Wirtschaftsumfeld | USA | Industriepolitik
Die zwei Seiten des Fabrikneubaus in den USA
Riesige Investitionen in Pharma- und Chipfabriken schaffen zwar neue Absatzchancen für deutsche Unternehmen. In vielen anderen Industriebranchen sieht es nicht ganz so rosig aus.
23.06.2026
Von Roland Rohde | Washington, D.C.
Unter US-Präsident Joe Biden hatte eine Art Reindustrialisierung eingesetzt. Die nominalen Bauleistungen des produzierenden Gewerbes verdreifachten sich zwischen 2021 und 2024, wie Zahlen des nationalen Statistikamtes zeigen. Doch mit dem Amtsantritt Donald Trumps wendete sich das Blatt. So verzeichnete die Statistik für 2025 ein entsprechendes Minus von 6,5 Prozent. In den ersten vier Monaten des Jahres 2026 beschleunigte sich der Rückgang auf fast 18 Prozent.
Gleichzeitig geht die industrielle Beschäftigung weiter zurück. So arbeiteten im Mai 2026 rund 220.000 Menschen weniger im produzierenden Gewerbe als noch zwei Jahre zuvor, berichtet das Bureau of Labor Statistics. Insgesamt waren damit nur noch rund 8 Prozent aller landesweit Beschäftigen in der verarbeitenden Industrie tätig. In Deutschland liegt die Quote fast dreimal so hoch.
Zölle treiben Kosten in der US-Industrie
Die Zölle, mit deren Hilfe Donald Trump industrielle Fertigung zurück ins Land holen wollte, scheinen genau das Gegenteil zu bewirken. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Zunächst sorgen sie bei den allermeisten Unternehmen für Kostensteigerungen. Die USA müssen zahlreiche Kapitalgüter importieren. Bei Aluminium etwa ist das Land zu 60 Prozent auf Einfuhren angewiesen. Bei Stahl liegt die Quote zwar nur bei 20 Prozent. Doch insbesondere bei Spezialstählen besteht eine hohe Importabhängigkeit.
Vor allem die 50-Prozent-Zölle auf Stahl, Aluminium und Kupfer sowie zahlreiche Derivate wirken sich kostentreibend aus. In der Kfz-Industrie beispielsweise verteuert sich die Produktion des großen Pick-ups F150 von Ford um einige Tausend Dollar, weil seine Karosserie aus Aluminium besteht. Doch letztendlich ist die gesamte produzierende Industrie betroffen, da sie weite Teile ihrer Fertigungstechnologie importieren muss und Maschinen aus mindestens einem dieser Metalle bestehen.
Dass Zölle nicht die Industrialisierung beschleunigen, liegt auch an der geringen Vorhersehbarkeit. Niemand weiß, ob sie nach dem nächsten Präsidentschaftswechsel Anfang 2029 Bestand haben werden. Doch der Bau einer Fabrik dauert zwei bis drei Jahre; weitere Zeit verstreicht, bis sich das Projekt amortisiert hat. Mit anderen Worten: Kein Unternehmen tätigt Investitionen allein auf Grundlage von Zöllen.
Investitionsmotiv Nummer 1: das Marktpotenzial
Vielmehr müssen weitere Faktoren hinzukommen: Dazu zählt in erster Linie der große und weiter wachsende US-Markt. Das förderte auch eine Umfrage der Deutsch-Amerikanischen Auslandshandelskammern (AHK) unter in den USA angesiedelten deutschen Unternehmen zutage. Für fast alle sind die Marktchancen das mit weitem Abstand wichtigste Investitionsmotiv. Nur gut ein Fünftel führte Zölle an.
Beispiel Pharmasektor: Die Ausgaben der USA für Gesundheit sollen zwischen 2025 und 2033 um rund die Hälfte steigen. Insgesamt befinden sich Projekte zum Bau von Fabriken zur Arzneiherstellung im Umfang von bis zu 500 Milliarden US-Dollar (US$) in der Pipeline, berichtet der Lobbyverband PhRMA.
Vermeidung von Zöllen oft nur Mitnahmeeffekt
Im Halbleiterbereich wurden – beflügelt durch enorme Investitionen in künstliche Intelligenz – Chipfabriken im Umfang von mehr als 600 Milliarden US$ angekündigt, berichtet die Semiconductor Industry Association. Dabei "verkaufen" die Kapitalgeber oft ohnehin anstehende Vorhaben als neu, um Ausnahmen von Zöllen auf Chips und Arzneiwaren genehmigt zu bekommen. Die Zollumgehung ist damit eher ein Mitnahmeeffekt, nicht aber Hauptmotiv der Investitionen.
Allerdings können die beiden Branchen nicht die nachlassenden Investitionen in anderen Industriezweigen vollständig ausgleichen. Die Absatzchancen für deutsche Anbieter von Anlagegütern haben sich damit insgesamt verschlechtert. So gingen etwa die deutschen Ausfuhren von Maschinen und Anlagen in die USA 2025 um 10 Prozent zurück, berichtet die U.S. International Trade Commission. In den ersten vier Monaten 2026 stellte sich hingegen ein Plus von gut 1 Prozent ein; ein Hinweis auf eine mögliche Bodenbildung.
Einen weiteren positiven Aspekt förderte die Zollstatistik zutage: Laut einem Vertreter des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) hatten viele Mitgliedsunternehmen befürchtet, ihre amerikanischen Kunden könnten angesichts der Zölle (und der gestiegenen Preise) auf billigere Produkte aus China ausweichen. Doch die Einfuhren von Maschinen und Anlagen aus dem Reich der Mitte gingen zwischen Januar und April 2026 um 28 Prozent zum Vorjahreszeitraum zurück.
Neue Fabriken mit viel Importtechnik
Deutsche Anbieter sollten sich auf die weiter wachsenden Industrien wie die Halbleiter- und Pharmabranche konzentrieren. Für die neu entstehenden Fabriken werden nicht nur Fertigungstechnologie wie Lithographie- oder Verpackungsmaschinen benötigt. Ebenso generieren sie eine hohe Nachfrage nach moderner Förder-, Sicherheits-, Klima-, Schalt-, Automatisierungs- und Umwelttechnik. Bei der Chipproduktion etwa braucht es Reinluftverfahren. Zudem entsteht bei der Herstellung von Halbleitern und Arzneiwaren viel Abwasser, das entsprechend aufbereitet werden muss.
Auf diesen Feldern haben deutsche Anbieter einen Wettbewerbsvorsprung gegenüber einheimischen Unternehmen. Dadurch können sie auch einen Großteil der anfallenden Zölle an ihre Kunden weitergeben. Wenn Alternativen zu Importen fehlen, hat der Verkäufer eine starke Verhandlungsposition. Laut AHK-Umfrage tragen die Endabnehmer (über alle Branchen betrachtet) mehr als 70 Prozent der Kosten.
- USA
- Außenwirtschafts-, Industriepolitik
- Investitionsklima
- Maschinen- und Anlagenbau
- Bau
- Fahrzeuge
- Produktionsanlagen für Chemie, Petrochemie und Pharmazie
- Photonik, Elektronische Bauelemente
- Heiz-, Klima-, Luft-, Kühl-, Kältetechnik
- Fördertechnik, Hebezeuge
- Sicherheitstechnik
- Robotik, Automation
- Wirtschaftsumfeld