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Fachkräfte

Die Arbeitslosigkeit in Tschechien steigt. Dennoch fehlen in vielen Branchen Fachkräfte und Spezialisten. Das regionale Ungleichgewicht bleibt bestehen.

Gerit Schulze

Von Gerit Schulze | Prag

Mit 3,1 Prozent (laut ILO-Berechnungsmethode) erzielte Tschechien im 1. Quartal 2026 nach Angaben von Eurostat die drittniedrigste Arbeitslosenquote in der EU nach Polen und Bulgarien. Kandidaten können ihre hohen Gehaltsforderungen daher weiter durchsetzen.

Sie profitieren davon, dass sich Tschechiens Konjunktur trotz der globalen Krisenherde gut entwickelt. Das Bruttoinlandsprodukt wächst 2026 und 2027 voraussichtlich um jeweils über 2 Prozent.

Perspektivisch bleiben Fachkräfte in Tschechien auch deshalb knapp, weil mehr Menschen in Rente gehen als in den Arbeitsmarkt eintreten. Das jährliche Defizit beträgt rund 30.000 Arbeitskräfte. Arbeitgeber müssen deshalb immer mehr Energie darauf verwenden, Personal zu finden und im Unternehmen zu halten.

In Kohleregionen höhere Arbeitslosigkeit 

Anders als Eurostat benutzt das tschechische Arbeits- und Sozialministerium eine Definition zur Erwerbslosigkeit, die alle verfügbaren Arbeitssuchenden im Alter von 15 bis 64 Jahren umfasst. Demnach waren Ende Mai 2026 rund 337.000 Menschen als arbeitslos registriert, die Erwerbslosenquote lag bei 4,8 Prozent. Das waren 0,6 Prozentpunkte und über 40.000 Menschen mehr als ein Jahr zuvor. Besonders groß war die Arbeitslosigkeit in den Strukturwandelregionen Ústí nad Labem (7,2 Prozent) und Mährisch-Schlesien (6,8 Prozent). Die niedrigste Zahl meldete die Hauptstadt Prag (3,8 Prozent).

Die Zahl offener Stellen ist jedoch stabil. Im Mai verzeichnete das tschechische Arbeitsamt 94.000 freie Arbeitsplätze, nur 2.000 weniger als im Vorjahresmonat. Am meisten Personal sucht immer noch das verarbeitende Gewerbe (mehr als ein Viertel der offenen Stellen). Außerdem gibt es in der öffentlichen Verwaltung, im Bausektor, in der Logistik und Lagerwirtschaft sowie bei Hotels und Gaststätten viele Stellenangebote.

Wie der Personaldienstleister ManpowerGroup im Juni 2026 mitteilte, haben 61 Prozent der Arbeitgeber Schwierigkeiten, freie Positionen mit geeigneten Kandidaten zu besetzen. Jede dritte Firma will laut Manpower in den kommenden Monaten Personal einstellen, besonders im Bauwesen und Immobiliensektor, bei Technologieunternehmen und IT-Dienstleistern sowie Energie- und Versorgungsunternehmen. Dagegen plant die Automobilindustrie ähnlich viele Entlassungen wie Neueinstellungen.

Zu den gefragtesten Berufen im Jahr 2026 gehören nach Erhebungen der ManpowerGroup Spezialisten für Cybersicherheit und Datenanalysten, technische Vertriebskräfte, Elektrotechniker, Mechatroniker, CNC-Bediener, Schweißer und Fahrer. Die Statistik der offenen Stellen zeigt, dass der Bedarf an technisch qualifizierten Arbeitskräften wie Maschinenbedienern und Montierern besonders groß ist. Außerdem fehlen Tausende Hilfsarbeiter im Hochbau, Gabelstaplerfahrer und Kochpersonal.

Softwareentwickler weniger gefragt

Wegen der KI-Revolution sinkt auch in Tschechien der Bedarf an Softwarespezialisten, erklärt Blake Wittman, European Business Director beim Prager Personalvermittler Goodcall. "Bei IT-Talenten gibt es eine leichte Entspannung am Markt, besonders bei nicht Tschechischsprachigen. Dieser Trend wird sich bis ins Jahr 2027 fortsetzen", prognostiziert der Marktexperte.

Insgesamt sei die Nachfrage nach Arbeitskräften aber konstant, ergänzt Kateřina Janičatová, Geschäftsführerin und Miteigentümerin bei Bond Recruitment and Consulting in Prag. Die Agentur ist auf Fach- und Führungskräfte (White-Collar-Positionen) spezialisiert. "In den Bereichen Produktion und Industrie, Pharmazie, Handel und Finanzen sehen wir weiterhin viele Chancen am Markt", beschreibt Janičatová.

Personalbedarf regional sehr unterschiedlich

Die Personalsuche in Tschechien bleibt herausfordernd, weil das Arbeitskräfteangebot und die Nachfrage regional unterschiedlich verteilt sind. In den strukturschwachen Kreisen mit traditioneller Industrie steigt die Arbeitslosigkeit, während in den Zentren wie Prag, Brno oder Plzeň weiter Fachkräfte gesucht werden.

Die geringe Mobilität der Arbeitssuchenden verhindert, dass innovative Unternehmen Personal finden. Wie die tschechische Bank ČSOB analysierte, wechselten 2025 im Schnitt nur 1 Prozent der Beschäftigten den Arbeitgeber. Der EU-Durchschnitt liegt bei 2,4 Prozent. Das spricht zwar für stabile Beschäftigungsverhältnisse. Die eingeschränkte Mobilität der Arbeitskräfte erschwert aber die Rekrutierung. Ein Grund ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Großstädten.

Fast jeder fünfte Beschäftigte aus dem Ausland

Trotz verbreiteter Skepsis gegenüber Migration wächst der Anteil ausländischer Beschäftigter. Im März 2026 waren laut Arbeitsministerium fast 960.000 Ausländer in Tschechien beschäftigt. Das entsprach 18 Prozent aller Erwerbstätigen. Davon kamen rund 374.000 aus der Ukraine und etwa 231.000 aus der Slowakei. Unter den EU-Staaten sind Rumänien, Polen, Bulgarien und Ungarn die wichtigsten Herkunftsländer (nach der Slowakei). Größere Gruppen an Arbeitsmigranten stammen außerdem aus Russland, Vietnam und den Philippinen. Aus Deutschland kamen rund 5.800 Beschäftigte (Tendenz steigend).

Programme zur Beschäftigung ausländischer Fachkräfte
ProgrammZielgruppe
Hochqualifizierter BeschäftigterGeschäftsführungen, Spezialisten und technische Fachleute aus Drittstaaten, vor allem für den Gesundheitssektor.
Schlüsselpersonal und ForscherBeschäftigung ausländischer Fach- und Führungskräfte in Produktionsbetrieben, im Dienstleistungs- und öffentlichen Sektor; Unterstützung von Forschungseinrichtungen, Technologieunternehmen und Start-ups.
Qualifizierter Beschäftigter *)Fachkräfte aus den zwölf Nicht-EU-Staaten Mongolei, Serbien, Philippinen, Indien, Moldau, Montenegro, Kasachstan, Armenien, Georgien, Nordmazedonien, Thailand und Ukraine. Betrifft die ISCO-Klassifikationen 4 bis 8, also Dienstleistungsberufe, landwirtschaftliche Fachkräfte, Handwerker, Fahrer und Maschinenbediener.
Digitaler NomadeAusländische Spitzenkräfte im IT-Sektor oder Marketing, die sich in Tschechien ansiedeln wollen, aber weiter für ihren bisherigen Arbeitgeber im Ausland arbeiten. Das Programm gilt für Bürger aus Australien, Japan, Kanada, Südkorea, Neuseeland, dem Vereinigten Königreich, USA, Taiwan, Brasilien, Israel, Mexiko, Indien und Singapur.
SonderarbeitsvisumLand- und Forstwirtschaft sowie Lebensmittelverarbeitung mit Bedarf an Saisonkräften. Das Visum hat eine Gültigkeitsdauer von maximal einem Jahr und wird an Hilfskräfte aus Georgien, Moldau, Nordmazedonien und der Ukraine sowie aus Bosnien und Herzegowina vergeben. Die monatliche Höchstquote beträgt 205 Visa.
Arbeitsmigration aus IndonesienHandwerker aus Indonesien im Alter von 21 bis 29 Jahre, 1.000 Visa jährlich.
* Für dieses Programm gilt 2026 eine Jahresquote von 31.720 Arbeitsvisa, davon 12.100 für Menschen aus der Ukraine und 10.300 für Arbeitssuchende von den Philippinen; Hilfestellung bei Beantragung durch die Wirtschaftskammer HK ČR.Quelle: Ministerium für Industrie und Handel 2026; Ministerium für Landwirtschaft 2026

Potenziale bei älteren Beschäftigten

Neben der Arbeitsmigration will Tschechiens Regierung ungenutzte Reserven am Arbeitsmarkt heben. Ihre Wirtschaftsstrategie sieht vor, die Erwerbsquote der 15- bis 64-Jährigen bis 2035 auf 85 Prozent zu erhöhen (gegenüber derzeit 77 Prozent). Für Personen im Vorruhestands- und Rentenalter sind Umschulungen, flexible Arbeitsmodelle und die Stärkung der Altersdiversität am Arbeitsplatz geplant.

Die disruptive Kraft der künstlichen Intelligenz (KI) nehmen Tschechiens Unternehmen nicht so stark wahr wie die Geschäftswelt in anderen Ländern. Laut Befragung des tschechischen Arbeitsamtes erwarten 61 Prozent der Arbeitgeber keine wesentlichen Auswirkungen auf die Zahl der Beschäftigten in den nächsten drei Jahren. Bei handwerklichen Tätigkeiten sowie Berufen mit direktem Kundenkontakt wie Bauwesen, Landwirtschaft oder Gesundheitswesen werden kaum Verluste erwartet.

Die Tschechische Republik im weltweiten Vergleich

Folgende Karte ermöglicht den Vergleich zwischen zahlreichen Ländern weltweit. Bitte beachten Sie, dass die Werte in der Karte aus international standardisierten Quellen stammen und somit ggf. von Angaben aus nationalen Quellen im Text abweichen können.

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