Wirtschaftsausblick | Indien
Indien wächst trotz weltweiter Krisen kräftig
Das indische Wirtschaftswachstum ist stärker als das anderer großer Volkswirtschaften. Geopolitische Risiken stellen das Land jedoch vor Herausforderungen.
23.04.2026
Von Florian Wenke | Mumbai
Wirtschaftsentwicklung: Indien als Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft
Indien bleibt weiterhin die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt legte im Finanzjahr 2025/2026 (1. April bis 31. März) real um 7,6 Prozent zu. Für das aktuelle Finanzjahr 2026/2027 gehen die Prognosen von 6,6 Prozent aus.
Das Wachstum schwächt sich hauptsächlich aufgrund externer Faktoren ab. Dazu zählen beispielsweise der Nahostkrieg und höhere Energiepreise. Die Situation wird zu sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben für die Regierung führen. Volkswirte rechnen im Jahresverlauf mit einem Leistungs- und Zahlungsbilanzdefizit. Sowohl das Verschuldungslevel (inklusive niedriger Schulden in Fremdwährung) als auch Währungsreserven in Höhe von knapp unter 700 Milliarden US-Dollar (US$; Stand: Anfang April 2026) ermöglichen Indien den Spielraum, um die größer als geplant ausfallenden Defizite zu überstehen.
Der Abwertungsdruck für die indische Währung bleibt jedoch bestehen. Die Binnenkonjunktur soll weitgehend intakt bleiben und das Wachstum stützen.
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Investitionen wachsen, aber nicht mit voller Kraft
Laut Weltbank werden die Bruttoanlageinvestitionen 2026/2027 um 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zulegen. Der Wert ist gut, hat aber Steigerungspotenzial. Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe lag im 1. Quartal 2026 bei knapp 76 Prozent. Obwohl das eine marginale Erhöhung zum Vorquartal darstellt, ist die Auslastung weiter nicht hoch genug, um einen breit angelegten Investitionszyklus in Gang zu setzen.
Zusätzliche Investitionsimpulse kommen von der öffentlichen Hand. Der Haushalt für das Finanzjahr 2026/2027 sieht erneut hohe Ausgaben für den Infrastrukturausbau vor. Durch den Ausbau und die Modernisierung von beispielsweise Häfen und dem Bahnnetz werden die Logistikkosten in Indien weiter sinken und den Wirtschaftsstandort stärken.
Konsum profitiert von Steueränderungen
Viele Unternehmen haben aufgrund einer komplexeren Weltlage mit steigenden Kosten zu kämpfen. Die Preissteigerungen werden in den kommenden Monaten die Erträge der Unternehmen belasten. Zum Teil werden die Erhöhungen auch an die Verbraucher weitergegeben werden.
Die höheren Energiepreise spiegeln sich in der Inflation wider. Die Reserve Bank of India geht Stand April 2026 von einer Preissteigerung von 4,6 Prozent für das laufende Finanzjahr aus.
Der Konsum soll 2026/2027 dennoch um 7 Prozent wachsen. Ein Grund dafür ist die Vereinfachung und weitläufige Senkung der Umsatzsteuer. Die Reform von Ende 2025 hatte die Verbraucherstimmung deutlich belebt und federt die Preissteigerungen nun ab.
Top-Thema: Krise am Persischen Golf belastet Unternehmen
Für viele indische Unternehmen steht derzeit das operative Management stark im Fokus. Einerseits ist der Handelskonflikt mit den USA noch nicht beigelegt. Indien muss zwar aktuell nicht mehr 50 Prozent an Zusatzzöllen zahlen, sondern lediglich 10 Prozent Einfuhrzoll. Eine Einigung auf ein Handelsabkommen steht aber noch aus. Derzeit ist unklar, wann es eine finale Lösung geben wird.
Hinzu kommt die Auseinandersetzung am Persischen Golf. Indien ist auf Energieimporte angewiesen. Das Land hat seine Rohölimporte in den vergangenen Jahren zwar diversifiziert, aber noch immer kommen zwischen 30 und 40 Prozent des Öls aus der Golfregion.
Bei Gas ist die Quote höher, Indien importiert rund 60 Prozent seines Flüssiggasbedarfs. Davon kommen 90 Prozent aus den Golfstaaten. Zudem ist Indien für rund ein Viertel seiner Importe von Flüssigerdgas auf Lieferungen aus dem Golf angewiesen.
Die Störung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus sorgt für Lieferprobleme. Vor allem energieintensive Branchen wie beispielsweise die Glas- und Keramikindustrie haben die Produktion bereits gedrosselt. Auch die Düngemittelindustrie muss mit weniger Gas auskommen. Die Versorgung mit Dünger könnte mittelfristig ebenfalls zum Problem für Indien werden. Für die kommende Aussaat sind die Lager noch gut gefüllt, allerdings wird das Auffüllen danach ohne Lieferungen aus den Golfstaaten eine Herausforderung.
Der Konflikt wirkt sich zudem auf den Außenhandel aus. Die Kosten für Einfuhren sind stark gewachsen. Im März 2026 erreichten die Kosten für Ölimporte in Indien ein Zehn-Monats-Hoch.
Deutsche Perspektive: Indien ist Markt für langfristiges Wachstum
Die politisch stabile Lage, die guten Wachstumsaussichten für die kommenden Jahre und der riesige Markt sind für Firmen attraktiv. Viele deutsche Unternehmen intensivieren daher ihre Geschäftsbeziehungen zu beziehungsweise in Indien derzeit. Unternehmen, die noch kein Indiengeschäft etabliert haben, bauen Handelsbeziehungen auf. Wer bereits in Indien verkauft, denkt über lokale Beschaffung oder eine Produktion nach. Unternehmen mit Fertigungen vor Ort bauen diese aus.
Im Januar 2026 einigten sich Indien und die EU nach langen Verhandlungen auf den Abschluss eines Freihandelsabkommens. Inkrafttreten wird das Abkommen wohl frühestens Ende 2026, vielleicht auch erst 2027. Über 96 Prozent der Zölle für EU-Warenexporte werden dann über rund 10 Jahre stückweise sinken oder ganz abgeschafft.
Die Einigung ist ein wichtiges Signal, denn Indiens Rolle für die deutsche Wirtschaft wächst. Der bilaterale Handel nahm 2025 zum wiederholten Mal in Folge zu und erreichte mit fast 36 Milliarden US$ einen neuen Rekord. Dabei ist Indien nicht nur als Absatz-, sondern auch als Beschaffungsmarkt relevant, wie die steigenden Importe zeigen.
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