Arbeitsmarkt | Schweden

Schwedens Fachkräftemangel spitzt sich zu

Schwedens Arbeitsmarkt ist angespannt: Hohe Arbeitslosigkeit, akuter Fachkräftemangel und schwierige Rahmenbedingungen verkomplizieren den Markteinstieg. Es gibt aber auch Chancen.

Von Judith Illerhaus, Dr. Kerstin Kamp-Wigforss, LL.M., Rechtsanwältin (AHK Schweden) | Stockholm | Stockholm

Wir haben die Reihe "Lohn- und Lohnnebenkosten" in "Arbeitsmarkt" umbenannt.

Schweden gilt, auch im europäischen Vergleich, als Hochlohnland. Im Jahr 2023 lagen die deutschen Arbeitskosten laut EU-Kommission zum ersten Mal über den schwedischen Vergleichswerten, und zwar durchschnittlich 2,40 Euro pro Stunde. Dazu hat die größte Volkswirtschaft Nordeuropas seit einigen Jahren mit einer steigenden Arbeitslosenquote von derzeit 9 Prozent zu kämpfen. Das ist die aktuell in 2025 zweithöchste Arbeitslosenquote nach Spanien in der EU – und das, obwohl auch Schweden unter einem akuten Fachkräftemangel leidet. Gleichzeitig besteht eine vergleichsweise hohe Beschäftigungsquote. Germany Trade & Invest ordnet die Zusammenhänge ein.

Stärken des Arbeitsmarkts

  • Hoher Bildungsstand in der Bevölkerung
  • Junge, wissbegierige Bevölkerung
  • Politik will berufliche Ausbildung stärken
  • Breite Englischkenntnisse in der Bevölkerung

Schwächen des Arbeitsmarkts

  • Fachkräftemangel
  • Starke Fluktuation
  • Hohe Löhne in florierenden Industrieregionen

  • Schwedens Bevölkerung ist digitalaffin und gebildet. Aber nicht zuletzt der akute Fachkräftemangel hat die Regierung zu besonderen Maßnahmen verleitet.

    Schweden hat, wie viele europäische Länder, mit einem ausgeprägten Fachkräftemangel zu kämpfen. Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften wird in ausgewählten Branchen besonders deutlich: Kürzlich bestätigte Stockholm Business Region, die Wirtschaftsfördergesellschaft der Stadt Stockholm, dass der Fachkräftemangel insbesondere in der Bauindustrie enorm sei. Insgesamt fehlten etwa 40.000 Fachkräfte, um die angestrebten Bauprojekte in der Hauptstadtregion umzusetzen. Bei den Ingenieuren ist der Bedarf am höchsten: Laut nationalem Statistikamt (SCB) werden im Jahr 2035 etwa 12.000 Ingenieure fehlen. An zweiter Stelle folgen die Bauarbeiter. Aber auch bei spezialisierten Berufsgruppen wie Elektrikern, Anlagenmechanikern oder Architekten wird ein konkreter Bedarf bestehen. 

    Im Gesundheits- und Sozialdienst sieht es nicht besser aus. Laut Nationalem Amt für Gesundheit und Wohlfahrt geben mehr als 50 Prozent der Kommunen an, dass der Personalmangel im Vergleich zu 2021 unverändert sei oder sich verstärkt habe. Ein zunehmender Mangel bestehe bei (Fach-) Krankenschwestern, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Psychologen, so die Behörde. 

    Maßnahmen der Regierung geraten in die Kritik

    Obwohl die Regierung im Haushalt 2025 konkrete Maßnahmen zur Anwerbung ausländischer Fachkräfte eingeplant hat, befürchtet der größte schwedische Unternehmensverband, Svenskt Näringsliv, durch die neuen Regeln Chaos auf dem Arbeitsmarkt. Bereits vor mehr als einem Jahr hatte die Regierung eine Lohnuntergrenze für zugewanderte Arbeitskräfte eingeführt. Diese sieht mindestens 80 Prozent des Medianlohns vor. Ziel war und ist es, ausschließlich hochqualifizierte Fachkräfte ins Land zu holen. 

    Ein neuer Bericht des Unternehmensverbands zeigt jedoch die schwerwiegenden Folgen auf: Danach beeinflusse die Migrationsbehörde zunehmend die Lohnfestsetzung in Unternehmen, was zum einen dem schwedischen Arbeitsmarktmodell widerspreche und für massive Ungleichheiten zwischen einheimischen und ausländischen Arbeitskräften sorge. Traditionell greift der Staat möglichst wenig regulatorisch in den Arbeitsmarkt ein. Zum anderen habe dies den gegenteiligen Effekt und verhindere den Zugang zum schwedischen Arbeitsmarkt für Nicht-Schweden geradezu. Arbeitserlaubnisse würden von der Migrationsbehörde oft verweigert, weil die Höhe eines Gehalts als zu hoch angesehen würde.

    Tatsächlich ist seit Einführung der Lohnuntergrenze für ausländische Arbeitskräfte im November 2023 laut Unternehmensverband die Ablehnungsrate bei Anträgen auf Arbeitserlaubnisse stark gestiegen. Dies betrifft besonders das Gastgewerbe und die Reinigungsbranche. Eklatant ist der Rückgang auch bei IT-Architekten und Systementwicklern, Berufsgruppen, die die Regierung vorrangig beabsichtigt anzuwerben. Hier ist die Vergabe von Arbeitserlaubnissen um fast 40 Prozent zurückgegangen. Nun hat die Regierung Ende 2024 eine weitere Erhöhung der Lohnuntergrenze auf umgerechnet rund 3.200 Euro vorgeschlagen, etwa 100 Prozent des Medianlohns.

    Mismatch am Arbeitsmarkt besteht weiterhin

    Die schwedische Zentralbank Riksbank kommt zu ähnlichen Schlüssen und kritisiert den nach wie vor hohen Mismatch am Arbeitsmarkt, also die fehlende Übereinstimmung vorhandener Qualifikationen der Arbeitslosen zur Deckung der Qualifikationsanforderungen der Arbeitsnachfrage. Zwar hat sich das Matching in den vergangenen Jahren seit der Pandemie etwas erholt; doch die veränderte Zusammensetzung der Arbeitslosen auch aufgrund von vermehrten Flüchtlingsbewegungen aus dem Ausland erschwert den Prozess und die Eingliederung am Arbeitsmarkt. Dies zeigt sich auch in einer über dem Durchschnitt liegenden Arbeitslosenquote von im Ausland geborenen Personen. 

    Neben der hohen Arbeitslosenquote von derzeit 9 Prozent verfügt Schweden aber auch über eine vergleichsweise hohe Beschäftigungsquote von knapp 70 Prozent bei knapp 5,3 Millionen Erwerbstätigen. Dies liegt mitunter auch an der im EU-Durchschnitt deutlich höheren Erwerbstätigkeit unter Frauen. Nach der Beschäftigungsprognose des nationalen Statistikamts SCB wird die Zahl der Erwerbstätigen im Alter von 16-74 Jahren bis zum Jahr 2040 auf 5,7 Millionen Erwerbstätige anwachsen.

    Schwedische Bevölkerung hat hohen Bildungsstand

    Die schwedischen Ausgaben für Bildung sind nicht nur im weltweiten Vergleich hoch. Die jüngsten verfügbaren Daten der EU-Kommission aus dem Jahr 2021 positionierten Schweden mit einem Anteil von 7,1 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) an erster Stelle, gefolgt von Dänemark mit 6,4 Prozent der öffentlichen Ausgaben für Bildung. Schwedens Schüler sind in der letzten PISA-Studie trotzdem um zwei Plätze auf Platz 18 abgerutscht.

    Verstärkter Fokus auf berufliche Bildung

    Zudem orientiert sich die Ausbildung bislang zu wenig an den Bedarfen von Industrie, Mittelstand und öffentlichem Sektor. Entsprechend plant die Regierung, die berufsbezogene Ausbildung - auch durch bessere Fachhochschulen - stärker zu fördern und damit Schwedens Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Der Fokus liegt auf den Branchen Technologie und IT, dem Gesundheitswesen, Bau- und Ingenieurwesen und Branchen, die im weitesten Sinne grüne Technologien abbilden und Nachhaltigkeitsaspekte erfüllen. 

    Auch hat die Regierung im Frühjahr 2025 eine neue MINT-Strategie vorgestellt, um die Bedarfe in den entsprechenden Branchen gezielt bedienen zu können. Laut Bildungsminister Johan Pehrson spielt dabei die gesamte Bildungskette eine Rolle, von der Vorschule bis zur postgradualen Ausbildung. Konkret sind auch die Ziele, die sich Schweden für die MINT-Fächer setzt: Bis 2035 sollen sich 25 Prozent aller Schüler der gymnasialen Oberstufe für die Wahl eines Bildungswegs dieser Fächer entscheiden. Ebenfalls hat sich die Regierung zum Ziel gesetzt, die Anzahl von Vollzeitstudenten in naturwissenschaftlichen und technischen Studiengänge in den nächsten zehn Jahren um 10.000 zu erhöhen. 

    Schweden im weltweiten Vergleich

    Folgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können.

     

    Judith Illerhaus

    Von Judith Illerhaus | Stockholm

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  • Auch Schweden entwickelt sich immer mehr zu einem Arbeitnehmermarkt. Die anspruchsvollen Rahmenbedingungen erschweren mitunter das Anwerben neuer Mitarbeiter.

    In dem hochdigitalisierten Land ist es nicht überraschend, dass ein Großteil der Stellensuche über inzwischen gängige Online-Plattformen stattfindet - ähnlich wie in Deutschland. Auch die staatliche Jobvermittlung wird gern genutzt, zum Beispiel die Website der Staatlichen Arbeitsmarktbehörde Arbetsförmedlingen

    Es gibt aber durchaus Unterschiede zu Deutschland, beispielsweise während des Bewerbungsprozesses. Mehrstufige Auswahlverfahren, bei denen Bewerber für drei oder mehr Bewerbungsrunden vorstellig werden, sind eher die Regel als die Ausnahme. Arbeitgeberseitig ist das Einholen von Referenzen aus vorhergegangenen Arbeitsverhältnissen potenzieller Mitarbeiter üblich.

    In Schweden erhalten alle im Bevölkerungsregister eingetragenen Einwohner von der schwedischen Steuerbehörde, dem Skatteverket, eine persönliche Identifikationsnummer als eindeutige Kennung auf Lebenszeit (Personnummer). Es ist gesetzlich geregelt, dass viele vertrauliche, mit dieser Nummer verknüpften Daten öffentlich einsehbar sind. Das verhilft Arbeitgebern mitunter zu einem Vorteil. Sie haben die Möglichkeit, sich Auskünfte beim Skatteverket einzuholen. Dadurch können sie recht genau auf das letzte zu versteuernde Einkommen schließen - was allerdings nicht immer dem zuletzt gezahlten Gehalt entsprechen muss. Diese Transparenz gilt interessanterweise auch für Arbeitnehmer, die sich wiederum informieren können, was potenzielle Kolleginnen und Kollegen verdienen.

    Wohnungsmarkt ist eine echte Erschwernis

    Die hochangespannte Lage am Wohnungsmarkt wird als große Hürde wahrgenommen, nicht nur von ausländischen Fachkräften. Der Mietmarkt ist klein, und die Mieten sind hoch. Der staatlich geregelte sogenannte "Mietmarkt aus erster Hand", ist nur über eine Warteliste zugänglich, mit Wartezeiten von teils mehreren Jahren. Die weitaus gängigere Methode, Wohnungen anzumieten, ist die "aus zweiter Hand". Hierbei handelt es sich um Untermietverträge, die nicht selten eine kürzere Vertragsdauer und höhere Miete bedeuten.

    Zwar sind die Einheimischen eine flexible Handhabung von Immobilienkäufen und -verkäufen gewohnt. Aber auch dafür hat sich die Lage verschlechtert. Vor einigen Jahren haben die Banken ihre Kreditvergaberegeln verschärft, sodass nun in der Regel 15 Prozent des Kaufpreises als Eigenkapital eingebracht werden müssen, deutlich mehr als die noch vor wenigen Jahren üblichen 0 bis 10 Prozent.

    Dass Arbeitgeber bei der Wohnungsvermittlung unterstützen, kommt durchaus vor. Aber noch ist dies längst kein Standard und muss entsprechend nicht zwangsläufig einkalkuliert werden.

    Minglen ist Netzwerken auf Schwedisch

    Netzwerke spielen nicht nur im schwedische Privatumfeld eine große Rolle - Freundschaften bestehen beispielsweise häufig schon seit Schulzeiten. Auch die schwedische Wirtschaftswelt baut auf Netzwerken auf. Das bedeutet zum einen, dass Kandidaten Arbeitgeber bevorzugen, die bereits über ein gewisses Standing verfügen und mit dem Bekannte bereits Erfahrungen gesammelt haben. Andererseits ist es üblich, dass potenzielle zukünftige Mitarbeiter aktiv abgeworben werden. Dies passiert insbesondere dann, wenn die entsprechende Person über Spezialwissen und jobrelevante Erfahrungen verfügt. 

    Schweden ist ein vergleichsweise kleiner Markt, auf dem sich Neuigkeiten schnell verbreiten und persönliche Empfehlungen mehr Gewicht haben. Die Schweden selbst sind Meister darin, über zunächst informell wirkende Zusammenkünfte professionelle Absprachen zu treffen. Dies geschieht klassischerweise bei einem so genannten Mingle, zu Deutsch: sich unter Leute mischen. Deutschen Unternehmen sei also geraten, sich einerseits vom informellen Anschein solcher Netzwerktreffen nicht täuschen zu lassen und andererseits bestehende Kontakte aktiv zu nutzen. 

    Schwedische Arbeitskräfte sind einige Benefits gewohnt

    Auch wenn jüngere Bewerber zumeist über wenig Praxiserfahrung verfügen, erwarten sie grundlegende "Benefits", also berufliche Vorteile, vom Arbeitgeber. Neben gesetzlich vorgeschriebenen Bestandteilen wie Urlaubsanspruch, großzügigen Regelungen bei Elterngeld und Elternzeit oder Sozialversicherungsbeiträgen sind bei Bewerbern darüber hinausgehende Leistungen gefragt. Hierzu zählen beispielsweise flexible Arbeitszeiten, zeitgemäße technische Ausstattung, zusätzlicher Jahresurlaub oder Unterstützungsleistungen für die Pflege der mentalen Gesundheit.

    Einer Sache kann man sich als Arbeitgeber sicher sein: Bewerber verfügen fast immer über gute bis sehr gute Englischkenntnisse - auch in Tätigkeitsbereichen mit geringen Ausbildungsqualifikationen. Entsprechend darf die Ansprache während der Bewerbungsphase auch auf Englisch geschehen. Im Alltag ist die Sprache allgegenwärtig - vom Fernsehen über das Kino bis zur Werbung. Eine weitere Fremdsprache sprechen dagegen deutlich weniger Menschen. 

    Insgesamt gelten schwedische Arbeitskräfte als kompetent und leistungsfähig. Der praktisch ausgerichtete Unterricht ab der zehnten Klasse versorgt die Wirtschaft mit gut ausgebildeten und qualifizierten Absolventen. Allerdings fehlt noch ein duales Ausbildungssystem. Entsprechend bemängeln sowohl einheimische als auch internationale Arbeitgeber, dass es jungen Kandidaten oft an Praxiserfahrung fehlt.

    Hohe Fluktuation unter den Beschäftigten

    Personalfluktuation ist fester Bestandteil der schwedischen Arbeitswelt: Schwedische Arbeitnehmer wechseln häufiger als ihre deutschen Pendants den Job. Lebensläufe mit einem neuen Arbeitgeber alle zwei bis drei Jahre sind eher die Norm als die Ausnahme. Motivation für einen Jobwechsel ist neben neuen Herausforderungen häufig die Aussicht auf ein höheres Gehalt. Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist gering - eine Arbeitslosenversicherung ist freiwillig und wird in der Regel vom Arbeitnehmer selbst abgeschlossen, Wechselangst besteht selten. All dies verteuert die Personalsuche und verlangt auch von Unternehmen hohe Flexibilität bei Personalsuche und -management.

    Interview: "Als Arbeitgeber erfährt das Employer Branding immer mehr Gewicht"

    Laura Weberchen ist People Operations Manager bei der Deutsch-Schwedischen Handelskammer (AHK Schweden) in Stockholm. Als Hauptverantwortliche für den Personalbereich hat sie einen guten Einblick, worauf Bewerber in Schweden heute Wert legen und wie Recruitingprozesse dort gestaltet werden.

    Worauf sollten sich deutsche Unternehmen, die in Schweden auf Mitarbeitersuche sind, aktuell einstellen?

    Der schwedische Arbeitsmarkt hat sich, wie man es auch aus vielen anderen europäischen Ländern kennt, zu einem Arbeitnehmermarkt entwickelt. Das Employer Branding, die Markenbildung als Arbeitgeber mit positivem Wiedererkennungswert, erhält immer mehr Gewicht. Und es ist aus meiner Sicht wichtig, schnelle Recruitingprozesse zu haben. Nicht selten finden sich Bewerber mit zwei oder drei Angeboten gleichzeitig konfrontiert und wählen natürlich dann das Beste aus.

    Und woran wird "das Beste" ausgemacht?

    Das ist zum Teil natürlich branchenabhängig. Aber was vermutlich für alle Schweden neben dem Gehalt wichtig ist, sind die darüber hinausgehenden Benefits wie technische Ausstattung, die Möglichkeit, mobil zu arbeiten, der individuelle Gesundheitsbeitrag und auch Möglichkeiten der Weiterentwicklung.

    So ähnlich kennt man das ja auch aus Deutschland. Aber was hat es mit dem Gesundheitsbeitrag auf sich?

    Bei dem sogenannten "friskvårdsbidrag" (zu Deutsch: Wellnesspauschale) handelt es sich um einen für den Arbeitnehmer steuerfreien Zuschlag, der für gesundheitsfördernde Aktivitäten genutzt werden kann. Wichtig dabei ist, dass der Betrag 5.000 SEK pro Jahr nicht übersteigt. Das entspricht aktuell etwa 450 Euro. Bietet ein Arbeitgeber aber lediglich 2.000 SEK, könnte das schon negativ in die Entscheidungsfindung eines zukünftigen Mitarbeiters einfließen. 

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  • Einen gesetzlichen Mindestlohn gibt es in Schweden nicht, aber viele Tarifverträge sehen Einstiegslöhne vor. Im Vergleich zu Deutschland fallen die Arbeitskosten geringer aus.

    Für die Lohnentwicklung in Schweden sind die in der Regel alle zwei Jahre im Frühjahr stattfindenden Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften ausschlaggebend. Für das Jahr 2025 wird davon ausgegangen, dass die niedrigere Inflation und sinkende Zinssätze den Parteien eine Einigung erleichtern. 

    Laut dem letzten Report des schwedischen Konjunkturinstituts von Dezember 2024 wird das nominale Lohnwachstum in Schweden für 2025 auf 3,5 Prozent geschätzt. Diese Prognose basiert auf der erwarteten wirtschaftlichen Erholung und einer allmählich sinkenden Inflation. Die Löhne und Gehälter in Schweden werden voraussichtlich moderat steigen, da die Unternehmen versuchen, die gestiegenen Kosten durch höhere Produktivität und höhere Verkaufspreise auszugleichen. Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen wird ein weiterer Anstieg der Löhne in den kommenden Jahren erwartet, wenn auch in gemäßigtem Tempo.

    Regionale Lohnunterschiede sind gering

    Die Gehälter im Land unterliegen geografisch keinen großen Unterschieden. Dies ist ebenfalls auf die meist flächendeckend geltenden Tarifvereinbarungen zurückzuführen. In sieben schwedischen Regionen variiert laut dem schwedischen Statistikamt SCB der durchschnittliche Bruttomonatslohn um gerade mal 6 Prozent.

    Der einzige Ausreißer ist die Hauptstadtregion Stockholm. Sie war 2023 die einzige, in der mehr als im Landesdurchschnitt verdient wurde, und durchbrach als einzige beim durchschnittlichen Monatsbruttolohn sogar die 4.000-Euro-Marke. Dies liegt allerdings weniger an den regulären Gehältern, als an der Anhäufung hoch bezahlter Sektoren wie Informations- und Kommunikationstechnologie oder Finanzen sowie den Hauptsitzen von Konzernen und öffentlichen Institutionen in der Hauptstadt.

    Der Abstand zu deutschen Gehältern verringert sich weiter

    Zwar ist Schweden eines der wenigen Länder im europäischen Vergleich, in dem es keinen gesetzlichen Mindestlohn gibt. Durch starke Gewerkschaftsverbände gibt es aber für den Großteil der Branchen geltende Tarifverträge. Gegen die 2022 verabschiedete Richtlinie der EU (2022/2041) zu angemessenen Mindestlöhnen wehrt sich Schweden bislang erfolgreich. Aus schwedischer Sicht besitzt die EU keine Zuständigkeit für das Festlegen von Mindestlöhnen. Ein solches Vorgehen greife in die nationale Souveränität und die bestehenden autonomen Arbeitsbeziehungen am schwedischen Markt ein, so heißt es von offizieller Seite.

    Bei Betrachtung der Arbeitskosten fällt auf, dass diese in Schweden nicht höher sind als in Deutschland. Insbesondere im verarbeitenden Gewerbe fielen die deutschen Arbeitskosten laut EU-Kommission im Jahr 2023 mit 46,00 Euro pro Stunde 3,20 Euro höher aus als in Schweden. Und auch im produzierenden Gewerbe waren die Arbeitskosten mit 38,90 Euro pro Stunde 2,40 Euro günstiger als in Deutschland. Die Bruttoverdienste machen den größten Teil der Arbeitskosten aus. Tatsächlich hat Schweden den Ruf eines Hochlohnlandes, doch der Abstand zu deutschen Gehältern hat sich in den letzten Jahren immer weiter verringert und zuletzt sogar umgekehrt. So lag der letzte Durchschnitts-Bruttolohn laut EU-Kommission mit 19,40 Euro 10 Cent über dem schwedischen Wert.

    Durchschnittliche Monatslöhne für ausgewählte Branchen 2023in Euro 1)
    Branche

    Monatslohn

    Durchschnittslohn

    3.476

    Finanz- und Versicherungswesen5.140
    Informations- und Kommunikationsdienstleistungen4.704
    Strom-, Gas-, Wärme- und Kälteversorgung4.304
    Verarbeitendes Gewerbe3.641
    Baugewerbe3.607
    Wasserversorgung, Abfallwirtschaft3.467
    Groß- und Einzelhandel, Reparatur von Kfz3.389
    Transport und Lagerhaltung3.067
    Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei2.831
    Gastgewerbe, Beherbergung und Gastronomie2.622
    Jahresdurchschnittskurs der Europäischen Zentralbank 2023: 1 Euro = 11,4788 SEKQuelle: SCB 2024

     

    Prämien und Zusatzversicherungen als weitere Lohnbestandteile sind üblich

    Prämien sind in Schweden als zusätzliche, freiwillige Gehaltskomponenten weit verbreitet. Üblich ist beispielsweise eine geringfügige Prämie für den Unternehmenserfolg, die der gesamten Belegschaft ausgezahlt wird. Managementgehälter haben in der Regel größere, variable, leistungsbezogene Komponenten. In Makler- und anderen Verkaufsberufen ist meist ein großer Teil des Einkommens provisionsabhängig.

    Für Angestellte schließen Arbeitgeber vielfach Zusatzversicherungen und Betriebsrentenverträge ab. Je nachdem, zu welchem Arbeitgeberverband ein Unternehmen gehört, sind solche Zusatzversicherungen, die beispielsweise dem Arbeitnehmer ein bestimmtes Rentenniveau sichern sollen, aufgrund bestehender Tarifverträge verpflichtend.

    Durchschnittliche Monatslöhne für ausgewählte Positionen 2023in Euro 1)
    Position

    Monatslohn

    Durchschnittslohn

    3.476

    Produktionsleiter:in im verarbeitenden Gewerbe (137)5.210
    Bauingenieur:in (214)4.591
    Betriebs-, Support- und Netzwerktechniker:in (351)3.641
    Prozessleittechniker:in (819)3.337
    Unterstützende Bürokraft (411)3.040
    Blech-, Metallbauer:in, Gießer:in, Schweißer:in (721)3.006
    Hilfskraft im Bau- und Anlagebereich (931)2.936
    Dienstleistungs- und Verkaufskraft (522)2.814
    Anlagen- und Maschinenbediener:in, Montagekraft (812-818; 821)

    2.431 - 3.319

    Fachkraft in der Land-, Forst- und Fischwirtschaft (611-613; 621-622)

    2.326 - 2.631

    1) Jahresdurchschnittskurs der Europäischen Zentralbank 2023: 1 Euro = 11,4788 SEK; 2) Zahlen in Klammern beschreiben die schwedischen Entsprechungen nach Positionen laut SCB.Quelle: Nationales Statistikamt SCB 2024

     

    Sozialbeiträge

    Die Sozialabgaben der Arbeitgeber sind in Schweden auf dem unveränderten Niveau von 31,42 Prozent. Im europäischen Vergleich rangieren sie damit am oberen Ende der Vergleichsskala; üblicherweise betragen die Sozialabgaben für Arbeitgeber in der EU zwischen 20 und 25 Prozent des Bruttogehalts. Zu beachten ist, dass die Sozialabgaben in Schweden, zusätzlich zum Bruttogehalt, allein vom Arbeitgeber getragen werden. Arbeitnehmer zahlen keine separaten Sozialabgaben. Ihr Anteil wird über die einkommensabhängige Steuerzahlung abgegolten. Diese wird vom Bruttogehalt (Gehalt ohne Arbeitgeberabgaben) gezahlt. Der fällige Betrag richtet sich nicht nur nach der Einkommenshöhe, sondern auch nach dem Wohnort.

    Die Gemeinden in Schweden haben einen erheblichen Einfluss auf die tatsächlich abzuführenden Steuerbeträge. Sie legen fest, welcher Tabelle der gesamten Einkommensteuertabelle (Skattetabell) die Gemeinde zugeordnet wird. Basierend darauf wird dann für die unterschiedliche Einkommenshöhe die Steuer berechnet.

    Arbeitslosengeld wird bei Arbeitslosigkeit nur ausgezahlt, wenn der Arbeitnehmer freiwillig Mitglied einer sogenannten Arbeitslosenkasse ist und in diese mindestens ein Jahr lang die monatlichen Abgaben entrichtet hat.

    Wegen der Komplexität einer Vielzahl von Tarifverträgen und regional unterschiedlicher Steuerabgaben wird die Lohnbuchhaltung oftmals an externe Dienstleister vergeben. Das Gleiche gilt für Formalitäten der Arbeitgeberregistrierung, der Ausarbeitung von Arbeitsverträgen oder bei der Festlegung der steuerlichen Betriebsstätte. Einen speziell auf die Bedürfnisse deutscher Unternehmen ausgerichteten Service bietet beispielsweise die Deutsch-Schwedische Handelskammer (AHK Schweden) an.

    Sozialbeiträge 2024 in Prozent der Bemessungsgrundlage (Bruttogehalt des Arbeitnehmers)
    Beitragsart

    Arbeitgeber 1)

    Rentenversicherung 2)

    10,21

    Krankenversicherung

    3,55

    Elternzeitversicherung

    2,60

    Arbeitsmarktabgabe

    2,64

    Arbeitsunfallversicherung

    0,20

    Sonstige wichtige Abgaben

    Allgemeine Abgabe 3): 11,62

    Hinterbliebenenrente: 0,60

    Gesamt 4)

    31,42

    Quelle: Skatteverket 2024

    1) Abgaben der Arbeitnehmer werden über die Steuer geleistet; 2) hierbei handelt es sich um die Abgabe für die staatliche Rentenversicherung; zusätzlich entrichtet der Arbeitgeber in der Regel entweder einen freiwilligen oder tariflich festgelegten Beitrag zu einer individuellen Rentenversicherung des Arbeitnehmers; 3) formell eine Steuer, keine Sozialabgabe; gilt nicht für Arbeitgeber ohne Sitz in Schweden; 4) abhängig vom Geburtsjahr des Angestellten kann ein reduzierter Gesamtsatz gelten oder entfallen einzelne Beitragsarten

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  • Das schwedische Recht ist geprägt durch starken Arbeitnehmerschutz und Tarifverträge, die für 90 Prozent der Arbeitsverhältnisse gelten. 2024 gab es eine Neuerung beim Elterngeld.

    Als Arbeitgeber hat man auch ohne Tarifvertrag mit den starken schwedischen Gewerkschaften zu tun, da fast 70 Prozent der Arbeitnehmer in Schweden Mitglieder von Gewerkschaften sind und diese eine ähnliche Funktion wie Betriebsräte in Deutschland haben.

    Gesetzliche Regelungen auf einen Blick
    Vergütung: frei vereinbar, soweit kein Tarifvertrag gilt
    Mindestlohn: ausschließlich im Tarifvertrag geregelt, soweit ein solcher Anwendung findet
    Arbeitsstunden pro Woche: 40 Stunden
    Regelarbeitstage pro Woche: 5
    Zulässige Überstunden: Gesetzlich geregelt; höchstens 200 Überstunden pro Jahr (maximal 48 Überstunden binnen vier Wochen oder maximal 50 binnen eines Kalendermonats); weitere 150 Extra-Überstunden pro Jahr bei Vorliegen besonderer Gründe (Vier-Wochen- beziehungsweise Monatslimit wie oben); darüber hinaus weitere Überstunden bei Notfällen möglich (Naturkatastrophen, Unglücksfälle; Anzahl ist einzelfallabhängig); höchstzulässige Arbeitszeit in einem Sieben-Tage-Zeitraum inklusive Überstunden, Bereitschaft am Arbeitsplatz: 48 Stunden im Durchschnitt innerhalb von maximal vier Monaten gerechnet
    Bezahlte Feiertage: 11 Tage plus Heiligabend, Silvester und der Tag vor Mittsommer, die als Sonntage gelten
    Bezahlte Urlaubstage: gesetzlicher Mindestanspruch von 25 Tagen bei einer Fünf-Tage-Woche; um Überstunden bei Vertrauensarbeitszeit pauschal abzugelten, sollten 28 beziehungsweise 30 Tage Urlaub gewährt werden; jeder Arbeitnehmer hat Anspruch auf einen ununterbrochenen vierwöchigen Urlaub im Zeitraum Juni bis August
    Sonderzahlungen pro Jahr in Monatslöhnen (13. und/oder 14. Gehalt): nicht üblich
    Tage mit bezahltem Arbeitsausfall: Bei Elternzeit zahlt der Arbeitgeber kein Gehalt, sondern die staatliche Versicherungskasse zahlt ein an das vorherige Gehalt angelehntes Elterngeld (ca. 80 Prozent bis zu einer Bemessungsgrenze). Die meisten Tarifverträge beinhalten die Pflicht zur Zahlung eines zusätzlichen Elterngelds durch den Arbeitgeber; größere Unternehmen machen oftmals freiwillige Zuzahlungen. Eltern teilen sich den Anspruch auf 480 Tage Elternzeit pro Kind; 90 Tage sind jedoch für den Elternteil reserviert, der weniger Elterntage in Anspruch nimmt; seit 1. Juli 2024 können Eltern jeweils 45 Elterntage (Alleinerziehende 90) der 480 Tage pro Kind an eine andere Person wie zum Beispiel einen Verwandten oder jemand anderen, der dem Kind nahe steht, übertragen/abtreten. Bei Schwangerschaft besteht das Recht darauf, mindestens sieben aufeinanderfolgende Wochen vor der Entbindung von der Arbeit freigestellt zu werden, mit Elterngeld der Versicherungskasse oder ohne (Arbeitgeber zahlt bei dieser Freistellung nicht). Elterntage können 60 Tage vor der errechneten Geburt in Anspruch genommen werden. Bei schwerer Arbeit möglicherweise Anspruch auf Schwangerschaftsgeld.
    Tage mit Lohnfortzahlung bei Krankheit: Gesetzlich festgelegt: Erster Tag Karenzabzug (kein Entgelt), Zweiter bis 14. Tag Entgeltfortzahlung durch Arbeitgeber in Höhe von 80 Prozent des Gehalts, ab 15. Tag übernimmt die staatliche Versicherungskasse die Entgeltfortzahlung zu 80 Prozent des Gehalts mit einer Deckelung; für die ersten sieben Arbeitstage muss der Mitarbeiter keinen ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheid vorlegen. Bei Gelten eines Tarifvertrags sind zusätzliche Zahlungen durch den Arbeitgeber verpflichtend.
    Probezeit: Probearbeitsverhältnis frei vereinbar bis zu sechs Monaten (Verlängerung grundsätzlich nicht möglich)
    Quelle: Recherchen von AHK Schweden

     

    Rechtsgrundlagen

    Ein Gesetzbuch, das allumfassend die Rechtsbeziehungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber regelt, gibt es in Schweden nicht. Grundlage des Arbeitsrechts ist vielmehr eine Vielzahl von Gesetzen. Zusätzlich gelten tarifvertragliche Regelungen (bei Tarifvertragsbindung), der jeweilige Arbeitsvertrag und die Rechtsprechung. Gesetzesentwürfe und Gesetzesbegründungen werden zur Auslegung herangezogen. Viele arbeitsrechtliche Gesetze wie zum Beispiel das Arbeitszeit- oder das Entsendungsgesetz basieren auf der Umsetzung von EU-Richtlinien. Grundlage zur Auslegung solcher Gesetze sind die entsprechenden EU-Richtlinien.

    In der arbeitsrechtlichen Hierarchie nehmen Gesetze den höchsten Stellenwert ein, gefolgt von Tarifverträgen (bei Tarifvertragsbindung) und individuellem Arbeitsvertrag. Von den arbeitsrechtlichen Gesetzen kann nur durch Tarifvertrag abgewichen werden. Abweichende vertragliche Vereinbarungen zu Lasten des Arbeitnehmers sind unwirksam, haben bei einer gerichtlichen Überprüfung keinen Bestand und lösen Schadensersatzpflichten des Arbeitgebers aus.

    Die drei wichtigsten Gesetze

    Das Kündigungsschutzgesetz beinhaltet unter anderem Regelungen über die Beendigung des Arbeitsverhältnisses, die verschiedenen Befristungsmöglichkeiten, das Probearbeitsverhältnis und so weiter. Es gilt bereits ab dem ersten Arbeitstag (keine Wartezeit) und auch für Arbeitgeber mit nur einem Arbeitnehmer (keine Kleinbetriebsklausel). 

    Das Gesetz über die betriebliche Mitbestimmung gilt für alle Arbeitgeber und auch, wenn keine Tarifvertragsbindung vorliegt. Nichttarifgebundene Arbeitgeber müssen zum Beispiel vor jeder Kündigungsentscheidung oder einem Betriebsübergang die Gewerkschaften der betroffenen Arbeitnehmer aus eigener Initiative konsultieren. Fordert eine Gewerkschaft einen Arbeitgeber zu einer Verhandlung auf, muss man sich dieser stellen. 

    Das Urlaubsgesetz sieht unter anderem einen Anspruch auf vier Wochen zusammenhängenden Sommerurlaub sowie zwingendes Urlaubsgeld vor. Urlaubstage verfallen nie, sondern müssen am Ende des Arbeitsverhältnisses ausgezahlt werden. Das Urlaubsgesetz ist sehr kompliziert und unterscheidet sich in vielen Punkten vom deutschen Recht. Gewerkschaften passen besonders auf, dass Arbeitgeber ihren Pflichten und Urlaubsgeldzahlungen nachkommen.

    Verstöße gegen die arbeitsrechtlichen Gesetze führen zu Schadensersatzpflichten des Arbeitsgebers.

    Arbeitsvertrag

    Der Arbeitsvertrag dient der Festlegung der Rechte und Pflichten der Vertragsparteien (Arbeitsleistung, Entgelt, Arbeitszeit etc.). Eine besondere Form ist für den Abschluss von Arbeitsverträgen nicht erforderlich; diese können daher sowohl schriftlich als auch mündlich abgeschlossen werden. Ein schriftlicher Vertrag empfiehlt sich jedoch aus Beweisgründen unbedingt (besonders bei Befristungen, deren Vereinbarung der Arbeitgeber nachzuweisen hat).

    Die Angaben zu den Arbeitsbedingungen, die der Arbeitgeber einem neuen Arbeitnehmer kurz nach Arbeitsbeginn schriftlich mitzuteilen hat, wurden im Ende Juni 2022 durch das schwedische sogenannte Nachweisgesetz erheblich erweitert. Es ist daher davon abzuraten, Arbeitsverträge zu benutzen, die seitdem nicht aktualisiert worden sind. Dies stellt einen Gesetzesverstoß dar, der die Beschäftigten zu Schadensersatz berechtigt.

    Die Möglichkeit des Abschlusses von befristeten Arbeitsverhältnissen wurde im schwedischen Recht 2022 weiter eingeschränkt. Es können wirksam nur die gesetzlich oder bei geltendem Tarifvertrag tarifvertraglich vorgesehenen Befristungen innerhalb ihrer Höchstgrenzen vereinbart werden. Eine besondere (sachgrundlose) Befristung kann zum Beispiel für maximal 360 Tage innerhalb eines Fünf-Jahres-Zeitraums vereinbart werden. Auch werden verschiedene Befristungen unter bestimmten Voraussetzungen zusammengerechnet. Bei Fehlern oder Überschreitung der Befristungsgrenzen kann der Arbeitnehmer ein unbefristetes Arbeitsverhältnis geltend machen.

    Das Arbeitsrechtteam der Deutsch-Schwedischen Handelskammer unterstützt gern bei der Erstellung von zweisprachigen Arbeitsverträgen nach schwedischem Recht.

    Rechte und Pflichten der Arbeitsvertragsparteien

    Für den Arbeitnehmer besteht die Hauptpflicht in der Erbringung der vereinbarten Arbeitsleistung, die des Arbeitgebers in der Zahlung der vereinbarten Vergütung.

    Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich während der Dauer des Arbeitsverhältnisses gegenseitig Loyalität, Achtung und Rücksichtnahme erweisen.

    Beendigung des Arbeitsverhältnisses

    Für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses gilt das Kündigungsschutzgesetz. Der Arbeitgeber muss Kündigungen schriftlich vornehmen und sachliche Gründe haben. Diese werden in zwei Gruppen unterteilt: personen-/verhaltensbedingte und betriebsbedingte Gründe.

    Der Arbeitgeber hat die Beweislast für das Vorliegen des Kündigungsgrundes. Personen-/verhaltensbedingte Gründe sind zum Beispiel Schlechtleistung, Fehlverhalten etc. Krankheit ist kein Kündigungsgrund. Betriebsbedingte Gründe sind alle Gründe, die nicht personen-/verhaltensbedingt sind, also zum Beispiel eine Restrukturierung, die zum Wegfall des Arbeitsplatzes führt. Weitere Voraussetzungen für eine wirksame Kündigung sind unter anderem eine vorherige Versetzung.

    Die gesetzliche Mindestkündigungsfrist beträgt sowohl für den Arbeitgeber als auch für den Arbeitnehmer einen Monat. Bei Kündigung durch den Arbeitgeber beträgt sie - je nach Länge der Betriebszugehörigkeit des Arbeitnehmers - bis zu maximal sechs Monate nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung. Es ist möglich, arbeitsvertraglich zum Beispiel eine gegenseitige dreimonatige Kündigungsfrist zu vereinbaren. Grundsätzlich ist von Arbeitgeberseite immer die längste Kündigungsfrist anzuwenden.

    Fristlose Kündigungen sind nur möglich, wenn schwerwiegende Verletzungen der arbeitsvertraglichen Pflichten vorliegen, zum Beispiel Straftaten gegen den Arbeitgeber.

    Eine Besonderheit des schwedischen Kündigungsschutzgesetzes ist, dass ein betriebsbedingt gekündigter oder befristet Beschäftigter einen Wiedereinstellungsanspruch auf eine offene Position im selben Betrieb hat, wenn er die hinreichenden Qualifikationen hat, wenn er länger als zwölf Monate während der letzten drei Jahre beim Arbeitgeber beschäftigt war (bei den sogenannten besonders befristeten, sachgrundlosen Arbeitsverhältnissen sogar schon nach neun Monaten). Der Wiedereinstellungsanspruch gilt neun Monate nach Ende des Arbeitsverhältnisses. 

    Vor der Kündigungsentscheidung muss der Arbeitgeber die Gewerkschaft des Arbeitnehmers konsultieren und die Kündigung verhandeln, wenn der Arbeitnehmer Mitglied einer Gewerkschaft ist (fast 70 Prozent der Arbeitnehmer in Schweden sind dies).

    Es kommt in Schweden zu wenigen Kündigungsschutzklagen vor Gericht. Dies hat zum einem damit zu tun, dass die meisten Kündigungen zuvor mit der Gewerkschaft des Arbeitnehmers verhandelt worden und damit akzeptiert sind. Zum anderen dauern Kündigungsschutzklagen bis zu anderthalb Jahren und können deshalb hohe Anwaltskosten verursachen, die grundsätzlich die unterliegende Partei tragen muss. Zum anderen werden einvernehmliche Lösungen wie Aufhebungsverträge bevorzugt, wenn ein Kündigungsgrund nicht sicher darzulegen ist.

    Als Besonderheit ist auch hervorzuheben, dass jeder Arbeitnehmer nach dem Kündigungsschutzgesetz aktuell Anspruch darauf hat, bis zum 69. Lebensjahr zu arbeiten. Die Beendigung des Arbeitsverhältnisses wegen möglichen Bezugs einer Rente vor diesem Alter ist also kein Kündigungsgrund.

    Vor jeder Kündigung oder Beendigung eines Arbeitsverhältnisses sollten Unternehmen unbedingt mit einem schwedischen Arbeitsrechtler sprechen. Der Bereich Arbeitsrecht der Deutsch-Schwedischen Handelskammer steht für Anfragen gern zur Verfügung.

    Gelebte Praxis

    Aufgrund der starken Stellung der Gewerkschaften in Schweden konsultieren und informieren Arbeitgeber die Gewerkschaften eher mehr als notwendig, um eine gute Beziehung zu pflegen und bei zukünftigen Problemen von einer guten Zusammenarbeit zu profitieren.

    Trotz einer Reform des Kündigungsschutzrechtes im Jahr 2022 ist es nach wie vor so, dass Beendigungen von Arbeitsverhältnissen bei Fehlverhalten oder Schlechtleistung eher durch Aufhebungsvertrag anstelle durch Kündigung vorgenommen werden.

    Entgegen der europarechtlichen Rechtsprechung zur Arbeitszeit ist aktuell keine Änderung des Arbeitszeitgesetzes oder der tarifvertraglichen Regelungen zu Arbeitszeit und dazu gehörenden Pflichten des Arbeitgebers in Sicht.

    Kontaktadresse

    Dr. Kerstin Kamp-Wigforss, LL.M., Rechtsanwältin, Leitung Rechtsbereich der Deutsch-Schwedischen Handelskammer (AHK Schweden)

    E-Mail: kerstin.kamp-wigforss@handelskammer.se

    Telefon: +46 8 6651856 

    AHK Schweden
     

    Von Dr. Kerstin Kamp-Wigforss, LL.M., Rechtsanwältin (AHK Schweden) | Stockholm | Stockholm

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    Anmerkungen

    Bundesverwaltungsamt, Bundesstelle für Auswanderer und Auslandstätige

    Praktische Hinweise für deutsche Expats mit Informationen zu Bildungseinrichtungen, medizinischer Versorgung und Lebenshaltungskosten

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