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Ukraine modernisiert Getreidelager

Angriffe auf die Logistik erhöhen den Bedarf an flexiblen Speichern. Deutsche Anbieter können bei Trocknung, Kühlung, Sensorik und Automatisierung ansetzen.

Waldemar Lichter

Von Waldemar Lichter | Warschau

Angriffe auf Häfen und die Logistikinfrastruktur verzögern den Export. Kann Getreide nicht rechtzeitig abtransportiert werden, bleibt es länger im Lager. Gleichzeitig trifft bereits die nächste Ernte ein. Alternative Routen über Donau, Bahn und Straße können einen Teil der Mengen aufnehmen. Die Kapazitäten der großen Schwarzmeerhäfen können sie aber kurzfristig nicht ersetzen. Gefragt sind deshalb zusätzliche, flexible und technisch leistungsfähigere Lagerkapazitäten, nicht zwingend größere Einzelanlagen.

Modernisierung hat Vorrang

Marktteilnehmer berichten von einem klaren Schwerpunkt auf Modernisierung und Erweiterung. "Heute sehen wir in der Ukraine mehr Modernisierung und Anpassung bestehender Kapazitäten als den Bau neuer großer Elevatoren", erklären Vertreter des ukrainischen Agrarkonzerns Kernel gegenüber Germany Trade & Invest. Eine ähnliche Entwicklung meldet der ukrainische Anlagenbauer Zernovyi Dim. Nach Angaben des Unternehmens entfielen bereits 2025 rund 80 Prozent seiner Projekte auf die Erweiterung oder Modernisierung bestehender Speicher und nur etwa 20 Prozent auf Neubauten. Ganz zum Erliegen gekommen ist der Bau neuer Anlagen jedoch nicht. Auch 2026 werden neue regionale Elevatoren geplant und errichtet.

Für europäische Anbieter bleibt das Marktumfeld allerdings schwierig. Hohe Logistik- und Gesamtkosten beeinträchtigen nach Einschätzung von Kernel die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Anbieter auf dem ukrainischen Markt. Der Anteil europäischer Hersteller sei deutlich zurückgegangen. Qualität und technologisches Niveau ihrer Anlagen würden jedoch weiterhin hoch bewertet.

"Von Europa erwartet der Agrarsektor vor allem technologische Lösungen, mit denen sich die Lagerkapazität ohne kapitalintensiven Neubau erhöhen lässt",

sagt der Vertreter des Agrarkonzerns Kernel. Für deutsche Anbieter ergeben sich damit Geschäftsmöglichkeiten bei flexiblen Speichersystemen, energieeffizienter Trocknung, Kühlung, Sensorik und der Automatisierung bestehender Anlagen.

KMZ Industries, ein ukrainischer Hersteller unter anderem von Silos und Getreidetrocknern, bestätigt: Große Betreiber modernisieren demnach bevorzugt Anlagenteile, die sich unmittelbar auf die Kosten auswirken. Das betrifft vor allem Trocknung und Automatisierung.

Dezentrale Speicher ergänzen Silos

Neben stationären Silos gewinnen Getreideschläuche, zusätzliche Lagerplätze und modulare Speicher an Bedeutung. Sie lassen sich vergleichsweise schnell bereitstellen und helfen, saisonale oder kriegsbedingte Engpässe zu überbrücken. So kaufte Kernel 2026 modulare Konstruktionen, die zusammen 40.000 Tonnen zusätzliche Lagerkapazität schaffen sollen. Das erste Modul wurde innerhalb weniger Tage montiert und anschließend mit rund 3.400 Tonnen Getreide befüllt.

Die Dezentralisierung bedeutet nicht, dass große Elevatoren grundsätzlich an Bedeutung verlieren. Nach Angaben von Kernel entsteht vielmehr ein flexibleres System. Dadurch lassen sich Bestände auf mehrere Standorte verteilen und Belastungsspitzen während der Ernte besser auffangen.

Ukraine setzt stärker auf heimische Agrarverarbeitung

Die schwierigen Exportbedingungen verstärken zugleich das Interesse an der Verarbeitung im eigenen Land. Dabei geht es nicht nur um eine kurzfristige Reaktion auf blockierte Getreideausfuhren. Die Verarbeitung kann die inländische Wertschöpfung erhöhen und den Export höherwertiger Produkte ermöglichen. Auch die ukrainische Regierung verfolgt diesen Ansatz. Zusätzliche Wertschöpfung im Land sei dabei ein strategisches Ziel.

KLO Agro aus der Ukraine verbindet in der Oblast Winnyzja Getreidelagerung und die Herstellung von Ölkuchen und Mischfutter mit eigener Schweinehaltung. Der Komplex verfügt über rund 21.000 Tonnen Lagerkapazität. Die Anlage ermöglicht es dem Unternehmen, Getreide während der Ernte zu kaufen, zu lagern und später für die eigene Tierhaltung weiterzuverarbeiten.

Die vertikal integrierte Gruppe Agroprodservice aus der Westukraine verbindet Pflanzenbau, Tierhaltung, Getreidelagerung und Verarbeitung. In der Oblast Ternopil errichtet das Unternehmen ein Futtermittelwerk mit einer Kapazität von 400.000 Tonnen sowie einen Lagerkomplex für 40.000 Tonnen Getreide. Mit dem Schweizer Anlagenbauer Bühler wurden Engineering und technische Ausrüstung der Anlage vereinbart.

Energieeffizienz wird wichtiger

Der größte Energiebedarf eines Elevators entsteht gewöhnlich bei der Getreidetrocknung. Nach Schätzungen von Fachleuten können Systeme mit Wärmerückgewinnung den Brennstoffverbrauch um etwa 5 bis 20 Prozent reduzieren.

Kernel nennt Technologie und Energieeffizienz als besondere Investitionsschwerpunkte. Das Unternehmen testet modulare Getreidespeicher, Photovoltaik an Elevatoren sowie alternative Brennstoffe für die Trocknung. Die Investitionen sollen nicht nur zusätzliche Lagerkapazität schaffen. Sie sollen die Lagerung auch kostengünstiger, flexibler und weniger abhängig von externen Risiken machen.

Daneben entwickelt und erprobt Kernel eine eigene Wärmerückgewinnung für Getreidetrockner. Nach eigenen Angaben erwartet das Unternehmen bei geeigneten Trocknern Energieeinsparungen von bis zu 20 Prozent. Auch die Eigenstromversorgung gewinnt an Bedeutung. Kernel startete 2026 zwei Photovoltaik-Pilotprojekte an Elevatoren in den Oblasten Kirowohrad und Poltawa mit zusammen 250 Kilowatt Leistung. Die Investition wurde mit rund 140.000 US-Dollar angegeben.

Kundendienst wird zum Kaufkriterium

Neben Preis, Leistung und Energieverbrauch gewinnt die Betreuung nach dem Kauf an Bedeutung. Für ukrainische Betreiber sind kurze Reaktionszeiten, verfügbare Ersatzteile und Wartungsarbeiten vor Beginn der Erntesaison wichtige Kriterien bei der Auswahl eines Lieferanten.

Ausgewählte Investitionsprojekte

Unternehmen

Vorhaben

Stand

Nibulon

Modernisierung des Elevatornetzes für rund 6 Millionen US-Dollar

Investitionen 2024 umgesetzt; mehrere Standorte und Verladeanlagen einbezogen

Kernel

Modulare Speicher für insgesamt 40.000 Tonnen

Erstes Modul 2026 innerhalb von vier Tagen montiert und mit rund 3.400 Tonnen befüllt

Kernel

Zwei Photovoltaikanlagen mit zusammen 250 Kilowatt

Pilotprojekte in den Oblasten Kirowohrad und Poltawa 2026 gestartet

KLO Agro

Elevator und Verarbeitungskomplex mit rund 21.000 Tonnen Lagerkapazität

Erweiterung auf bis zu 60.000 Tonnen vorgesehen

Agroprodservice

Futtermittelwerk für bis zu 400.000 Tonnen jährlich und Lagerkomplex für 40.000 Tonnen

Im Bau; Fertigstellung bis Ende 2027 vorgesehen

OKKO

Bioethanolanlage zur Verarbeitung von rund 270.000 bis 280.000 Tonnen Mais jährlich

Vollbetrieb für das erste Quartal 2027 vorgesehen