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Rumänische Fahrzeughersteller schalten einen Gang höher
Die Automobilindustrie in Rumänien übertrifft das Vorkrisenniveau. Ob sie dieses Level halten kann, hängt von der Nachfrage auf den Exportmärkten und von stabilen Lieferketten ab.
06.10.2023
Von Dominik Vorhölter | Bukarest
Markttrends
"Es gibt immer noch Fabriken von Komponentenherstellern, die vom Halbleitermangel betroffen sind. Hinzu kommen logistische Störungen in der Lieferkette durch den Krieg in der Ukraine", sagte Adrian Sandu, Generalsekretär beim Verband der rumänischen Automobilerhersteller ACAROM kürzlich bei einem Branchentreffen. Bei den rumänischen Autoproduzenten Dacia (Renault Group) und Ford Otosan läuft die Produktion hingegen rund. Für sie sind Störungen der Lieferketten, etwa bei Halbleitern und anderen Komponenten, mittlerweile überschaubar geworden.
Sie dürften 2023 trotz der Herausforderungen das bisher hohe Niveau halten, prognostiziert Sandu. Dafür sprechen die jüngsten Zahlen von ACAROM: Laut diesen haben die beiden Autobauer innerhalb der ersten fünf Monate des Jahres 2023 mehr als 500.000 Autos und damit so viel wie im Gesamtjahr 2022 produziert. Somit steigerten die Hersteller ihren Output im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,4 Prozent.
Dennoch berichtet Dacia von leicht rückläufigen Bestelleingängen für die zweite Jahreshälfte 2023. Die Abnehmer in den größten Exportmärkten reagieren auf erhöhte Preise und es sind auch immer noch nicht alle logistischen Probleme bei der Auslieferung neuer Fahrzeuge gelöst. Es fehlt an Fahrern in Frankreich und Italien, um Fahrzeuge auszuliefern, heißt es bei Dacia.
Elektroautos gewinnen mehr Marktanteile
Ford Otosan und Dacia liefern ihre Fahrzeuge in die EU, vor allem an Kunden in Deutschland, Frankreich und Italien. Dort erholen sich die Automärkte weiter von den Einbrüchen der vergangenen Jahre. Laut dem europäischen Branchenverband ACEA lagen die Neuzulassungen in der EU im 1. Halbjahr 2023 um 17,8 Prozent (5,4 Millionen Einheiten) höher als im Vorjahreszeitraum. Das Vorkrisenniveau von 2019 wurde aber noch nicht erreicht. Besonders hervorzuheben ist, dass Elektroautos zunehmend Marktanteile gewinnen.
Ford und Dacia kündigen Produktionsstart neuer Modelle an
Die rumänischen Autohersteller Ford Otosan und Dacia reagieren auf den Trend und bereiten sich auf eine erhöhte Nachfrage nach Elektrofahrzeugen vor. Ford Otosan kündigte im Frühjahr 2023 an, mit der Produktion des neuesten Modells des Kleintransporters/Hochdachkombis Transit Courier zu beginnen. Zunächst werden Modelle mit Benzin- und Dieselmotor erhältlich sein. Ab 2024 will Ford Otosan eigenen Angaben zufolge eine vollelektrische Version des Modells herstellen. Dafür investiert Ford rund 490 Millionen Euro in eine neue Produktionslinie. Laut Angaben des Unternehmens sollen damit rund 1.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
Konkurrent Dacia plant, im Werk Mioveni die dritte Generation des Stadt-Geländewagens (SUV) Dacia Duster zu produzieren. Das Modell zählt zu den Verkaufsschlagern des rumänischen Autobauers. Ab 2024 will Dacia in Mioveni zudem das Modell Bigster produzieren - wie auch den Dacia Duster als Verbrenner und mit Hybridmotor. Damit wird die Produktion um ein weiteres Modell der gehobenen Kompaktklasse erweitert.
Vorhaben | Investitionssumme (in Mio. Euro) | Projektstand | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
Bau einer Batterieproduktion in Galati | 1.400 | in Planung | |
Reifenproduktion in Oreada | 650 | in Umsetzung, Produktionsbeginn 2024 | |
Elektroautoproduktion | 490 | in Planung | |
Neue Produktionseinheit von Antriebseinheiten für vollelektrischen Mercedes EQ | 140 | in Planung | Star Assembly (Mercedes-Benz-Group) |
Produktionsanlage für Hochleistungsbatterien | 10 | in Umsetzung |
Staat fördert den KFZ-Umtausch
Das rumänische Umweltministerium AFM fördert Käufer von Neuwagen mit einer Abwrackprämie von 7.000 Lei (etwa 1.427 Euro). Zusätzlich bietet das Ministerium mit dem Programm Rabla Plus Subventionen von bis zu 6.000 Euro für den Kauf eines Hybrid-Wagens und bis zu 11.000 Euro für den Erwerb eines Elektroautos an. Die Mittel werden über die Autohändler beantragt. Für diese Programme sind im Umweltministerium 156 Millionen Euro vorgesehen, die bis September 2024 beantragt werden können.
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Dacia und Ford Otosan geben in der rumänischen Autoindustrie den Ton an. Zudem haben sich im Land Zulieferer entlang der Wertschöpfungskette von Kfz-Teilen angesiedelt, unter anderem weil die Lohnkosten im EU-Vergleich günstig sind. Original Equipment Manufacturer (OEM; Erstausrüster) sowie Lieferanten von Komponenten und Systemmodulen, produzieren in Rumänien Kfz-Teile für die gesamte europäische Automobilindustrie.
Etwa 90 Prozent der Erzeugnisse exportieren die Unternehmen, darunter Kabelbäume (Eberspächer), Lichtanlagen (Hella), Reifen (Continental), elektronische Steuerungskomponenten (Bosch) und Sensortechnik (Huff). Nach Angaben des Branchenverbandes ACAROM beschäftigt die rumänische Automobilindustrie etwa 230.000 Menschen und erwirtschaftete 2022 rund 31 Milliarden Euro. Das entspricht einem Anteil von 12 Prozent am Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2022.
Rumänien braucht mehr Investitionen in Ladesäuleninfrastruktur
Bis zum Jahr 2050 plant die rumänische Regierung ein dichtes Netz von Ladesäulen aufzubauen. Deren Abstand voneinander soll maximal 60 Kilometer betragen. Dazu hat sich das Land zusammen mit anderen EU-Mitgliedstaaten verpflichtet. In Rumänien gibt es bereits 1.350 Ladestationen, wie aus einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger hervorgeht. Ihre Anzahl wächst, allerdings konzentrieren sie sich auf Städte. Man findet die Ladesäulen etwa auf Parkplätzen von privaten Unternehmen, Einkaufszentren oder Gastronomiebetrieben. Um eine flächendeckende Ladeinfrastruktur zu schaffen, werden künftig mehr Investitionen benötigt.