Riesige staatliche Programme forcieren den Umbau der Wirtschaft. Erst in einigen Jahren wird sich herausstellen, ob der Prozess nachhaltig war oder nur die Verschuldung erhöht hat.
Die USA bleiben gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf absehbare Zeit die größte Volkswirtschaft der Welt. Das hat zwar auch etwas mit der eigenen Stärke, vor allem aber mit der Schwäche des Zweitplatzierten zu tun: China. Die Wachstumsraten der beiden Konkurrenten nähern sich immer stärker an. Die USA hingegen haben mit weniger strukturellen Problemen zu kämpfen, vor allem mit der demografischen Entwicklung. Der natürliche Bevölkerungsrückgang wird durch Zuwanderung überkompensiert.
Dennoch bleibt die Zuwanderung ein politischer Zankapfel, obwohl der Fachkräftemangel für fast alle Unternehmen und Branchen ein ernstes Problem darstellt. Er wird sich in absehbarer Zeit eher noch verschärfen, insbesondere im technisch-industriellen Bereich, da derzeit mit großzügiger staatlicher Förderung landesweit zahlreiche neue Fabriken und Montagehallen entstehen.
Verschuldung größtes ökonomisches Risiko
Die Konjunkturprogramme führen allerdings auch zu Fehlallokationen und Verschwendung. Es werden Fabriken in Branchen gebaut, die ohne die Subventionen eigentlich nicht wettbewerbsfähig wären. Gleichzeitig treiben protektionistische Auflagen die Kosten der Vorhaben in die Höhe. Projektbetreiber können nicht immer die günstigsten Investitionsgüter kaufen, sondern müssen teilweise auf einheimische Waren ausweichen.
Vor allem der Inflation Reduction Act (IRA) hat ein Problem: Er läuft bis 2032, ist aber nicht gedeckelt. Niemand weiß, wie viel er am Ende des Tages den Steuerzahler kosten wird. Eines ist schon jetzt klar: Der IRA führt zu enormen Einnahmeausfällen und treibt die Verschuldung in die Höhe. Bis 2028, so die Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF), wird die Schuldenstandsquote der USA mit der von Italien gleichziehen.
335
Mio.
Menschen lebten Mitte 2023 im Land.
Quelle: U.S. Census Bureau, 2024
26.950
Mrd.
US-Dollar betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2023 laut Prognosen.
Quelle: IWF 2024
80.410
US-Dollar machte das BIP pro Kopf damit 2023 aus.
Quelle: IWF 2024
Rang 1
belegte das Land 2023 bei den deutschen Exportzielen.
Quelle: Destatis 2024
Rang 24
nimmt das Land im Corruption Perceptions Index 2022 ein (unter 180 Ländern).
Quelle: Transparency International 2023
11,5
%
betrug die Armutsquote im Jahr 2022.
Quelle: U.S. Census Bureau 2024
Ausführliche Informationen zur Wirtschaft finden Sie in den Wirtschaftsdaten kompakt.
Deutsche Firmen profitieren trotz "local content"
Unabhängig von der Reindustrialisierung bleiben die USA eine von Dienstleistungen getriebene Wirtschaft. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Entstehung des BIP ist traditionell gering und dürfte maximal um ein paar Prozentpunkte steigen. Insbesondere in der Investitionsgüterindustrie und im Maschinenbau gibt es zahlreiche Sparten, in denen es keine oder zu wenige Anbieter gibt.
Die USA sind somit auf den Import von Investitionsgütern angewiesen. Die entsprechenden Einfuhren sind im Zuge der großen Konjunkturprogramme und trotz der Vorschriften zur Erbringung lokaler Wertschöpfungsanteile ("local content") kräftig gestiegen. Denn wenn es keine oder nicht genug einheimische Produzenten gibt, greifen Ausnahmeregelungen. Davon konnten insbesondere deutsche Anbieter profitieren.
Grundsätzlich wollen viele der in den USA tätigen deutschen Firmen ihr Engagement dort ausweiten. Vor allem treibt sie dabei das wachsende Absatzvolumen. Die Umgehung protektionistischer Schranken spielt aber auch eine Rolle. Schließlich erweist sich das Argument "made in America" als verkaufsfördernd. Nicht selten wird die eigene Marke durch geschicktes Marketing gar nicht mehr als fremd wahrgenommen. Bestes Beispiel ist der Motorsägenhersteller Stihl.
SWOT-Analyse USA
S
Stärken
Strengths
- Riesiger Inlandsmarkt, hohe Kaufkraft
- Hoch innovative Firmen im IKT-Bereich
- Exzellente Universitäten und Forschungsinstitute
- Hohe Energiesicherheit
- "Weltwährung" US-Dollar
W
Schwächen
Weaknesses
- Relativ kleine industrielle Basis
- Sehr hohes Handelsbilanzdefizit, hohe Importabhängigkeit
- Regulierungsdichte, Bürokratie
- Fachkräftemangel
- Armut, Kriminalität in Großstädten
O
Chancen
Opportunities
- Reindustrialisierung durch Konjunkturprogramme
- Wachsender Gas-/LNG-Sektor
- Firmen setzen auf Automatisierung und Robotics
- Vorsprung bei Halbleitern, KI und Quantencomputern
- Ausbau erneuerbarer Energie, Wasserstoffwirtschaft
T
Risiken
Threats
- Politische Destabilität, gesellschaftliche Spaltung
- Militärische Konflikte
- Wachsende Verschuldung
- Vorzeitiges Ende der Konjunkturprogramme
- Abhängigkeit von seltenen Erden bleibt hoch
Geförderte Branchen: Elektroautos, Halbleiter, erneuerbare Energie, Wasserstoff
Der IRA schiebt vor allem Investitionen in Fabriken für Elektroautos und Batterien sowie Solarmodule an. Zudem subventioniert er erneuerbare Energie, die Wasserstofftechnologie und die Dekarbonisierung der Wirtschaft. Bis 2050 wollen die USA klimaneutral (netto gerechnet) werden. Nahezu die Hälfte aller neu installierten Stromerzeugungskapazitäten entfällt inzwischen auf die Solarenergie. Bei Offshore-Windkraft herrscht derweil Flaute. Investoren schreiben Großprojekte ab, weil sie sich nicht gerechnet haben.
Hinzu kommen die Auswirkungen des Chips and Science Act. Anfang 2024 befinden sich Investitionen in knapp zwei Dutzend Halbleiterfabriken mit einem Volumen von über 200 Milliarden US-Dollar (US$) in der Pipeline. Nicht nur amerikanische Firmen wie Intel oder Global Foundries investieren massiv, sondern auch asiatische Anbieter wie Samsung oder Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC).
Bedeutung der Wirtschaftszweige in den USAAnteile in Prozent (2022)Sektoren | Anteil an der Bruttowertschöpfung 1) | Anteil an den Beschäftigten 2) |
|---|
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 1,5 | 1,3 |
Bergbau (inklusive Öl- und Gasförderung) | 2,1 | 0,3 3) |
verarbeitendes Gewerbe | 17,5 | 13,4 |
Versorgungssektor | 1,7 | 0,3 |
Baugewerbe | 5,2 | 4,7 |
Dienstleistungen, davon | 72,0 | 80,0 |
| Einzel- und Großhandel, Logistik | 17,1 | 17,1 |
| Finanzen und Immobilien | 20,1 | 5,5 |
| Gesundheit, Erziehung, Soziales | 8,2 | 14,8 |
1 ohne Staatssektor; 2 ohne Selbstständige außerhalb der Landwirtschaft (=5,5%); 3 wird in der Originalquelle den Dienstleistungen zugeordnet.Quelle: U.S. Bureau of Economic Analysis 2024; U.S. Bureau of Labor Statistics 2024
Die "Vereinigten Märkte von Amerika"
Landeskenner betonen oft, dass die USA nicht ein Markt, sondern viele Märkte seien. Im sogenannten "mittleren Osten" ballen sich die Wirtschaftskraft von New York, New Jersey, der Hauptstadt Washington, D.C. und der Nachbarstaaten auf geografisch engem Raum. Doch verarbeitendes Gewerbe ist eher wenig anzutreffen. In New York dominiert die Finanzindustrie, in der Hauptstadt die Lobby-Branche.
Die großen Fabriken, etwa der Autobauer, sind woanders: Sie sitzen in Detroit – bei den "Great Lakes". Hier dominieren amerikanische Hersteller. Doch die Arbeitgeber haben ein Problem: Die Gewerkschaften, die landesweit betrachtet kaum eine Rolle spielen, sind hier noch sehr mächtig. Entsprechend müssen die US-Autokonzerne deutlich höhere Löhne zahlen. Tesla meidet die Region. Deutsche Autobauer haben sich im Süden angesiedelt.
Kalifornien mit dem Silicon Valley (in der Nähe von San Francisco) gilt als der Hightech-Standort. Hier hat sich ein Gebilde von einigen riesigen IKT-Konzernen sowie unzähligen Start-ups etabliert, das von den ansässigen Spitzenuniversitäten mit Fachkräften versorgt wird. Nicht umsonst hat San Francisco die mit weitem Abstand höchsten Löhne und Gehälter.
Eckdaten der wichtigsten Bundesstaaten/Regionen in den USA 2022Gebiet | Anteil am BIP (in %) | BIP pro Kopf (in US$) | Bevölkerung (in Mio.) |
|---|
Kalifornien (Westen) | 14,1 | 92.100 | 39,5 |
Mittlerer Osten (Delaware, Washington, D.C., Maryland, New Jersey, New York) | 13,7 | 113.500 | 31,2 |
"Great Lakes" (Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, Wisconsin) | 13,0 | 70.500 | 47,8 |
| Südwesten (Arizona, New Mexico, Oklahoma, Texas) | 12,6 | 76.600 | 38,4 |
| Südosten (Florida, Georgia, North and South Carolina) | 12,5 | 67.300 | 47,8 |
Quelle: U.S. Bureau of Economic Analysis 2024; U.S. Census Bureau 2024; Berechnungen von Germany Trade & Invest