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Palästinensische Gebiete: Unsichere Aussichten für 2026
Politische Risiken und der verschlossene israelische Arbeitsmarkt bremsen die Konjunktur auch 2026. Impulse könnten vor allem aus möglichen Wiederaufbauprojekten kommen.
23.01.2026
Von Wladimir Struminski | Jerusalem
Der Krieg mit Israel hat dazu geführt, dass die gewerbliche Wirtschaft im Gazastreifen praktisch zum Stillstand gekommen ist. Aber auch im Westjordanland leiden fast alle Unternehmen erheblich unter den Kriegsfolgen. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung in den palästinensischen Gebieten hängt vor allem von der Einhaltung und Stabilisierung des Waffenstillstands, der Lockerung von Zugangsbeschränkungen für Arbeitskräfte aus den palästinensischen Gebieten in Israel sowie der Finanzierung des Wiederaufbaus ab. Ein nachhaltiger Aufschwung setzt verlässliche Sicherheit, funktionsfähige Institutionen und internationale Investitionen voraus.
Die wirtschaftlichen Perspektiven der Palästinensischen Gebiete bleiben 2026 jedoch von erheblichen Unsicherheiten geprägt. Die politische Lage belastet die Konjunktur in beiden Landesteilen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.
Gaza ist weiterhin stark von den Kriegsfolgen gezeichnet. Der Wiederaufbau kommt bislang nicht voran. Im Westjordanland wirkt vor allem der Arbeitsmarkt als entscheidender Bremsfaktor: Der israelische Arbeitsmarkt bleibt für palästinensische Pendler weitgehend verschlossen, sodass seit 2022 rund 140.000 Arbeitsplätze entfallen. Der Wegfall dieser Einkommen belastet direkt den privaten Konsum und dämpft die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.
Vor diesem Hintergrund hat das Palestinian Central Bureau of Statistics (PCBS) drei Szenarien für das Jahr 2026 vorgelegt.
| Kennziffer | Basisszenario | Optimistisches Szenario | Pessimistisches Szenario |
|---|---|---|---|
| BIP | 4,1 | 15,0 | -4,2 |
| Wertschöpfung der Industrie | 6,5 | 3,2 | -8,2 |
| Wertschöpfung der Bauwirtschaft | 23,2 | 51,2 | 3,2 |
| Wertschöpfung des Dienstleistungssektors | 1,2 | 2,1 | -1,3 |
| Wertschöpfung des Agrarsektors | 6,4 | 4,8 | -20,2 |
| Privater und öffentlicher Verbrauch | 3,7 | 10,6 | 2,5 |
| Arbeitslosenquote | 43,1 | 41,8 | 47,8 |
Basisszenario: Fortsetzung der aktuellen Lage
Im Basisszenario wird von einer weitgehenden Fortsetzung der aktuellen Lage ausgegangen: In Gaza sind kaum Fortschritte beim Wiederaufbau zu erwarten, im Westjordanland bleiben die Einschränkungen für Pendler bestehen. Unter diesen Bedingungen prognostiziert das PCBS ein moderates Wachstum von 4,1 Prozent, getragen vor allem von einer leichten Belebung der Bauwirtschaft.
Für deutsche Exportunternehmen eröffnen sich dabei einzelne Lieferchancen, insbesondere für Baumaterialien, Werkzeuge sowie Maschinen und Ausrüstung für Reparaturen und kleinere Infrastrukturmaßnahmen. Die Finanzierung erfolgt meist projektweise über internationale Geber oder lokale Behörden mit begrenzten Budgets. Das erfordert eine flexible Anpassung an kurzlebige Bedarfsfenster.
Optimistisches Szenario: Impulse durch Wiederaufbau und Arbeitsmarktzugang
Das optimistische Szenario setzt einen stabilen Zufluss humanitärer Güter nach Gaza und erste konkrete Wiederaufbaumaßnahmen voraus. Für das Westjordanland rechnet es zudem mit einer schrittweisen Rückkehr palästinensischer Arbeitskräfte an ihre Arbeitsplätze in Israel. Der daraus resultierende Einkommenszuwachs würde die Binnennachfrage stärken und zusätzliche Investitionen ermöglichen. In dieser Konstellation könnte das BIP um bis zu 15 Prozent zulegen.
Für deutsche Exporteure entstünde ein spürbar dynamischeres Marktumfeld, insbesondere in den Sektoren Bau, Energie, Wasser/Abwasser und Gesundheitsversorgung. Da internationale Organisationen wie EU, Weltbank, UNDP und UNOPS zentrale Finanzierer der Projekte bleiben, erfolgt die Vergabe überwiegend über Ausschreibungen. Für deutsche Anbieter ist dies ein etablierter Zugangskanal mit klaren Verfahren und transparenter Wettbewerbsstruktur.
Pessimistisches Szenario: Verschlechterte Rahmenbedingungen
Im pessimistischen Szenario verschlechtern sich die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen weiter, etwa durch zusätzliche israelische Restriktionen. In diesem Fall erwartet das PCBS einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 4,2 Prozent. Die Investitions- und Importnachfrage würde spürbar sinken, und Geschäftsmöglichkeiten bestünden vor allem noch im Rahmen humanitärer Hilfsprogramme. Diese sind jedoch meist kleinteilig und stark reglementiert. Auch logistische Engpässe und Genehmigungsverfahren könnten zusätzliche Hürden darstellen.
Ausblick für deutsche Unternehmen
Alle Szenarien verdeutlichen die hohe Abhängigkeit der palästinensischen Wirtschaft von externen Faktoren – insbesondere vom Fortschritt möglicher Wiederaufbauprogramme in Gaza und vom Zugang palästinensischer Arbeitskräfte zum israelischen Arbeitsmarkt, der traditionell eine zentrale Einkommensquelle darstellt.
Für deutsche Exportunternehmen bleibt der Markt kurzfristig schwer kalkulierbar. Mittelfristig könnten jedoch – je nach politischem Verlauf – vor allem in Infrastruktur, Energieversorgung, Wasserwirtschaft und Gesundheitswesen wieder größere Projektvolumina entstehen. Erfahrung im Umgang mit internationalen Vergabeverfahren und flexible Logistiklösungen bleiben entscheidend, um entstehende Lieferchancen frühzeitig nutzen zu können.
| Kennziffer | Palästinensische Gebiete insgesamt | Westjordanland | Gazastreifen |
|---|---|---|---|
| BIP | -24 | -13 | -84 |
| Wertschöpfung der Industrie | -25 | -21 | -94 |
| Wertschöpfung der Bauwirtschaft | -41 | -29 | -99 |
| Wertschöpfung des Dienstleistungssektors | -25 | -12 | -82 |
| Wertschöpfung des Agrarsektors | -18 | 0 | -92 |
| Arbeitslosenquote | 45,8 (2025) gegenüber 30,7 (2023) | 27,7 gegenüber 17,9 | 77,9 gegenüber 52,8 |