Wirtschaftsumfeld | Antarktis | Chinas Aktivitäten in der Antarktis

China verstärkt seine Aktivitäten in der Antarktis

Chinas polare Seidenstraße reicht bis tief in den Südkontinent. Dabei geht es absehbar nicht nur um Wissenschaft, sondern um handfeste Wirtschafts- und geostrategische Interessen.

Stefanie Schmitt

Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

Bis 2049, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik, will China "polare Großmacht" sein. In der Arktis stehen dabei neue, geostrategisch bedeutsame Schifffahrtsrouten und der Zugang zu russischen Rohstoffen im Vordergrund. In der Antarktis liegen die Schwerpunkte neben der Forschung zunächst auf der Fischerei, langfristig aber auch auf den umfangreichen Rohstoffvorkommen des Kontinents.

Krill für Spezialprodukte in Aquakulturen und Gesundheitswirtschaft

Im Zentrum steht der Krill. China weitete seinen Fang in der Antarktis in den vergangenen Jahren deutlich aus. Den größten Teil des Krills verarbeitet das Land zu günstigen eiweißreichen Futtermitteln. Für die Politik ist dies ein Schritt, China unabhängiger von Fischmehlimporten zu machen. Viel größeres Potenzial haben indessen für die Volksrepublik andere, neue Anwendungen für den an hochwertigen Proteinen und Omega-3-Fettsäuren reichen Krill, etwa als Nahrungsergänzungsmittel oder Gesundheitsprodukt. An diesen wird eifrig geforscht.

Was macht Krill so bedeutend?

Antarktischer Krill (Euphausia superba) ist nur wenige Zentimeter groß. Allerdings sind Pinguine, Robben, Wale, Seevögel und zahlreiche Fischarten direkt oder indirekt auf die Krebstiere als Nahrung angewiesen. Er spielt somit eine Schlüsselrolle in den antarktischen Ökosystemen. Wissenschaftler sehen derzeit weniger die Gesamtfangmenge als problematisch an als vielmehr die zunehmende räumliche Konzentration der Fischerei.

Nach dem Auslaufen einer Regelung zur Verteilung der Fänge auf verschiedene Regionen Ende 2024 konnten sich die Mitglieder der Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources (CCAMLR) bislang nicht auf eine Nachfolgeregelung einigen. Gleichzeitig wächst die wirtschaftliche Bedeutung von Krill als Rohstoff für Aquakulturfutter und Omega-3-Produkte.

China baut seine Rolle in der Krillfischerei rasant aus. Sein Anteil an den Fängen stieg laut CCAMLR von 13 Prozent im Jahr 2021 auf 37 Prozent im Jahr 2025. Mit 221.765 Tonnen lag das Land zuletzt hinter Norwegen (311.577 Tonnen), hat den Abstand zum Marktführer jedoch deutlich verringert.

Antarktis als Rohstoffrevier der Zukunft

In der Antarktis sind unter anderem Kohle- und Eisenerzvorkommen bekannt. Überdies werden große Erdöl- und Erdgasvorkommen vermutet. Gegenwärtig verbietet der Antarktisvertrag, dem China 1983 beigetreten ist, jeglichen Rohstoffabbau. Hinzu kommen die schwierigen klimatischen Verhältnisse, die einen solchen Abbau heute noch uninteressant machen. Doch langfristig könnte sich das ändern. Es liegt daher nahe, dass sich auch China potenziell Zugang, technologische Fähigkeiten und wirtschaftliche Optionen für die Zukunft sichern will.

Zu diesem Bild passt, dass China (wie auch Russland) seit Jahren die Ausweisung neuer Meeresschutzgebiete in der Antarktis blockiert. Da die CCAMLR nach dem Konsensprinzip entscheidet, kann schon ein einzelner Staat entsprechende Vorhaben verhindern, so das Wilson Center, ein US-Thinktank für internationale Politik. 

Zugleich nutzt China seine wissenschaftliche Präsenz, um seinen Einfluss in den Gremien des Antarktisvertragssystems auszubauen. Durch gemeinsame Forschungsprojekte mit Russland sowie einer Reihe von Entwicklungs- und Schwellenländern ist Peking dabei, neue Bündnispartner zu gewinnen und dem Einfluss westlicher Staaten wie Australien, Großbritannien und den USA stärker entgegenzutreten.

Erklärt: Der Antarktisvertrag

Der 1959 von zwölf Staaten unterzeichnete und 1961 in Kraft getretene Antarktisvertrag regelt die friedliche Nutzung des Kontinents. Er verbietet militärische Aktivitäten, nukleare Tests und Waffenstützpunkte. Zugleich wurden die bestehenden Gebietsansprüche von sieben Staaten eingefroren; neue dürfen nicht erhoben werden. Die Mitgliedstaaten verpflichten sich zu freier Forschungskooperation und zur Nutzung ihrer Stationen ausschließlich für friedliche Zwecke.

Inzwischen haben 56 Staaten den Vertrag unterzeichnet. Volles Stimmrecht besitzen jedoch nur Staaten, die aktiv in der Antarktis forschen. Deutschland gehört seit 1979 dazu und betreibt drei Stationen.

Das wichtigste Zusatzabkommen ist das 1991 unterzeichnete und seit 1998 geltende Madrid-Protokoll. Es verbietet Aktivitäten im Zusammenhang mit mineralischen Ressourcen mit Ausnahme wissenschaftlicher Forschung und verpflichtet die Vertragsparteien zum Umweltschutz. Frühestens 2048 kann jede Konsultativpartei eine Überprüfungskonferenz beantragen. Das bedeutet jedoch weder eine automatische Änderung des Protokolls noch ein Ende des Bergbauverbots. Dessen Aufhebung ist an hohe rechtliche Hürden geknüpft.

Antarktisvertrag und Madrid-Protokoll gelten grundsätzlich unbefristet. Sie sind bemerkenswerte Beispiele internationaler Zusammenarbeit: Seit mehr als 60 Jahren gelingt es, teils gegensätzliche staatliche Interessen miteinander in Einklang zu bringen. Eine Schwäche bleibt jedoch: Bei schwerwiegenden Vertragsverletzungen fehlen wirkungsvolle Durchsetzungsmechanismen. Dies könnte künftig an Bedeutung gewinnen.

Forschungsstationen unter Verdacht

Dieses Gebaren könnte jedoch nur ein erster Schritt sein. Chinas Politik im Südchinesischen Meer nährt den Verdacht, dass Peking auch in der Antarktis mit dem Ausbau seiner Infrastruktur langfristig strategische Interessen verfolgt, die über die Forschung hinausgehen könnten. Im Südchinesischen Meer hat China innerhalb der umstrittenen "Neun-Strich-Linie" seine militärische Präsenz stark ausgebaut, obwohl ein internationales Schiedsgericht 2016 zentrale chinesische Gebietsansprüche zurückgewiesen hat.

Dafür spricht, dass sich Chinas Stationen über die gesamte Antarktis verteilen – und deshalb schwer von den anderen Vertragsparteien kontrolliert werden können. Ähnliches trifft allerdings auch auf Russland und die USA zu. Die USA haben zwar weniger Stationen als Russland, Argentinien oder Chile, besitzen aber mit McMurdo die größte Antarktisstation der Welt und mit der Amundsen-Scott South Pole Station die einzige dauerhaft besetzte Station direkt am geografischen Südpol.

Anders als Argentinien, Chile, Australien, Großbritannien, Frankreich, Neuseeland und Norwegen erhebt China offiziell keine territorialen Ansprüche auf die Antarktis. Die Volksrepublik erkennt jedoch auch keinen der durch den Antarktisvertrag derzeit eingefrorenen Gebietsansprüche an. Damit hält sich Peking die Möglichkeit offen, künftig eigene Ansprüche geltend zu machen. Vor allem in Australien wird diese Haltung mit Skepsis betrachtet. Denn drei der fünf chinesischen Forschungsstationen liegen in dem von Australien beanspruchten Teil der Antarktis.

Dual-Use-Anwendungen nicht bestätigt, aber möglich

US-Quellen weisen wiederholt darauf hin, China könnte seine Forschungsstationen nicht nur zu friedlichen Forschungszwecken nutzen. Nach einem 2022 veröffentlichten Bericht des US-Verteidigungsministeriums könnten Chinas Forschungsaktivitäten zumindest teilweise die Fähigkeiten der Volksbefreiungsarmee ausweiten. Insbesondere die jüngste fünfte Station sei geeignet, Signalinformationen aus Australien und Neuseeland sowie Telemetriedaten von Raketen zu sammeln, die von neu errichteten Weltraumeinrichtungen in beiden Ländern gestartet werden, so das amerikanische Center for Strategic and International Studies (CSIS).

Dass westliche Sicherheitsanalysten die chinesischen Aktivitäten besonders kritisch betrachten, ist angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Spannungen nachvollziehbar. Umgekehrt betrachtet China vermutlich aber auch die technologischen und wissenschaftlichen Aktivitäten westlicher Staaten unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten.

Horacio Werner Executive Director von Agenda Antártica, Nichtregierungsorganisation für Antarktispolitik und internationale Zusammenarbeit

Fest steht: Wissenschaftliche Infrastruktur, Satellitenkommunikation, Radar, Navigation und viele weitere in der Antarktis eingesetzte Technologien lassen sich grundsätzlich zivil wie militärisch nutzen. Dies gilt für alle dort vertretenen Staaten. Ebenso fest steht aber: Bislang sind keine entsprechenden Verstöße Chinas offiziell bekannt.

Dessen ungeachtet bedürfen die Investitionen Chinas in moderne Infrastruktur in der Antarktis zumindest Transparenz und gegebenenfalls kritischer Überprüfung. Dies gilt nicht zuletzt vor dem Hintergrund des chinesischen National Intelligence Law, das Unternehmen und Forschungseinrichtungen grundsätzlich zur Unterstützung der nationalen Sicherheitsinteressen der Volksrepublik verpflichtet.

Später Start – schnelle Aufholjagd

Zwar ist China deutlich später als andere Vertragspartner dem Antarktisvertrag beigetreten. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Schon nach zwei Jahren, im Februar 1985, eröffnete das Land die erste Forschungsstation (Great Wall). In der Folge erhielt es im Oktober 1985 den Status einer Konsultativpartei und damit volles Stimmrecht in den Konsultativtagungen des Antarktisvertrags.

China hat sich nach ersten vorsichtigen Schritten zu einem der aktivsten Akteure auf dem Kontinent entwickelt und verfügt heute über eines der größten Polarprogramme außerhalb der ursprünglichen Antarktis-Nationen.

Giovannina Sutherland Chilenische Antarktisforscherin, Universidad de Chile

Chinas Forschungsstationen in der Antarktis
Station

Eröffnung

OrtAnmerkungen
Great Wall Station

1985

King George Islandganzjährig; erste chinesische Station
Zhongshan Station

1989

Larsemann Hillsganzjährig; Logistikdrehscheibe für Aktivitäten im Inneren der Antarktis; eigene Landebahn für Flugzeuge
Kunlun Station

2009

Dome Asaisonal; mit 4.093 Metern Höhe über dem Meer die höchstgelegene Station; prädestiniert für astronomische Beobachtungen und für Beobachtungen zum BeiDou-Satellitensystem
Taishan Station

2014

Princess Elizabeth Landsaisonal; Sommerstation für Glaziologie
Qinling Station

2024

Rossmeerganzjährig; ermöglicht gleichzeitig Zugang zum Atlantik, Indischen Ozean und zum Pazifik.
mögliche sechste Station

geplant

 keine Veröffentlichungen; vermutlich nahe der Rossmeer-Region, eine der letzten unerschlossenen Zonen in der Antarktis.
Quelle: Martinioni, Daniel Roberto: Antártida 2022; heise online 2024; Sutherland, Giovannina: Vortrag an der Universidad Cátolica de Chile, 25.8.2026

China logistisch weitgehend autark

Waren die ersten chinesischen Aktivitäten in der Antarktis noch auf ausländische Unterstützung angewiesen, etwa beim Besuch des ersten chinesischen Journalisten 1979 und der Eröffnung der Great-Wall-Station 1985 mit Hilfe Chiles, ist die Volksrepublik heute logistisch weitgehend autark. Gleichwohl arbeiten Chile und China in der Antarktis weiterhin eng zusammen.

China verfügt inzwischen über die Forschungseisbrecher Xuelong (seit 1994) und Xuelong 2 (seit 2019) sowie das Polarflugzeug Xueying 601 vom Typ Basler BT-67 (seit 2015). Während die Xuelong ursprünglich als arktisches Frachtschiff in der Ukraine gebaut und erst später zum Eisbrecher umgerüstet wurde, ist die Xuelong 2 Chinas erster selbst entwickelter und gebauter Polar-Eisbrecher, berichtet das norwegische Polarfachmedium High North News. Wie die Neue Zürcher Zeitung im Oktober 2026 schrieb, besteht nicht zuletzt angesichts der zunehmenden gemeinsamen militärischen Aktivitäten Russlands und Chinas in der Arktis die Idee, mit russischer Hilfe einen zusätzlichen dritten, atombetriebenen Eisbrecher vom Stapel laufen zu lassen, welcher dann auch in der Antarktis zum Einsatz kommen könnte.