp sind. Der Hochlauf neuer Industrieprojekte verstärkt diesen Effekt. Wenn mehrere große Arbeitgeber gleichzeitig Personal suchen, wird der verfügbare Pool schnell kleiner. Unternehmen müssen früher planen und bei Löhnen, Arbeitsbedingungen und Rekrutierung flexibler werden.
Welche zusätzlichen Impulse könnten freigesetzte EU-Fördergelder haben?
Wenn die Mittel tatsächlich fließen, kann das auch am Arbeitsmarkt spürbare Effekte haben. Wir haben grob überschlagen, wie viele Arbeitskräfte nötig wären, wenn größere Summen etwa in Energieprojekte fließen. Rein rechnerisch kommen wir auf bis zu 80.000 Arbeitsplätze. Natürlich ist das keine Eins-zu-eins-Rechnung, weil ein Teil der Mittel in Maschinen oder Anlagen geht. Selbst wenn man die Zahl deutlich reduziert, bleiben aber Größenordnungen von 20.000 bis 40.000 Arbeitskräften. Für einen ohnehin angespannten Arbeitsmarkt wäre das erheblich. Die Fördermittel könnten also Wachstum stützen, aber zugleich den Personalbedarf weiter erhöhen.
Wo sehen Sie die größten Stärken des ungarischen Arbeitsmarkts?
Für mich ist die zentrale Stärke, dass in Ungarn weiterhin investiert wird. Ich sehe nicht, dass die neue Regierung größere Investitionsprojekte grundsätzlich stoppen wird. Investitionen schaffen Beschäftigung und bringen Zulieferer ins Land. Positiv ist zudem, dass die Industrie wieder Nachfrage erzeugt. Aber diese Nachfrage entsteht nicht von selbst. Dass Ungarn für viele Unternehmen ein attraktiver Produktionsstandort bleibt und in den vergangenen Jahren erfolgreich Industrieansiedlungen realisiert wurden, ist auch der Arbeit der Investitionsagentur HIPA zu verdanken. Aus Sicht vieler Investoren wird entscheidend sein, ob diese professionelle Betreuung fortgeführt wird.
Ich sehe nicht, dass die neue Regierung größere Investitionsprojekte stoppen wird.
Und wo liegen die größten Schwächen?
Das größte strukturelle Problem ist die Demografie. In Ungarn sterben jährlich deutlich mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Dieses Ungleichgewicht wirkt sich direkt auf den Arbeitsmarkt aus. Hinzu kommt, dass viele Ungarn in Österreich oder Deutschland arbeiten. Sie sind nicht primär aus politischen Gründen gegangen, sondern wegen des Einkommensgefälles. Deshalb werden auch nur wenige nach dem Regierungswechsel zurückkommen. Wer im Ausland eine Familie gründet, bleibt häufig dort. Der heimische Arbeitskräftepool wird nicht automatisch größer, wenn Konjunktur und Industrieproduktion wieder anziehen.
Die neue Regierung hat einen sogenannten Gastarbeiterstopp beschlossen. Was steckt dahinter?
Aus meiner Sicht ist die Entscheidung für die Wirtschaft nicht gut, weil die Arbeitskräfte gebraucht werden. Wichtig ist aber die Einordnung: Es wurde nicht die Beschäftigung aller Drittstaatsangehörigen gestoppt, sondern eine bestimmte Genehmigungsform: die Gastarbeitergenehmigung. Über sie konnten Arbeitskräfte vor allem aus den Philippinen nach Ungarn kommen. Diese Genehmigung war für HR-Dienstleister wichtig und dauerte in der Bearbeitung nur etwa zwei Monate. Unternehmen können zwar auf eine andere Beschäftigungsgenehmigung ausweichen, doch das Verfahren dauert nun fünf Monate. Der Zugang ist also nicht blockiert, aber deutlich langsamer und weniger flexibel.
Welche Folgen hat das in der Praxis?
Für große OEMs (Original Equipment Manufacturer) ist das unmittelbar kein Problem, da sie häufig ungarische Beschäftigte einsetzen. Kritischer ist die Lage bei Zulieferern und Dienstleistern, etwa in der Logistik. Wenn ein Hersteller wie BMW eine zusätzliche Schicht startet, müssen die Zulieferer mitziehen. Einige planen bereits mit Arbeitskräften aus Drittstaaten. Klar ist auch: Durch die längeren Genehmigungsverfahren verliert Ungarn ein Alleinstellungsmerkmal. Bisher kamen Bewerber aus Manila schneller nach Ungarn als nach Slowenien. Wenn beide Länder ähnlich lange brauchen, Slowenien aber höhere Löhne bietet, wird Ungarn unattraktiver. Deshalb braucht die Wirtschaft verlässliche, transparente und planbare Regeln. WHC hat sich dazu mit Arbeitgebervertretern und weiteren Interessengruppen zusammengeschlossen. Gemeinsam unterbreiten wir der Regierung konstruktive Vorschläge und bieten gern den Dialog an.