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Weltbank treibt Milliarden-Bahnprojekt in Irak voran
Irak hat für Bahnprojekte mehr Pläne als Baufortschritte. Eines zur Modernisierung soll nun aber starten. Signaltechnik, Planung und Bauüberwachung sind gefragt, deutsche Anbieter aber rar.
13.07.2026
Von Ulrich Binkert | Bonn
Für die Modernisierung von Iraks Eisenbahn sollen noch im Juli die Vorbereitungen für erste Beschaffungen starten. Das mit 1 Milliarde US-Dollar (US$) veranschlagte Iraq Railways Extension and Modernization Project (IREM) erneuert die Strecke vom Hafen Umm Qasr im Süden bis ins nordirakische Mossul. Rund 80 Prozent der Ausgaben entfallen auf Signaltechnik. Dies sagten Anfang Juni gegenüber GTAI Vertreter der Weltbank, die IREM vollständig finanziert.
Projekt bleibt aktiv
Anfang Juli bestätigten die Weltbank-Vertreter den Zeitplan. Mit einer Veranstaltung Ende August wollen sie - auch deutsche - Firmen für das Vorhaben interessieren. Erste Beschaffungen sollen über Weltbank-Verfahren vorbereitet werden. Konkretes dazu war Anfang Juli noch nicht veröffentlicht. Mitte Juni hatte Iraks neue Regierung ein weitaus größeres Bahnprojekt beerdigt: Das Infrastrukturprojekt "Development Road" hatte auch Bahninvestitionen für über 10 Milliarden US$ vorgesehen. Details zum Stopp fehlen, IREM ist davon laut Weltbank aber nicht betroffen. Allerdings wartete die Bank Anfang Juni noch auf eine voll funktionsfähige Regierung. Nach den Parlamentswahlen im November 2026 sind aktuell erst 14 von 23 Kabinettsposten besetzt.
Iraks Eisenbahn ist nach Jahren des Krieges und der Vernachlässigung in einem schlechten Zustand. Medienberichten zufolge operiert sie mit Dieselloks, befördert keine 200.000 Passagiere pro Jahr und braucht zwölf Stunden für die gut 500 Kilometer von der Hauptstadt Bagdad nach Basra im Süden. Dabei ist diese Strecke laut Weltbank noch vergleichsweise gut nutzbar. Personenzüge fahren dort den Angaben nach aktuell mit durchschnittlich 60, höchstens 80 Stundenkilometern, Fracht mit rund 50 Stundenkilometern. Nach der Erneuerung sollen zwischen Basra und Mossul 160 Stundenkilometer im Personenverkehr beziehungsweise 120 Stundenkilometer im Güterverkehr möglich sein.
Europäische Signaltechnik anvisiert
Signaltechnik gibt es laut Weltbank bisher nicht in Iraks Bahnnetz, das noch aus englischen Kolonialzeiten stamme. Ziel sei nun, auf Wunsch der irakischen Regierung, der Einbau des European Train Control System, Level 2 (ETCS II). "Damit hätte man denselben Standard wie die angrenzenden Länder im Norden und Süden", sagt Ralf Zinelabedin von der DB Engineering & Consulting: Auf manchen Strecken in der Türkei sei, mit ETCS, 300 Stundenkilometer möglich. Saudi-Arabien und die VAE nutzten bereits ETCS II. ETCS dürfte nach Einschätzung von Zinelabedin auch bei einem Bahnausbau im benachbarten Syrien zum Einsatz kommen. Für Irak würden künftig einheitliche Spurbreiten, Waggons und Leitsysteme den grenzüberschreitenden Verkehr vereinfachen.
Die Ausschreibungen für die Beschaffungen soll ein externer Consultant organisieren. Den hofft die Weltbank bis September per Ausschreibung zu finden. Die Bank will das Projekt nicht nur finanzieren. Sie will die Behörden umfassend beraten - das Geld sei "nicht das Problem".
Irakische Behörden hätten auf eigene Rechnung hin mit ersten Erdarbeiten zwischen Bagdad und Mossul begonnen. Zudem lieferten sie Stahl aus eigenen Beständen und planten - mit eigenen Mitteln - den Kauf von 13 Lokomotiven. In das Weltbank-Projekt selbst fließe kein Geld der Regierung.
Weltbank plant weiteres Milliarden-Projekt
Für die Zeit nach einem Abschluss von IREM ("brownfield") fasst die Weltbank auch ein "Greenfield"-Bahnprojekt ins Auge: Eine Verbindung von Mossul zur türkischen Grenze (130 Kilometer) sowie eine 60 Kilometer lange Umfahrung bei Bagdad (Samarra Bypass). Die zwei neuen Strecken sollen insgesamt 1,5 bis 2 Milliarden US$ kosten. Das Vorhaben sei in der Vormachbarkeits-Phase, die Regierung kooperiere dabei mit einem italienischen Consultant.
In Nordirak würde eine Bahnverbindung von Mossul zur türkischen Grenze durch Gebiete der autonomen Region der Kurden verlaufen. Dies wäre bei dem künftigen Greenfield-Projekt der Weltbank der Fall und auch bei der jetzt gestoppten "Development Road". Die Beziehungen zwischen der kurdischen Regionalregierung und den Zentralregierungen in Bagdad und der Türkei sind gespannt. Eine alternative Strecke würde deren Gebiete umgehen: vom irakischen Mossul nach Westen über Nordostsyrien in die Türkei.
Diese alternative Strecke wäre wegen des einfacheren Terrains wohl billiger. Ob sie nach dem Sturz von Assad in Syrien auch politisch besser machbar ist, bleibt offen. Die syrische Regierung hat in Nordostsyrien vor einigen Monaten die Kontrolle von den dort ansässigen Kurden übernommen. Anfang April kündigte der türkische Transportminister die Instandsetzung eines fehlenden Bahn-Links an der türkisch-syrischen Grenze an (Nusaybin nach Qamishli). Kurz zuvor hatte Irak seinerseits Irak die Grenze nach Syrien bei Rabiah wieder eröffnet.
Hedschas-Bahn reloaded?
Die Türkei und Saudi-Arabien wollen einen überregionalen Bahn-Transportkorridor durch Syrien ausbauen, westlich von Irak. Technische Arbeiten seien im Gange und eine Machbarkeitsstudie solle noch 2026 fertig sein, wurde der saudi-arabische Transportminister im April 2026 in der Presse zitiert. Die beiden Staaten sowie Jordanien hatten demnach bereits vereinbart, ihre Bahn-Netzwerke zu verbinden und auszubauen. Grundlage seien Teile der alten Hedschas-Bahn, die noch die Osmanen mit Beteiligung deutscher Ingenieure von Istanbul nach Medina gebaut hatten.
Zur Unterstützung der "Development Road" hatten Katar, die VAE und die Türkei 2024 eine Absichtserklärung vereinbart. Details dazu sind nicht bekannt, ebenso wenig zu einer Machbarkeitsstudie durch den italienischen Consultant Progetti. Auch Saudi-Arabien wird bei Projektfinanzierungen in Irak als möglicher Geber genannt. Das Nachbarland drängt dafür dem Vernehmen nach auf einen stärkeren Rechtsschutz durch die irakische Regierung.
Deutsche Firmen schwach vertreten
Anders als in Ägypten oder Saudi-Arabien treten deutsche Unternehmen in Iraks Bahnsektor kaum in Erscheinung. Der Ingenieurconsultant Dorsch beobachtet die Branche und ist interessiert an Planung oder Bauüberwachung. Die PTV Group aus Karlsruhe taucht in der Presse zwar bei mehreren Projekten als Consultant auf. Der Anbieter von Mobilitätssoftware teilt auf Nachfrage mit: "Wir sind aktuell an keinem Projekt in Irak beteiligt und verfolgen aktuell keine Ausschreibung aktiv." Die Zurückhaltung beruhe auf einer internen Risikobewertung. Ausländische Firmen haben mögliche Compliance-Verstöße im Auge und insbesondere die internationalen Sanktionen gegen Iran, die auch Geschäfte in Irak erschweren. Die Weltbank relativiert dies mit Blick auf IREM auf Nachfrage. Sie finanziere dieses Projekt ja vollständig selbst.
Irankrieg bremst
Der Stopp der "Development Road" kommt nach der Sperrung der Straße von Hormuz und massiven Einnahmeausfällen für die Regierung, die sich zum größten Teil aus Erdölexporten finanziert. Außerdem läuft in Irak eine Kampagne gegen die Korruption. Die Presse zeigt Bilder aus einer "Wohnung des stellvertretenden Ölministers" mit Reisetaschen, aus denen Berge von Banknoten quellen. Die Regierung stoppte auch den geplanten Ausbau des Flughafens Bagdad.
| Projekt/Strecke | Investitionen (Mio. US$) | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Iraq Railways Extension & Modernisation (IREM) | 1.000 | Modernisierung der Strecke Umm Qasr – Basra – Bagdad - Mossul (953 km) |
| Mossul-türkische Grenze, Samarra-Bypass | 1.500-2.000 | "Greenfield"-Projekt von Weltbank erwogen; Stand: Prefeasibility |
| Development Road (Bahnlinie) | 10.500 | Projekt-Stopp (Details unklar) im Juni 2026 durch Regierung; Machbarkeitsstudie von Progetti |
| Basra – Shalamcheh (Iran) | 230 | 36 km; Auftragnehmer: Imathia/Consultrans (Spanien); Baubeginn für Mai 2026 geplant und Stand 11.5.26 noch nicht erfolgt |
| Nadschaf - Kerbela | 1.500 | 90-km-Schnellbahnstrecke v.a. für Pilger; PPP vorgesehen; Parlamentarier im September 2025: "Projekt auf Eis gelegt"; Imathia 2024 mit Interesse; keine Infos zu Finanzierung oder Projektfortschritten |
| Mehran-Kut-Kerbela | k.A. | für Personentransport; MoU mit Imathia, keine Details bekannt |
"Kein Einziges", sagt ein naher Beobachter angesprochen auf weitere aktive Bahnprojekten in Irak. Für einige Strecken hofft die Regierung auf die Beteiligung privater Investoren (PPP-Modell). Diese Investoren finden sich aber schwer angesichts der negativen Compliance-Bewertungen von Irak. Dem zuständigen Weltbank-Manager ist keine PPP-Vereinbarung in Iraks Bahnsektor bekannt. An der Finanzierung einer künftigen U-Bahn in Bagdad soll nach älteren Presseinformationen die Deutsche Bank beteiligt sein.
| Institution | Erläuterung |
|---|---|
| Deutsch-Emiratische Industrie- und Handelskammer / Deutsches Wirtschaftsbüro Irak | Für Irak zuständige Auslandshandelskammer |
| Ministry of Transport | Branchenministerium, zuständig für die nationale Verkehrs- und Infrastrukturpolitik inklusive Bahnprojekte |