Wirtschaftsausblick | Griechenland
Globale Krisen belasten Griechenlands Konjunktur
Griechenlands Wirtschaftswachstum schwächelt. EU-Fördermittel sind Treiber der Investitionen. Deutschland behauptet sich als wichtigster Handelspartner.
02.06.2026
Von Michaela Balis | Athen
Top-Thema: Nahostkonflikt treibt Verbraucherpreise in die Höhe
Der Inflationsanstieg auf 5,4 Prozent im April 2026 gegenüber dem Vorjahr kam für viele Marktexperten überraschend. Das mediterrane Land ist aufgrund oligopolistischer Strukturen besonders anfällig für Preissteigerungen. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Energie, Lebensmittel und Einzelhandel.
Der harmonisierte Verbraucherpreisindex der EU macht dies deutlich. In Griechenland lag er bei 4,6 Prozent, gegenüber 3 Prozent im Durchschnitt der Eurozone. Für das Gesamtjahr 2026 prognostiziert die EU‑Kommission einen Preisanstieg von 3,7 Prozent. Vor dem Hintergrund steigender Energiepreise gilt diese Prognose als optimistisch.
Heizöl verteuerte sich im April 2026 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als die Hälfte. Diesel wurde um rund ein Drittel teurer, Erdgas um knapp 20 Prozent, meldet das griechische Statistikamt Elstat. Auch andere Bereiche waren betroffen. Flugtickets und Rindfleisch verteuerten sich im gleichen Zeitraum um etwa 19 Prozent.
Preiserhöhungen in der Lebensmittelindustrie setzen die Verbraucher stärker unter Druck als hohe Brennstoffpreise. Das zeigt eine Umfrage des Forschungsinstituts IELKA vom März 2026. Etwa zwei Drittel der Verbraucher gehen davon aus, in den nächsten sechs Monaten auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Damit wollen sie ihre üblichen Lebensmitteleinkäufe bezahlen.
Um die Preise zu deckeln, führte die griechische Regierung im März 2026 strenge Vorgaben ein. Sie betreffen die Bruttogewinnspanne von Supermärkten, Herstellern und Vertriebsunternehmen. Bei 61 Lebensmitteln und Alltagsgütern darf sie nicht über dem Vorjahresniveau liegen. Zudem gibt es Subventionen für landwirtschaftlichen Diesel und Düngemittel. Insgesamt ergriff die griechische Regierung Maßnahmen im Umfang von 800 Millionen Euro.
Wirtschaftsentwicklung: Griechenland korrigiert Konjunkturerwartungen nach unten
Die EU‑Kommission senkt ihre Wirtschaftsprognose deutlich. Statt eines Wachstums von 2,2 Prozent, wie noch im Herbst angenommen, soll die griechische Wirtschaft 2026 nur noch um 1,8 Prozent zulegen. Damit liegt das Land weiterhin über dem Durchschnitt in der EU von 1,1 Prozent.
Im Jahr 2027 wird sich die Dynamik weiter verlangsamen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll um 1,6 Prozent wachsen. Mit dem Auslaufen des EU‑Aufbaufonds entfällt ein wichtiger Wachstumstreiber. Dies zeigt sich bei den Bruttoanlageinvestitionen. Nach einem Plus von 7,3 Prozent im Jahr 2026 steigen sie 2027 nur noch um 1,3 Prozent.
Der private Konsum soll moderat um 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen. Um die Kaufkraft zu stützen, hob die Regierung den Mindestlohn im April 2026 um 4,5 Prozent an. Trotzdem bleibt Griechenland Schlusslicht unter den EU‑Ländern. Das gilt für das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf ausgedrückt. Es erreicht nur 68 Prozent des EU‑Durchschnitts, gemeinsam mit Bulgarien.
Moderate Verlängerung des EU-Aufbaufonds
Griechenland stehen bis Ende August 2026 insgesamt 36 Milliarden Euro aus dem EU‑Aufbaufonds zur Verfügung. Bis März 2026 hatte das Land knapp 68 Prozent der gesamten Mittel erhalten. Die EU‑Kommission gewährte eine Verlängerung für die Realisierung der Projekte bis Ende Dezember 2026. Reformen müssen bis Ende August 2026 umgesetzt werden.
Mehrere Projekte erwiesen sich als nicht umsetzbar. Das griechische Finanz‑ und Wirtschaftsministerium schichtet daher rund 900 Millionen Euro in neue Vorhaben um. Davon sollen 500 Millionen Euro den staatlichen Anteil an der Kapitalerhöhung des unabhängigen Übertragungsnetzbetreibers Admie finanzieren. Für den Ausbau des Stromnetzes plant Admie, sein Aktienkapital um insgesamt 1 Milliarde Euro zu erhöhen. Der griechische Staat hält 51 Prozent an Admie.
Darüber hinaus plant die Region Attika die Anschaffung von 130 elektrischen Müllfahrzeugen. Auch der Ausbau des Mikrosatellitenprogramms soll gefördert werden.
Der griechische Staat plant zudem, ungenutzte Fördermittel über 2 Milliarden Euro zu übertragen. Sie sollen in Form von Krediten an die griechische Entwicklungsbank gehen. Davon sollen kleine und mittlere Unternehmen bis 2029 profitieren.
Deutschland wichtigster Handelspartner
Im Jahr 2025 war Deutschland Griechenlands wichtigster Handelspartner. Italien rangiert mit geringem Abstand auf Platz 2, gefolgt von China. Die Importe aus Deutschland stiegen gegenüber dem Vorjahr um 9,1 Prozent. Mit einem Anteil von 11,5 Prozent an den griechischen Einfuhren bleibt Deutschland wichtigster Lieferant. Besonders gefragt sind Produkte des deutschen Fahrzeugbaus. Hinzu kommen medizinische, pharmazeutische und chemische Erzeugnisse.
In der Rangliste der wichtigsten Abnehmer griechischer Produkte liegt Italien an der Spitze. Es folgen Deutschland und Zypern. Die griechischen Lieferungen nach Deutschland stiegen im Jahr 2025 um 9,4 Prozent.
Deutsche Perspektive: Innovationsfreundliches Umfeld zieht Firmen der Verteidigungsindustrie an
Griechenland entwickelt sich zu einem wichtigen Standort für innovative Unternehmen. Dazu zählen auch Firmen aus der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie. Beispiele sind die Start-ups STARK Defence (Deutschland), Alta Ares (Frankreich) und Delian Alliances Industries (Vereinigtes Königreich). Nicht nur Griechenlands 30 Milliarden Euro starkes Rüstungsprogramm zieht ausländische Unternehmen an. Auch die geografische Lage und ein dynamisches Start-up-Ökosystem wecken das Interesse.
Das bestätigt Alexandros Kolios, Sales and Business Development Manager bei dem deutschen Unicorn STARK das auf unbemannte Systeme spezialisiert ist: "Gut ausgebildete Fachkräfte im Bereich Software sowie auch Hardware und positive Perspektiven für Produktion und Absatz haben uns nach Griechenland geführt". STARK gründete 2025 eine griechische Tochtergesellschaft und plant perspektivisch den Aufbau einer Produktionsstätte.
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