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Fachkräfte
Obwohl das Arbeitskräfteangebot in Indien noch Jahrzehnte wachsen wird, fehlen Fachkräfte. Deutschland interessiert sich für die indischen Talente.
04.03.2026
Von Florian Wenke | Mumbai
Indien ist mit ungefähr 1,5 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde und die Hälfte der Menschen sind jünger als 29 Jahre. Das Zahl der Personen im arbeitsfähigen Alter wird bis Mitte des Jahrhunderts noch zulegen. Die Geburtenrate ist aber gefallen. Sofern es Indien gelingt, die demografische Dividende zu nutzen, sind große Wohlstandsgewinne möglich.
Die Wirtschaft wächst robust und die Wachstumsprognosen für die kommenden Jahre sind hoch. Allerdings gibt es Zweifel, ob die hohen Wachstumsraten ausreichen, um genügend Jobs bereitzustellen. In den vergangenen Jahren konnte Indien trotz der guten Konjunktur nicht ausreichend neue Stellen schaffen, was zu Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung führte. Als unterbeschäftigt gelten Arbeitskräfte, die unproduktiv eingesetzt werden oder die weniger arbeiten, als sie eigentlich möchten.
Fachkräftemangel ist ein großes Problem
Schätzungen zufolge muss der indische Arbeitsmarkt jährlich zwischen 10 Millionen und 25 Millionen Arbeitsplätze schaffen. Zum einen treten 7 Millionen bis 12 Millionen Personen jährlich neu in den Arbeitsmarkt ein und zum anderen muss die Unterbeschäftigung durch mehr Beschäftigungsmöglichkeiten abgebaut werden. Arbeitskräfte sind am Wirtschaftsstandort Indien also reichlich vorhanden.
Die Qualität der Ausbildung unterscheidet sich in akademischen und berufsbildenden Organisationen stark. Die 23 Indian Institutes of Technology und 21 Indian Institutes of Management genießen weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Die meisten der fast 1.400 Universitäten und über 53.000 Hochschulen (Colleges) bleiben aber weit unter diesem Niveau.
Wichtiger als die Noten der Absolventinnen und Absolventen sind daher oft die Namen der besuchten Bildungseinrichtungen. Unternehmen bemängeln zudem den geringen Praxisbezug der Einrichtungen. So sind Praktika während der Studienzeit nach wie vor die Ausnahme.
Fachkräftemangel bleibt eine der größten Herausforderungen. Die Studie India Skills Report 2026 gibt den Anteil von direkt beschäftigbaren Absolventen mit durchschnittlich 56 Prozent an. Somit braucht knapp jeder zweite Absolvent zusätzliche Training, bis er oder sie eingesetzt werden kann.
Bei nicht akademischen Berufen ist das Problem noch ausgeprägter. Eine mit dem deutschen dualen System vergleichbare Ausbildung gibt es nicht. Die Kurse an den Industrial Training Institutes (ITI) und Polytechnika bringen kaum qualifizierte Arbeitskräfte hervor. Der Anteil an direkt beschäftigbaren Absolventen liegt laut India Skills Report 2026 bei lediglich 46 Prozent für ITI beziehungsweise 33 Prozent für Polytechnika.
Eine bedarfsorientierte Berufsausbildung geht bislang vor allem auf die Engagements der Unternehmen zurück, die sich mit privaten oder staatlichen Ausbildungseinrichtungen zusammengetan haben. Der Bedarf an Lösungen in der Aus- und Weiterbildung ist immens.
Aufgrund des Mangels an qualitativ hochwertigen Ausbildungsangeboten haben viele deutsche Unternehmen eigene Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen. Auch die Deutsch-Indische Handelskammer versucht seit einigen Jahren, eine Berufsausbildung nach deutschem Vorbild zu etablieren.
Regierung möchte Niveaus der Qualifikation anheben
Insbesondere bei nicht akademischen Berufen sollen die Fähigkeiten verbessert werden. Das eigens dafür geschaffene Ministerium (Ministry of Skill Development and Entrepreneurship) fördert Ausbildungen über diverse Programme, darunter mit dem bis 2026 laufenden Bildungsprogramm "Skill India".
Das Teilprogramm PMKVY, das Jugendliche für bestimmte Branchen beschäftigungsfähig machen soll, bildete von 2016 bis Anfang 2023 knapp 13,7 Millionen Personen aus. Der Erfolg war bescheiden. Nach offiziellen Angaben erhielten nur rund 20 Prozent der 11 Millionen zertifizierten Teilnehmenden im Anschluss eine Stelle. Seit 2023 läuft die 4. Phase von PMKVY, in der bis Mitte Februar 2026 rund 3,4 Millionen Personen geschult wurden.
Zudem stehen im Rahmen des im Oktober 2025 gestarteten Upgrade-Projektes PM-SETU für die Modernisierung von 1.000 Industrial Training Institutes rund 6,6 Milliarden US-Dollar bis 2030 bereit. Das Geld wird für eine bessere technische Ausstattung der Einrichtungen ausgegeben.
Erwerbsmigration aus Indien wird wichtiger
Immer häufiger wollen deutsche Unternehmen Fachkräften aus Indien für den deutschen Arbeitsmarkt anwerben. Die Regierung in New Delhi begrüßt dies. Deutschland verfügt neben dem allgemeinen Fachkräfteeinwanderungsgesetz seit 2024 über eine eigene Fachkräftestrategie für Indien. Es soll die Erwerbsmigration aus dem Land für Akademiker und Nicht-Akademiker fördern.
Die Zahl der indischen Fachkräfte und Azubis in Deutschland dürfte aufgrund anhaltender Rekrutierungsbemühungen deutscher Unternehmen in Zukunft weiter wachsen. Waren im Juli 2020 erst 64.390 Personen aus Indien in Deutschland sozialversicherpflichtig beschäftigt, so kletterte diese Zahl bis Juli 2025 auf 171.640. Ähnlich sieht der Zuwachs bei indischen Auszubildenden aus, hier wurden im Juli 2025 in Deutschland 8.790 aus Indien gezählt, deutlich mehr als vor fünf Jahren.
Die AHK Indien ist eine Anlaufstelle für Firmen aus Deutschland mit Bedarf an indischen Fachkräften. Sie unterstützt auch Kandidaten aus Indien mit dem Programm "Hand in Hand for International Talents". Indien ist auch Partnerland des Förderprogramm für ausländische Pflegekräfte (Triple-Win). Hinzu kommen zahlreiche Unternehmen in Deutschland und auf dem Subkontinent, die Fachkräfte anwerben und vermitteln.