Die Nahrungsmittelindustrie der VAE wächst dynamisch – getragen von Bevölkerungswachstum, hoher Kaufkraft und einer stark international geprägten Nachfrage.
Die Ernährungsindustrie zählt zu den dynamischsten Sektoren der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Laut dem US-Landwirtschaftsministerium dürfte der Umsatz mit verarbeiteten Lebensmitteln im Jahr 2025 rund 39,8 Milliarden US-Dollar (US$) erreichen; bis 2030 wird ein jährliches Wachstum von mehr als 5 Prozent erwartet. Getragen wird die Entwicklung durch Bevölkerungswachstum, hohe Kaufkraft, Tourismus, Gastronomie und eine steigende Nachfrage nach verarbeiteten, hochwertigen Produkten.
Der Krieg in der Region verändert den Grundtrend nicht, verschiebt aber die Prioritäten. Ernährungssicherheit wird stärker zu einer Frage von Resilienz, Logistik und Preisstabilität. Die VAE bleiben trotz hoher Investitionen in die lokale Produktion stark von Importen abhängig. Je nach Produktgruppe stammen rund 80 bis 90 Prozent des Lebensmittelbedarfs aus dem Ausland. Störungen im Schiffsverkehr, höhere Versicherungsprämien, steigende Energiepreise oder längere Transportwege können sich daher rasch auf Kosten, Verfügbarkeit und Lagerhaltung auswirken.
Importabhängigkeit bleibt strukturelles Merkmal
Die natürlichen Voraussetzungen setzen der Landwirtschaft in den VAE enge Grenzen. Da weniger als 1 Prozent der Landesfläche ackerfähig ist, bleibt eine flächenbasierte Selbstversorgung unrealistisch. Ernährungssicherheit entsteht daher vor allem durch ein widerstandsfähiges Versorgungssystem: diversifizierte Bezugsquellen, strategische Lagerbestände, leistungsfähige Häfen, stabile Kühlketten sowie lokale Verarbeitungs- und Verpackungskapazitäten. Die heimische Produktion ergänzt die Importe, ersetzt sie aber nicht.
Der Krieg macht diese Abhängigkeit deutlicher. Unternehmen müssen Ausfälle, Umleitungen, Preis- und Lieferzeitschwankungen stärker einplanen. Damit verschiebt sich der Fokus von effizienter Beschaffung hin zu mehr Resilienz. Für Investoren zählt weniger, wie stark die VAE ihre Lebensmittelproduktion ausweiten, sondern wie gut sie externe Schocks abfedern können. Lokale Verarbeitung und moderne Lagertechnik werden damit zu zentralen Bausteinen der Versorgungssicherheit.
> 85
%
der in den Vereinigten Arabischen Emiraten konsumierten Lebensmittel stammen aus Importen.
Teilmärkte entwickeln sich unterschiedlich
Die einzelnen Segmente entwickeln sich je nach Nachfrage, lokaler Produktion und Importabhängigkeit unterschiedlich. Im Molkereibereich nimmt die Erzeugung von Frischmilch zu; Käse, Butter und Spezialprodukte werden jedoch weiterhin überwiegend eingeführt. Das Marktvolumen lag 2024 bei rund 4,8 Milliarden US-Dollar (US$). Auch die Fleischverarbeitung bleibt stark auf Importe und Vorprodukte angewiesen. Geflügel ist die wichtigste Kategorie; die heimische Produktion soll bis 2026 weiter wachsen, deckt aber nur einen Teil des Verbrauchs. Halal-Standards, Automatisierung, Schockfrostung, Qualitätskontrolle und Rückverfolgbarkeit prägen Investitionen. Gleichzeitig bleibt das Segment anfällig für höhere Kosten für Futtermittel, Kühlung und Logistik.
Konsumgetriebene Segmente wie Backwaren, Snacks und Süßwaren entwickeln sich stabil. Backwaren profitieren von der Nachfrage nach tiefgekühlten Teiglingen, Vollkornprodukten und glutenfreien Alternativen. Mit einem Marktvolumen von rund 2 Milliarden US$ ist der Sektor wichtig für Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel.
Unternehmensanteile an Backwaren in 2023 (in %)Firma | Marktanteil |
Artisanal Bakery | 46 |
Almarai Co Ltd | 5 |
Modern Bakery LLC | 3,5 |
IFFCO Group | 2,3 |
Quelle: Euromonitor, Februar 2024
Süßwaren bleiben vor allem im Premiumsegment gefragt. Internationale Anbieter wie Mars, Ferrero und Mondelez sind präsent; lokale Marken investieren in zuckerreduzierte und vegane Sortimente.
Technologie wird zum Resilienzfaktor
Die VAE setzen auf die Modernisierung der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette. Im Food Tech Valley in Dubai entstehen Flächen für moderne Landwirtschaft, Verarbeitung, Verpackung, Logistik, Forschung und Start-ups. Ziel ist es, Ernährungssicherheit stärker mit Technologie, Daten und industrieller Skalierung zu verbinden.
Ein Beispiel ist die Vertical-Farm-Anlage Bustanica. Sie produziert nach Unternehmensangaben mehr als 1 Million Kilogramm Blattgemüse pro Jahr und benötigt deutlich weniger Wasser als konventionelle Landwirtschaft. Solche Projekte stärken vor allem frische und verarbeitungsnahe Segmente. Die strukturelle Importabhängigkeit der Emirate verringern sie jedoch kaum.
Die National Food Security Strategy 2051 bleibt daher zentral. Sie setzt auf moderne Produktion, internationale Partnerschaften, diversifizierte Bezugsquellen, bessere Regulierung und weniger Lebensmittelverschwendung. Der Krieg dürfte diese Prioritäten beschleunigen. Relevanter werden Investitionen in Lagerhaltung, Kühlketten, digitale Rückverfolgbarkeit, alternative Lieferanten und regionale Verarbeitungskapazitäten.
Kernpunkte der National Food Security Strategy 2051
Lokalisierung von Innovationen
Aufbau einer auf die VAE ausgerichteten Nahrungsmittelversorgungskette
Förderung der Agrartechnologie und Nachhaltigkeit
Schaffung von Arbeitsplätzen
Erhöhung des wirtschaftlichen Beitrags
Stärkung der Ernährungssicherheit
- Globale Führungsrolle
Chancen für deutsche Unternehmen
Für deutsche Anbieter eröffnen sich dadurch zusätzliche Marktchancen. Gefragt sind Maschinen und Anlagen für die Molkerei-, Backwaren- und Fleischverarbeitung, Verpackung, Kälte- und Automatisierungstechnik sowie Lösungen für Labore, Qualitätssicherung und Rückverfolgbarkeit. Auch Anbieter von Zusatzstoffen, funktionellen Zutaten, Backmischungen und energieeffizienter Produktionstechnik können profitieren.
"Der Wettbewerb in den VAE wird weniger über Volumen als über Qualität und technologische Kompetenz entschieden", sagt Daisy Schmidt, Direktorin des Kompetenzzentrums für Ernährung und Landwirtschaft bei der AHK. Deutsche Unternehmen können ihre Stärken besonders in anspruchsvollen Verarbeitungs- und Qualitätssegmenten ausspielen. Entscheidend ist jedoch, lokale Standards, Halal-Anforderungen, Zertifizierungen und Lieferkettenrisiken frühzeitig zu berücksichtigen.
Der Krieg macht damit sichtbar, was den Markt ohnehin prägt: Die VAE bleiben ein wachsender Absatzmarkt für Lebensmittel und Verarbeitungstechnik, aber die Versorgungssicherheit rückt stärker in den Mittelpunkt. Wer Effizienz, Qualität und Resilienz verbindet, hat im Markt gute Chancen.
Von Heena Nazir
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Dubai