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Special | Tunesien | Beschaffung

IT‑Nearshoring gewinnt in Tunesien an Dynamik

Tunesien entwickelt sich vom Geheimtipp zum ernstzunehmenden IT‑Nearshoring‑Standort –und punktet mit qualifizierten Fachkräften, der Nähe zu Europa und wettbewerbsfähigen Kosten.

Von Verena Matschoß | Tunis

Ob Indien, Rumänien oder die Ukraine: Während Länder in Asien oder Osteuropa bereits etablierte Standorte für die Beschaffung von IT-Dienstleistungen sind, spielt Tunesien bislang noch eine Nebenrolle. Das nordafrikanische Land gewinnt aber insbesondere im Nearshoring‑Segment für Industrie‑ und Mittelstandsunternehmen an Bedeutung.

Lokale und internationale Firmen präsent

Nach Angaben der Investitionsagentur FIPA umfasst der digitale Sektor in Tunesien mehr als 2.000 Unternehmen und rund 40.000 direkte Arbeitsplätze. Neben tunesischen sind auch zahlreiche internationale Firmen präsent. Deutsche Industrieunternehmen setzen zunehmend auf die Qualifikation lokaler Fachkräfte in Tunesien und bauen dort ihre IT‑, Engineering‑ und Entwicklungsaktivitäten aus. So baut der Kfz‑Zulieferer Dräxlmaier seinen Hub in Sousse auf, wo zentrale IT‑, Softwareentwicklungs‑ und Engineering‑Kompetenzen für die gesamte Gruppe gebündelt werden.

Tunesien weist eine hohe Internetdurchdringung von rund 85 Prozent der Bevölkerung auf, getragen vor allem durch die weit verbreitete mobile Internetnutzung. Die 4G‑Netze sind in urbanen Zentren nahezu flächendeckend verfügbar. Der 5G‑Ausbau, der im Februar 2025 startete, konzentriert sich zunächst auf Ballungsräume und wirtschaftsstarke Küstenregionen.

Gewachsenes Ökosystem im IT-Park El Ghazela

Der Technologiepark El Ghazela im Großraum Tunis gilt als wichtigstes IT‑Cluster des Landes und beherbergt Unternehmen aus Softwareentwicklung, IT‑Nearshoring, Telekommunikation sowie aus Bereichen wie künstliche Intelligenz (KI), Cybersecurity und Embedded Systems. Viele Anbieter orientieren sich an internationalen Standards (ISO 9001, ISO 27001), die Zertifizierungstiefe variiert jedoch je nach Unternehmensgröße.

Dort und in seinem unmittelbaren Umfeld sind sowohl internationale Konzerne – vor allem aus Frankreich – als auch große tunesische IT‑Dienstleister vertreten, darunter Orange/​Sofrecom, Actia, Sagemcom, Sopra HR, Vermeg und Proxym Group. Der deutsche Kfz-Zulieferer Kromberg & Schubert betreibt im Technopole El Ghazala ein Technologie‑ und Engineering‑Zentrum.

Der Technologiepark vereint nicht nur IT‑Unternehmen, sondern auch mehrere öffentliche und private Ausbildungs‑ und Forschungseinrichtungen wie ISET’COM, SUP’COM, ESPRIT und die Universität SESAME. Dadurch entsteht ein integriertes Ökosystem für Ausbildung, Forschung und industrielle Zusammenarbeit im Bereich Telekommunikation und digitale Technologien.

Tunesien überzeugt mit Standortvorteilen im Nearshoring

Ein wichtiger Player im Bereich IT-Dienstleistungen ist das tunesische Unternehmen Wevioo, das im Jahr 2000 gegründet wurde und heute rund 450 Menschen beschäftigt. Ursprünglich auf den französischen Markt ausgerichtet, hat das Unternehmen sein Leistungsportfolio international ausgeweitet.

Möglichkeiten zur Geschäftsanbahnung

Beim Import Promotion Desk ist Tunesien Partnerland im Produktbereich Digitale Services. 

Vom 1. bis 6. November 2026 organisiert das IPD in Kooperation mit der European Digital SME Alliance, dem Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft und dem Bundesverband IT-Mittelstand e.V. eine Delegationsreise nach Tunesien zum Thema "Digitale Services & Produkte aus Tunesien". Auf dem Programm stehen Besuche bei ausgewählten IT‑Unternehmen, gezielte B2B‑Gespräche sowie Networking‑Formate mit relevanten Akteuren aus Wirtschaft und Institutionen.

Nach Einschätzung des CEO von Wevioo, Mehdi Tekaya, hat sich Tunesien in den vergangenen Jahren zu einem glaubwürdigen Standort für IT‑Outsourcing und Nearshoring entwickelt. Das Land punktet mit seiner geografischen Nähe - die Flugzeit von Frankfurt nach Tunis beträgt gut zwei Stunden. Hinzu kommen die weitgehend gleiche Zeitzone, wettbewerbsfähige Kosten, die unterhalb osteuropäischer Standorte liegen, eine hohe technologische Kompetenz sowie qualifizierte Fachkräfte. Nach Schätzungen von Wevioo ist zudem die Fluktuation in den IT-Unternehmen gering und beträgt nur 5 bis 10 Prozent.

Zahlreiche Absolventen technischer Studiengänge

Jährlich schließen in Tunesien rund 10.000 Studierende ein Ingenieurstudium ab, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Tunesien verfügt über rund 45 Ingenieurschulen, mehr als 20 von ihnen lassen einzelne Ingenieurstudiengänge durch europäische Akkreditierungsagenturen zertifizieren. In internationalen IT-Projekten ist Englisch die zentrale Arbeitssprache, was die Kommunikation unproblematisch macht.

Es ist bedauerlich, dass der IT-Standort Tunesien ein Problem mit seiner Vermarktung hat. Die Voraussetzungen sind alle da: Gut ausgebildete Ingenieure, solide technologische Kompetenzen und nachweisliche Erfahrung mit internationalen Projekten. 

Mehdi Tekaya CEO Wevioo, Tunis

Allerdings bleibt das Thema Brain Drain eine Herausforderung für die Rekrutierung von IT-Fachkräften. Studien zufolge verlassen jährlich rund 3.000 Ingenieure das nordafrikanische Land. Laut Mehdi Tekaya entspannt sich die Lage jedoch deutlich: In den vergangenen Jahren entschieden sich zunehmend mehr Ingenieure dafür, in Tunesien zu bleiben und von dort aus remote für internationale Kunden zu arbeiten.

Mehdi Tekaya stellt weiterhin Defizite bei der internationalen Wahrnehmung und Vermarktung des tunesischen IT-Standorts fest - und dies trotz der hohen Qualität der Ingenieurausbildung. Ein Beleg dafür ist die große Zahl tunesischer Ingenieurinnen und Ingenieure, die bei führenden internationalen Konzernen in Europa oder Nordamerika tätig sind. Ein anschauliches Beispiel ist die in Deutschland lebende tunesische Diaspora, die zunehmend als Multiplikator und Brückenbauer für die bilaterale Zusammenarbeit fungiert.

Deutsche Institutionen unterstützen bei der Anbietersuche

Ein weiterer wichtiger Anker der Zusammenarbeit sind deutsche Institutionen vor Ort, die Programme zur IT‑Kooperation zwischen deutschen und tunesischen Akteuren umsetzen. Ein Beispiel ist die Initiative Tech216, die von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung durchgeführt wird. 

Das Programm unterstützt gezielt die Entwicklung von IT‑Outsourcing‑ und Nearshoring‑Projekten und begleitet Unternehmen unter anderem bei der Identifikation geeigneter Technologiepartner. Bei der Umsetzung der Initiative ist die Deutsch‑Tunesische Industrie‑ und Handelskammer (AHK Tunesien) ein zentraler Partner. Darüber hinaus unterstützt die AHK Tunesien deutsche Unternehmen bei Markteintritt, Vernetzung und Geschäftsanbahnung.

"Talent verfügbar, Nähe gegeben: Warum Tunesien für Engineering‑Teams überzeugt"

Youssef Hedhili, CEO, Scope Merge, IT-Nearshoring Youssef Hedhili, CEO, Scope Merge, IT-Nearshoring | © Scope Merge

Youssef Hedhili ist Gründer und Geschäftsführer von Scope Merge. Der gebürtige Tunesier studierte Elektrotechnik an der Technischen Universität München und arbeitete anschließend für ein großes Beratungsunternehmen sowie ein Start‑up. Mit Scope Merge unterstützt er europäische Unternehmen beim Aufbau von Engineering‑Teams in Tunesien, die dauerhaft und exklusiv in die Strukturen europäischer Unternehmen eingebettet werden. Das Unternehmen agiert dabei als sogenannter Employer of Record.

Herr Hedhili, welchen Bedarf soll Scope Merge bedienen?

Wir richten uns gezielt an kleine und mittlere Unternehmen in Europa, die Schwierigkeiten haben, qualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure zu finden oder die steigenden Personalkosten kaum noch tragen können. Gleichzeitig schließen in Tunesien jedes Jahr rund 10.000 Absolventinnen und Absolventen technischer Studiengänge ihr Studium ab und suchen einen Einstieg ins Berufsleben. Wir übernehmen den gesamten Aufbau vor Ort – von Recruiting über Arbeitsverträge bis hin zu Compliance. Die Unternehmen erhalten ein eigenes Team, ohne selbst eine Auslandsgesellschaft gründen zu müssen.

Was spricht aus Ihrer Sicht für Tunesien als IT‑Standort?

Tunesien ist für deutsche Unternehmen kein Neuland: Viele Industriebetriebe sind bereits seit Jahren vor Ort aktiv. Die geografische Nähe und die geringe Zeitverschiebung – nur im Sommer beträgt sie eine Stunde – erleichtern die Zusammenarbeit erheblich. Die Kommunikation erfolgt in der Regel auf Englisch, Deutschkenntnisse sind meist nicht erforderlich. Die Gesamtkosten für den Kunden liegen bei rund 60 Prozent einer vergleichbaren Stelle in Deutschland. Bislang verzeichnen wir bei unseren Mitarbeitern keine Fluktuation.

Wie stellen Sie Qualität und Compliance sicher?

Beim Datenschutz und beim Schutz geistigen Eigentums orientieren wir uns strikt an der DSGVO. Die Arbeitsverträge schließen wir nach tunesischem Arbeitsrecht ab. Unternehmen müssen dafür keine eigenen Strukturen vor Ort aufbauen – genau das übernehmen wir als Employer of Record.