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Spanien und Portugal bestellen neue Züge

Aufträge im Milliardenwert schaffen Chancen für Zughersteller und Zulieferer. Die Vergaben sind ab 2027 geplant.

Friedrich Henle

Von Friedrich Henle | Madrid

Neue Hochgeschwindigkeitszüge sollen in den nächsten Jahren in Spanien und Portugal zum Einsatz kommen. Die staatlichen Betreiber beider Länder haben Ausschreibungen im Milliardenumfang veröffentlicht. Die Zughersteller Hitachi, Siemens, Alstom und Talgo gehören zu den Interessenten. Die Aufträge sollen Anfang 2027 vergeben werden.

Bis zu 40 neue Hochgeschwindigkeitszüge für Spanien

In Spanien will die staatliche Betreibergesellschaft Renfe (Red Nacional de Ferrocarriles Españoles) ihren Fuhrpark an Hochgeschwindigkeitszügen erneuern. Die im April 2026 veröffentlichte Ausschreibung umfasst den Kauf von 30 Zügen. Hinzu kommt eine Option auf zehn weitere Fahrzeuge. 

Die Kosten belaufen sich auf insgesamt 1,8 Milliarden Euro. Das geschätzte Auftragsvolumen liegt bei 4,1 Milliarden Euro. Darin enthalten sind Wartung und Ersatzteilversorgung für voraussichtlich 15 Jahre.

Renfe verlangt vom erfolgreichen Bieter eine Lieferung innerhalb von sechseinhalb Jahren nach Vertragsabschluss. Die ersten fünf Züge sollen bereits nach viereinhalb Jahren ausgeliefert werden. Die Fahrzeuge müssen für die europäische Normalspur von 1.435 Millimetern ausgelegt sein und eine Höchstgeschwindigkeit von 350 Kilometern pro Stunde erreichen.

Spanische Medien berichteten Ende Juni 2026, dass nur noch Hitachi Rail mit der Serie ETR 1000 und Siemens Mobility mit seinem Modell Velaro Novo im Rennen seien. Talgo sei aus formalen Gründen ausgeschlossen worden. Alstom habe kein Angebot abgegeben. Die Öffnung der wirtschaftlichen Angebote der beiden Hersteller ist für September 2026 vorgesehen.

Auf dem spanischen Hochgeschwindigkeitsnetz fahren Züge bisher mit einer Höchstgeschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde. In den kommenden Jahren soll das Netz für 350 Kilometer pro Stunde ertüchtigt werden. Den Anfang macht die vielbefahrene Strecke zwischen Madrid und Barcelona. 

Rollmaterial für die neue Schnellzugstrecke Lissabon-Porto

Portugal beschafft erstmals Hochgeschwindigkeitszüge. Die staatliche Betreibergesellschaft CP (Comboios de Portugal) veröffentlichte im Mai 2026 eine entsprechende Ausschreibung. Sie will zwölf Hochgeschwindigkeitszüge kaufen, mit der Option auf weitere acht Züge. 

Das Budget beträgt bis zu 900 Millionen Euro. Darin enthalten sind 45 Millionen Euro für den Bau von Wartungswerkstätten. Die neuen Züge sollen die Strecke Lissabon-Porto befahren, die derzeit für eine Höchstgeschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde ausgebaut wird.

Jeder Zug muss mindestens 500 Sitzplätze bieten. Potenzielle Anbieter müssen außerdem nachweisen, dass die Radsätze ihrer Züge auf die europäische Normalspur von 1.435 Millimetern angepasst werden können. Hintergrund ist, dass die Hochgeschwindigkeitsstrecken in Portugal derzeit mit der iberischen Spurbereite von 1.668 Millimetern ausgebaut werden. 

Perspektivisch könnten die Züge auch die künftige Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Lissabon und Madrid bedienen. Diese soll 2034 fertiggestellt sein. 

In der Präqualifizierungsphase haben Talgo und Alstom offiziell ihr Interesse angemeldet. Die Bieter müssen ihre vollständigen Angebotsunterlagen bis Ende Oktober 2026 einreichen. Die Auftragsvergabe ist für April 2027 geplant.

Großauftrag für portugiesische Regionalzüge erfolgt

Alstom befindet sich in einer guten Ausgangsposition. Das Unternehmen unterzeichnete im März 2026 mit CP einen Großauftrag im Wert von 1 Milliarde Euro für Regionalzüge.

Der Vertrag umfasst die Lieferung von 153 Zügen des Typs Adessia Stream. Dazu zählen 98 Fahrzeuge für die S-Bahn-Netze von Lissabon, Porto und Cascais sowie 55 Regionalzüge. 

Zur Fertigung der Fahrzeuge errichtet Alstom in Matosinhos bei Porto eine Endmontage mit rund 300 Arbeitsplätzen. Die ersten Züge sollen ab 2029 ausgeliefert werden.

Die Vorhaben in Spanien und Portugal reihen sich in eine europäische Investitionsinitiative im Bereich Bahntechnik ein. Europaweit fließen hohe Summen in den Ausbau der Bahninfrastruktur und die Anschaffung moderner Schienenfahrzeuge.

Veranstaltungshinweise

Die alle zwei Jahre stattfindende Messe Rail Live in Madrid ist die wichtigste Branchenveranstaltung für den Bahnsektor in Spanien. Nächste Ausgabe: 24. bis 26. November 2027. Sie gehört in der Regel zum Auslandsmesseprogramm des Bundes. Bei der letzten Ausgabe 2025 haben am "German Pavilion" 29 deutsche mittelständische Unternehmen teilgenommen.

Der jährliche Portugal Railway Summit ist das führende Branchentreffen der portugiesischen Bahnindustrie. Die vom Branchencluster PFP (Plataforma Ferroviária Portuguesa) organisierte Konferenz bietet neben Fachvorträgen und Podiumsdiskussionen auch Networking- und Geschäftsanbahnungsmöglichkeiten. Nächste Ausgabe: Mai 2027.

Deutsche Zulieferer interessieren sich für den iberischen Bahntechnikmarkt

Mittelständische Unternehmen aus Deutschland zeigen großes Interesse am wachsenden Markt für Bahntechnik auf der iberischen Halbinsel. Öffentlich geförderte Delegationsreisen nach Spanien und Portugal stießen 2024 und 2025 auf hohe Nachfrage. Dazu zählen unter anderem Reisen im Rahmen des Markterschließungsprogramms für kleine und mittlere Unternehmen (MEP).

Deutsche Unternehmen kommen mitunter auch mit hoch spezialisierten Anwendungen zum Zug. So beliefert der Farben- und Lackhersteller Griwecolor seit 2020 den Produktionsstandort Valencia des Schweizer Zugherstellers Stadler. 

Das mittelständische Unternehmen aus dem Südschwarzwald bietet spezielle Beschichtungsprodukte an. Diese kommen in der Bahnindustrie zum Einsatz und sollen unerwünschte Geräusche und Vibrationen in Zügen reduzieren. 

"Spanien ist ein sehr attraktiver Markt. Er hat für uns deutlich mehr Wachstumspotenzial als der deutsche Markt", sagt Geschäftsführer Sven Wehinger. Aktuell versuche das Unternehmen, mit spanischen Zugherstellern wie Talgo ins Gespräch zu kommen.

Kooperationen mit lokal verankerten und international tätigen Branchenunternehmen können den Zugang zu neuen Märkten erleichtern. Dafür kommen neben den spanischen Herstellern Talgo und CAF auch Stadler und Alstom mit ihren Produktionsstandorten in Spanien infrage. 

So bestellte der deutsche Fernzugbetreiber FlixTrain bei Talgo 30 Züge mit der Option auf weitere 35 Fahrzeuge. Das Gesamtvolumen beträgt einschließlich Wartung 2,4 Milliarden Euro. 

"Deutsche Anbieter müssen einen klaren Mehrwert bieten"

Andreas Holbe, General Manager - Holbe IBS International Business Development Solutions | © Andreas Holbe Andreas Holbe, General Manager - Holbe IBS International Business Development Solutions | © Andreas Holbe | © © Andreas Holbe

Andreas Holbe ist selbständiger Berater für Internationalisierung, Business Development und Netzwerkaufbau in der Bahntechnikbranche. Mit Sitz in Barcelona unterstützt er seit gut 20 Jahren deutsche und spanische Branchenunternehmen, die im jeweils anderen Markt aktiv werden wollen.

Herr Holbe, wie schätzen Sie den spanischen Bahntechnikmarkt aktuell ein?

Der Markt bietet gute Zulieferchancen. Spanien investiert nicht nur in neue Hochgeschwindigkeitszüge, sondern auch in den Regional- und Nahverkehr sowie in Metro- und Straßenbahnflotten. Die Modernisierung der Infrastruktur und der Ausbau der europäischen Verkehrskorridore sorgen für zusätzliche Nachfrage.

Was ist das Besondere am spanischen Markt?

Spanien ist nicht nur ein reiner Absatzmarkt, sondern auch ein bedeutender Produktions- und Exportstandort für Schienenfahrzeuge, die weltweit eingesetzt werden. Wer sich bei einem dortigen Hersteller als Zulieferer etabliert, kann deshalb auch an internationalen Projekten beteiligt werden.

Wie können deutsche Zulieferer profitieren?

Besonders gefragt sind spezialisierte Technologien und Komponenten, insbesondere in den Bereichen Sensorik und Digitalisierung, Brems- und Fahrwerkstechnik, Energieeffizienz, Innenausstattung und Sicherheit. Deutsche Anbieter müssen dabei einen klaren Mehrwert bieten, zum Beispiel durch innovative Lösungen, hohe Zuverlässigkeit oder niedrigere Lebenszykluskosten.

Wie sieht es mit der lokalen Konkurrenz aus?

Spanien verfügt über gut etablierte Zulieferunternehmen, die den Markt und die Anforderungen der Hersteller genau kennen. Sie profitieren von kurzen Wegen und gewachsenen Kundenbeziehungen. Deutsche Anbieter können sich vor allem dort abheben, wo sie besondere technologische Kompetenzen oder Lösungen bieten, die das bestehende Angebot sinnvoll ergänzen oder neu im Markt sind. Sie können aber auch mit dem Bonus ins Rennen gehen, dass sie aus dem wichtigsten Bahnmarkt Europas kommen und eventuell schon Branchengrößen wie Siemens, Alstom oder Stadler beliefern.

Welche Herangehensweise empfehlen Sie für die Marktbearbeitung?

Lokale Partner, Präsenz vor Ort und ein langer Atem sind entscheidend. Ein Handelsvertreter oder Vertriebspartner kann dabei helfen, Ausschreibungen frühzeitig zu erkennen und Kontakte zu potenziellen Kunden wie CAF, Talgo oder anderen Herstellern und Systemintegratoren sowie den Schienenfahrzeugbetreibern auf- und auszubauen. Ebenso wichtig sind dabei nicht nur spanische Sprachkenntnisse, sondern auch ein interkulturelles Verständnis und belastbare, persönliche Beziehungen innerhalb der Bahnindustrie.