Branche kompakt | Saudi-Arabien | Chemische Industrie
Branchenstruktur
Die Produktion hochwertiger Chemieerzeugnisse soll deutlich steigen. Die zu Saudi Aramco gehörende Saudi Basic Industries Corporation (SABIC) dominiert die Branche.
19.01.2026
Von Heena Nazir | Dubai
Trotz eines breiten Produktspektrums mit inzwischen mehr als 140 chemischen Erzeugnissen bleibt die Wertschöpfungstiefe in der saudi-arabischen Chemieindustrie bislang begrenzt. Die Produktionsstruktur ist weiterhin stark auf volumengetriebene Grundstoffe und Standardprodukte ausgerichtet, während höherwertige Segmente eine untergeordnete Rolle spielen.
Nach Schätzungen der Gulf Petrochemicals and Chemicals Association entfielen 2025 rund 90 Prozent der installierten Produktionskapazitäten auf chemische Grundstoffe, Zwischenprodukte, Standardpolymere wie Polyethylen, Polypropylen und Polyvinylchlorid sowie auf Düngemittel. Hochwertige Chemieprodukte, darunter Spezialchemikalien, hochveredelte Derivate sowie Hochleistungskunststoffe und -kautschuke, stellten lediglich etwa 10 Prozent der Produktionskapazitäten. Sie erwirtschafteten jedoch mehr als ein Drittel des Branchenumsatzes. Diese Diskrepanz verdeutlicht die erheblichen Wertschöpfungsunterschiede innerhalb der Industrie.
Industriepolitik zielt auf höhere Wertschöpfung
Vor diesem Hintergrund treibt Saudi-Arabien die strukturelle Weiterentwicklung seiner Chemieindustrie gezielt voran. Ziel ist es, die Abhängigkeit von klassischen Basischemikalien schrittweise zu reduzieren und die industrielle Wertschöpfung im Land zu erhöhen. Der strategische Fokus verlagert sich zunehmend auf nachgelagerte Produktionsstufen, insbesondere auf Spezialchemikalien und anwendungsnahe chemische Vorprodukte mit höherem technologischem Anspruch.
Ein Beispiel hierfür ist die von der Saudi Basic Industries Corporation geplante High-Purity-Ethylenoxid-Anlage am Standort Yanbu. Hochreines Ethylenoxid gilt als Schlüsselvorprodukt für Spezialderivate, etwa für pharmazeutische Anwendungen und funktionale Polymere. Das Projekt befindet sich in der technischen Vorplanungsphase, das Investitionsvolumen liegt bei rund 2 Milliarden US$. Der Baustart ist für 2027 vorgesehen, die Inbetriebnahme für 2029.
Ein weiteres Vorhaben ist die geplante "Agricultural Chemicals Manufacturing Facility" des internationalen Konzerns UPL (United Phosphorus Limited) im Raum Riad. Vorgesehen ist die Herstellung von Pflanzenschutzmitteln und formulierten Agrarchemikalien. Das Investitionsvolumen beträgt rund 1 Milliarde US$. Derzeit befindet sich das Projekt in der Studienphase; Baubeginn und Inbetriebnahme sind für 2027 beziehungsweise 2029 geplant.
Stark konzentrierte Wettbewerbsstruktur
Die Wettbewerbsstruktur der saudi-arabischen Chemieindustrie ist stark konzentriert und wird von wenigen, überwiegend staatsnahen Großunternehmen geprägt. Diese verfügen über eine enge Verzahnung von Raffinerie- und Chemieaktivitäten sowie über einen privilegierten Zugang zu kostengünstigen Rohstoffen. Klassischer Wettbewerb zwischen einer Vielzahl gleichwertiger Anbieter spielt eine untergeordnete Rolle, entsprechend hoch sind die Markteintrittsbarrieren.
Zentraler Akteur ist die Saudi Basic Industries Corporation. Der 1976 gegründete Konzern deckt große Teile der Wertschöpfungskette ab, von Basischemikalien und Polymeren bis hin zu ausgewählten Spezialchemikalien. Seit 2020 hält die staatliche Ölgesellschaft Saudi Aramco 70 Prozent der Anteile. Nach eigenen Angaben stellt der Konzern rund die Hälfte der gesamten Chemieproduktion des Landes.
Neben dem Marktführer prägen mehrere großskalige Joint Ventures das Wettbewerbsumfeld, darunter Sadara Chemical Company, Petro Rabigh, SATORP und YASREF. Diese Unternehmen sind überwiegend im Bereich der Basischemikalien und Standardpolymere tätig und häufig direkt an Raffineriestandorte angebunden. Ihr Fokus liegt auf integrierten Refinery-to-Chemicals-Konzepten, die die Wertschöpfungstiefe erhöhen und die Abhängigkeit vom klassischen Kraftstoffgeschäft reduzieren sollen.
Indirekte Marktchancen für ausländische Anbieter
Der Wettbewerb wird damit weniger durch Produktdifferenzierung als durch Skaleneffekte, Integrationstiefe und Kostenvorteile bestimmt. Während bei Basischemikalien und Standardpolymeren der Preiswettbewerb dominiert, gewinnen Spezialchemikalien im Zuge der industriepolitischen Zielsetzungen an Bedeutung.
Für ausländische Unternehmen, darunter insbesondere deutsche Anbieter, ergeben sich daraus vor allem indirekte Marktchancen. Aufgrund der hohen Marktkonzentration treten sie vor allem als Technologie-, Ausrüstungs- und Lösungspartner auf, etwa in den Bereichen Verfahrenstechnik, Spezialanlagen und Prozessautomatisierung, wie Branchenexperten gegenüber der GTAI berichten.
| Unternehmen | Sparte/Produkte (Auswahl) | Umsatz (2024) |
|---|---|---|
| Saudi Aramco | Öl & Gas, Petrochemie | 280,0 ¹ |
| Saudi Basic Industries Corporation (SABIC) | Petrochemie, Agrarchemikalien, Spezialchemikalien, Metall | 37,3 |
| Saudi Aramco Total Refining & Petrochemical Company (SATORP) | Raffinerie, Petrochemie | 20,5 |
| Rabigh Refining & Petrochemical Company (Aramco / Sumitomo) | Raffinerie, Polymere, Monomere | 10,5 |
| Sadara Chemical Company (Aramco / Dow Chemicals) | Ethoxylate, PEG, TDI, Benzol, MDI, Butanol, Polyole, Epoxidharze, Acrylate | 8,8 |
| Saudi Aramco Base Oil Company (Luberef) | Base Oil (Grundöl) | 2,8 |
| Saudi Kayan Petrochemical Company | Ethylen, Propylen und Derivate, Downstream-Produkte | 2,3 |
| Sahara International Petrochemical Company (Sipchem) | Propylen, Polypropylen, Ethylen, LLD-Polyethylen, Methanol, Butandiol, CO, Essigsäure, Vinylacetat | 1,9 |
| Yanbu National Petrochemical Company (YANSAB) | Ethylen, Ethylenglycol, HD- & LLD-Polyethylen, Polypropylen, Butene, MTBE, BTX | 1,6 |
| Saudi Industrial Investment Group (SIIG) ² | Benzol, Styrol, Polypropylen, HD-Polyethylen, 1-Hexen | k.A. |
Deutsche Chemieunternehmen produzieren im Königreich
Deutsche Unternehmen sind in der saudi-arabischen Chemieindustrie mit Fertigungsaktivitäten vertreten. Henkel betreibt über seine in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässige Tochterfirma Henkel Polybit eine Produktionsstätte in Dammam. Dort werden Abdichtungsmaterialien und weitere Chemieprodukte für den Bausektor hergestellt. Das Familienunternehmen Bischof + Klein aus Lengerich produziert in Al Khobar Verpackungsfolien für flexible Anwendungen, darunter SmartFlex- und FFS-Lösungen.
Darüber hinaus ist Evonik mit 25 Prozent an der Saudi Acrylic Polymers Company beteiligt. Das Joint Venture nahm 2014 im Chemiepark Jubail die Produktion von Superabsorbern auf. Mit einer Kapazität von 80.000 Tonnen pro Jahr zählt die Anlage zu den bedeutenden Produktionsstandorten dieser Produktgruppe in der Region. Superabsorber sind ein zentrales Basismaterial für Hygieneprodukte wie Windeln oder Binden.
Auch im Bereich der Industriegase engagieren sich deutsche Konzerne langfristig. Die Linde-Gruppe investierte rund 380 Millionen US$ in eine Anlage zur Herstellung von Kohlenmonoxid, Wasserstoff und Ammoniak. Die Fabrik ging 2017 auf dem Gelände des Sadara-Komplexes in Jubail in Betrieb und ist eng in die dortige chemische Wertschöpfung integriert.