Special | Brasilien | Wasser - Die knappe Ressource

In Brasiliens Wasserwirtschaft fließen Milliarden

Brasilien bietet einen gigantischen Markt für Wasser- und Abwassertechnologie jeder Art, der jedoch sehr preisorientiert ist. Es dauert, die richtigen Kontakte aufzubauen.

Von Gloria Rose | São Paulo

Brasilien zählt zu den wasserreichsten Ländern der Welt. Die Verfügbarkeit von Wasser ist ein zentraler Wachstumsfaktor für die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas: Mehr als ein Viertel der Bruttowertschöpfung des Landes entfällt auf das hocheffiziente Agrobusiness. Zugleich stammt immer noch gut die Hälfte des Stroms aus Wasserkraftwerken, auch wenn Wind- und Solarenergie stark an Bedeutung gewinnen.

Extremwetterereignisse stellen Brasilien zunehmend vor Herausforderungen. Perioden anhaltender Dürre beeinträchtigen das Agrobusiness, die Energiewirtschaft und somit auch die Industrie. Der Schutz vor Überschwemmungen durch Starkregen findet bislang weniger Beachtung in der Politik.

Ihre Exportchancen in mehr als 20 Ländern

Wir haben besonders aussichtsreiche Wassermärkte in Lateinamerika, Asien, Afrika und Europa unter die Lupe genommen. Alle Länderanalysen finden Sie auf unserer Seite zum Wassersektor.

Private Betreiber treiben dringende Investitionen voran

Bis vor wenigen Jahren dominierten bundesstaatliche Konzerne die brasilianische Wasserwirtschaft. Noch immer sind rund zwei Drittel der Anbieter staatlich oder gemischtwirtschaftlich organisiert. Doch der private Sektor gewinnt stark an Bedeutung, besonders seit dem Erlass eines neuen Rechtsrahmens im Juli 2020. Dieser verpflichtet alle 5.570 Städte und Gemeinden, die erheblichen Defizite bei der Abwasserentsorgung bis spätestens 2033 abzubauen.

Die Vergabe regionaler Wasserwirtschaftsblöcke treibt den Strukturwandel voran. Im Bundesstaat Rio de Janeiro wurden die Aktivitäten des bisherigen Staatskonzerns Cedae bereits 2021 in vier Blöcke aufgeteilt. Zwei davon gingen an Aegea, ein weiterer an Iguá. Aegea gewann zudem große Konzessionsblöcke 2024 im Bundesstaat Piauí und 2025 in Pará. Auch die Bundesstaaten Alagoas, Espírito Santo, Amapá und Sergipe haben bereits Verträge an private Betreiber vergeben.

Im Jahr 2023 wurde erstmals ein bundesstaatlicher Wasserkonzern vollständig privatisiert. Aegea übernahm Corsan, den Versorger des Bundesstaats Rio Grande do Sul, und verpflichtete sich zu Investitionen von mehr als 3 Milliarden US-Dollar (US$) bis 2033. Ein zentraler Meilenstein war die Privatisierung von Sabesp, die im Juli 2024 abgeschlossen wurde. Die Privatisierung des zweitgrößten Versorgers Copasa im Bundesstaat Minas Gerais ist weit fortgeschritten und steht in diesem Jahr im Fokus der Aufmerksamkeit.

Sabesp, der größte Wasserversorger Lateinamerikas, investiert 2026 voraussichtlich 3,5 Milliarden US$. Parallel dazu treibt der Bundesstaat São Paulo neue Konzessionen und PPP‑Verträge (Public Private Partnership) voran. Mit dem Programm UniversalizaSP sollen Wasser‑ und Abwasserdienste in 146 bisher kommunal versorgten Städten neu strukturiert werden.

Die zehn größten Unternehmen in der brasilianischen Wasserwirtschaft
Konzern Bundesstaat oder privat

Umsatz 2024 1) (in Mio. US$)

Sabespprivat 2)

6.706

Aegeaprivat

2.579

Copasagemischtwirtschaftlich, Minas Gerais 2)

1.462

Sanepargemischtwirtschaftlich, Paraná 2)

1.271

Grupo Ambiparprivat 2)

1.190

Embasastaatlich, Bahia

1.063

BRK Ambientalprivat

797

Saneagogemischtwirtschaftlich, Goiás

715

Cedaestaatlich, Rio de Janeiro

603

Cagecestaatlich, Ceará

582

1 umgerechnet zum Durchschnittswechselkurs 2024: 1 US$ = 5,39 R$; 2 börsennotiert.Quelle: Ranking "Valor 1000" 2025; Recherchen von Germany Trade & Invest

 

"Lokale Präsenz wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor"

Svenja Ahlburg, Chief Sales Officer Region Americas & Vice President Latin America - Regionalvorständin Vertrieb für die Region Americas & Vizepräsidentin Lateinamerika, Wasserwirtschaft Brasilien Svenja Ahlburg, Chief Sales Officer Region Americas & Vice President Latin America - Regionalvorständin Vertrieb für die Region Americas & Vizepräsidentin Lateinamerika, Wasserwirtschaft Brasilien | © Svenja Ahlburg

Svenja Ahlburg leitet das Lateinamerikageschäft der deutschen Wilo‑Gruppe, weltweiter Anbieter von Pumpen- und Systemlösungen für die Wasser- und Abwasserwirtschaft. Sie verantwortet Marktstrategie, Vertrieb und lokale Aufstellung in der Region. Durch ihre direkte Einbindung in laufende Projekte kennt sie die Auswirkungen der zunehmenden Privatisierung in Brasilien aus erster Hand. 

Frau Ahlburg, wie ist deutsche Wassertechnologie aktuell im brasilianischen Markt positioniert?
Deutsche Technologie genießt in Brasilien grundsätzlich einen sehr guten Ruf. Zuverlässigkeit, lange Lebensdauer sowie Garantien und ein starker After-Sales-Service werden geschätzt und unterscheiden uns klar von vielen Wettbewerbern. Gleichzeitig ist der Markt sehr preisgetrieben. Anbieter müssen ihre Geschäftsmodelle flexibel anpassen und genau verstehen, welche Anforderungen unterschiedliche Kundengruppen haben.

Welche Rolle spielt die Öffnung und teilweise Privatisierung des Wassersektors?
Mit der Marktöffnung nahm die Investitionsbereitschaft zu. Öffentliche Versorger haben ihre Entscheidungen früher stark auf niedrige Anschaffungs- und Installationskosten fokussiert. Private Betreiber hingegen bewerten Investitionen stärker über Effizienz, Energieverbrauch sowie Betriebs- und Wartungskosten über den gesamten Lebenszyklus. Das eröffnet grundsätzlich Chancen für hochwertige, energieeffiziente Technologien.

Was hat sich dadurch konkret für Zulieferer verändert?
Ein zentraler Punkt ist die stärkere Bündelung von Aufträgen. Bei Sabesp wurden einzelne Projekte früher separat vergeben, seit der Privatisierung sind Ausschreibungen deutlich umfangreicher, komplexer und oft sehr kurzfristig angesetzt. Das stellt gerade kleinere und mittelständische Anbieter vor Herausforderungen, da technische Auslegung, Angebotserstellung und Produktverfügbarkeit in sehr kurzer Zeit gewährleistet sein müssen.

Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend, um in diesem Umfeld erfolgreich zu sein?
Neben wettbewerbsfähiger Technologie sind eine starke lokale Präsenz und das Netzwerk entscheidend. Lokale Mitarbeitende, ein direkter Zugang zu den Entscheiderstrukturen und die Wertschöpfung vor Ort gewinnen an Bedeutung. Zudem müssen Produkte häufig sofort verfügbar sein. Längere Lieferzeiten aus Europa lassen sich kaum noch vertreten. Wer diese Anforderungen erfüllt, findet im brasilianischen Markt ein großes Wachstumspotenzial.

 

Abwasserentsorgung weist den größten Rückstand auf

Trotz einiger Verbesserungen hat weiterhin rund ein Viertel der Bevölkerung keinen Zugang zur Abwasserentsorgung. Nur etwa die Hälfte des Abwassers wird aufbereitet. Das Ziel, bis Ende 2033 wenigstens 90 Prozent der Bevölkerung an die Abwasseraufbereitung anzubinden, ist eine Mammutaufgabe für die Städte und Gemeinden.

Brasiliens Entwicklungsbank BNDES bündelt die Versorgung mehrerer Städte und Gemeinden zu größeren regionalen Konzessionsblöcken, um diese für private Investoren attraktiv zu machen. Einige Städte wie Andrades im Staat Minas Gerais schreiben eigenständig Konzessionen oder öffentlich-private Partnerschaften aus. Viele Projekte nutzen Finanzinstrumente von Geberinstitutionen. Daher lohnt sich der Blick in die Projektdatenbanken der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank (IDB), der KfW-Entwicklungsfinanzierung und anderer Entwicklungsbanken.

Große Verträge stehen vor der VergabeAusgewählte Investitionsprojekte in Brasiliens Wasserwirtschaft
Projekt (Bundesstaat)Bevölkerung (in Mio.)

Investitionen (in Mio. US$) *)

Voraussichtlicher Vergabetermin
Konzession/PPP der Wasserwirtschaft in 146 Gemeinden (São Paulo)

6,0

5.200

Öffentliche Anhörung startete am 27.04.26; Vergabe ist für Ende 2026 vorgesehen (UniversalizaSP).
Konzession/PPP der Wasserwirtschaft für 214 Gemeinden (Maranhão)

6,7

3.345

k.A.
PPP der Abwasserwirtschaft in 5 Blöcken für insgesamt 128 Gemeinden (Ceará)

1,4

1.350

Versteigerung am 30.06.26
PPP der Abwasserwirtschaft in 3 Blöcken für insgesamt 224 Gemeinden (Goiás)

3,4

1.109

Versteigerung war für März 2026 angesetzt, wurde jedoch mangels Beteiligung gestrichen. Verträge werden überarbeitet. BNDES sieht die Vergabe für das 4. Quartal 2026 vor.
Konzession der Wasserwirtschaft für 45 Gemeinden (Rondônia)

1,3

877

3. Quartal 2026
PPP der Abwasserwirtschaft für 48 Gemeinden (Rio Grande do Norte)

1,9

733

3. Quartal 2026
PPP der Abwasserwirtschaft für 85 Gemeinden (Paraíba)

1,7

626

Versteigerung am 15.05.26
* umgerechnet zum Durchschnittswechselkurs 2025: 1 US$ = 5,59 R$.Quelle: BNDES 2026; PPI 2026

 

Tipps für den Markteinstieg 

Seit dem 1. Mai ist der Handelsteil des EU-Mercosur-Abkommens in Kraft. Über das EU-Portal Access2Markets können Sie den EU-Präferenzzoll und den geplanten Zollabbau für einzelne Produkte anhand der Mercosur-Nomenklatur NCM abfragen. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Sonderseite Mercosur.

Für Zulieferer ist es wichtig, Technologien möglichst frühzeitig vorzustellen, damit die potenziellen Betreiberunternehmen diese noch vor dem Vergabeprozess einkalkulieren können.

Messen bieten eine gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und die Produkte zu präsentieren. Die wichtigsten Branchenveranstaltungen in Brasilien sind:

  • IFAT Brasil: Internationale Fachkonferenz, nächster Termin: 23.-25.6.27 in São Paulo (Expo Center Norte); Deutschland präsentiert sich mit einem Gemeinschaftsstand.
  • FENASAN: Fachmesse, nächster Termin: 20.-22.10.26 in São Paulo (Expo Center Norte)

Trinkwasserversorgung muss effizienter werden

Der größte Teil der brasilianischen Bevölkerung ist an die Trinkwasserversorgung angeschlossen. In den Favelas zapfen die Menschen das Netz zuweilen illegal an. Diese improvisierten Anschlüsse sowie die unzureichende Wartung der Rohrnetze führen zu hohen Wasserverlusten. In Brasilien erreichen durchschnittlich nur 60 Prozent des Trinkwassers die zahlenden Verbraucher. Private Konzessionäre investieren verstärkt in Sensortechnik und innovative Lösungen, um die Verluste zu reduzieren. Neben der Modernisierung des Verteilnetzes spielt auch Energieeffizienz eine wichtige Rolle. 

Im trockenen Nordosten werden besonders viele Städte und Gemeinden über Tanklaster und Zisternen versorgt. Neben der Metropolregion São Paulo weist der Bundesstaat Ceará den größten Investitionsbedarf bei der Trinkwassergewinnung auf. In der Provinzhauptstadt Fortaleza mit rund 2,7 Millionen Einwohnern entsteht auch die erste Entsalzungsanlage Brasiliens mit einer Kapazität von 1.000 Litern pro Sekunde. Der Konzessionär Águas de Fortaleza erwartet die Baugenehmigung für Mai 2026 und eine Bauzeit von voraussichtlich zwei Jahren. 

Mehr Wasser für die Landwirtschaft

Extremwetterereignisse in Brasilien nehmen zu. Anhaltende Dürren sowie Überschwemmungen beeinträchtigen die Ernten. Um die Verluste zu minimieren, setzen die Landwirte auf Smart Farming-Lösungen wie Präzisionsbewässerung und Monitoringsysteme. 

Brasiliens Landwirtschaft expandiert und benötigt dafür Wasser. Die Regierung fördert die Versorgung des Sektors durch Großprojekte. Am 1. März 2024 ersteigerte ein Konsortium eine 35-jährige Konzession, die die Bewässerung von bis zu 35.000 Hektar Land im Bundesstaat Minas Gerais ermöglicht. Der Bau und der Betrieb von zwei Staudämmen am Fluss Jequitaí dürfte insgesamt 300 Millionen US$ kosten. Weitere zehn Projekte befinden sich in der Pipeline des Infrastrukturprogrammes PPI.

Auch die Industrie investiert in Effizienz und Versorgungssicherheit

Zu den größten industriellen Wasserverbrauchern zählen die Zucker-Ethanol-Industrie sowie die Papier- und Zellstoffkonzerne. Börsennotierte Unternehmen mit Nachhaltigkeitsstrategien investieren kontinuierlich in Wassereffizienz. Von 2014 bis 2016 erlebte der Bundesstaat São Paulo, das industrielle Herz Brasiliens, eine Wasserkrise. Seitdem investierten einige Betriebe auch mit dem Ziel, in der Versorgung unabhängiger zu werden: Sie bohrten eigene Brunnen, verstärkten die Wassernutzung aus Flüssen, Seen und Niederschlag und nahmen das Recycling von Grauwasser auf. Bezüglich der Behandlung von Industrieabwasser verfügt Brasilien über strenge Auflagen. 

Rechtsrahmen und zuständige Behörden für Wasser:

Die Agência Nacional de Águas e Saneamento Básico (ANA) ist die zentrale Behörde für Wasser und Abwasser in Brasilien. Sie koordiniert die Regulierung des Sektors auf nationaler Ebene. Seit dem Erlass des neuen Rechtsrahmens im Juli 2020 gibt ANA landesweit geltende Vorgaben (Normas de Referência) heraus, zum Beispiel zu Wasser‑ und Abwassertarifen, Qualitäts- und Leistungsstandards, zur Reduzierung von Wasserverlusten sowie zu Konzessionen und öffentlich‑privaten Partnerschaften (PPP).

Für Umweltgenehmigungen ist das Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis (Ibama) zuständig.

Die brasilianische Entwicklungsbank BNDES erarbeitet Verträge für Konzessionen und öffentlich-private Partnerschaften (PPP). Laufende und geplante Projekte sind im Projektportfolio abrufbar. Das Investitionsförderprogramm PPI informiert über prioritäre Infrastrukturprojekte und anstehende Ausschreibungen.

Kontaktadressen

Bezeichnung

Anmerkungen

Germany Trade & Invest

Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen

German Water Partnership e. V.Netzwerk deutscher Unternehmen und Institutionen der Wasserbranche zur Exportförderung

AHK Brasilien

Anlaufstelle für deutsche Unternehmen in São Paulo, Rio de Janeiro, Porto Alegre und Curitiba

VDMA BrasilVDMA Verbindungsbüro in São Paulo

Agência Nacional de Águas (ANA)

Nationale Wasserbehörde 
Associação Brasileira das Concessionárias Privadas de Serviços Públicos de Água e Esgoto (ABCON)Verband der privaten Wassergesellschaften
Associação Brasileira das Empresas Estaduais de Saneamento (AESBE)Verband der bundesstaatlichen Wassergesellschaften
Instituto Trata BrasilNichtregierungsorganisation zur Förderung der Wasserversorgung und Abwasserbehandlung in Brasilien

revista TAE

Fachzeitschrift und Portal "Meio Filtrante"
Revista Saneamento AmbientalZeitschrift und Portal für Umwelt und Wasser- und Abfallwirtschaft

Portal Saneamento Básico

Informationsportal für die Wasser- und Abfallwirtschaft
Portal Tratamento de ÁguaPortal der Zulieferer und Dienstleister