Wirtschaftsumfeld | Saudi-Arabien | Wirtschaftsstruktur
Regierung will Wirtschaft diversifizieren
Die Abhängigkeit vom dominierenden Öl- und Gassektor soll weiter sinken. Die Klimapolitik könnte wichtige Impulse geben.
21.01.2026
Von Heena Nazir | Dubai
Rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung der sechs Mitgliedstaaten des Golfkooperationsrats (GCC; Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate - VAE, Katar, Kuwait, Oman und Bahrain) entfällt auf Saudi-Arabien. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds erwirtschaftete das Königreich 2025 ein Bruttoinlandsprodukt von 1.268,5 Milliarden US-Dollar (US$) und liegt damit deutlich vor den VAE mit 569,1 Milliarden US$. Beim Pro-Kopf-Einkommen rangiert Saudi-Arabien mit 35.231 US$ jedoch nur auf Platz drei innerhalb des GCC, hinter Katar mit 71.441 US$ sowie den VAE mit 51.348 US$.
Entwicklung des Nichtölsektors wird forciert
Ein zentrales Ziel der Entwicklungsstrategie Vision 2030 ist es, die Abhängigkeit vom Ölsektor zu verringern und neue Wachstumstreiber zu etablieren. In den Jahren 2022 und 2023 setzte Saudi-Arabien dabei bewusst auf einen Investitionsboom mit groß dimensionierten, international stark beachteten Megaprojekten wie Neom oder Red Sea Global. Diese Vorhaben sollten den strukturellen Wandel beschleunigen, Investoren anziehen und die wirtschaftliche Diversifizierung sichtbar vorantreiben.
Inzwischen passt das Königreich seine Investitionsstrategie jedoch an. Angesichts gestiegener Kosten, engerer Finanzierungsbedingungen und sinkender Öleinnahmen rückt die Regierung von besonders kapitalintensiven Prestigeprojekten teilweise ab. Der Fokus wandert auf wirtschaftlich tragfähigere, schneller umsetzbare Vorhaben mit unmittelbarem Wachstumseffekt.
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Öl und Petrochemie sind die wichtigsten Wirtschaftssektoren
Öl und Petrochemie bleiben die zentralen Säulen der saudi-arabischen Wirtschaft. Der geringere Anteil des Ölsektors am nominalen Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2024 war vor allem auf Preis- und Mengeneffekte zurückzuführen und sagt wenig über seine tatsächliche wirtschaftliche Bedeutung aus. Der durchschnittliche Ölpreis lag 2024 bei 81,3 US$ je Barrel, während Saudi-Arabien seine Förderung im Rahmen der OPEC+-Vereinbarungen auf rund 9 Millionen Barrel pro Tag begrenzte. Da das nominale BIP die Wirtschaftsleistung zu laufenden Preisen abbildet, wirkte sich diese Kombination unmittelbar wertmindernd auf den statistischen Beitrag des Ölsektors aus.
Fiskalisch bleibt das Ölgeschäft dennoch von zentraler Bedeutung: Rund 60 Prozent der Staatseinnahmen stammen weiterhin aus dem Energiesektor. Mittelfristig dürften die Einnahmen nach Prognosen der Ratingagentur Fitch steigen. Der voraussichtlich sinkende Ölpreis könne durch Produktionssteigerungen überkompensiert werden, so die Analysten. Sollte der geplante Ausbau der Förderkapazität auf 13 Millionen Barrel pro Tag bis 2027 umgesetzt werden dürfte auch der Beitrag des Ölsektors zum BIP Saudi-Arabiens wieder steigen. Parallel investiert das Land stark in den Ausbau der Gasförderung.
Die petrochemische Industrie ist mit einer Produktionskapazität von mehr als 120 Millionen Tonnen pro Jahr die größte Sparte des verarbeitenden Gewerbes und ein zentraler Pfeiler der Industrialisierungsstrategie. Ergänzend setzt Saudi-Arabien auf den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft: Ein Projekt zur Produktion von grünem Wasserstoff mit deutscher Beteiligung ist bereits im Bau, weitere Vorhaben sind geplant, wobei insbesondere blauer Wasserstoff eine wichtige Rolle spielt.
| Sektoren | Anteil an der Bruttowertschöpfung 2024 (%)¹ | Anteil an den Beschäftigten 2024 (%) |
|---|---|---|
| Land- und Forstwirtschaft, Fischerei | 2,5 | 2,6 |
| Bergbau | 19,8 | 0,9 |
| Öl- und Gasförderung | 24,5 | k. A. |
| Verarbeitendes Gewerbe | 15,2 | 9,4 |
| Energie- und Wasserversorgung | 1,2 | 0,8 |
| Baugewerbe | 7,7 | 12,4 |
| Dienstleistungen | 53,6 | 74,0 |
Große Wirtschaftszentren an der West- und Ostküste
Dammam bildet zusammen mit den angrenzenden Städten Dhahran und Khobar das administrative Zentrum der Ölindustrie. Die nationale Ölgesellschaft Aramco hat in Dhahran ihre Zentrale. Der Hafen von Dammam ist der zweitgrößte des Landes. Jeddah an der Westküste ist traditionell das große Handelszentrum des Königreichs. Zudem lebt die Stadt von den Millionen Touristen, die über Jeddah in die heiligen Städte Mekka und Medina reisen.
Die Royal Commission for Jubail and Yanbu (RCJY) ist für die Entwicklung der Industriezonen in Jubail und Ras Al Khair an der Ostküste sowie in Yanbu und Jazan an der Westküste zuständig. Die Schwerpunkte der RCJY-Industriezonen sind Investitionen in die Petrochemie und andere energieintensive Industrien. In Jubail sind wichtige Chemiefirmen angesiedelt, darunter Sabic, die Arabian Petrochemical Company (Petrokemya), die Jubail United Petrochemical Company, SATORP und der Sadara Petrochemicals Complex.
Das größte Projekt in Ras Al Khair ist ein integrierter Aluminiumkomplex. Minen im Nordosten des Landes liefern das notwendige Bauxit. In Ras Al Khair wird auch Ammoniak produziert. Das Phosphat kommt ebenfalls aus lokalen Vorkommen. Yanbu ist das Zentrum der petrochemischen Industrie an der Westküste. Dort produzieren drei Ölraffinerien mit einer Gesamtkapazität von über 1 Million Barrel pro Tag.
Ein weiteres, langfristig angelegtes Wirtschaftszentrum soll im dünn besiedelten Nordwesten des Landes entstehen. Unter dem Namen NEOM wirbt Saudi-Arabien seit mehreren Jahren international um Investoren. Geplant sind unter anderemeine Industrie- und Hafenzone am Roten Meer (Oxagon) sowie ein Tourismusprojekt in den Bergen (Trojena), von denen einzelne Teilvorhaben bereits in der Umsetzung sind. Gleichzeitig passt die Regierung die Realisierung der Megaprojekte an und setzt NEOM zunehmend pragmatischer und stärker phasenweise um. Der Schwerpunkt liegt aktuell auf wirtschaftlich nutzbaren Teilprojekten, insbesondere in Industrie-, Logistik- und Infrastrukturvorhaben. Besonders visionäre Elemente werden voraussichtlich langsamer und in reduzierter Form umgesetzt.
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