Mit Bevölkerung und Konsum steigt in Indien auch das Müllaufkommen. Das Recycling hinkt hinterher, Investitionen und die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft sind dringend nötig.
Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt und die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft. Mit einer konsumfreudigen Bevölkerung verschärft sich die Müllproblematik, vor allem in schnell wachsenden Ballungszentren. Derzeit liegt das jährliche urbane Müllaufkommen bei etwa 55 Millionen Tonnen. Allein in den Städten sollen bis zum Jahr 2030 jährlich 165 Millionen Tonnen an Siedlungsabfällen anfallen, prognostiziert die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in einer Analyse in Zusammenarbeit mit indischen Ministerien. Bis 2050 könnte das Müllaufkommen auf 436 Millionen Tonnen pro Jahr steigen.
Um das Abfallaufkommen in Indien nur im Bereich der Siedlungsabfälle bewältigen zu können, sind laut Experten Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe nötig. Indiens Wirtschaft ist zu einem Großteil vom informellen Sektor geprägt. Rund 90 Prozent der Beschäftigten arbeiten in diesem Wirtschaftssegment – auch in der Abfallentsorgung. Laut der Asian Development Bank fehlt es an Kennzahlen zu Abfallströmen, transparenten Messungen sowie Maßnahmen entlang der Wertschöpfungskette, so dass über den tatsächlichen Investitionsbedarf in der indischen Abfallwirtschaft nur spekuliert werden kann.
Plastikmüll und Elektroschrott sind große Herausforderungen
Der Kunststoffverbrauch im Land lag laut Prognosen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr 2025 bei fast 40 Millionen Tonnen. Im Jahr 2060 sollen es rund 160 Millionen Tonnen sein. Das Regierungsziel für Plastik-Recycling im Finanzjahr 2025/2026 (1. April bis 31. März) lag bei durchschnittlich 50 Prozent und soll bis 2027/2028 jährlich um 10 Prozentpunkte steigen. Allerdings werden derzeit nur etwa 20 Prozent des Plastikmülls für Recycling gesammelt, fast die Hälfte wird illegal entsorgt oder verbrannt.
Mit über 4,1 Millionen Tonnen Elektroschrott lag das Land im Jahr 2022 laut der Internationalen Fernmeldeunion der Vereinten Nationen auf Platz 3 weltweit hinter China (12,1 Millionen Tonnen) und den USA (7,2 Millionen). Rund 70 Prozent des Elektroschrotts kamen dabei von Haushalten, vor allem größere Geräte wie Waschmaschinen, Kühlschränke und Klimaanlagen werden entsorgt. Davon wurden 2023/2024 laut dem Ministry of Environment, Forest and Climate Change etwa 43 Prozent recycelt – ein signifikanter Unterschied von 10 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr, aber weit unter dem Regierungsziel von 70 Prozent.
Beim Recycling und bei der Entsorgung besteht großer Nachholbedarf
Zuständig für die Abfallbehandlung sind die kommunalen Verwaltungsbezirke der Städte und Gemeinden. Diese müssen im Rahmen der seit 2016 geltenden Solid Waste Management Rules die Sammlung, Trennung, Behandlung und Entsorgung des Siedlungsabfalls organisieren. Die Vorschriften zur Abfallwirtschaft verpflichten zudem Produzenten, Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte zu übernehmen. Im Rahmen der erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility; EPR) sind beispielsweise Produzenten von Plastikverpackungen und Elektronik dazu verpflichtet, Sammlungs- und Recycling-Systeme zu etablieren. Allerdings ist die Einhaltung der EPR sehr uneinheitlich. Vielen Kommunen fehlen die Infrastruktur und das Fachwissen, um die Bestimmungen wirksam zu überwachen und durchzusetzen.
21
%
des Plastikabfalls werden unsachgemäß abgeladen, vergraben, verbrannt oder versenkt. Damit steht Indien auf Platz 1 weltweit.
Indiens Müllverarbeitung hat dennoch in den letzten Jahren Fortschritte erzielt. Laut dem Ministry of Housing and Urban Affairs und dem Ministry of Statistics and Programme Implementation verarbeitete das Land im Finanzjahr 2023/2024 fast 80 Prozent der gesamten Siedlungsabfälle. Fünf Jahre vorher waren es nur knapp über 50 Prozent. Zudem werden offiziellen Quellen zufolge in den Städten inzwischen 100 Prozent des Mülls an der Haustür abgeholt.
Bei anderen Müllarten und den weiteren Behandlungsschritten werden die Defizite allerdings immer offensichtlicher. Vielerorts werden diese nicht verarbeitet und oft auf (teils illegalen) Deponien entsorgt.
Damit eröffnen sich Geschäftschancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette in der Kreislaufwirtschaft. Da die Abfallbehandlung bislang kaum automatisiert ist, wächst der Bedarf an Sortier- und Recyclinganlagen und auch an Lösungen mit künstlicher Intelligenz. Zudem sollen die Rest- und Sondermüllentsorgung ausgebaut und verbessert werden. Das alles dürfte für zusätzliches Wachstum in der Abfallwirtschaft sorgen.
Abfallentsorgung ist unterfinanziert
Die Systeme für Sammlung, Verarbeitung, Bündelung und Verteilung im Bereich der Abfallentsorgung sind nicht ausreichend miteinander verzahnt. Die Regierung versucht seit einigen Jahren, eine umfassende Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Dafür wurden die bisher gültigen "Solid Waste Management Rules" von 2016 geschärft und Verantwortlichkeiten auf allen Ebenen definiert – mit Strafen bei Nichteinhaltung. Die neuen Regeln gelten ab 1. April 2026.
Für die Anbieter von Ausrüstung und Dienstleistungen in der Kreislaufwirtschaft bietet die Swachh Bharat Mission (übersetzt: Mission Sauberes Indien) Geschäftschancen. Das Ziel der landesweiten Kampagne der indischen Regierung ist es, die Abfalltrennung beim Verursacher zu verbessern, Plastikmüll zu reduzieren, alte Deponien zu sanieren sowie neue Müllverbrennungs- und Waste-to-Energy-Anlagen in den Städten und Biogasanlagen auf dem Land zu bauen. Im Staatshaushalt 2026 wurden der Mission allerdings nur etwa 1,1 Milliarden US$ zugewiesen. Dies bedeutet einen Rückgang der Mittel um 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahreshaushalt.
Auch die kommunalen Verwaltungsbezirke sind unterfinanziert. Ihnen fehlen unter anderem die Gelder, um die bestehenden Gesetze und Regulierungen zur Schaffung einer Kreislaufwirtschaft durchzusetzen.
Ausgewählte Investitionsprojekte in der Abfallwirtschaft in Indienin Millionen US-Dollar| Projekt | Investitionssumme | Stand | Projektträger |
|---|
| Bau einer Waste-to-energy-Anlage; Andhra Pradesh Waste-to-Energy Projects | 385 | Geplante Bauzeit ca. 24 Monate | New & Renewable Energy Development Corporation of Andhra Pradesh Ltd. (NREDCAP) |
| Aufbau einer regional integrierten Abfallwirtschaftsinfrastruktur; Kerala Solid Waste Management Project | 105 | Genehmigt | Regierung des Bundesstaats Kerala |
| Bau einer Waste-to-energy-Anlage; Delhi – Bawana Waste-to-Energy Plant | 70 | Umweltfreigabe erteilt im Juni 2025; vollständige Inbetriebnahme bis Dezember 2027 geplant | Municipal Corporation of Delhi |
| Ausbau einer Kompostanlage; Chennai Composting Expansion | 1,8 | Planungs- und Konzeptionsphase | Greater Chennai Corporation |
| Wiederaufnahme des Baus einer Tierverbrennungsanlage; Animal Waste Incineration Facility – Nagpur | 0,7 | 70 Prozent bereits fertiggestellt, aufgrund von Vertragsbeendigung neue Ausschreibung veröffentlicht (2026) | Nagpur Municipal Corporation |
| Anlage zur Herstellung von grünem Brennstoff aus organischem Kommunalabfall; Nashik – Wet Waste to CNG Plant | 0,5 | Geplante Inbetriebnahme: September 2026 | Unter anderem Nashik Municipal Corporation (Public private Partnership) |
| Ausbau einer bestehenden Waste-to-energy-Anlage; Delhi – Okhla Waste-to-Energy Expansion | k. A. | Antrag in Prüfung (Februar 2026) | Municipal Corporation of Delhi |
| Bio-Mining und Sanierung einer Deponie; Delhi Landfill Remediation Projects (Okhla, Ghazipur, Bhalswa) | k. A. | Antrag in Prüfung (Februar 2026) | Municipal Corporation of Delhi |
| Bau von 500 Anlagen zur Erzeugung von Biogas aus kommunalem Abfall; "Waste-to-Wealth" Plants (National Pipeline) | k. A. | Implementierung läuft | Ministry of Housing & Urban Affairs |
Quelle: Presseberichte; Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Von Mareen Haring
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New Delhi