Kaufkraft und Konsum | Indonesien
Coronakrise verunsichert Konsumenten
Die erste Rezession seit 20 Jahren raubt den indonesischen Verbrauchern den Optimismus. Deshalb erholt sich der private Konsum langsamer als die Gesamtwirtschaft.
26.11.2021
Kaufkraft: Langfristig steigen die Einkommen
Indonesien hat eine fulminante wirtschaftliche Entwicklung hinter sich. Zwischen der Jahrtausendwende und dem Vor-Coronajahr 2019 hatte sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf auf 4.200 US-Dollar (US$) verfünffacht. Die Weltbank erklärte den Archipel sogar zur Upper-Middle Income Economy - eine Kategorie, in der sich auch ärmere EU-Länder befinden.
In der Coronakrise sank das Pro-Kopf-BIP wieder unter die Marke von 4.000 US$ und das Land rutschte zurück in die Kategorie Lower-Middle Income Economy. Millionen von Arbeitnehmern haben ihren Job verloren oder müssen um ihn fürchten. Das schlägt auf den privaten Konsum durch, der mehr als die Hälfte zur BIP-Entstehung beiträgt und damit eine unverzichtbare Konjunkturstütze ist. In der Krise sind die privaten Konsumausgaben prozentual stärker gesunken als die Gesamtwirtschaft und erholen sich seitdem laut Statistikamt auch langsamer.
Ein Fünftel der Indonesier gehören zur Mittelschicht
Langfristig dürfte die Kaufkraft aber wieder steigen, denn die volkswirtschaftlichen Kerndaten des Archipels sind solide. Der Export von Rohstoffen befeuert das Wirtschaftswachstum. Das liberalisierte Investitionsrecht weckt Hoffnungen auf die Ansiedlung von mehr Industrie und damit gutbezahlten Jobs.
Allerdings gibt es große Unterschiede in der Einkommens- und Vermögensverteilung. Laut Weltbank gehören nur etwa 20 Prozent der 270 Millionen Einwohner zur Mittelschicht, und rund 60 Prozent aller Beschäftigten sind im informellen Sektor tätig. Immerhin wurde der Anteil der armen Indonesier an der Gesamtbevölkerung seit der Jahrtausendwende auf 10 Prozent halbiert.
Heute verdient ein durchschnittlicher Arbeitnehmer mit formeller Beschäftigung in Jakarta umgerechnet knapp 300 US$ im Monat. In der Peripherie ist es jedoch nur die Hälfte. Diese Beträge bewegen sich in etwa auf dem Niveau der lokal geltenden gesetzlichen Mindestlöhne. Das zeigt, dass ein erheblicher Anteil auch der formell Beschäftigen in der Praxis keinen Anspruch auf einen Mindestlohn hat.
Indikator | 2020 |
|---|---|
BIP pro Kopf (in US$) | 3.912 |
Sparquote (% vom verfügbaren Einkommen) | 29,6 |
Verbraucherpreise (Veränderung zum Vorjahr in %) | 1,7 |
Wechselkurs Rupiah/US$ (Jahresdurchschnitt) | 14.586 |
Einwohner (in Mio.) | 270,2 |
Konsumausgaben: Nahrungsmittel wichtigster Kostenfaktor
Auch formell Beschäftigte haben im Archipel nur geringe Abzüge von ihrem Bruttogehalt. Die meisten sind nicht einkommensteuerpflichtig, und die Sozialabgaben sind gering. Das bedeutet: Fast der gesamte Lohn steht für den Konsum zur Verfügung.
Wie weit das Land noch von flächendeckendem Wohlstand entfernt ist, zeigt die Struktur der Konsumausgaben. Laut Statistikamt BPS gibt der Durchschnittsindonesier knapp die Hälfte seines Einkommens für Nahrungsmittel aus. In den Städten sind es 46 Prozent - in ländlichen Regionen, wo die Gehälter deutlich geringer sind, sind es 55 Prozent. Zwar sinkt dieser Anteil mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung. Er wird aber noch auf lange Sicht dominierend bleiben.
Jenseits von Nahrungsmitteln bestimmen die Kosten rund um das Wohnen die Konsumausgaben, seien es Mieten, Hypothekenraten, Strom oder Wasser. Somit bleibt durchschnittlich nur ein kleiner Teil der verfügbaren Mittel für klassische Konsumgüter wie elektronische Geräte oder Bekleidung übrig. Wer allerdings viel Geld zur Verfügung hat, gibt gerade in diesen Bereichen zumeist viel aus.
Ausgaben in US$ | Anteil (in %) | |
|---|---|---|
Nahrungsmittel | 41,4 | 49,2 |
Wohnraum, Energie und Wasser | 21,2 | 25,2 |
Güter und Dienstleistungen | 10,4 | 12,4 |
Langlebige Gebrauchsgüter | 4,2 | 5,0 |
Steuern und Versicherungen | 2,8 | 3,4 |
Bekleidung und Schuhe | 2,5 | 3,0 |
Feierlichkeiten | 1,6 | 1,9 |
Gesamt | 84,0 | 100,0 |
Konsumverhalten: Starke Marken sind gefragt
In der indonesischen Gesellschaft ist Außenwirkung alles. In der glitzernden Konsumwelt nicht mithalten zu können, ist eine persönliche Demütigung. Wohlstand wird daher notfalls vorgetäuscht. Wichtigste Instrumente, um sich im modernen städtischen Umfeld von anderen abzuheben, sind Marken. Sie strukturieren den Konsumkosmos. Im Alltagsleben wird der Verbraucher überall und unablässig mit Werbung berieselt. Der soziale Druck, die angesagtesten Modemarken tragen oder das neueste Handy besitzen zu müssen, ist enorm.
Bei Mode und Accessoires haben westliche Marken Kultcharakter. Die Originale sind in den zahllosen Shoppingmalls der Großstädte zu finden. Darüber hinaus überschwemmen unzählige Plagiate die traditionellen Märkte. "Made in Germany" hat einen ausgezeichneten Ruf, der vor allem mit Technologie in Verbindung gebracht, aber auch auf alltägliche Konsumgüter - seien es Originale oder Fälschungen - übertragen wird. Die deutschen Nationalfarben prangen daher bisweilen sogar auf Katzenfutterdosen.
Die Welt des schönen Scheins gilt auch für Verpackungen. Sie können gar nicht hochwertig und üppig genug ausfallen. Wer hochpreisige Produkte verkaufen will, braucht dafür ein angemessenes Drumherum. Im Verkauf müssen daher teure Marken unbedingt Abstand zu den weniger angesehenen halten.
E-Commerce boomt
Zu den Megatrends der Konsumwelt gehört der geradezu ausufernde E-Commerce. Praktisch jeder junge Städter besitzt ein Smartphone und benutzt es zum Einkaufen. Eine ausgeklügelte Mikrologistik mit Hunderttausenden Motorradkurieren liefert jedes gewünschte Produkt zuverlässig bis in die kleinste Gasse. Teure Güter werden zwar weiterhin in Shoppingmalls eingekauft - denn das Einkaufserlebnis zählt und die Furcht vor Fälschungen ist groß. Aber schon im mittleren Produktsegment, vor allem bei Mode und Accessoires, entreißt der Onlinehandel dem stationären Einzelhandel bereits einen erheblichen Teil des Geschäfts.
Bei größeren Anschaffungen wie Autos oder Motorrädern ist es üblich, auf Bankkredit zu kaufen. Ärmere Bevölkerungsschichten benötigen oft selbst beim Erwerb von Alltagsgütern finanzielle Hilfe. Für sie gibt es staatlich geförderte Mikro- oder neuerdings auch digitale Peer-to-Peer-Kredite. Die Zinsen sind in Indonesien vergleichsweise hoch.
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