Branchen I Algerien I Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen
Zwei Großprojekte beflügeln algerische Nahrungsmittelindustrie
Algerien möchte die hohe Importrechnung bei Nahrungsmitteln reduzieren und baut seine Lebensmittelindustrie aus. Im Fokus stehen die Milchpulver- und Getreideproduktion.
03.11.2026
Die algerische Bevölkerung wächst und stellt mit etwa 47 Millionen Einwohnern einen relativ großen Absatzmarkt dar. Grundnahrungsmittel haben einen hohen Anteil am Nahrungsmittelkonsum der algerischen Haushalte. Dazu zählen unter anderem subventionierte Produkte wie Zucker, Speiseöl, bestimmte Brotsorten, Weichweizenmehl oder Hartweizengrieß. Derzeit deckt Algerien noch einen großen Teil seines Bedarfs an Lebensmitteln über Importe. Die größten Importposten waren im Jahr 2024 laut der Handelsdatenbank UN Comtrade Getreide, Milchprodukte, Zucker sowie Obst und Gemüse. Die wichtigsten Lieferländer waren Brasilien, Argentinien und Russland.
Baladna soll die Milchpulverproduktion stark ausweiten
Um die Importrechnung zu reduzieren, baut die algerische Regierung derzeit die Nahrungsmittelindustrie aus. Da Algerien zu den weltweit größten Importeuren von Milchpulver zählt, steht der Bereich im Fokus. Eines der bedeutendsten Vorhaben ist das Milchpulverprojekt Baladna in Adrar im Süden Algeriens. Die Investitionssumme für das Gesamtprojekt wird mit 3,5 Milliarden US-Dollar (US$) veranschlagt. Projektträger ist das Gemeinschaftsunternehmen Baladna Algeria, an dem das katarische Unternehmen Baladna und der staatliche Investitionsfonds FNI Anteile halten.
Zu den zahlreichen Technologiepartnern zählt das deutsche Unternehmen GEA. Es liefert für die erste Projektphase Melk- und Milchverarbeitungsanlagen. Das Auftragsvolumen beläuft sich auf 140 Millionen bis 170 Millionen Euro. Der Auftrag war einer der größten Einzelaufträge in der Geschichte des Unternehmens. In der ersten Projektphase soll die Anlage bei voller Kapazität bis zu 5,2 Millionen Liter Milch pro Tag verarbeiten und jährlich rund 100.000 Tonnen Milchpulver produzieren. Der Produktionsbeginn ist für Anfang 2028 geplant. Laut GEA ist die Anlage in Adrar eine der größten vollintegrierten Anlagen zur Milchpulverproduktion weltweit. Langfristig will Baladna mit dem Gesamtprojekt etwa 50 Prozent des nationalen Milchpulverbedarfs decken.
Algerisch-italienisches Großprojekt für Getreideproduktion und -verarbeitung
Das zweite Großprojekt im Nahrungsmittelsektor ist ein integriertes Agrar- und Nahrungsmittelprojekt, das gemeinsam vom italienischen Unternehmen Bonifiche Ferraresi und dem Investitionsfonds FNI umgesetzt wird. Auf einer Gesamtfläche von 36.000 Hektar in der Wilaya Timimoun ist der Anbau von Getreide und Hülsenfrüchten vorgesehen. Zudem entstehen Anlagen für die Produktion von Teigwaren und Lager-, Bewässerungs- und Siloanlagen. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 420 Millionen Euro. Ein Rahmenabkommen wurde im Juli 2024 unterzeichnet. Laut Pressemeldungen startete im Mai 2026 die erste Weizenernte.
Algerien baut Zuckerproduktion aus
Die Lokalisierungsstrategie beschränkt sich jedoch nicht auf Milch und Getreide. Auch bei anderen stark importabhängigen Produkten wird die heimische Produktion ausgebaut.
Algerien versucht zunehmend, nicht nur Zucker im Land zu raffinieren, sondern auch die bislang weitgehend importierten Rohstoffe lokal zu erzeugen. Im Süden entstehen deshalb mehrere Projekte für den Anbau von Zuckerrüben. Pressemeldungen zufolge entwickelt das algerische Unternehmen Cevital in Mansourah in der Wilaya Ghardaia ein integriertes Projekt für den Anbau und die Verarbeitung von Zuckerrüben. Für das Vorhaben werden Investitionen von rund 600 Millionen US$ genannt; eine Zuckerfabrik soll 2028 in Betrieb gehen. Tafadis, eine Tochter von Madar Holding, verfolgt wiederum ein Projekt über rund 20.000 Hektar in Ouargla und Touggourt.
Nahrungsmittelindustrie von Privatwirtschaft geprägt
Im Unterschied zu vielen anderen Industriezweigen Algeriens ist die Nahrungsmittelindustrie stark vom Privatsektor geprägt. Neben zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen sind große private Unternehmensgruppen wie die Cevital-Gruppe aktiv, die unter anderem in den Bereichen Zucker, Speiseöle und Getränke tätig ist. Gleichzeitig spielt auch der Staat eine wichtige Rolle. So zählt die staatliche Agrodiv-Gruppe zu den wichtigsten Akteuren der Getreideverarbeitung und betreibt mehrere Mühlen, Silos und Teigwarenfabriken.
Für Unternehmen, die sich für einen Einstieg in den algerischen Markt der Nahrungsmittelproduktion interessieren, bietet sich eine Teilnahme an der Leitmesse Djazagro an. Die nächste Ausgabe findet vom 12. bis 15. April 2027 in der Hauptstadt Algier statt.
Deutsche Maschinen und Anlagen für die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie sind in Algerien präsent, aber die Konkurrenz aus Italien, Frankreich, China und der Türkei ist groß.
| Produkt | 2024 | 2025 | Veränderung 2025/24 (in Prozent) |
|---|---|---|---|
| Maschinen zum Füllen, Verschließen, Versiegeln, Verkapseln oder Etikettieren von Flaschen, Dosen, Schachteln, Säcken oder anderen Behältnissen sowie zum Versetzen von Getränken mit Kohlensäure (HS 842230) | 27,4 | 41,0 | 49,4 |
| Maschinen zum industriellen Zubereiten oder Herstellen von Nahrungsmitteln oder Getränken (ausg. Maschinen und Apparate zum Gewinnen oder Aufbereiten von tierischen oder pflanzlichen Ölen, HS 8438) | 5,8 | 23,3 | 301,0 |
| Andere Maschinen und Apparate zum Verpacken oder Umhüllen von Waren (einschließlich Schrumpffolienverpackungsmaschinen) (HS 842240) | 6,9 | 13,2 | 91,2 |
| Maschinen, Apparate und Geräte für die Geflügelhaltung (ausg. Brut- und Aufzuchtapparate) (HS 843629) | 3,5 | 6,4 | 83,5 |
| Maschinen, Apparate und Geräte für die Futterbereitung (HS 843610) | 0,75 | 0,73 | -2,8 |
Erschwernisse für die Nahrungsmitteleinfuhr
Zeitgleich zum Ausbau der nationalen Nahrungsmittelindustrie reglementiert Algerien seine Importe stark. Importregeln und -beschränkungen können sich mitunter auch sehr kurzfristig ändern. Für die Einfuhr von Produkten mit tierischem Ursprung ist eine Einfuhrgenehmigung erforderlich. Seit Juli 2025 müssen Importeure für bestimmte Waren- und Dienstleistungseinfuhren ein voraussichtliches Importprogramm, das sogenannte Programme prévisionnel d’importation (PPI), vorlegen und genehmigen lassen. Dies hat bereits zu Verzögerungen bei Importvorgängen geführt.
Die Einfuhrregeln für halal-zertifizierte Nahrungsmittel wurden ebenso geändert. Seit 1. Januar 2025 werden nur noch Halal-Zertifikate des islamischen Instituts der Großen Moschee von Paris akzeptiert. Das Institut soll nun nicht nur Importe aus Frankreich, sondern aus ganz Europa und langfristig aus der ganzen Welt zertifizieren. Für Unternehmen aus der EU bedeutet dies zusätzlichen administrativen Aufwand.
Für deutsche Unternehmen ist Algerien aufgrund seiner Marktgröße und der Industrialisierungspolitik ein attraktiver Absatzmarkt für Maschinen, Anlagen und Technologie. Gleichzeitig erschweren die zunehmenden Importregulierungen den reinen Export. Unternehmen, die auf lokale Wertschöpfung und Kooperationen setzen, haben daher bessere Marktchancen.
"Algerien ist für uns ein anspruchsvoller, zugleich aber interessanter Markt"
Ramón García de la Villa Andrés ist Project Director bei GEA im Bereich Milchverarbeitung der Division Nutrition Plant Engineering. GEA ist seit rund 20 Jahren in Algerien präsent und verfügt seit 2021 mit EURL GEA Service Algérie über eine eigene lokale Gesellschaft. Acht Mitarbeitende unterstützen Kunden insbesondere in Service und Vertrieb. Das Unternehmen ist Partner beim Großprojekt von Baladna.
Wie ist GEA an den Auftrag für das Baladna-Projekt gekommen?
Dem eigentlichen Ausschreibungsverfahren ging eine Pre-Engineering-Phase voraus, für die GEA bereits beauftragt worden war. Auf dieser Basis schrieb Baladna den Auftrag anschließend international aus. GEA setzte sich in dem Wettbewerbsverfahren durch und erhielt den Zuschlag. Hilfreich waren dabei auch die bestehende Zusammenarbeit mit Baladna in Katar und Erfahrungen mit vergleichbaren Großanlagen.
Welche Leistungen können bei einem solchen Großprojekt vor Ort erbracht werden?
Dazu gehören beispielsweise Teile der mechanischen und elektrischen Installation, die Positionierung von Ausrüstung sowie Isolierungsarbeiten. Darüber hinaus plant GEA, für Administration, Installation, Inbetriebnahme sowie Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz zusätzliche Mitarbeitende lokal zu rekrutieren. Die Herausforderung besteht darin, internationale Engineering- und Technologiekompetenz mit lokaler Umsetzungskapazität zu verbinden.
Welche Erfahrungen macht GEA beim Import von Maschinen, Anlagen und Komponenten nach Algerien?
Importe für komplexe Industrieprojekte erfordern eine sorgfältige Vorbereitung. Insbesondere Zoll-, Steuer-, Bank- und Dokumentationsprozesse müssen frühzeitig in die Projektplanung einbezogen werden. Auch Zahlungs- und Devisenprozesse unterliegen formalen Anforderungen. Eine lokale Präsenz beziehungsweise erfahrene lokale Partner sind dabei ein wesentlicher Vorteil.
Welche Chancen bietet der algerische Markt derzeit für deutsche Maschinen- und Technologieanbieter?
Algerien will mehr bislang importierte Produkte lokal herstellen. Dadurch entstehen Investitionen in Verarbeitungskapazitäten, Automatisierung, Qualitätssicherung und moderne Produktionssysteme. Potenzial sehen wir insbesondere in der Milchverarbeitung, bei Pasta, Obst und Gemüse sowie bei Spezialprodukten wie Säuglingsmilchpulver. Auch die pharmazeutische Industrie bietet interessante Möglichkeiten. Dabei sollte Algerien nicht als reiner Exportmarkt betrachtet werden. Entscheidend ist, internationale Technologie mit lokaler Umsetzung, Service und langfristiger Betreuung zu verbinden.
| Projekt (Standort) | Details | Projektträger |
|---|---|---|
| Integrierter Milchpulverkomplex in Adrar | Futtermittelproduktion, Milchviehhaltung sowie Produktion von Frisch- und Milchpulver; Gesamtinvestition rund 3,5 Milliarden US-Dollar, in Umsetzung | Baladna (Katar) / Staatsfonds FNI |
| Komplex für Produktion von Getreide und Hülsenfrüchten und deren Verarbeitung, Timimoun | 36.000 Hektar Gesamtfläche; Investition rund 420 Millionen Euro; Produktion angelaufen | Bonifiche Ferraresi (Italien) / Staatsfonds FNI |
| Zuckerrübenanbau in Mansourah, Wilaya Ghardaia | Anbau von Zuckerrüben, Bau eines Verarbeitungs- und Raffineriekomplexes, Investition rund 600 Millionen US-Dollar | Cevital |
| Zuckerrübenanbau in den Wilayas Ouargla und Touggourt | Integriertes Projekt für Zuckerrübenanbau und industrielle Verarbeitung auf insgesamt rund 20.000 Hektar | Tafadis (Madar Holding), Kooperation mit Reasol |
| Agrar- und Viehzuchtprojekt in Naama | Projekt in Prüf- und Vorbereitungsphase; Ackerbau, Rinder- und Schafzucht, Produktion von Milch und rotem Fleisch; vorgeschlagene Fläche von rund 22.000 Hektar | Özmert Algeria (Teil der türkischen Özmert-Gruppe) |