Der Wettbewerbsdruck aus China wächst auf deutsche Mittelständler. Mit welchen Strategien Unternehmen und die EU reagieren. Die Exportoffensive aus China setzt den EU-Binnenmarkt und deutsche Mittelständler zunehmend unter Wettbewerbsdruck. | © Getty Images/iStockphoto/vchal

Markets | China | Absatzmarkt

China-Schock 2.0 – Wettbewerb in neuem Ausmaß

Ob Maschinenbauer, Kraftfahrzeugzulieferer oder Hersteller von Medizingeräten, in China aktiv oder nicht: Den steigenden Wettbewerbsdruck aus China spüren laut neuer DIHK-Umfrage zwei Drittel der deutschen Unternehmen. Höchste Zeit zu handeln, sagen viele Firmen – und denken dabei an sich selbst, aber auch an die Politik.

Corinne Abele

Von Corinne Abele | Berlin

„Der Wettbewerb mit China hat ein neues Ausmaß erreicht“, erklärt Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Außenhandelskammer (DIHK). Dies bemerken vor allem deutsche Unternehmen mit eigenen Produktions- und Vertriebsstandorten in China: 88 Prozent kämpfen mit wachsender chinesischer Konkurrenz, wie eine Sonderumfrage des DIHK unter 1.300 deutschen Firmen im September 2026 ergab.  

Doch auch ohne Geschäfte mit oder in China, können sich deutsche Unternehmen dem chinesischen Kosten- sowie Innovationsdruck und seinem wachsenden Exportkontrollanspruch nicht mehr entziehen. Tatsächlich sind nach einer Studie der französischen Regierungsbehörde Haut-Commissariat à la Stratégie et au Plan ein Drittel der deutschen Exporte und sogar zwei Drittel der inländischen Produktion direkt von chinesischem Wettbewerb betroffen. 

Umfrage wie Studie unterstreichen einmal mehr, dass die chinesische Konkurrenz spürbar im europäischen und insbesondere im deutschen Binnenmarkt angekommen ist.  „Uns läuft die Zeit davon“, sagt Oliver Wack, Referent für Ost- und Südasien im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Auch der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) fordert eine abgestimmte EU-Strategie für China. Selbst Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), lange entschieden gegen weitere handelspolitische Maßnahmen gegen China, hält inzwischen “Handelsschutzinstrumente” laut Handelsblatt “ab einem bestimmten Punkt der Wettbewerbsverzerrung” für einsetzbar.  

 

EU-Binnenmarkt im Visier chinesischer Konkurrenz 

Der Grund für den verschärften Wettbewerbsdruck aus der Volksrepublik: Der zahlungskräftige europäische Binnenmarkt spielt für Chinas neu geschärftes Wachstumsmodell in Auslandsmärkten eine besondere Rolle. Während Peking sich massiv an die Modernisierung seiner Industrie durch den Einsatz von Automation, Robotik und künstliche Intelligenz macht, dümpelt im heimischen Markt die Nachfrage nach Konsum- wie Investitionsgütern.  

Der Exportdruck auf chinesische Unternehmen steigt – auch bei High-Tech-Produkten wie Batterien, Elektroautos oder Robotik. Vergleicht man in China Export- und Produktionsstatistiken der ersten acht Monaten 2026, gingen beispielsweise fast 38 Prozent der produzierten Elektroautos oder bereits rund 16 Prozent der Industrieroboter ins Ausland. Darunter immer mehr in die EU und auch nach Deutschland. 

Während die Politik noch um Position und Maßnahmen gegenüber China ringt, handeln die betroffenen Unternehmen bereits – laut DIHK-Umfrage mit Produktinnovation (60 Prozent), mit Kostensenkungen (50 Prozent) und mit einer verstärkten Suche nach neuen Absatzmärkten (39 Prozent).  

Deutsche und chinesische Firmen agieren gemeinsam 

52,7 Mrd. Euro

betrug das bilaterale Handelsdefizit Deutschlands mit China im ersten Halbjahr 2026.  

Quelle: Statistisches Bundesamt 

Daniel Yoo, Geschäftsführer des VDMA in Shanghai, erinnert sich an die Aussage eines in China ansässigen deutschen Maschinenbauers: „Während meine Kunden in China meine Anlagen kaufen, brechen mir meine Kunden in Europa weg – sie kaufen zunehmend chinesisch.”  Es gilt, von den Wettbewerbsstrategien erfolgreicher deutscher Firmen in China zu lernen: von höherer Innovationsgeschwindigkeit durch Partnerschaft mit chinesischen Firmenkunden und Lieferanten, von Kostenreduzierung durch stärkere Lokalisierung und zunehmend auch vom gemeinsamen Gang in Drittmärkte. Allein 36 Prozent der im Rahmen der Geschäftsklimaumfrage der Auslandshandelskammer Greater China 2025/26 befragten deutschen Mitgliedsfirmen, die in China aktiv sind, sehen in der Internationalisierung chinesischer Unternehmen derzeit ihre größten Geschäftschancen.  

Chinas neue Wachstumsstrategie für Auslandsmärkte 

Im neuen Fünfjahresprogramm für die Jahre 2026 bis 2030 setzt China durch die Going-Global-2.0-Kampagne auf ein neues Wachstumsmodell, das eine noch aktivere Bearbeitung von Auslandsmärkten vorsieht. Innerhalb weniger Jahre soll in einigen Branchen wie der Automobilindustrie ein Teil der bisherigen Exportproduktion ins Ausland verlagert werden. So sollen die Produzenten mögliche künftige Handelsbarrieren umgehen. Zwar enthält das im September 2026 neu veröffentlichte Fünfjahresprogramm für die Entwicklung intelligent vernetzter Fahrzeuge und Fahrzeuge mit alternativen Antrieben keine konkreten Zielvorgaben für Auslandsmärke. Das Beratungsunternehmen AlixPartners hält jedoch eine nahezu Verdreifachung der Auslandsproduktion chinesischer Autobauer auf rund 3,4 Millionen Fahrzeuge bis zum Jahr 2030 für möglich.  

Unternehmerwunsch: gemeinsames, starkes Auftreten der EU 

Sind chinesische Firmen bereits mit eigener Produktion im Auslandsmarkt vertreten, ist es für rein handelsbezogene Maßnahmen und Strategien zu spät. Die Zeit für die EU und Deutschland wird daher knapp. Verbände wie der VDMA drängen deshalb auf schnell umsetzbare handelspolitische Maßnahmen gegenüber China. Sie sollten mit einer gewissen Durchschlagskraft ausgestattet sein, etwa wie die Erhebung von Ausgleichszöllen auf der Ebene von Warengruppen oder eine generelle Beweislastumkehr bei der Prüfung von Ausgleichszöllen. 

Das Handelsdefizit der EU mit China wächst und wächst. Die Europäische Handelskammer in China (englisches Kürzel: EUCCC) wirft daher in ihrem am 22. September 2026 vorgestellten Positionspapier 2026/27 die Frage auf: 

 „If trading with China is delivering a net positive outcome for one partner and a net negative for the other, should we go on trading as we do today?” 

                Jens Eskelund, Präsident der EUCCC 

Bis Oktober 2026 laufen die Verhandlungen zwischen der EU-Kommission in Brüssel und Peking. Kommt es zu keinen Lösungsansätzen, sind Beschlüsse über künftige Maßnahmen auf dem EU-Gipfel im Oktober 2026 zu erwarten. So kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Straßburg bereits an, „alle verfügbaren handelspolitischen Instrumente zu nutzen“, um die wirtschaftlichen Beziehungen mit China wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Der Ton in Brüssel ist schärfer geworden. Auch Jens Eskelund, Präsident der Europäischen Handelskammer in China (EUCCC), sprach bei der Vorstellung des neuen EUCCC-Positionspapiers 2026/27 von einer aufgrund von Ungleichgewichten “zwangsläufig instabilen Handelsbeziehung”. Für das Gesamtjahr 2026 ist ein neues Rekorddefizit zu erwarten.  

„Wir müssen ins Handeln kommen“ 

Bis zum EU-Gipfel im Oktober 2026 soll auch die China-Position der deutschen Bundesregierung vorliegen und eingebracht werden. Noch wird um sie gerungen, bislang sind sich die Ministerien nicht einig. Dabei wünschen sich die Unternehmen ein gemeinsames Auftreten der EU gegenüber China: 67 Prozent der an der DIHK-Umfrage teilnehmenden Unternehmen sprachen sich dafür aus. Stärkeren handelspolitischen Maßnahmen der EU gegenüber China stimmten insgesamt 55 Prozent der Befragten zu, 37 Prozent sind dagegen, acht Prozent enthielten sich. Für Oliver Wack vom VDMA ist die Lage klar: „Wir müssen dringend ins Handeln kommen.“