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Taiwan forciert den Wandel von Abfall- zur Kreislaufwirtschaft
Taiwan treibt den Wandel zur Kreislaufwirtschaft voran: höhere Ressourcenproduktivität, weniger Abfall und digitale Nachverfolgung. Deutsche Firmen können unterstützen.
10.03.2026
Von Jürgen Maurer | Taipei
Ausblick der Abfallwirtschaft in Taiwan
Bewertung:
- Roadmap für Kreislaufwirtschaft soll Investitionsaktivitäten und Zero-Emission-Ziele unterstützen.
- Recyclingbranche dürfte ihren Umsatz mittelfristig im mittleren einstelligen Bereich erhöhen können.
- Elektronikrecycling wird angesichts von Ressourcenknappheit ausgebaut und benötigt fortschrittliche Ausrüstung.
- Fehlende Deponieflächen treiben Waste-to-Energy-Investitionen an.
Anmerkung: Einschätzung des Autors für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: Februar 2026
Markttrends
Taiwan will sein Recyclingsystem zu einem vollwertigen Kreislaufwirtschaftsmodell umwandeln. Dazu hat die Regierung 2025 eine Roadmap formuliert, die “Taiwan Circular Economy Roadmap", deren Umsetzung ab 2026 erfolgen soll.
Die darin beschriebenen Maßnahmen sollen - ausgehend vom Basisjahr 2020 - bis 2050 dazu beitragen:
die Ressourcenproduktivität zu verdoppeln
den Pro-Kopf-Materialverbrauch um mindestens 30 Prozent zu verringern
die Zirkularitätsrate gegenüber 2020 um das 2,5-fache zu erhöhen
Hinzu kommen spezifische Ziele. So hat das Ministry of Environment Ende 2025 angekündigt, auf Basis des Jahres 2024 die Menge von Kunststoffabfällen bis 2030 um 5 Prozent und bis 2035 um 10 Prozent zu verringern. Dabei hat die Behörde vor allem Verpackungen im Einzelhandel und im E-Commerce im Visier, und orientiert sich an der EU Packaging and Packaging Waste Regulation.
Gemäß Zahlen des Umweltministeriums lag die Recyclingrate im Jahr 2024 für Siedlungsabfall bei 59,6 Prozent (zum Vergleich 1998: 5,8 Prozent) und für Industrieabfall bei 85,4 Prozent. Bei Siedlungsabfällen ist das Volumen in den letzten Jahren weiter gestiegen. Bei Industrieabfällen konnte das Volumen hingegen sichtbar sinken, was jedoch nicht für die recycelbare Menge gilt. Auch wenn Taiwan bereits hohe Recyclingquoten erreicht, besteht noch Raum zur Verbesserung.
| 2022 | 2023 | 2024 |
|---|---|---|---|
Siedlungsabfälle | 11.239 | 11.580 | 11.764 |
Müll | 4.799 | 4.827 | 4.752 |
Recycelfähiger Abfall | 5.950 | 6.274 | 6.507 |
Nahrungsmittelabfall | 489 | 479 | 505 |
Industrieabfälle | 21.178 | 20.039 | 19.833 |
normal | 15.928 | 15.420 | 15.092 |
gefährlich | 1.665 | 1.489 | 1.614 |
recycelfähig | 3.585 | 3.139 | 3.127 |
Umweltministerium setzt auf Strafen wie auch Anreize
Ressourcen- und Materialmanagement sollen insbesondere in Taiwans Hightech- und Elektronikindustrie vorangetrieben werden. Aber auch Branchen wie Textilien, Bauwesen und Kunststoffe sind wichtige Sektoren. Denn es geht letztlich auch um strategische Rohstoffzirkulation, um die Importabhängigkeit von kritischen Ressourcen zu verringern.
Unternehmen sollen dafür finanzielle Unterstützung und Anreize erhalten. Solche Firmen, die schwer recycelbare Erzeugnisse einsetzen, sollen künftig eine Entsorgungsgebühr (Clearance and Disposal Fee) entrichten. Solche, die zirkuläre Produkte einsetzen, können Subventionen erhalten.
Mit Hilfe digitaler Instrumente soll das Zirkulationssystem nachvollziehbar werden. Digitale Pässe für Material- und Produktlieferketten sind angestrebt, wie etwa für Batterien sowie Solarzellen; dabei orientiert sich Taiwan stark am japanischen Vorbild. Hieraus soll ein System digitaler Nachverfolgung entstehen, das auch die internationale Vermarktung zirkulärer Produkte (Green Made in Taiwan – gMIT) international unterstützen kann.
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Taiwan verfolgt seit 1997 eine systematische Mülltrennung, für die Bürger, Lokalregierungen, Industrien und Produzenten gemeinsame Verantwortung tragen (“4-in-1 Resource Recycling Program”). Um das Recycling-System zu finanzieren, war seit 1998 das Recycling Fund Management Board dafür verantwortlich, Pflichtabgaben von Herstellern und Importeuren einzusammeln. Seit 2023 wurde diese Funktion in die Resource Circulation Administration (RECA) integriert, eine Unterbehörde des Ministry of Environment.
Das Recycling-System basiert nicht allein auf Zuschüssen. Private Firmen im Weiterverarbeitungs- und Produktionsbereich verdienen damit am Markt Geld. Laut dem Beratungsunternehmen Next Move Strategy Consulting generierte der Bereich Abfallwirtschaft in Taiwan im Jahr 2023 einen Umsatz von circa 9,3 Milliarden US-Dollar (US$). Dieser soll bis 2030 auf etwa 16 Milliarden US$ zulegen.
Dabei sind eine Vielzahl von Kommunalbetrieben, lizenzierte Sammelbetriebe sowie private Recycling- und Verarbeitungsfirmen in umfangreiche Lieferketten eingebunden. Laut Ministry of Finance waren 2025 rund 7.600 Firmen im Abfall-/Recycling-Bereich tätig, darunter mit über 4.300 die meisten mit der Abfallsammlung, über 1.500 mit der Behandlung und mehr als 1.700 mit der Verarbeitung.
Von RECA definierte Abfallströme:
Biomasse und organische Ressourcen, wie Kompostierung, anorganische Vergärung und organische Düngeproduktion.
Organisch-chemische Ressourcen, die aus Kunststoffen, Lösungsmitteln und Ölen wiedergewonnen werden.
Anorganische und mineralische Ressourcen, die Schlacken, Aschen, Bauschutt und Industrieabfälle zu neuen Materialien verarbeiten.
Elektronik- und Metallrecycling, wie Batterien, PV-Module und andere elektronische und metallische Abfälle, aus denen wichtige Rohstoffe extrahiert werden können.
Wenige ausländische Firmen als Betreiber aktiv
Das Hightech-Recycling ist stark konzentriert, da hier hohe technologische Anforderungen und hohe Umweltauflagen bestehen. Nur wenige Firmen erhalten die erforderlichen staatlichen Lizenzen. In den eher traditionellen Recyclingbranchen, wie Papier, Metalle und Kunststoffe, ist der Wettbewerb sehr viel größer. Für die Geschäftsaktivitäten spielen gute Beziehungen mit Kommunen und Industriefirmen eine wichtige Rolle, um profitable Abnahmeverträge und Preise zu erzielen.
Wenige europäische Unternehmen sind vor Ort aktiv, wie die französische Veolia und die deutsche Remondis. Remondis ist der größte deutsche Investor im Kreislaufwirtschaftsbereich der Insel mit mittlerweile mehreren Anlagen. Die jüngsten davon sind die 2025 eingeweihte Anlage für das Recycling von Kunststoffen und eine Anlage für die Erzeugung von SRF (Solid Recovered Fuel) aus diversen Haushalts- und Industrieabfällen. Letztere soll 2027 den Betrieb aufnehmen. Die Ausrüstung dafür bezieht das Unternehmen zu drei Viertel aus Deutschland.
Mit der modernsten Ausstattung kann sich Remondis von der taiwanischen Konkurrenz absetzen, die aufgrund erhöhter gesetzlicher Auflagen seit 2020 ihre Produktion aufgegeben hat oder aufgeben wird, so der deutsche Unternehmensrepräsentant vor Ort, Philipp Moede.
| Akteur/Projekt | Investitionssumme | Projektstand | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
Tainan Chengxi Incinerator - BOT Projekt | 232 | Geplante Fertigstellung 2026 | Abfallverbrennungsanlage; Kapazität 295.650 Tonnen pro Jahr |
REMONDIS SRF-Anlage | 32 | Inbetriebnahme 2027 | Joint Venture mit LeaLea Group; Kapazität von bis zu 100.000 Tonnen pro Jahr |
Green Energy Sustainable Circulation Center in Chiayi City - BOT Projekt | k.A. | Geplante Inbetriebnahme 2028 | Waste-to-Energy; Abriss bestehende Anlage und Neubau |
Taichung City Wenshan Waste to Energy Plant - BOT Projekt | k.A. | Baubeginn 2026 | Abfallverbrennungsanlage; Kapazität 900 Tonnen pro Tag; Befeuerungsanlage von Mitsubishi Heavy Industries |
Im Bereich Recycling-/Kreislaufwirtschaft finden regelmäßig Ausschreibungen statt. Darunter ist das Taichung Wenshan Waste-to-Energy Plant ein größeres Projekt. Insgesamt hat die Insel von der Größe Baden-Württembergs keine Ausbaumöglichkeiten für Mülldeponien mehr und setzt daher auf Waste-to-Energy-Anlagen. Das trägt auch dazu bei, die fast 100-prozentige Importabhängigkeit bei Energierohstoffen zu senken.
Abgesehen von wenigen Großprojekten, die im dreistelligen Millionen US$ Bereich liegen, bewegen sich die meisten Ausschreibungen der öffentlichen Hand gegenwärtig meist im einstelligen Millionen US$ Bereich. Diese dürften für Beratungsdienstleistungsbüros, Ingenieurdienstleistungen und Lieferanten von Ausrüstung von Interesse sein. Solche Projektausschreibungen sind zu finden auf der offiziellen Ausschreibungsplattform der Public Construction Commission.