Saudi-Arabien treibt den Umbau seiner Abfallwirtschaft voran. Hohe Investitionen, neue Gesetze und ein wachsendes Abfallaufkommen eröffnen Chancen für moderne Recyclinglösungen.
Saudi-Arabien zählt zu den volumenstärksten Abfallmärkten der Region. Nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde General Authority for Statistics (GASTAT) stieg das insgesamt erfasste Abfallaufkommen aus Haushalten und sämtlichen Wirtschaftssektoren im Jahr 2024 um rund 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 135,1 Millionen Tonnen. Das dynamische Wachstum verdeutlicht den zunehmenden Handlungsdruck, Entsorgungs- und Verwertungsstrukturen an eine wachsende Bevölkerung, die hohe Bautätigkeit sowie den Ausbau industrieller Aktivitäten im Zuge der wirtschaftlichen Diversifizierung anzupassen.
90
%
des Abfallaufkommens will Saudi-Arabien bis 2040 von Deponien weglenken.
Marktgröße vorhanden, Verwertungsstrukturen im Aufbau
Die sektorale Zusammensetzung zeigt, dass die Abfallwirtschaft in Saudi-Arabien weit über die klassische kommunale Entsorgung hinausgeht. Den größten Anteil am Abfallaufkommen hatten 2024 die Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft sowie die Bauwirtschaft, gefolgt von privaten Haushalten und dem verarbeitenden Gewerbe. Diese Struktur prägt die Nachfrage nach differenzierten Sammel-, Sortier- und Verwertungslösungen und erhöht die Bedeutung spezialisierter Entsorgungs- und Recyclingkonzepte entlang verschiedener Wertschöpfungsstufen, betonen saudi-arabische Regierungssprecher.
Abfallaufkommen nach Sektoren 2024In Millionen Tonnen| Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft | 46,9 |
| Bauwirtschaft | 32,2 |
| Private Haushalte | 20,5 |
| Verarbeitende Industrie | 18,3 |
| Sonstige Wirtschaftsaktivitäten | 17,2 |
| Gesamt | 135,1 |
Quelle: General Authority for Statistics Januar 2026
Neben der sektoralen Herkunft ist die Zusammensetzung der Abfälle nach Materialarten entscheidend für die Marktentwicklung. Organische Abfälle bildeten 2024 mit 61,7 Millionen Tonnen den größten Einzelposten und standen für knapp 46 Prozent des gesamten Abfallaufkommens. Bau- und Abbruchabfälle sowie Kunststoffe prägen die Struktur zusätzlich. Insgesamt schafft diese Zusammensetzung günstige Voraussetzungen für Recycling, Kompostierung und die energetische Nutzung verbleibender Reststoffe, so Einschätzungen von Recyclingexperten der International Renewable Energy Agency (IRENA).
Trotz dieses Potenzials dominiert in der Praxis weiterhin die Deponierung. Zwar stieg die wiederverwendete oder recycelte Abfallmenge 2024 auf 33,9 Millionen Tonnen, was einer Verwertungsquote von 25 Prozent entspricht. Gleichzeitig wurden 38,5 Prozent der Abfälle weiterhin auf Deponien entsorgt, während der verbleibende Anteil auf alternative Behandlungs- und Entsorgungswege entfiel.
Im regionalen Vergleich hat Saudi-Arabien bei der Abfallverwertung zuletzt spürbar aufgeholt. Mit einer Verwertungsquote von rund 25 Prozent liegt das Königreich inzwischen über dem Niveau der Vereinigte Arabische Emirate (VAE), deren Recyclingquote im nationalen Durchschnitt auf etwa 20 Prozent geschätzt wird. Gleichwohl gelten die VAE unter Fachleuten weiterhin als der am weitesten entwickelte Markt der Golfregion. Ihr Vorsprung liegt weniger in der reinen Verwertungsquote als vielmehr in der technischen Reife und der institutionellen Verankerung der Abfallwirtschaft.
Während Saudi-Arabien seine Verwertungsleistung vor allem durch erste großskalige Projekte sowie den wachsenden Anteil industrieller Abfallströme steigert, verfügen die VAE über weiterentwickelte Sammel-, Sortier- und Waste-to-Energy-Strukturen sowie über klarere regulatorische Vorgaben. In der Praxis bleiben jedoch beide Länder deutlich hinter etablierten Recyclingmärkten wie der Europäischen Union zurück, wo im Durchschnitt rund 50 Prozent der Abfälle stofflich oder energetisch verwertet werden.
Neue gesetzliche Vorgaben und institutioneller Rahmen
Vor diesem Hintergrund hat die Regierung die Abfallwirtschaft zu einem zentralen Handlungsfeld der Vision 2030 erklärt. Mit dem seit 2021 geltenden Abfallwirtschaftsgesetz wurden erstmals landesweit einheitliche Standards für Sammlung, Behandlung und Verwertung eingeführt. Für die Umsetzung und Marktaufsicht ist das National Center for Waste Management zuständig, das Lizenzen vergibt, regulatorische Vorgaben durchsetzt und den Ausbau privater Aktivitäten steuert.
Darauf aufbauend verfolgt das Königreich das strategische Ziel, Abfälle zunehmend als wirtschaftliche Ressource zu nutzen. Bis 2040 sollen bis zu 90 Prozent des Abfallaufkommens von Deponien umgeleitet werden. Der Schwerpunkt liegt auf Recycling und Kompostierung, ergänzt durch Waste-to-Energy-Lösungen zur energetischen Verwertung nicht recycelbarer Reststoffe.
Milliardeninvestitionen schaffen Marktchancen
Zur Umsetzung dieser Ziele plant Saudi-Arabien Investitionen von rund 112 Milliarden US-Dollar (US$). Vorgesehen ist der Aufbau von mehr als 800 Abfallbehandlungsanlagen, die langfristig eine Verarbeitungskapazität von über 1,2 Milliarden Tonnen erreichen sollen. Bereits heute sind mehr als 1.300 Unternehmen im Abfall- und Recyclingsektor lizenziert. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei die staatliche Saudi Investment Recycling Company, die als strategischer Investor den Ausbau wichtiger Wertschöpfungsstufen vorantreibt.
Der Investitionsrahmen zielt dabei weniger auf den Ausbau einfacher Entsorgungskapazitäten als auf den Aufbau industrieller Verwertungs- und Recyclingstrukturen. Gefragt sind technisch anspruchsvolle Lösungen zur Sortierung, Aufbereitung und Verwertung heterogener Abfallströme sowie integrierte Anlagenkonzepte entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Damit eröffnet der Marktausbau insbesondere für international erfahrene Technologieanbieter neue Geschäftsmöglichkeiten.
Ein Beispiel für den wachsenden Fokus auf energetische Verwertung ist das ORC-Abwärmekraftwerk der Riyadh Cement Company in Riad. Das Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund 35 Millionen US$ nutzt Abwärme aus der Zementproduktion zur Stromerzeugung und erreicht eine Leistung von 12,6 Megawatt. Der EPC-Vertrag wurde Ende 2023 vergeben, der Baubeginn ist für 2026 vorgesehen, die Inbetriebnahme für 2028.
Ausgewählte Projekte in der Abfall- und Recyclingwirtschaft in Saudi-ArabienIn Millionen US-Dollar| Hazardous-Waste-WtE-Anlage | Veolia | Jubail | Verbrennung industrieller und gefährlicher Abfälle mit Energierückgewinnung | 100 | 121.000 t/Jahr | Projektvorbereitung, Umsetzung |
| Integriertes Abfallwirtschaftszentrum Red Sea Project (Phase 2) | Averda International | Rotes Meer | Sortierung, Recycling, Kompostierung, energetische Verwertung | öffentlich nicht ausgewiesen | öffentlich nicht ausgewiesen | Umsetzung laufend |
| Lieferung weiterer Recyclinganlagen | Kiverco | Mehrere Standorte | Sortier- und Recyclingtechnik | 20 | projektabhängig | Neue Aufträge seit 2024 |
| Ausbau Kunststoff- und E-Schrott-Recycling | National Environment Recycling Company (Tadweer) | Riad | Erweiterung Recyclinglinien | 16 | >14.000 t/Jahr Kunststoff | Erweiterung seit 2024 |
| ORC-Abwärmekraftwerk Riyadh Cement | Riyadh Cement Company, Sinoma Energy Conservation | Riad | Waste-to-Energy (Abwärmenutzung aus Zementproduktion, ORC-Technologie) | 35 | 12,6 MW | EPC-Vertrag vergeben; Bau ab 2026; Inbetriebnahme 2028 |
| Strategische Partnerschaft Veolia – SIRC | Veolia, Saudi Investment Recycling Company | Landesweit | Aufbau integrierter Recycling- und Entsorgungskapazitäten | öffentlich nicht ausgewiesen | öffentlich nicht ausgewiesen | Kooperationsvereinbarung seit 2024 |
Quelle: Recherche von Germany Trade & Invest Januar 2026
Von Heena Nazir,
Lucie Käppner
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Dubai, Riad