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Europas Maschinenbau sucht Wege zurück zum Wachstum
Globale Unsicherheiten, Handelskonflikte und Konkurrenz aus China belasten Europas Maschinenbau. Trotz aller Probleme gibt es einige Marktsegmente mit starkem Wachstumspotenzial.
24.07.2026
Die Konjunktur im europäischen Maschinenbau entwickelt sich durchwachsen. In Frankreich freut sich die Branche laut dem Verband FIM über ein Umsatzplus von 3,2 Prozent von Januar bis April 2026. Im Kontrast dazu beklagt der italienische Maschinenbauverband Anima in einer Konjunkturumfrage vom April 2026: "Einerseits schrumpft oder stagnieren die Umsätze, andererseits steigt die Kostenbasis."
Ein ähnlich heterogenes Bild zeigt sich in Mittel- und Osteuropa. Während Polens Maschinenbau von einer robusten Binnennachfrage profitiert, verzeichnete die Branche in Tschechien im 1. Quartal 2026 einen rückläufigen Auftragseingang.
Angesichts dieser widersprüchlichen Signale fallen die Prognosen für Europas Maschinenbau verhalten aus. Der Dachverband Orgalim rechnet für 2026 lediglich mit einem Umsatzwachstum von 1,8 Prozent. Auch FIM aus Frankreich erwartet nicht mehr als rund 2 Prozent. Der schwedische Industrieverband Teknikföretagen wiederum rechnet erst für 2027 mit einer kräftigeren Belebung.
In Deutschland macht sich unterdessen vorsichtiger Optimismus bemerkbar. Umfragen des Branchenverbands VDMA vom Juni 2026 zeigen, dass mehr Unternehmen sowohl ihre aktuelle Geschäftslage als auch die künftige Geschäftsentwicklung positiv statt negativ einschätzen.
Geopolitische Risiken belasten die Branche
Der mögliche Aufschwung bleibt jedoch fragil. In einer Konjunkturprognose warnt der europäische Industrieverband Orgalim vor geopolitischen Spannungen, darunter „insbesondere der Konflikt in Iran“.
Dabei sind die Kampfhandlungen rund um die Straße von Hormus längst nicht die einzige Sorge der Branche. Hinzu kommen die handelspolitischen Spannungen mit den USA. Die Zollpolitik von Präsident Donald Trump trägt dazu bei, dass europäische Maschinenexporte in den US-Markt schrumpfen.
Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerbsdruck aus China. Branchenverbände beklagen, dass chinesische Hersteller dank staatlicher Unterstützung Maschinen zu Preisen anbieten können, mit denen europäische Anbieter kaum konkurrieren können. Das Verhältnis zu China bleibt ambivalent. In Spanien etwa sorgen die Investitionen chinesischer Automobilhersteller wie SAIC und Chery für zusätzliche Nachfrage nach Maschinen und Anlagen.
Mehr Export und mehr Binnenmarkt
Angesichts dieser Herausforderungen suchen Europas Maschinenbauer neue internationale Absatzmärkte. Entsprechend positiv bewerten viele Branchenverbände das Freihandelsabkommen Mercosur zwischen der EU und Südamerika. "Dieses Abkommen wird eine Reihe von Exportmöglichkeiten eröffnen", sagte Rafael Campos Pereira, Vizepräsident des portugiesischen Maschinen- und Metallverbands AIMMAP in einem Zeitungsinterview.
Weitere Hoffnungen ruhen auf dem europäischen Binnenmarkt. Impulse könnte der Chips Act 2.0 liefern, den die Europäische Kommission im Juni 2026 vorgestellt hat. Anders als sein Vorgänger stellt die Initiative auch Förderprogramme für Maschinen in Aussicht, die für die Halbleiterfertigung benötigt werden. Diesen Ansatz begrüßt VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann, der in einer Presseerklärung schreibt: „Technologische Souveränität kann nur gelingen, wenn Europas industrielle Basis im Bereich der Chip- und Elektronikproduktionsausrüstung gestärkt wird.“
Keine Einigkeit bei Schutzmaßnahmen
Nicht alle Vorhaben der EU stoßen auf ähnliche Zustimmung. Das zeigt die Diskussion um den Industry Accelerator Act (IAA). Die Europäische Kommission will bei Ausschreibungen emissionsarme Materialien und Produkte aus Europa bevorzugen. Viele Maschinenbauer sehen die Pläne jedoch kritisch. Der Dachverband Orgalim warnt, dass emissionsarme Materialien bislang nur begrenzt verfügbar seien. Zudem würden Herkunftsvorgaben den international verflochtenen Lieferketten vieler Maschinenbauer nicht gerecht.
Frankreich fordert dagegen weitergehende Schutzmechanismen. Aus Sicht des Maschinenbauverbands FIM greift der IAA zu kurz, weil auch Produkte aus Drittstaaten mit Handelsabkommen zur EU von den Vorteilen profitieren könnten. Dies schwäche den gewünschten Schutz europäischer Hersteller.
Kontrovers diskutiert wird ebenfalls der CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM. Für ausgewählte Metallprodukte aus Ländern ohne vergleichbare CO2-Bepreisung wie in der EU fallen zusätzliche Abgaben an. Maschinenbauverbände befürchten steigende Produktionskosten und Wettbewerbsnachteile.
Chancen durch Dekarbonisierung
Trotz aller Herausforderungen eröffnet die Dekarbonisierung auch Geschäftsmöglichkeiten. Das italienische Marktinstitut Cerved schätzt, dass die dortige Metallindustrie bis 2050 rund 7,3 Milliarden Euro in neue Anlagen investieren muss, um ihre Emissionen zu senken.
Entsprechend groß ist das Interesse an verschiedenen Technologien, wie zum Beispiel der Abscheidung- und Speicherung von CO2 (CCS). Das Ravenna-CCS-Projekt ist Italiens größtes Vorhaben in diesem Bereich. Dabei wird Kohlendioxid aus Industrieanlagen abgeschieden, über bestehende und umgerüstete Gasleitungen transportiert und in ehemaligen Erdgasfeldern unter der Adria vor Ravenna verpresst. Die erste Projektphase läuft seit 2024.
Auch kleine modulare Kernreaktoren (SMR) rücken in den Fokus energieintensiver Industrien. In Tschechien plant der Energiekonzern ČEZ bis 2050 den Bau von sechs Anlagen. Die Turbinen soll Siemens Energy liefern.
Dass die Transformation kein Selbstläufer ist, zeigt hingegen Schweden. Dort geriet das geplante emissionsarme Stahlwerk Stegra angesichts stark gestiegener Kosten unter Druck. Erst eine Finanzierungsrunde über 1,4 Milliarden Euro verschaffte dem Projekt im Sommer 2026 etwas Luft – und bewahrte damit auch die Absatzperspektiven für Anbieter entsprechender Maschinen und Anlagen.
Automatisierung und Digitalisierung treiben Investitionen
Ein weiterer Wachstumstreiber ist der europaweite Fachkräftemangel. Sichtbar wird dieser Trend unter anderem in Polen. Steigende Löhne und eine schrumpfende Bevölkerung veranlassen immer mehr Unternehmen, Produktionsprozesse zu automatisieren. Vor allem die Lebensmittelindustrie, der Schienenfahrzeugbau sowie Lager- und Logistikzentren investieren.
Zusätzliche Chancen entstehen durch den Boom von Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Der französische Maschinenbauverband FIM erwartet, dass der Ausbau der Dateninfrastruktur die Nachfrage nach Kühl- und Lüftungstechnik sowie Anlagen zur Wasseraufbereitung erhöht.
Mit dem Bau von Rechenzentren steigt der Bedarf an Halbleitern - und damit an den Maschinen, die für die Chipproduktion benötigt werden. Die Hersteller bauen ihre Niederlassungen bereits aus. So kündigte der niederländische Anlagenbauer ASM Ende 2025 neue Investitionen an. In Almere nahe Amsterdam entsteht eine neue Firmenzentrale mit Büros für Forschung und Entwicklung. Gleichzeitig rechnet die ebenfalls niederländische ASML für 2026 mit einem Umsatz von bis zu 40 Milliarden Euro.
Für viele Zukunftstechnologien werden kritische Rohstoffe benötigt. Davon profitieren der Bergbau und Hersteller von Bergbaumaschinen. Der schwedische Produzent von Bohrgeräten Epiroc meldete für das 1. Quartal 2026 einen Anstieg des Auftragseingangs um 11 Prozent.
Maschinenbauer profitieren vom Rüstungsboom
Zusätzliche Impulse kommen aus der europäischen Verteidigungsindustrie. Angesichts der Bedrohung durch Russland investieren viele Staaten in den Ausbau ihrer militärischen Fähigkeiten. Davon profitieren auch Maschinenbauer.
In Frankreich bestellen Luft- und Raumfahrtunternehmen neue Anlagen, um ihre wachsenden Auftragsbestände abzuarbeiten. Der portugiesische Verband AIMMAP zählt die Verteidigungsindustrie zu den wichtigsten Zukunftsmärkten. In Polen und Tschechien wiederum investieren Munitionshersteller in Automatisierung, um schneller produzieren zu können.
Die Exportquote des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus liegt seit Jahren bei über 80 Prozent. Das zeigt: Internationale Märkte sind für die Unternehmen von entscheidender Bedeutung.
Das Markterschließungsprogramm (MEP) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unterstützt Maschinenbauer dabei, neue Exportmärkte zu erschließen. Eine Übersicht über alle geplanten Veranstaltungen finden Sie unter: GTAI-Exportguide - Nichts verpassen