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Fachkräfte
Trotz Krisen und Stellenabbau in wichtigen Industrien bleibt der Fachkräftemangel in vielen Branchen Polens bestehen. Zugleich müssen Arbeitgeber neue rechtliche Vorgaben beachten.
16.06.2026
Von Christopher Fuß | Warschau
In Polen gibt es derzeit weniger Probleme, geeignete Mitarbeiter zu finden. Darauf verweist Mark Hiller, Vorstandsvorsitzender des deutschen Herstellers von Flugzeugsitzen Recaro, in einem Interview mit dem Branchenportal rynek-lotniczy.pl. Hintergrund ist die Krise in mehreren Industriezweigen: "Branchen wie die Automobil- oder die Möbelindustrie entwickeln sich nicht mehr so dynamisch", erklärt Hiller. Infolgedessen lässt der Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte nach.
Tatsächlich hat sich der Arbeitsmarkt in Polen abgekühlt. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens AutomotiveSuppliers.pl bauten internationale Automobilzulieferer wie Mahle, Valeo oder ZF im Jahr 2025 insgesamt rund 2.100 Stellen in Polen ab. Der französische Automobilkonzern Stellantis strich darüber hinaus im März 2026 etwa 700 Arbeitsplätze in seinem Werk im südpolnischen Tychy. Als Gründe nennt das Unternehmen schwache Verkaufszahlen und hohe Produktionskosten.
Stellenabbau in mehreren Branchen
Mit ähnlichen Problemen kämpft die Möbelindustrie, die in Polen ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Wachsende Konkurrenz aus Asien und schleppende Verkäufe nach Westeuropa sind mit dafür verantwortlich, dass die Zahl der Beschäftigten in Möbelfabriken im April 2026 um 3,1 Prozent unter dem Vorjahresniveau lag.
Doch nicht nur das produzierende Gewerbe, sondern auch die Dienstleister streichen Stellen. Die Heineken-Gruppe verlagert bis zu 700 Stellen aus einem Shared-Services-Center in Krakau nach Indien. Nach Angaben des Branchenverbands für Dienstleistungszentren ABSL wandern vor allem einfache Tätigkeiten ab. Grund sind die gestiegenen Lohnkosten in Polen.
Hinzu kommt der Druck durch künstliche Intelligenz (KI). Dienstleistungszentren setzen laut ABSL verstärkt KI-Anwendungen ein, was zum Teil mit Stellenstreichungen einhergeht. Betroffen sind vor allem Junior-Positionen. "Die Folgen für Berufseinsteiger werden immer gravierender", erklärt Krzysztof Inglot, Vorstandsvorsitzender von Personnel Service, in der Tageszeitung Dziennik Gazeta Prawna.
Suche nach Fachkräften bleibt herausfordernd
Trotz dieser Entwicklungen gehört die Arbeitslosenquote in Polen weiterhin zu den niedrigsten in Europa. Nach Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat lag sie im März 2026 bei 3,3 Prozent und damit nur leicht über dem Vorjahreswert von 3,1 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland betrug die Quote im gleichen Zeitraum 4 Prozent.
Die insgesamt stabile Lage am Arbeitsmarkt hat mehrere Ursachen. Eine zentrale Rolle spielt die demografische Entwicklung: Polen weist eine der niedrigsten Geburtenraten in Europa auf. Die Bevölkerung schrumpft, wie die nationale Statistikbehörde GUS meldet. Im 1. Quartal 2026 lebten rund 155.000 weniger Personen im Land als ein Jahr zuvor. Der Rückgang des Arbeitskräftepotenzials dämpft die Auswirkungen des Beschäftigungsabbaus.
Gleichzeitig suchen einige Unternehmen wieder verstärkt nach Arbeitskräften. Besonders die Bauindustrie klagt über Personalmangel. Nach Analysen des Polnischen Wirtschaftsinstituts (PIE) fehlen unter anderem Schweißer, Elektriker und Bediener von Baumaschinen. Auch Personalvermittler berichten von einer steigenden Nachfrage im Eisenbahn- und Straßenbau. Hintergrund sind umfangreiche Infrastrukturprojekte in Polen.
Es gibt weitere Branchen, die Arbeitsplätze aufbauen. Hierzu gehört unter anderem die Logistik. Auffällig ist darüber hinaus, dass laut GUS auch Hersteller in der Kategorie "Fahrzeugbau ohne Automobilindustrie" neue Stellen schaffen. Darunter fallen neben Produzenten von Schienenfahrzeugen auch Rüstungsunternehmen. Letztere erweitern ihre Kapazitäten, da Polen seine Verteidigungsausgaben aufstockt.
Für Investoren aus wachstumsstarken Branchen bleibt die Lage am Arbeitsmarkt daher anspruchsvoll. Eine Konjunkturumfrage der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) vom April 2026 zeigt, dass auch 2026 mehr Unternehmen einen Stellenaufbau als Abbau planen.
Neue Befugnisse für die Arbeitsschutzbehörde
Gleichzeitig müssen sich Firmen auf Änderungen im Arbeitsrecht einstellen. Die Arbeitsschutzbehörde PIP erhält ab Juli 2026 erweiterte Kompetenzen, um gegen Scheinselbstständigkeit vorzugehen. Künftig kann die Behörde auch Fernkontrollen durchführen und dabei auf verschiedene Daten zugreifen, darunter bei der Sozialversicherungsanstalt ZUS.
Darüber hinaus ist PIP befugt, zivilrechtliche Verträge in ein Arbeitsverhältnis umzuwandeln, wenn eine Scheinselbstständigkeit vorliegt. Die Arbeitgeberseite setzte jedoch durch, dass Entscheidungen erst nach einer gerichtlichen Überprüfung wirksam werden, sollte das betroffene Unternehmen Einspruch einlegen.
Parallel dazu bereitet das Arbeitsministerium eine weitere Reform zur Entgelttransparenz vor. Ein geplantes Gesetz verpflichtet Unternehmen, Vergütungsstrukturen zu definieren und offenzulegen. Künftig sollen Arbeitgeber erklären, nach welchen Kriterien Gehälter für einzelne Positionen zustande kommen. Damit würde Polen zentrale Vorgaben der EU zur Lohntransparenz umsetzen. Die nationale Regelung wird frühestens 2027 in Kraft treten.
Vorerst keine Erleichterung bei Arbeitsmigration
Eine weitere Reform hat das Arbeitsministerium vorerst gestoppt. Die Behörde plante, eine Liste sogenannter Mangelberufe zu veröffentlichen. Für diese Berufe sollten beschleunigte Visa-Verfahren gelten. Ziel der Reform ist es, die Arbeitsmigration gezielter zu steuern. Ein Entwurf vom Januar 2026 umfasste 329 Berufe. Vor dem Hintergrund der steigenden Arbeitslosigkeit pausierte das Ministerium die Arbeiten jedoch im Juni 2026.
Arbeitsmigration bleibt ein kontroverses Thema. Polen hat die Anforderungen für Arbeitsvisa für Drittstaatsangehörige zuletzt deutlich verschärft. Seither müssen Antragsteller unter anderem einen Arbeitsvertrag vorweisen. Gleichwohl steigt die Zahl der erwerbstätigen Ausländer weiter an. Nach Angaben der Sozialversicherungsanstalt ZUS waren Ende 2025 rund 1,3 Millionen Ausländer in Polen tätig, 8 Prozent mehr als im Vorjahr.
Polen im weltweiten VergleichFolgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit gegebenenfalls von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können. |